Schwangerschaftstagebuch

Schwangerschaftstagebuch: 39. SSW

Die 39. SSW – es ist nicht zu glauben! Rückblickend habe ich manchmal das Gefühl, die Zeit wäre nur so dahin gerast. Dabei ist eigentlich das Gegenteil der Fall – es dauert wirklich, wirklich lange! Es gibt Menschen in meinem Umfeld, die mich nur schwanger kennen … die so langsam glauben, dass es mich nur in diesem „Format“ gibt. Die werden sich noch wundern 😀 .

Jedenfalls bin ich nun bereit. Ich bin bereit, den Krümel kennenzulernen, ihn im Arm zu halten … und dafür meinen Körper zurück zu bekommen. So für mich ganz allein. Denkt man am Anfang der Schwangerschaft ja gar nicht, dass man diesen Punkt irgendwann erreicht … wenn man sich so sehr darüber freut, dass ein zweites Herzchen im eigenen Leib schlägt, wenn man die ersten Bewegungen spürt und die ersten Rundungen sieht. Ich zumindest konnte es mir vor 6 Monaten nicht vorstellen, diesen Zustand einmal ändern zu WOLLEN. Aber jetzt … bin ich bereit dazu. Und so muss es auch sein – am Ende 🙂 .

Schwangerschaftswoche: 39

Anzeichen / Beschwerden: Ich bin unfassbar müde, der Durchfall hört nicht auf, ich bin mies gelaunt und im Prinzip dauernd hungrig. Ich habe eine ziemlich große taube Stelle auf dem Bauch und ein undefinierbares Brennen in der rechten Leiste. Nervenschäden durch die Spannung, erklärte mir die Gynäkologin. Mit etwas Glück geht’s wieder weg 😉 . Trotzdem: Mir fehlt mein Körper … also die ursprüngliche Version davon, die macht, was ich will und nicht ständig mit Wehwechen nervt oder mich einschränkt, wo Einschränkungen im ersten Moment schon fast lächerlich erscheinen (etwas aufheben, Socken anziehen, sitzen, laufen, liegen …) Ich versuche natürlich dennoch in Bewegung zu bleiben; muss ich ja eh, weil die kleine Madam jetzt nicht direkt ein Stubenhocker ist. Aber ich bin so lahmarschig unterwegs, dass „Bewegung“ überhaupt nicht das passende Wort zu sein scheint … alte Leute mit Rollator ziehen an mir vorbei als wäre ich ein Traktor und sie ein Porsche. DAS NERVT! Dazu kommen ständige Vorwehen, sobald ich weiter als bis zum Klo laufe. Also ich denke jedenfalls, dass es Vorwehen sind. Fühlt sich ja doch alles immer anders an, als man es in Erinnerung hatte. Ernsthaft was bewirken tun sie aber nicht. Zumindest nichts, was man Startschuss für die Geburt nennen könnte. Dabei wäre ICH soweit. Aber ICH habe hier leider nicht zu sagen. Kinder … machen wirklich von Anfang an, was sie wollen.
Gewicht: 84 Kilo. Es stagniert. Laut einiger Internetseiten KÖNNTE das ein Hinweis auf die baldige Geburt sein. Und damit wären wir wieder beim KÖNNTE … und bei zu vielen, von mir gelesenen Online-Texten. Oh man, ich bin sowas von mies im Warten und Geduld haben. Dabei sollte ich mich doch einfach darüber freuen, dass ich offenbar wenigstens nicht weiter zuzunehmen. DAS ist doch auch schon mal was! Wenn das so bleibt, bis der Krümel schlüpft, wären es ganze 5 Kilo weniger als bei der kleinen Madam … und das sind eben auch 5 Kilo weniger, die ich abspecken muss. Also eigentlich echt supi!
Bauchumfang: 113,5 cm. Es gibt Leute in meiner Umgebung, die nur noch in einem sehr respektvollen Anstand von mindestens zwei Metern mit mir reden, weil sie offenkundig Sorge haben, ich könnte in ihrer Gegenwart explodieren. Sie rufen dann zu mir rüber: „Herrje, der Bauch wird ja tatsächlich immernoch größer! Ich glaube, ich habe noch nie eine so schwangere Frau wie dich gesehen!!!“ Und ich rufe zurück: „Witzig, dass habe ich in den letzten Tagen wirklich noch keine 20 mal gehört!“ Boah, echt jetzt, ich hänge mir bald ein Schild um: DER KRÜMEL DARF NOCH – LASST MICH ALSO IN RUHE!
Aktuelle Leibspeise: Immernoch Wassereis. Ich überlege schon fast, die Kreissaaltasche zuhause zu lassen und stattdessen eine Kühlbox für die Geburt mit ins Krankenhaus zu nehmen 😀 . Ernsthaft, es entwickelt sich hier langsam eine Sucht. Das ist nicht gut. Ich muss mal umstellen und statt des giftig bunten Gefrierguts endlich mal wieder mehr Obst essen. Das Krümelchen braucht Vitamine. Und ich wahrscheinlich auch. Hm, oder … och, so ne Brausetablette tut’s sicher auch 😉 .

Je weiter man sich in der Schwangerschaft der Zielgeraden nähert, desto weniger Zeit hat man eigentlich, die Beine hochzulegen, weil es immer mehr Termine werden. Und nicht nur solche, die man sich als werdende Mama selber macht, weil man eventuell so etwas denkt wie: „Ahhhhh, wenn das Baby erst da ist, schaffe ich GAR NICHTS mehr!!! Deshalb muss ich jetzt noch schnell … die halbe Wohnung renovieren, alle Kindersachen waschen bis Größe 104, zum LETZTEN MAL zum Friseur gehen, zur Pediküre (schon mal versucht, im 10 Monat die eigenen Fußnägel zu schneiden???!!! Yoga ist nichts dagegen!) und für mindestens ein halbes Jahr vorkochen!“ Sondern auch jene, die vielleicht WIRKLICH wichtig sind oder Sinn machen 😀 . Zum Beispiel der nun wöchentliche Besuch beim Frauenarzt (klar, MUSS sicher auch nicht sein, aber ich steh ja so ein bisschen auf Schulmedizin und find’s eigentlich beruhigend, wenn regelmäßig nach mir und dem Krümelchen geguckt wird 😉 ) und die ebenfalls wöchentliche geburtsvorbereitende Akupunktur durch meine reizende Hebamme. Ich glaube, ich hatte diese Woche nur einen einzigen, kinderfreien Vormittag wirklich frei – bescheuert, wenn man bedenkt, dass ich mir ja eigentlich ein bisschen Ruhe gönnen wollte … endlich 😀 .

Egal, so ist es eben. Hat ja manchmal auch Vorteile. Bei meiner Ärztin zum Beispiel habe ich dank eines erneuten Ausflugs in die wunderbare Welt des Ultraschalls erfahren, dass sich das Krümelchen nun doch wieder brav an alle „Wachstums-Regeln“ hält und mit Länge und Gewicht voll auf den Norm-Linien liegt. Na gut, mit dem Kopfumfang ist er so ein kleines bisschen drüber. Aber a) bleibt das bei den Bums-Birnen der Eltern wohl einfach nicht aus und b) wer weiß schon, wie genau diese Messungen nun tatsächlich ausfallen. Wird schon passen. Die kleine Madam war ja auch nicht zierlich 😉 .

Was irgendwie eine leichte Form der Enttäuschung in mir ausgelöst hat, war, dass auf dem CTG-Papierchen diese Woche so gut wie nichts von Wehen zu sehen war. Ja, klar, dass Krümelchen hat noch Zeit … aber was soll ich sagen: ICH WARTE! Ich warte echt jeden Tag, dass es losgeht. Wie bescheuert eigentlich! Wieso denke ich, dass er früher kommt? Vor allem, da ja sogar der Termin, den ICH ihm seit Monaten einrede (ein paar Tage vor ET – aber eben nicht fast zwei Wochen!) noch nicht erreicht ist. Wo kommt nur diese irre Ungeduld her??? Ich hab echt keine Ahnung und ich erinnere mich auch nicht, ob ich bei der kleinen Madam auch so dermaßen auf heißen Kohlen gesessen habe. Ich weiß nur noch, dass ich etwas überrascht war, als fünf Tage vor ET plötzlich die Fruchtblase geplatzt ist (man liest ja immer, dass das beim ersten Kind eher selten passiert – aber ich les halt auch echt zuviel Unsinn 😀 )

Tja, abwarten und Schwangerschaftstee trinken, heißt es wohl. Der Krümel entscheidet … und ich hab da nix zu melden. Natürlich plane ich, ihn im Notfall anzuschubsen – mit Lakritz, Ananassaft und Zimt-Sternen – aber wie meine Hebamme mir diese Woche schon sagte: „Das Kind kommt, wenn es soweit ist. Vorher kannst du eine Tonne Lakritz essen, in Ananas-Saft baden und dich in Zimtsternen wälzen – es wird nicht helfen; es wird die Geburt nicht auslösen ;)“ Und ich befürchte stark, dass sie Recht hat!

Wenigstens habe ich es diese Woche tatsächlich nochmal zum Friseur geschafft. DAS lässt sich mit Säugling ja nun echt nicht so easy bewerkstelligen. Und wenn ich aktuell schon aufgedunsen, mopsig und in Hausschuhen (kein Scherz! Es passt mir sonst nichts mehr!) vor die Tür gehen muss, dann wenigstens mit schönen Haaren 😀 .

Ich hätte den Besuch im Salon auch sicher total genossen – so ganz in Ruhe, ohne die kleine Madam, die sich langweilt und deshalb den Laden auseinandernimmt – wäre da nicht das todtraurige Thema gewesen, über das wir uns während des Schneidens unterhalten haben. Es fing ganz harmlos an … mit der Frage, in welches Krankenhaus ich ginge. Ich antwortete: „In das selbe, in dem ich Ella bekommen habe. Damals war soweit alles ok. Viel überzeugender als bei der Geburt meiner Tochter fand ich das Krankenhaus allerdings bei der Ausschabung nach der zweiten Fehlgeburt letztes Jahr. Die Ärzte und Schwestern waren so nett und verständnisvoll, dass ich mich dort wirklich gut aufgehoben fühlte. Deshalb werde ich mich garantiert auch während der zweiten Geburt wohl fühlen!“

Meine Friseurin nickte ruhig. „Ja, ich kenne das Krankenhaus. Ich war dort einmal zu einer Untersuchung … während meiner ersten Schwangerschaft. Die Leute dort waren alle sehr nett. Helfen konnten sie mir aber nicht mehr. Ich verlor mein Kind im 8. Monat … im Endeffekt allerdings in einem anderen Krankenhaus!“ BÄM! Da war sie … IHRE traurige Geschichte, IHR überwältigender Verlust, IHR Moment, davon zu erzählen. Meine Hände lagen auf meinem Bauch, ich spürte schon, dass ich heute zum ersten Mal beim Friseur weinen würde (ey, diese Hormone!!!) und dennoch fragte ich: „Was ist passiert?“.

Sie erzählte mir, dass ihre Plazenta irgendwann aufhört hätte, dass Kind zu versorgen. Sie wisse nicht genau warum. Ihr Gefühl würde die Verantwortung einer unnötigen, aber damals noch viel häufiger durchgeführten Fruchtwasseruntersuchung zuschieben – aber ob das tatsächlich der Grund gewesen sei, hätte ihr niemals jemand sagen können. Aber seit dem Tag, als man ihr eine Nadel in den gerundeten Bauch gesteckt hätte, hätte sie gewusst, dass etwas nicht mehr in Ordnung war. Und irgendwann glaubte man ihr. Viel zu spät leider. Das Baby war längst dem Tode nahe und auch ein zur Schonung verordneter Krankenhaus-Aufenthalt konnte nicht mehr helfen. In der letzten Nacht mit zwei Herzen in ihrem Körper träumte sie von einem Engel, den sie bat, ihr Baby zu retten. Doch er fiel nur vor ihr auf die Knie und weinte. Da wusste sie, dass sie ihr Kind verloren hatte. Und der Arzt konnte es am morgen nur noch bestätigen.

Ich heulte Rotz und Wasser, während sie in Seelenruhe weiter meine Haare schnitt. Was für eine skurrile Situation! Was für eine starke Frau! Was für ein enormes Glück, dass sie nach diesem schrecklichen Verlust noch zwei gesunde Kinder gebären durfte…und den Mut dafür aufbrachte, es nach dieser Erfahrung überhaupt noch einmal zu versuchen. Man kann es einfach nicht oft genug sagen: Wir Frauen sind irre stark! Und jedes Kind ist ein Wunder!

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6 thoughts on “Schwangerschaftstagebuch: 39. SSW

  1. Ich hab jetzt mal ‚drüben‘ gespickelt, weil mich ja dieses einwöchige Tagebuch irritiert hat 😉
    Endlich! ist er da. Ich gratuliere recht herzlich -und würde behaupten, das Warten hat sich gelohnt.

    1. Was heißt ‚drüben‘? Verfolge seit einem Jahr diesen Blog und bin natürlich voll gespannt auf Neuigkeiten!!! Ist er da der kleine Kerl? Wie geht’s es euch? Herzliche Grüße aus Bayern ?

  2. Hallo Anke, erstmal herzlichen Glückwunsch zur Geburt! Ich wollte mal fragen, ob noch ein ausführlicher Geburtsbericht kommt? Ich verfolgte deinen Blog schon seit Januar. Wir haben sehr viel gemeinsam: Alter, auch ich hatte vor dieser 2. Schwangerschaft eine Fehlgeburt, mein Ultraschll ET war am 27.09., der errechnete am 03.10., allerdings will mein Krümel noch nicht raus 🙁 Ich warte schon ganz ungeduldig, dass er sich auf den Weg macht, aber bisher hatte ich kein Glück.
    Mein 1. Sohn ist knapp 2,5 Jahre alt und kam 9 Tage früher wegen Blasensprung und die Geburt musste daher eingeleitet werden, da ich keine Wehen hatte. Diesmal würde ich gerne die Einleitung vermeiden… VG

    1. Huhu,
      ja, es kommt noch der ausführliche Bericht … ich arbeite schon dran, aber das Krümelchen machts mir nicht leicht 😀

      Mensch, da haben wir aber echt viel gemeinsam! Ich drücke ganz arg die Daumen, dass es bei dir bald losgeht!!! Warten ist so ätzend!
      Ganz liebe Grüße, Anke

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