Rabenmutter 2.0 Top 15

Rabenmutter 2.0: Jedem seine (Familien-)Regeln

Es gibt Tage, an denen so ein normal ausgestattetes Mutti-Nervenkostüm (ohne Features wie z.B. Engelsgeduld) irgendwann etwas zu wünschen übrig lässt und man theoretisch schon vom Tag „bedient“ ist, lange bevor die Kinder in tiefen Schlummer fallen und man selbst in die verdiente Oh-schon-21-Uhr-Ohnmacht gleiten darf. An exakt so einem Tag besuchte ich vor kurzem eine Bekannte. Der Krümel hatte im Prinzip von morgens an durchgemoppert, weil ihm die Zähnchen so schlimm zu schaffen machten und er sein Leid ausschließlich damit kompensieren konnte, jammernd an meinem Bein zu hängen … wenn ich ihn denn mal für 5 Minuten nicht auf dem Arm oder in der Trage haben wollte. Zwischendurch drehte er die Volt-Zahl auf GEBRÜLL und schrie mir heftigst direkt ins Ohr. Vermutlich, damit ich mich nicht langweilte, bei dem sonoren Grundgejammer. Ich weiß, dass klingt ein bisschen herzlos, aber es war nicht der erste Tag in dieser Form, sondern der 10 oder so und die Nächte wurden ebenfalls gruselig gestaltet, damit sie vom Feeling her zu den schrecklichen Zahnungs-TAGEN passten. (Der Krümel mag es offenbar, wenn „eine Runde Sache“ draus wird 😀 ) Jedenfalls war ich an besagtem Tag um 15 Uhr eigentlich bereits fertig mit den Nerven und wäre gerne ins Bett gegangen. War aber natürlich keine Option, denn schließlich wollte jetzt die Große im anderen Stadtteil aus der Kita abgeholt werden UND danach waren wir verabredet. Ich freute mich auf das Spiel-Date, denn ich hoffte auf ein paar entspannte Sätze zwischen Erwachsenen … was natürlich ein sehr naiver Gedanke war, denn schließlich wären vier Kinder anwesend. Egal. Hoffen darf man immer 😀 .

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Es gab Kuchen, die großen Mädels spielten wild und laut im Kinderzimmer, der kleine Sohn meiner Bekannten brachte immer wieder neue Bücher zum Vorlesen zu uns und das Karlchen blieb seiner Stimmung treu, mopperte vor sich hin und klebte an meiner Seite … von einem Miniatur-Ausflug zu den Mädchen, von dem er haltlos weinend zurückkehrte, weil die Großen irgendein Bauwerk vor ihm beschützten, mal abgesehen. Ach, der kleine Mann hatte einfach keinen Spaß. Die Mädels hingegen sehr wohl! Erst recht, als die Couch ausgezogen wurde … zum Trampolin springen! Fand ich so semi-geil, weil das bei uns nämlich verboten ist. Erstens, weil unsere Couch direkt neben einer alten Rippenheizung steht und ich es immer total uncool finde, wenn einem meiner Kinder der Kopf gespalten wird und zweitens, weil ich tief in mir drinnen ahne, dass unsere Couch es nicht mag, wenn man wie irre auf ihr rumspringt. Ja, ja, ich weiß … voll spießig!!! 😉 So stand ich also neben den springenden Kindern, wusste, dass ich noch am selben Abend mal wieder die Frage der Tochter beantworten müsste, warum andere Mamis das erlauben, aber ich nicht, und hoffte, dass zumindest die vor meinem inneren Auge entstehenden Bilder von Platzwunden durch den Aufschlag mit dem Kopf auf der Fensterbank-Kante hinter der Couch nur schwarzmalerische Spinnereien meinerseits bleiben würden. Um den Spaß für die Kids noch ein bisschen zu steigern, wurde sehr laut Musik angestellt … und die Fensterbank zum Absprung freigegeben. Ich war baff und spürte, wie die zarte Spießigkeit zu einem ausgewachsenen Stock im Arsch heranwuchs. Ich fand die ganze Situation grauenvoll. Es war so laut, dass der Krümel auf meinem Arm nur noch brüllte. Und meine Tochter sprang unter wildem Gekreische immer wieder von einer Fensterbank auf eine Couch, auf der noch zwei andere Kinder spielten und landete immer nur sehr knapp neben den Ritzen, in denen ihre Füße versinken und durch das Tempo bei einem Sturz oder einer unbedachten Drehbewegung brechen könnten. Solche Gedanken basieren bei mir übrigens nicht ausschließlich auf einem Fünkchen Helikoptermutter, sondern in erster Linie auf Erfahrung. Denn ICH war früher so ein Kind, dass sich wahllos überall und in so ziemlich jeder Situation ernsthaften Schaden zufügen konnte. Mit meinem Lieblings-Orthopäden war ich also per Du! 😉

Jedenfalls war ich mit der Gesamtsituation ziemlich unzufrieden, traute mich aber auch nicht sofort, den Buhmann zu spielen und die Sache abzubrechen. Ich fühlte mich schrecklich uncool, war selbst nervlich genauso drüber wie der Krümel und wäre eigentlich gern gegangen. Da das aber nicht besonders Erwachsen gewesen wäre, hielt ich tapfer ein wenig aus und beendete das Couch-Festival erst etwas später in Absprache mit der anderen Mutter. Für sie war die Situation ja ganz normal, sie empfand nichts daran als nervig, gefährlich oder stressig und ich entschuldigte daher meine Spaßbremsigkeit mit den aktuell schier gänzlich durchgemachten Zahnungsnächten. Soweit, so ok.

Das Bild von mir selbst, wie ich da mit verkniffenem Gesichtsausdruck in dem fremden Wohnzimmer stand und den marodierenden Kindern zusah, ließ mich aber auch Tage später nicht los. Ich fragte verschiedene Leute in meiner Umgebung, wie sie das sähen … ob ich mir zuviel Sorgen um die Sicherheit meines Kindes machte und ihr damit den Spaß versaute, auf Möbeln herumzuspringen, ob Möbel das aushalten MÜSSTEN und ob ich mir jetzt möglicherweise eine Kittelschürze zulegen sollte, um mich optisch in Spießerhausen besser einzufügen. Die Resonanz war ganz unterschiedlich. Viele empfanden die selben Ängste wegen gespaltener Schädel und gebrochenen Beinen wie ich, genauso viele fanden aber auch, dass es doch normal sei, als Kind auf Couch und/oder Bett Trampolin zu springen. „Das haben wir doch früher auch gemacht!“, sagten sie. Hm, tja, ist für mich ehrlich gesagt nie ein gutes Argument – völlig wurscht zu welchem Thema 😉 . Egal! Wie so ziemlich alles in Sachen Familie und Kindererziehung sind eben auch die Regeln, die wir für unseren Nachwuchs und unser Zusammenleben aufstellen, oftmals ganz unterschiedlich. Eigentlich voll spannend … wenn man sich den Stock wieder aus dem Arsch zieht und mal etwas aufgeschlossener in die Regel-Runde schaut 😉 . Und wenn man dann schon mal dabei ist, kann man sich auch direkt mal selber an die Nase packen – denn wahrscheinlich haben wir alle irgendwelche „Regeln“ am Start bzw. solche, die wir beugen, bis sie fast brechen, bei denen andere Mütter und Väter die Nase rümpfen und den Kopf über unsere Unfähigkeit zur sinnvollen Erziehung schütteln.

Selbst ich, die Frau mit der neuen Kittelschürze und dem Spaßbremsen-Gesicht, nehme mir (natürlich immer in Rücksprache mit dem Göttergatten) manchmal die Freiheit heraus, die klassischen Regeln für das gesellschaftskonforme Heranwachsen von wohlerzogenen Töchtern und Söhnen ein klitzekleines bisschen zu modifizieren …

Die wichtigsten Regeln verwenden wir aber NATÜRLICH im Original:

  1. Es wird nicht gehauen, gebissen, an den Haaren gezogen oder sonst ein schmerzhafter Quatsch veranstaltet!
  2. Lügen ist großer Mist! Wer lügt, darf sich nicht wundern, wenn die Mama ihm oder ihr irgendwann nichts mehr glaubt. Veralbern kann die Mama sich schließlich selber ganz ausgezeichnet, wenn sie Bock darauf hat.
  3. Bevor man weggeht, sagt man Bescheid. Das gilt für Groß und Klein gleichermaßen! 

Außerdem finden wir noch wichtig:

  1. Während des Essens gehören Spielzeuge nicht auf den Tisch. Weder der Riesen-Plüschhund, noch das Lego-Flugzeug und auch Mamas bzw. Papas Handy nicht (Boah, die Regel brechen wir alle am Häufigsten).
  2. Was man nicht mehr braucht, wird weggeräumt. (Meine liebste Kita-Regel, die ich krampfhaft versuche, allen Familienmitgliedern beizubringen. Einige versuchen sie allerdings mit cleveren Ausreden wie: „Ich brauch das gleich (nächsten Monat) nochmal!“ zu umgehen … ich schaue meinen Mann jetzt nicht an … weil er noch im Büro ist 😀 )
  3. Es darf nur derjenige auf der Couch rumspringen, der in der Lage ist, ALLEINE mit dem Auto in die Notaufnahme zu fahren, um sich da die verdammte Platzwunde von der schwungvollen Begegnung mit dem Heizkörper wieder zutackern zu lassen (war klar, ne 😉 ) .
  4. Regale werden nicht als zu erkletternde Steilwand betrachtet. Da habe ICH als Kind sehr schlechte Erfahrung mit gemacht und finde daher, dass selbst angeschraubte Möbelstücke nicht erklommen werden sollten.
  5. Es wird nicht aus Jux und Dollerei gespuckt. Weder draußen noch drinnen. Auch nicht ein bisschen (finde ich soooo eklig!) .
  6. Niemand macht Kacka auf den Tisch! Niemals! Zu keinem Zeitpunkt! Weil das ist echt nicht witzig!!! (Obwohl die Tochter die Idee zum Schlapplachen findet und sehr viel darüber spricht … daher existiert die Regel überhaupt 😉 ) Gilt übrigens auch für die fette Katze! (Oh man, wenn die nur lesen könnte!!!)

So ein bisschen modifiziert haben wir z.B. folgende (Familien-)Regeln:  

  1. Zu Tisch
    Klassiker: Niemand steht auf, solange das Essen nicht für alle beendet ist.
    Unsere Version: Kinder dürfen auf Wunsch den Tisch verlassen, sobald sie fertig sind. Denn ich genieße es ehrlich gesagt, zumindest ein paar Bissen in Ruhe zu kauen, ohne zwischendurch einem Kind etwas anzureichen, abzuwischen oder aus der Nase zu angeln. Abgesehen davon quasselt die Tochter wirklich ununterbrochen, sobald ihr Mund leer ist, was ein Erwachsenen-Gespräch in ganzen Sätzen durchaus etwas schwierig gestalten kann 😉 .
  2. Nasebohren
    Klassiker: Man darf nicht in der Nase bohren!
    Unsere Version: Die Tochter darf ZUHAUSE in der Nase bohren, schmiert allerdings alles, was sie bei derlei Exkursionen findet in ein Taschentuch ODER isst es auf (Ich weiß, da rollt es vielen die Fußnägel hoch … ist aber angeblich fürs Immunsystem echt gut UND ich hab keine Popel irgendwo kleben!). Die klassische Version halte ich für übertrieben und ein bisschen erlogen. Denn Fakt ist doch: Jeder bohrt mal in der Nase.
  3. Schimpfworte
    Klassiker: Man darf keine Schimpfworte verwenden!
    Unsere Version: So ein bisschen darf man sehr wohl Schimpfworte verwenden, WENN es passt! 😉 Tja, vielleicht liegt es daran, dass mein Mann und ich es einfach nicht schaffen, uns verbale Ausfälle wie „Scheiße“, „Verdammter Kack“ oder „DAS IST JA WOHL ZUM KOTZEN!“ zu verkneifen. Ehrlich gesagt: Wir haben es nicht mal ernsthaft versucht. Stattdessen entschieden wir, dass zumindest das Wort „Scheiße“ mittlerweile doch eigentlich zum ganz alltäglichen Sprachgebrauch gehört und auch für Kinder zugänglich sein sollte. Allerdings legen wir großen Wert darauf, dass es ausschließlich in wirklich „voll beschissenen Situationen“ angewendet wird … und wenn’s geht, nicht in der Kita. Ich bin da eh schon sehr beliebt! 😀 😀 😀

Sicher haben wir noch unzählige andere „kleine“ Regeln, die mir gerade nicht einfallen – und die auch nicht in Stein gemeißelt sind. Wie heißt es so schön: Ausnahmen bestätigen die Regel. Einer meiner liebsten Sätze … allerdings in Sachen Kindererziehung eher ein Griff ins Klo, weil wegen der Nummer mit der Konsequenz und so. Naja, vielleicht muss ich mir die Kittelschürze doch erst noch verdienen 😉 .

 

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14 thoughts on “Rabenmutter 2.0: Jedem seine (Familien-)Regeln

  1. DU sprichst mir aus der Seele. Ganz ehrlich, ich hätte die Sofa-Situation auch beendet. Meine Freundin (ebenfalls 2 Kinder) hat eine riesen Wohnlandschaft, weit weg von der Heizung, wo die Jungs natürlich hüpfen wie Bolle – tja, Maus, nein, bei uns ist das verboten! Sorry, Mama ist ein Spießer!
    Eure Regeln haben wir so ziemlich genauso – außer die Schimpfregel, aber die kommt spätestens im KiGa!
    Zusätzlich die „Wer in der Wanne spritzt, muss raus.“ Spritzen können die Kinder in der Dusche mit Schutz außenrum, aber nicht in der Wanne, wenn ich notgedrungen danebensitze und nass werde 😀

  2. Super geschrieben! Ich musste mir oft das Lachen verkneifen weil sonst mein schlafendes Baby wach geworden wäre 😊.
    Freue mich immer über jeden neuen Beitrag von dir. Also danke für diese ehrlichen und witzigen Worte.
    Übrigens kann ich deine Sorgen ganz gut nachvollziehen. Natürlich muss man einen Mittelweg finden aber ich wäre vermutlich auch ins schwitzen gekommen bei der Trampolinaktion😆

  3. Super 👏🏻 👍🏻
    Extrem sympathisch und alles für mich seeeehr nachvollziehbar. Ich leite den Artikel mal direkt an meinen Göttergatten weiter 😬😂

  4. Bin anscheinend auch eher eine Spießermama 😁 sehe es eigentlich genauso. Wäre doch ein Thema für die Live Abende…. wie verhält man sich wenn die Kinder woanders Sachen dürfen die man eigentlich nicht gut findet. Finde das eher schwierig dann was zu sagen. Aber wortlos hinnehmen ist ja auch irgendwie voll doof !

  5. Noch schwieriger finde ich es wenn Kinder zu Besuch sind die unsere Regeln nicht kennen (zumindest wenn die Eltern dabei sind). Was macht ihr dann so, mit den Kindern oder erst mit den Eltern reden? Nix sagen geht ja auch nicht…
    Mein großer Sohn benutzt übrigens ‚Mädchen‘ als Schimpfwort (z.B. wenn der Kleine aus einem rosa Becher trinkt oder einen lila Schal trägt). Kennt das jemand? Da ist bei mir die Grenze. Mädchen ist kein Schimpfwort!

    1. Also ich spreche was Regeln angeht meist direkt die Kinder an und erkläre, wie es bei uns so läuft. War bisher immer ok … glaube ich 😂
      „Mädchen“ als Schimpfwort zu benutzen, würde ich auch untersagen!

  6. Mein Kind ist zum Glück noch jünger aber selbst mit nicht mal zwei Jahren klettert und springt es schon so dolle rum dass Hasenfuß-Mutti einen halben Hetzkasper kriegt… 😉
    Aber sollten wir nicht froh sein, dass unsere Kleinen so einen Bewegungsdrang haben und ihn auch ausleben? Und wenn uns nicht recht ist, dass sie dies auf unseren Möbeln tun müssen wir halt dafür sorgen, dass adäquates Equipment zur Verfügung steht…
    Und zum Thema „haben wir ja auch so gemacht als wir Kinder waren“ – naja damals hatten wir einfach nix anderes (oder hatte da schon jemand Kletterturm, Wobbel Balance Board und Trampolin zuhause???!!! Wohl kaum…)

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