Leser-Geburtsberichte

Anna erzählt

Es begann an einem trüben, veerregneten Februarmorgen. Am Tag davor hatte ich mich auf Arbeit von meinen Kollegen verabschiedet, am nächsten Tag sollte eigentlich mein Mutterschutz beginnen. Ich hatte auf Arbeit bereits starke Rückenschmerzen, konnte diese aber nicht richtig einordnen und dachte, dass es von meiner bereits ziemlich großen Kugel kommt. Mir war aufgefallen, dass bereits am Tag zuvor mein Baby sich nicht so sehr bewegte wie sonst und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es noch zu früh ist, das mein Baby weniger aktiv wird. Es waren immerhin noch gute sechs Wochen bis zum geplanten Kaiserschnitt, der bei mir aufgrund gesundheitlicher Probleme unausweichlich war. Eine natürliche Geburt wäre für mich leider keine Option, da ich mit einem sehr seltenen, angeborenen Fehler an meinen Venen auf die Welt gekommen bin und nicht pressen darf.

Das mulmige Gefühl war so stark, dass ich morgens sofort zur Ärztin ging, da mein Kind sich auch am nächsten Morgen nicht mehr richtig bewegen wollte. Mit diesem kleinen Gerät, mit dem man die Herztöne zu Hause abhören kann, konnte ich mich wenigstens etwas beruhigen, die Herztöne waren noch deutlich zu hören. Auf dem Weg in die Praxis hörte ich “Sunrise” von Norah Jones, ein Lied was ich sehr gerne mag, da es so viel Ruhe ausstrahlt. Wenn man bedenkt, dass mein Leben an diesem Tag für immer verändert wurde, ist der Titel doch fast schon eine kleine Vorahnung gewesen. “Sonnenaufgang” eines neuen Lebens!
In der Praxis angekommen, durfte ich sofort an den CTG. Nach ca. 20 Minuten und einem schnellen Blick auf das Ergebnis des CTG schaute meine Ärztin mich ernst an und sagte “Ich muss sie sofort mit dem Taxi ins Krankenhaus schicken. Die Herztöne ihres Kindes sind immer wieder abgefallen, sie haben eigentlich nur leichte Wehen aber es scheint irgendwas nicht in Ordnung zu sein, es kann gut sein dass sie bereits heute Mutter werden.” Für einen Ultraschall Ihrerseits war keine Zeit mehr, ca 15 Minuten später saß ich im Taxi und versuchte dem Fahrer, der leider nur gebrochen deutsch sprach, zu erklären dass ich ins Krankenhaus muss, und zwar schnell. Selbstverständlich kannte er genau das Krankenhaus nicht. Aber schließlich nach ca 30 Minuten, kam ich dann im Krankenhaus an. Mein Mann und meine Familie war zu diesem Zeitpunkt bereits informiert. Ich hatte nichts außer meine Handtasche dabei. An dieser Stelle möchte ich noch einen irrwitzigen “Zufall” erwähnen: für einen geplanten Kaiserschnitt ist ja vorgesehen, dass die werdende Mutter keinen Blutverdünner am Abend davor gespritzt hat und nichts gegessen hat. Beides war bei mir der Fall. Ich musste mir von Anfang an, wegen der erwähnten Grunderkrankung täglich Blutverdünner spritzen, am Abend davor habe ich es das erste Mal in der gesamten Schwangerschaft vergessen. Morgens habe ich durch meine Eile auf das Frühstück verzichtet, ich ging davon aus, dass es eventuell doch nur falscher Alarm war, direkt neben der Praxis wäre ja noch ein Bäcker gewesen. So landete ich am frühen Vormittag auf der Gebärendenstation meines Wunschkrankenhauses, wurde sofort ans CTG geschlossen, ein wenig später noch mit Flüssigkeit versorgt, in der Hoffnung, dass die Werte sich eventuell etwas bessern. Fehlanzeige. Man gab mir wenigstens noch eine Banane und einen Apfel, denn ich hatte wirklich einen sehr knurrenden Magen. Nach einem Ultraschall und weiteren CTG kam eine Ärztin auf mich zu und sagte mir, wie es war: “also ich muss Ihnen leider sagen, Ihr Kind ist draußen besser aufgehoben als drinnen in Ihrem Bauch. Wir würden das Kind jetzt gerne holen, in der 34. Woche ist die Überlebenschance eines Frühchens bereits sehr hoch, wir können davon ausgehen, dass alles gut laufen wird.”
Mit diesem Satz zog man mich bereits aus, legte mir einen fetten Wehenhemmer und 1000 Zugänge an. Der Grund für die Probleme meines Kindes lagen wohl daran dass das mein Baby irgendwie geschwächt war, da es bei jeder kleinen Miniwehe , die ich eigentlich nur als starke Rückenschmerzen empfand, abfallende Herztöne hatte. Mein ganzer Körper zitterte, ich wusste nicht mehr wo oben und unten war. Mein Vater kam dazu um mir beizustehen, meine Mutter war weiter weg auf Arbeit, mein Mann bekam kurzfristig frei von der Arbeit und kam wenig später dazu. Als mein Vater den Raum betrat, hatte ich bereits meinen OP Kittel und diese Strümpfe an begrüßte ihn mit “Papa, du wirst gleich Opa”. Seine Kinnlade schlug ziemlich hart auf den Boden auf… 😉
Ich sollte noch mehrere Seiten Papierkram unterschreiben, ich krakelte alles runter und mir war gerade alles egal-ich hatte einfach nur Angst. Der Anästhesiearzt kam dazu und wollte wissen, wo ich meinem Beruf Sängerin gelernt habe (musste ich auf einem der Formulare eintragen); Der Brüller: Er hatte wohl vor Jahren auf der selben Musikhochschule in Holland wie ich studiert, allerdings ein anderes Instrument und hat anschließend “etwas anständiges” gelernt 🙂 Dieser Umstand nahm mir ein wenig von meiner unendlichen Angst, die ich spürte. Ich durfte dann noch schnell den Namen meines Sohnes auf eine Serviette kritzeln und schon schob man mich in den OP. Mein Mann durfte mir beistehen. Auch er war komplett überfordert mit der Situation, hatten wir uns beide doch im Vorbereitungskurs die Geburt irgendwie weniger dramatisch vorgestellt…wie naiv von uns.
Wie Murphy’s Gesetz es vorsieht, klappte die Rückenmarksanästhesie nicht. Zwei mal wurde eingestochen-ein widerlicher Schmerz und jedesmal traf man ein Blutgefäß, das dort gar nicht hingehört…Danke, Grunderkrankung. Mir blieb nur noch die Vollnarkose. Durch meine Erfahrungen mit OPs empfinde ich Vollnarkosen wie einen kleinen Tod. Für mich war es der Horror. Die Sekunden, bevor ich weg war, die Angst, die Sorgen haben sich für immer in mein Hirn eingebrannt. Ich hatte solche Angst, nie wieder aufzuwachen. Meine 1. OP mit Vollnarkose hatte ich mit ca 4.5 Jahren und ich schwöre- ich erinnere mich an die Angst, als mir der Arzt damals eine schwarze Glocke mit Betäubungsmittel auf den Mund setzte…ein Atemzug und ich war weg.
Genauso jetzt. Ich würde hingelegt, positioniert, bekam etwas Sauerstoff, wurde festgebunden und dann hieß es:”Sie schlafen jetzt, Frau D.” Und ich bekam nur ein “Viel Erfolg” und war weg.
Tja.

Zwei Stunden später:
Ich öffne die Augen, ringe nach Luft, bin völlig benebelt, spüre nichts ausser einen dumpfen Schmerz im Unterleib. Man fährt mich gerade in den Aufwachraum. Der lustige Anästhesist von eben begrüßt mich mit den Worten:”Herzlichen Glückwunsch, Sie haben einen Sohn, er sieht aus wie ein Monchichi und hat den ganzen OP zusammengeschrien”. Die Kraft für ein Lächeln über das “Monchichi” hatte ich erst später.

Meinem Sohn hätte nichts besseres passieren können, als an diesem Tag geholt zu werden. Er kam mit einem starken Neugeboreneninfekt auf die Welt und kurz nach dem Initialschrei hatte er mit dem Atmen wieder aufgehört und es musste schnell gehen. Das 1. Foto zeigte mir ein armes, verquollenes Menschenkind voller Zugänge und Schläuche, mit Untertemperatur in ganz vielen Tüchern gewickelt im Wärmebettchen.
Mir war eine Woche vor seiner Geburt eine Zahnfüllung herausgebrochen und darüber hatte sich ein Infekt hineingeschlichen. Ich hätte das niemals gedacht!
Wie gut, dass ich auf mein Bauchgefühl-im wahrsten Sinne des Wortes- gehört habe und es nicht ausgesessen habe. Ich hätte mir sonst niemals verziehen!
Mühselig und unter unsagbaren Schmerzen stand ich am nächsten Tag auf und würde von den Schwestern in die Neo- Intensivstation für Frühchen im Rollstuhl gebracht. An den 1. Moment mit meinem Baby auf dem Arm kann ich mich irgendwie nicht richtig erinnern. Irgendwie spürte ich nicht viel. Tränen kamen keine. Zu unwirklich war alles. Wir müssten noch 3.5 Wochen im KH bleiben, nach ca 1.5 Wochen ging es für uns auf die Mutter-Kind Station. Stillen klappte leider nie. Ab da begann für mich die Hölle. Anders als auf der Frühchenstation war man der Meinung, dass man auch zarte Frühchen mit “Trinkfaulheit” strikt nur alle 4h füttern durfte- in einem angeblich Babyfreundlichen Krankenhaus. Ich stritt mich täglich mit dem Personal, denn es wurde meinem Kind nicht nur die Milch verwehrt, wenn er außerhalb der 4h wollte (er war viel zu klein für meine Brust und konnte einfach nicht von mir trinken und es kam auch leider sehr wenig!) sondern ich wurde richtig kontrolliert. “Lass das Kind schreien, nimm es nicht so oft in den Arm, hat sicher nur Bauchweh” -solche überholten und Kindswohlschädigenden Aussagen gepaart mit meinen KS-Schmerzen und den Hormonen ließen mich zu einer zu allem bereiten, überreizten Löwenmama werden, die um das Wohlergehen ihres Kindes diskutierte bis der Chefarzt mehrfach kam und am Ende eine Ärztin einsah, dass mein Frühchen keine sadistische 4h Rhythmus braucht sondern dann Milch bekommt wenn es welche möchte. Zwischendurch wollte man mir das Kind nachts wegnehmen, damit ich “mal schlafen” kann, aber ich wusste genau das man mein armes Baby bis zum Schluss Brüllen lassen würde, wenn es “unplanmäßig” Hunger gehabt hätte,ich schlief nachts deshalb so gut wie gar nicht. Richtig so, denn das Personal schlich nachts immer wieder rein um mich zu kontrollieren und mein Vertrauen in diese Menschen war bereits längst zerbrochen. Wenige Tage danach durften wir endlich, endlich heim.
Übrigens: Unsere Bindung wurde bereits im KH immer fester und mit jedem Besuch auf seiner Station stellten sich richtig Schmetterlinge in meinem Bauch ein. Ich hatte ihn täglich so lange auf dem Arm, bis ich wegen Schichtwechsel die Station verlassen musste. Ich aß, ging aufs Klo und saß wieder stundenlang auf Station und bewunderte, kuschelte, fütterte und wickelte mein Kind. Er war gerade mal 45 cm lang und ca 2.3 kg schwer.
Jetzt, mit 8.5 Monaten habe ich einen zuckersüßen 10 kg schweren und ca 76cm langen Brummer 🙂

Zuhause hatte ich noch sehr lange an dieser Erfahrung zu knabbern, aber wenn ich meinen gesunden süßen Jungen jetzt sehe, weiß ich: Ich würde es für Ihn immer und immer wieder tun.

Diesen spannenden Bericht über die Geburt ihres ersten Kindes hat Anna geschrieben. 🙂

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