Leser-Geburtsberichte

Julia P. erzählt

In zwei Tagen ist Stichtag und ich kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Ich fühle mich unbeweglich und dick, aber immerhin fahre ich noch jeden Morgen und Mittag mit dem Fahrrad zum Kindergarten um den zukünftigen großen Bruder abzuholen. Um den Geburtsvorgang etwas voran zu treiben und weil es mir ein inneres Bedürfnis ist, beschließe ich zu Hause nochmal richtig klar Schiff zu machen und beginne das Haus zu putzen. Eine Putzparty bei lauter Musik: Saugen, wischen, Stühle hochstellen, das volle Programm. Irgendwie muss es doch für den Bauchbewohner ungemütlich werden.

Und siehe da, es hilft!!

Es ist Nacht als ich aus dem Tiefschlaf erwache. Ein komisches Ziehen im Rücken und seitlich am Bauch. Geht es los? Ich beginne die Zeitanzeige auf dem Radiowecker zu beobachten. 0.40 Uhr, 0.49 Uhr, 0.58 Uhr alle 9 Minuten erneutes Ziehen. Es scheint tatsächlich der Start zu sein und ich wecke meinen Mann. Der ist erstaunlicherweise sofort hellwach und, im Gegensatz zur ersten Geburt, sichtlich nervös. Wir versuchen Zeitabstände zu messen, ich kann die Wehen nicht richtig einschätzen und keine wirklichen Abstände benennen. Mal sind es zwei Minuten, dann wieder sechs. Mein Körper scheint zu wissen was auf ihn zukommt und die natürliche Darmentleerung beginnt. Dafür bin ich ihm sooooo dankbar. Das hat bei der ersten Geburt auch schon zuverlässig geklappt. Nun beginnt die Ablenkung.

Ich räume in der Wohnung auf, stelle die Spülmaschine an und packe die letzten Sachen in die Kliniktasche. Gegen kurz vor 3 Uhr beschließen wir dann meine Eltern anzurufen, sie übernehmen die Betreuung von Nr. 1. Um 3.15 Uhr ist der Opa da und wir machen uns auf den Weg zum Krankenhaus. Ankunft um 3.30 Uhr. Selbstverständlich laufe ich vom normalen Parkplatz zum Empfang, wer braucht schon einen Storchenparkplatz! ?

Die Nachtschwester empfängt uns freundlich, wir sind die Einzigen, alle drei Kreissäle sind frei und schließt mich ans CTG an. Ich kann es nur im Stehen ertragen, an Sitzen oder Liegen ist nicht zu denken. Es zieht und drückt gewaltig nach unten, auch wenn die Wehen immer nur kurz sind, maximal 30 Sekunden. Die Kurven auf dem CTG sind nicht besonders auffällig, hoffentlich kein falscher Alarm. Endlich kommt die Hebamme, es war bislang eine ruhige Nacht, sie hatte einen deutlichen Kopfkissenabdruck im Gesicht. Super, wenigstens eine ist fit und ausgeschlafen. Sie untersucht mich und verkündet einen Muttermund von 9 cm. Ich muss nochmal zur Toilette, die Hebamme ist nicht begeistert. Aus Angst vor einer „Toilettengeburt“, machen sie mir bloß nicht die Klotilda, waren ihre Worte. Auf dem WC angekommen bekomme ich doch ein bisschen Angst, der Druck und die Schmerzen sind kaum auszuhalten. Ich beginne zu fluchen und zu schreien und erinnere mich an die erste Geburt vor dreieinhalb Jahren. So lustig war das doch nicht, hatte ich irgendwie vergessen oder verdrängt. Wieder im Kreißsaal zurück äußere ich den Wunsch einer erneuten Wassergeburt. Ich hasse es zu baden, aber bei der ersten Geburt war es so eine tolle Erfahrung, das würde ich gerne wiederholen. Die Hebamme ist skeptisch, sie ist sich nicht sicher, ob wir die Wanne bis zur Geburt noch voll kriegen. Mit vereinten Kräften von Hebamme und Nachtschwester wird die Wanne parallel zum normalen Wasserlauf auch noch mittels Eimern befüllt. Ich steige in einer kurzen Wehenpause ein und werde quasi angefleht mich unverzüglich zu setzen. Gesagt – getan, die nächste Wehe kommt und ich darf direkt mitpressen. Mit einem Ohr höre ich, wie die Hebamme die Ärztin anruft. Das Rufen der Ärztin bedeutet doch, dass es nicht mehr allzu lange dauern kann. Eine weitere Wehe, ich schreie und gröle die ganze Station zusammen, egal. Die Schmerzen sind kaum auszuhalten. Die Hebamme piekst bei einer der Wehen um 4.25 Uhr die Fruchtblase auf.

Mein Mann, bisher sehr zurückhaltend und wie ich, auch etwas überrascht und überfordert mit der Situation und der Eile von Nummer 2, fragt die Hebamme nach einem Schmerzmittel für mich. Christiane winkt nur ab und lacht. Dafür ist es längst zu spät, es ist doch gleich schon geschafft. Und sie hat tatsächlich nicht zu viel versprochen. Noch zwei oder drei Wehen und unser Matteo war da. Ganz behutsam hat Christiane ihn erst noch einen Moment im Wasser gelassen, bevor sie ihn mir dann auf den Bauch gelegt hat. Was für ein unglaublich schöner und inniger Moment. Ich bin total glücklich und auch ein bisschen stolz auf mich. Eine wahre Blitzgeburt, nur eine Stunde nach dem Eintreffen in der Klinik erblickte unser zweites Wunder mit 4170 g und 54 cm das Licht der Welt. Wir genießen den Augenblick und betrachten unser neues Familienmitglied. Wahnsinn, so schnell. Mein Mann schneidet die Nabelschnur durch und wir warten noch auf die Nachgeburt und dann möchte ich auch raus aus dem Wasser. Kurz abduschen und dann geht es auf das große Bett im Kreißsaal.

Die unschöne Phase beginnt. Wie sich herausstellt, habe ich einen Dammriss 3. Grades plus Schließmuskel. Untenrum scheint bei mir alles in Fetzen zu liegen. Die Oberärztin, bisher nur stille Zuschauerin, schreitet zur Tat. Zuerst werde ich mittels eines Sprays „vorbetäubt“ bevor sie die Spritzen mit der richtigen Betäubung setzt. Ich habe eigentlich gedacht, das Schlimmste hinter mir zu haben. Aber das Nähen ist fast schlimmer als die Geburt. Jeder Stich schmerzt, trotz Lokalanästhesie. Währenddessen wird Matteo versorgt, gemessen und gewogen und darf dann zum Papa kuscheln. Gegen kurz vor 6 Uhr wechsel ich gut ausgepolstert und halbwegs angezogen in „mein“ Bett und alle Last fällt von mir ab. Ich habe es geschafft, unser zweiter Sohn ist da. Das Warten hat ein Ende. Was für ein Glück diesen gesunden kräftigen Jungen im Arm zu halten.

Mein Körper kommt aber gar nicht klar, diese Eile, diese gewaltigen Schmerzen und dazu die körperliche Höchstleistung. Nach 9 Monaten Hitze und Schwitzen habe ich Schüttelfrost. Eine zweite Bettdecke muss her, die Hebamme bringt eine Wärmflasche. Ich atme tief ein und aus und döse vor mich hin. Matteo ist auf dem sicheren Arm seines Vaters, der den wartenden Opa zu Hause informiert und für den frisch gebackenen großen Bruder das erste Foto macht und übermittelt. Zwischendurch schaut immer wieder die Hebamme nach uns, bevor wir gegen 7.30 Uhr unser Einzelzimmer beziehen. Ankommen, wohlfühlen und FRÜHSTÜCK mit einem SALAMI-BRÖTCHEN!!!

2 Tage später verlassen wir das Krankenhaus, alle Wunden sind mittlerweile sehr gut verheilt und das zweite Kind ist genau das, was uns noch gefehlt hat!! ❤

Diesen schönen Geburtsbericht hat Julia geschrieben :)

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