Rabenmutter 2.0

Erinnerungen an die erste Liebe

Oft denke ich: Was ist so ein Mutti-Gehirn für eine herbe Enttäuschung! Nur weil es mal pupsige 2-10 Jahre keinen durchgehenden Schlaf bekommt, zeigt es schon – im wahrsten Sinne des Wortes – Ermüdungserscheinungen. Es lässt uns ständig im Stich, anstatt einzuschreiten, wenn wir beim Frühstück machen mal wieder Kaffeepulver ins Baby-Fläschen rühren, beim Bäcker ganz ernsthaft 8 Scheiben Fleischwurst bestellen oder unsere Söhne mit den Namen unserer Töchter ansprechen und dann sauer sind, wenn die Kinder nicht reagieren. Frech, finde ich sowas von meinem Gehirn. Und auch oft ganz schön ärgerlich!

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Doch dann – ganz plötzlich – versöhnt es mich … mit großartigen, glasklaren und perfekt zur Situation mit meinem Nachwuchs passenden Erinnerungen an meine eigene Kindheit. Zum Beispiel, wenn meine Kids in einem fremden Vorgarten oder hinter einem Busch verschwinden. Plötzlich spüre ich förmlich – zumindest für Sekunden – selbst wie Äste mir in den Popo pieken, rieche das Laub direkt vor meiner Nase und fühle diese zarte Aufregung, wenn man in ein Abenteuerspiel vertieft ist und jeden Moment damit rechnet, dass Piraten die Zweige auseinander biegen und „Hab ich dich!“ brüllen. Hach, diese Erinnerungen sind so wundervoll – und das nicht nur, weil sie beweisen, dass meine Birne noch nicht komplett durchgebrannt ist, sondern vor allem, weil sie mich meinen Kindern sofort unfassbar viel näher bringen und mich lächeln lassen … ich weiß dann nämlich wieder, wie fantastisch es ist, ein Kind zu sein und nehme etwas Fahrt aus unserem Tagesprogramm, damit sie es mehr genießen können, anstatt ständig von Mutti zur Eile angetrieben zu werden.

Manchmal jedoch schickt mir mein Gehirn aber auch Erinnerungen, die nicht so zauberhaft sind. Auch das weiß ich mittlerweile sehr zu schätzen, denn was ich durchaus hin und wieder vergesse, ist: Ein Kind zu sein ist zwar fantastisch, aber eben nicht an einem Stück. Auch die kleinen Monster haben schon Probleme und Kummer, sind mal unglücklich oder gar schlimm wütend auf die ganze Welt. Instinktiv belächle ich diese Gefühlsausbrüche beim Nachwuchs oft im ersten Moment, weil MEINE Sorgen (ganz subjektiv und Erwachsenen-überheblich betrachtet) schließlich viel imposanter und relevanter sind. So sind wir „Großen“ leider viel öfter, als wir es gerne zugeben: Wir legen aus Reflex den falschen, nämlich unseren ganz persönlichen Maßstab an – und zwar wahllos überall. Passiert uns allen mal, scheint also ganz normal zu sein. Nur so richtig super ist es deshalb trotzdem nicht. Dann ist es gut, wenn unser Gehirn uns mit ein paar passenden Erinnerungen an unsere eigene Stöpsel-Zeit auf die Sprünge hilft und uns dadurch wieder einfällt, wie es sich für ein Kinder-Herz anfühlt, wenn es trotz Leid nicht ernst genommen wird. Braves Mutti-Hirn :D .

Allerdings stoße ich da mittlerweile, selbst mit Unterstützung meines aktivierten Erinnerungs-Pools, durchaus mal an meine Grenzen. Natürlich BEMÜHE ich mich, den Sorgen meiner Kinder IMMER voll gerecht zu werden … aber wir wissen ja alle, was es bedeutet, wenn irgendwo steht: Er oder sie war stets bemüht ;) .

Ein Beispiel: die erste große Kindergarten-Liebe der Tochter

Ich erinnere mich wirklich noch sehr gut an MEINE erste Kindergarten-Liebe. Ich weiß, wie der Junge hieß und sogar noch grob, wie er aussah und ich muss immernoch lächeln, wenn ich daran denke, wie wir damals als 4- oder 5-jährige Knirpse nachmittags durch das Teppich-Geschäft seines Vaters marodierten. Und ich bin unheimlich dankbar dafür, dass ich diese erste Liebe nie vergessen habe und wusste in dem Moment, als die Mausemaus an ihrem 4. Geburtstag vor der Kita ihren allerersten Kuss von diesem ganz besonderen, kleinen Jungen bekam, dass auch sie sich noch in 30 und mehr Jahren daran erinnern würde. Natürlich bin ich an dem Tag fast zerflossen vor Rührung (der Mann nicht so sehr :D ) und muss auch jetzt noch immer schwer an mich halten, kein Romantik-Tränchen zu verdrücken, wenn sich die beiden verliebt ansehen, knuddeln oder zarte Küsschen austauschen. Es ist einfach herzerwärmend <3 . Außer … es läuft mal was nicht nach Plan. Denn, man glaubt es kaum, so groß und innig wie die erste Liebe der Kleinsten empfunden wird, so dramatisch ist es eben auch, wenn mal ein Date platzt … wie letztens, als eine Mittelohrentzündung beim Angebeteten uns Mamis zwang, ein Nach-Kita-Treffen zu verschieben, auf das die Kinder bereits seit Tagen hinfieberten. Beim Frühstück musste ich der Mausemaus mitteilen, dass wir am Nachmittag etwas anderes machen würden, da ihr Freund spontan erkrankt sei. Sofort begann sie zu weinen, nach ihrem Romeo zu rufen und zu klagen, als würde sie ihn NIE WIEDER sehen. Meine Erinnerungen an meine eigene Kindheit im Hinterkopf nahm ich mir Zeit für ihre Enttäuschung und ihren Herzschmerz … über eine halbe Stunde gab ich mein Bestes, sie zu knuddeln und zu beruhigen, ihr zuzusichern, dass das Date sehr bald nachgeholt würde und ihr Alternativen für den Tag vorzuschlagen. Nichts fruchtete. Also machte ich mich mit einem weiterhin haltlos weinenden Kind auf den Weg zu Kita. „Ich bin soooo verliebt in ihn!“ schluchzte die Mausemaus immer wieder und betonte, dass sie ohne IHN nicht leben könnte! In der Bahn stand sie die komplette Fahrt über an der Tür, eine Hand auf der Scheibe und rief unter Tränen den Namen ihres „Geliebten“! Und ich? Ich musste mich gezwungenermaßen auch um den Krümel kümmern, mir mal ein Ticket ziehen und die Nachrichten meines Mannes auf dem Handy beantworten, der sich um das gebrochene Herzchen seiner Tochter sorgte. Die Blicke, die ich dabei von den ebenfalls in der Bahn sitzenden Pendlern bekam, waren logischerweise vernichtend. Für sie war die Situation schließlich klar: Hier trauerte ganz offensichtlich ein kleines Mädchen um einen sicher gerade erst VERSTORBENEN sehr geliebten Menschen (höchstwahrscheinlich ihr Vater) und die grässliche, herzlose Mutter kümmerte sich kaum um sie, sondern bespaßte lächelnd das Baby und tippte zeitweise sogar auf ihrem HANDY herum!!! UNERHÖRT!!! ;) Es war eine ganz wunderbare Fahrt, die sicher – neben den rührenden Momenten dieser ersten Liebe meiner Tochter – einen dauerhaften Platz in meinen Erinnerungen für die Zukunft bekommen wird :D .

Na, dass kann ja heiter werden! ;)

Tja, wer hätte gedacht, dass man sich als Mama oder Papa schon so früh mit derartigem LEID bei den lieben Kleinen befassen muss. Ich jedenfalls nicht, WEIL ich vorübergehende vergessen hatte, wie es mir selbst als Kind ging. Das hat mein Mutti-Hirn aber ja glücklicherweise korrigiert, deshalb finde ich es jetzt auch gar nicht mal SOOOO krass früh, dass Liebe ein Thema ist, das im Herzen meiner Tochter bereits mehr Menschen als nur die engsten Familienmitglieder beherbergt. Eigentlich finde ich das sogar richtig toll. Wenn ich mich mal so auf der Welt umschaue, dann bin ich echt froh, dass unsere Kinder so früh die Liebe kennenlernen und diese oft ebenso freigiebig an ihre Mit-Kinder verteilen wie Gummibärchen. Es könnte wahrlich schlimmer sein. Einzig, dass die Mausemaus ein wenig zur Theatralik neigt, lässt mich beim Gedanken an ihre Pubertät und all die Herzschmerz-Momente, die damit verbunden sein werden (ich erinnere mich schließlich an meine), furchtsam erzittern. Aber wie heißt es so schön: Wir Mütter wachsen mit unseren Aufgaben. Daran klammere ich mich jetzt mal. Und ansonsten … gibt’s ja auch noch Schnaps ;) :D .

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