(Leser-)Geburtsberichte

Josefine erzählt

Das Kind ist zu leicht! Das Kind ist zu leicht!“ hörte ich bei den letzten Routineuntersuchungen meine Frauenärztin sagen.
Ich mochte sie, aber damit ging sie mir etwas auf den Nerv.
Ich war bereits im 3. Trimester. Die Schwangerschaft unseres 2. Sommer – Wunschkindes verlief bisher mit wenig Komplikationen. Vorzeitige Wehen ab der 30. Woche waren mir schon von der 1. Schwangerschaft bekannt. Trotzdem nahm das Baby immer etwas zu und ich war nicht weiter besorgt. Bei einer solchen Untersuchung, es sollte die letzte bei meiner Ärztin sein, wirkte sie verunsichert und rief im Krankenhaus für einen Termin zur Zweitmeinung an. Damit war ich einverstanden und ging von einem „Alles ok“ bzw. nur Panikmache aus.
Dieser Termin mit CTG und Untersuchung usw. in einem der mir bekannten Untersuchungszimmer hinter dieser bedeutsamen Kreisssaal-Tür war gekommen. Das CTG war ok und zu meiner großen Freude empfing mich die Oberärztin. Wir kannten uns bereits – sie half mir und meinem Sohn bei der ersten Geburt. Sie untersuchte lange und viel und kam, unter anderem Anhand von Wachstumskurven, leider auch zum Entschluss „Das Kind entspricht nicht dem Schwangerschaftsalter und die Fruchtwassermenge ist sehr gering“. Unsere Diagnose : „SGA“. In 3 Tagen nächste Kontrolle. Und der übernächste Termin in weiteren 4 Tagen. Trotzdem machte ich mich nicht verrückt, genoss das sonnige Wochenende mit Mann und Kind. Mein Bauchbewohner turnte herum und ich fühlte mich gut.
Der nächste Montag war gekommen – der 2. Kontrolltermin im Krankenhaus.
Wieder führte die Hebamme die übliche CTG und Blutdruck – und Pipi- Kontrolle durch. Die Resultate: alle nicht gut! Ich war verunsichert. Ich hatte immer gute Werte.
Dann die Untersuchung bei der Oberärztin. Sie hielt den Ultraschallkopf nur kurz auf meine kleine Kugel: „Das ist nicht gut. Die Fruchtwassermenge hat nochmals abgenommen. Wir müssen einleiten. Heute Abend!“
Heute Abend!?!?! Ich hab noch einen Haufen Wäsche zu Hause zu bearbeiten! Das war tatsächlich mein erster Gedanke. Die weiteren zig- tausende folgten Millisekunden später und alle auf einmal. Ich fragte sie was los sei und musste danach absolut der Einleitung zustimmen: Plazentainsuffizienz. Das CTG und die Untersuchungen zeigten, dass es dem Kind nicht mehr gut geht. Ich sollte am Abend auf 21 Uhr wiederkommen. Ich war wie in Trance. Ich rief sofort meinen Mann an: Ab morgen musst du Urlaub nehmen. Die wollen einleiten. Heute Abend.
Zu Hause verlief es natürlich total chaotisch. Mein Koffer war zwar gepackt aber alles drum herum wollte ich auch noch managen. Schließlich musste mein Sohn mit seinem Vater ein paar Tage ohne mich „überleben“. Meine beiden Männer brachten mich am Abend also ins Krankenhaus. Ein spezielles Gefühl diesen Weg zuletzt schwanger zu befahren und das nächste Mal mit frischem Baby. Ich sagte meinem Mann, dass ich fest glaube, dass das Baby frühestens morgen, eher übermorgen kommen wird. Denn Einleitungsgeburten kannte ich vom Hörensagen als lange und kräfteraubende Geburten, Wehen kommen und gehen, Gang auf und ab laufen, stundenlang.
Im Kreisssaal angekommen konnten meine Männer nun nichts mehr für mich tun. Der Abschied war seltsam. Ich musste meinen Sohn noch nie alleine lassen.
Die Untersuchungen waren alle ok und ich bekam das Zäpfchen mit dem Wehenmittel um ca.
22 Uhr. An Schlafen war zuerst nicht zu denken. Meine Gedanken kreisten. Wie wird es wohl werden- die zweite Geburt? Ich hoffte definiv besser als die erste! Diese startete in der 40. SSW zu Hause um Mitternacht, die Wehen entwickelten sich rasch, 3 Uhr Kreisssaal, 6 Uhr Badewanne, 7 Uhr PDA, welche nicht richtig saß und später zu stark wirkte, Geburtsstillstand, kindliche Herztöne verschlechterten sich – Wehenschwäche – Dammschnitt – Saugglocke – der Sohn hatte 2x straff die Nabelschnur um den Hals. Das alles 13 Stunden!… All das lief nochmals und nochmals in meinen Gedanken ab…
Kurz vor Mitternacht schloss ich meine Augen… Nicht lange. Spürte ich da was? Dieses Gefühl kannte ich doch. Unsinn! Doch und es wurde immer stärker. Dann klingelte ich aber mal! Die Hebamme legte mir das CTG an 2 – 2:30 Uhr. Als sie wiederkam um es abzumachen, krallte ich mich bereits am Bett fest und sie blieb. Sie wirkte etwas ungläubig, ob es schon so stark sei fragte sie und ich konnte kaum antworten. Ich schaffte es auf Toilette zum Pinkeln. Ich sah Blut abgehen und mir war bewusst, dass es jetzt wirklich losging. Auf dem Rückweg hatte ich 2 starke Wehen und hielt mich an der Hebamme fest. Dieser unbeschreibliche Druck nach unten, so schwer und so schmerzhaft, als würde man auseinander gerissen werden oder explodieren. Ich hatte schon den Drang zum Pressen. Zurück am Bettrand platzte die Fruchtblase. Die Hebamme fragte, ob mein Mann bei der Geburt dabei sein will und ich bat sie ihn anzurufen. Ich merkte, dass er es nicht checkte, da sie sich 3x wiederholen musste: „Sie müssen jetzt losfahren, das Baby kommt!“. Ich konnte nichts mehr sagen nur noch atmen und überleben. Sie half mir zurück ins Bett, 7cm war der Muttermund auf, ein Arzt kam. Ich krallte mich an dem fest. So ein junger Typ, der hat doch keine Ahnung, was Schmerzen wirklich sind, dachte ich. Noch eine Ärztin kam und dann hieß es – ok, wir haben 10cm es kann losgehen. Ich schob noch 2 Wehen nach unten. Ich spürte genau den Kopf. Durch die PDA, damals beim ersten Kind, konnte ich das nicht spüren. Es war Wahnsinn aber unangenehm. Verdammt nochmal, wo blieb überhaupt mein Mann? Aber ich konnte doch jetzt nicht warten! Nach 2 weiteren Wehen hörte ich sie schreien! Alle grinsten mich an und sagten sowas wie „Wow, so schnell.“
Es war 3 Uhr! Rosalie war da! Nach nur 2 Stunden Wehen! Unglaublich! Da war sie, das kleine Menschlein und sie ist so schön. Sie wog 2450g und war 47cm klein. Ich schnitt die Nabelschnur, unsere Verbindung, durch. Die Plazenta war sehr klein. Aber Rosalie ging es ordentlich, alles gut. Nur eine dreiviertel Stunde später stillte ich sie. Es klappte sofort, wie als hätten wir zwei uns dafür extra verabredet.
4 Uhr: der Mann kam in den Kreisssaal. Er war ganz leise und meinte, die Wehen seien wieder abgeflacht. Ich drehte mich zu ihm um und sagte „Hier ist sie doch schon!“

Nach- Gedanke: Eine wirklich tolle und intensive Geburt. Und gleichzeitig habe ich damit Mühe, dass mein Mann nicht dabei war. Dieser einzigartige Moment, wenn der Bauchbewohner, den man gemeinsam erschaffen hat, der 38 Wochen in meinem Bauch gewachsen ist, das Licht der Welt erblickt, sich seine kleine Lunge erstmals mit Luft füllt und man sich das erste Mal sieht….das ist so dermaßen überwältigend und wundervoll. So berührend, man findet keine Worte. Und auch, wie ich dafür gekämpft habe, was mein Körper geleistet hat, dass ich das kleine Menschlein gebäre… Dieser Moment kommt nicht wieder… Und er hat das verpasst. Er war nicht da. Das macht mir immer noch sehr zu schaffen.

Diesen spannenden Geburtsbericht hat Josefine geschrieben :)

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