(Leser-)Geburtsberichte

Katharina K. erzählt

Seit ich von der Schwangerschaft erfahren habe, wollte ich alles über die Entwicklung meines Kindes und meines Körpers wissen. Nur bei den tatsächlichen Details zum Geburtsvorgang begnügte ich mich mit einem “Wird schon!”. Immerhin hatten bereits Milliarden Frauen vor mir erfolgreich entbunden.
Mit spärlichen Bausteinen plante ich die Geburt: Hebamme? Ja, bitte zur Nachsorge. Davor reichte mir meine Ärztin – eine lockere Optimistin, mit einer ebensolchen Wird-schon-Einstellung, nur fundierter.

Die Entbindung sollte in einem Krankenhaus stattfinden – eine Hausgeburt habe ich für mich persönlich beim ersten Kind ausgeschlossen und über andere Möglichkeiten habe ich mich schlicht nicht weiter informiert. Ambulant aber am liebsten. Ich wünschte mir die Ruhe zu Hause. Ich war noch nie stationärer Patient in einem Krankenhaus, ich wollte damit nicht anfangen, wenn ich doch garnicht krank war.
Mein Umfeld hielt mich für bekloppt. Direkt nach Hause? Und was, wenn das mit dem Stillen nicht klappt? Was , wenn Du total erschöpft bist? Du könntest dich dort erstmal erholen. Würde ich an Deiner Stelle nicht machen!. Beim ersten Kind?? – Das waren so die häufigsten Reaktionen.
Egal, für mich war die Vorstellung gleich im Anschluss nach Hause zu kommen, mit dem neuen Familienmitglied im Bett zu kuscheln und die Zeit im kleinen Kreis zu genießen – ohne störendes Krankenhauspersonal oder zimmerteilende Großfamilie – das Allergrößte.

Im Geburtsvorbereitungskurs bekam ich das erste Mal, neben dem meines Partners, Zuspruch und Bestärkung, sowie einen tieferen Einblick in die Materie. Nach dem Kurs war ich zwar bestärkt in meinem Vorhaben, formulierte es jedoch für mich als Wunsch, um später nicht zu sehr enttäuscht zu sein, falls nicht alles nach Plan verläuft. Weiterhin wollte ich danach den Kiefer locker lassen, und – wenn mein Körper danach verlangt – den Schmerz herausschreien, ohne falsche Bescheidenheit. Die Position? Hockend zwischen den Knien meines Mannes oder im Vierfüßerstand. Jedenfalls NICHT in RÜCKENLAGE!

Ein Kind kommt nie am errechneten Termin – haben sie gesagt. Beim ersten Kind dauert es lang – haben sie gesagt. Die Wehen kommen erst in größeren Abständen, du kannst dich vielleicht auch nochmal hinlegen – haben sie gesagt. Bloß nicht zu früh ins Krankenhaus!

Am errechneten Termin gab es keine Auffälligkeiten. Einige Übungswehen über den Tag verteilt, wie die Wochen vorher auch. Ich saß mit meinem Partner im Wohnzimmer; wir hörten uns durch seine alphabetisch sortierte Plattensammlung und waren bei Buchstabe E, als um 23 Uhr die Fruchtblase platzte und ich unvermittelt in die Knie gezwungen wurde. Das war mit Abstand der gewaltigste Schmerz, den ich bis dato gespürt habe. Gleich im Anschluss an die Wehe rannte ich aufs Klo und übergab mich, gefühlt bis die nächste Wehe anrollte. Unbedingt wollte ich so lange wie möglich zu Hause bleiben. Bloß nicht zu früh im Krankenhaus auflaufen und dann ewig und drei Tage dort abhängen. Ich rief meine Nachsorge-Hebamme an, die erkundigte sich im Krankenhaus (ihrem ehemaligen Arbeitgeber) nach der Lage und instruierte mich, noch etwas zu warten, bis wir bei 5-7 Minuten Abständen angekommen wären. Um 0:30 Uhr und alle 5 min über 1 Minute Wehen bestellten wir das Taxi. Der Fahrer war froh, uns um kurz vor 1 Uhr wieder los zu sein und mit einem sauberen Taxi von dannen ziehen zu können.
Am Kreissaal angekommen gab es einen kurzen Eingangscheck: Muttermund schon 7 cm offen – Kreissaal 3, bittesehr.
Dort angekommen rollte bereits die erste Presswehe an: “Huch, jetzt ist der Muttermund ja schon 10 cm offen, na dann kann’s ja losgehen.” Ich meine, wie lang ist so ein Flur? 20m vielleicht?

Ich wurde auf das runde Bett bugsiert, keine Ahnung wie.
In RÜCKENLAGE! Scheiße, das wollte ich nicht. Hallo, Sie daAAAAAAAAAAAAAhhhh!!! … Na gut, ich bleib einfach so.

“Blutabnahme, ja, aber das Labor dauert etwas. Fürs Ultraschall haben wir leider keine Zeit mehr. Eine PDA wollen Sie? Hahaha… na dann… PRESSEN!!!!…”

So amüsiert ich nun nach zwei Monaten schon wieder darauf zurückblicken kann, in dem Moment war das grausam. Es ging mir alles viel zu schnell, die Wehen gönnten mir keine Pause, ich lag, wie ich es keinesfalls wollte und obendrein verbat mir die Hebamme das Schreien. Ich solle die Zähne zusammenbeißen, rief sie immer wieder, während ich die Station zusammenbrüllte. Sie war so fordernd und vehement, dass mein Partner in einem kurzen Akt der Verzweiflung versuchte, mir den Mund zuzuhalten.
Die Schmerzen waren enorm. Es fühlte sich nicht an, als ob das Pressen irgendwie helfen würde, oder etwas voran ginge. Pro Wehe sollte ich dreimal lange pressen, jedoch fühlte es sich nur die ersten beiden Male richtig an. Beim dritten pressen nahm der Drang immer schon ab und die volle Kraft konnte ich dort auch nicht mehr aufbringen. Dafür konnte ich da meine Zähne für die Hebamme zusammenbeißen.
Es gab jedoch zwischendurch auch schöne Momente. Zum Beispiel der, in dem mir die Hebamme sagte, man könnte das Köpfchen schon sehen und es wäre voller Haare. Vorsichtig tastete ich zwischen meinen Beinen. Ganz schmal fühlte sich das Köpfchen an und ich bekam neue Kraft um weiterzumachen und meine Tochter aus der misslichen Lage zu befreien.
Als wunderschön empfand ich auch die geflüsterten Bestärkungen meines Partners und seine sanften Berührungen zwischen den Wehen.

Ich hatte mich entschieden in einem Krankenhaus zu entbinden und somit, die Hebamme vorher nicht zu kennen oder gar Absprachen getroffen zu haben, wie ich mir meine Entbindung vorstelle. Der Dringlichkeit geschuldet blieb auch während der Entbindung die Gelegenheit aus, darüber zu sprechen. Hätte ich die Zeit gehabt, ich bin mir sicher, die diensthabende Hebamme wäre auf meine Wünsche eingegangen – so schätze ich sie als Menschen ein – nun aber war die Entscheidung ihr und vielleicht auch der bequemeren Arbeitshaltung überlassen.
Beleghebammen sind in solchen Situationen sicherlich ein großes Plus, denn unter der Geburt selber war ich nicht mehr in der Lage, Wünsche zu formulieren. Sollten iwir uns für ein zweites Kind entscheiden, wäre nun für mich ein Geburtshaus oder das eigene Heim vielleicht die beste Wahl. Und ich würde meinen Partner mehr in meine Wünsche und Vorstellungen einweihen, als ich es hier getan hatte, denn dann könnte er für mich formulieren.

Wie auch immer. Um 1:54 Uhr war es dann geschafft (das Gröbste) und die Tochter war geboren. Ich beugte mich mit der Hilfe meines Partners nach vorne und zog sie mir selber auf die Brust. Sie war so wunderschön, wie sie mich mit großen, wachen Augen ansah. Mein Partner heulte Rotz und Wasser, und auch das war in diesem Moment irgendwie schön zu sehen.

Es ist so verrückt, wie schnell sich extremer Schmerz und pures Glück hier ablösen. Und damit möchte ich nicht sagen, dass nix mehr wehtut oder man den Schmerz gleich vergisst, es wird nur einfach zur unwichtigen Nebensache.

Die Plazentageburt war dagegen ein Klacks. Und ja, weil ich es im Vorbereitungskurs so nett fand, habe ich mich beim Kuchen für die 9-monatige Ernährung meines Kindes bedankt.
Das Vernähen meiner Wunden empfand ich als extrem lästig und langwierig. Ich habe mir sagen lassen, das sei filigrane Feinstarbeit und dauere deshalb so lange, aber in dem Moment und nach dem wahnsinnigen Gefühl der Geburt war ich mir nicht sicher, ob da überhaupt noch die linke mit der rechten und die vordere mit der hinteren Seite verbunden war.

Nach der abschließenden Kontrolle von Mutter und Kind konnten wir dann um 7 Uhr übrigens tatsächlich den Heimweg antreten. Das wichtigste hat also funktioniert. Und über die Frage des Taxifahrers nach Blick auf meinen Bauch, wann denn der zweite Zwilling geboren würde, konnte ich dann nur noch müde lächeln

Meine Hebamme hat mir zu einem späteren Zeitpunkt erzählt, dass bei ihrem vorherigen Anruf im Krankenhaus die diensthabenden Hebammen im Dauerstress waren, kläglich unterbesetzt in dieser Freitag Nacht. Sie sagten ihr, ich solle mein Kommen möglichst lange herauszögern, sonst könne es passieren, dass sie mich abweisen müssten.
Bei dieser rasanten Geburt bin ich froh, dass es soweit nicht gekommen ist. In ein anderes Haus hätte ich es nicht mehr geschafft.

Diesen wunderschönen Bericht hat Katharina K. (36) geschrieben ?

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