Pflegemutter
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Eltern-Interview: Die alleinerziehende Pflegemutter mit dem großen Herz

Nicht alle Kinder haben das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, in der sie bleiben, in der sie sicher und glücklich groß werden können. Manche Kinder müssen eine neue Familie finden, neue Mütter und/oder Väter, die sich gut und mit ganz viel Herz um sie kümmern. Auch dann, wenn niemals ganz sicher ist, ob sie dauerhaft zusammenbleiben können. Denn Pflegemutter oder Pflegevater zu sein birgt immer das Risiko, das Kind, dass man aufnahm, wieder hergeben zu müssen. Ein Gedanke, der mir direkt die Tränen in die Augen treibt, den Pflegeeltern aber zumindest im alltäglichen Leben wegschieben müssen, um Platz zu schaffen für die bedingungslose Liebe, die einfach jedes Kind verdient.

Maja* hat diesen Platz für ihren kleinen Tom* geschaffen. Und noch viel mehr, denn ihn aufzunehmen hat ihr ganzes Leben sehr nachhaltig verändert. Wie so oft muss ich gestehen: Bevor ich dieses Eltern-Interview führte, hatte ich nur den Hauch einer Ahnung, was es bedeutet, eine Pflegschaft für ein Kind zu übernehmen. Denn nicht nur emotionale Hürden lassen einen da immer wieder straucheln.

Maja hat sich für diesen Weg der Mutterschaft entschieden. Sie nahm 2018 – zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes – den kleinen Tom bei sich auf, krempelte alles für den mittlerweile 4-jährigen um und liebt ihn heute noch viel mehr, als sie damals für möglich hielt. Im Eltern-Interview erzählt die 40jährige, wie es ist, eine Pflegemutter zu sein:

*alle Namen habe ich auf Wunsch der Familie geändert.

Eltern-Interview mit Maja, der alleinerziehenden Pflegemutter mit dem großen Herz

1. Gibt es etwas an dir, dass die Menschen in deinem Umfeld (oder auch die Gesellschaft) als „anders“ oder „besonders“ bezeichnen würden? Wenn ja, was ist es?

Ja, ich bin Pflegemutter. Das sieht man natürlich nicht auf den ersten Blick. Aber spätestens, wenn die vollen Namen genannt werden, dann wandern die Blicke. Denn Tom hat als Pflegekind natürlich nicht meinen Familiennamen, sondern seinen eigenen.

2. Welche Reaktionen erntest du dafür, dass du in einigen Punkten von der „offiziellen“ Norm abweichst?

Da ist alles eigentlich dabei. Angefangen bei: „Dass es Menschen wie dich gibt, ist so wichtig“-Lob über: „Ich könnte das nicht“ bis: „Pflegeeltern machen das nur für Geld“ ist wirklich alles dabei. Meistens sind es aber positive Reaktionen. Oft wird auch Interesse gezeigt, gerade von Freunden. Nicht jeder hat Verständnis, vor allem wenn sich eben „Baustellen“ im Verhalten offenbaren. Oder wenn es zu Vorfällen mit Pflegeeltern wie in Lengede kommt – dann ist die Skepsis oft noch größer.

3. Welchen Einfluss hat das auf dein Leben … als Individuum, aber auch als Frau und Mama?

Mein Leben hat sich dadurch sehr geändert. Als Tom zu mir kam, war er schon 2 Jahre alt – da kam ein kleiner Mensch, der schon einiges erlebt hatte, der schon eine gewisse eigene Persönlichkeit hatte. Es gab keine neun Monate Schwangerschaft und sein Leben in den ersten zwei Jahren war mir größtenteils unbekannt. Und ich war für ihn eine Unbekannte. Zum Glück hatte er eine gute Bereitschaftsfamilie und wir machten eine lange Anbahnung, d.h. trafen uns mit seiner Bereitschaftsfamilie langsam und näherten uns in mehreren Wochen an. Dann zog er bei mir ein. Seitdem ist mein Leben auf den Kopf gestellt.

Zum einen ist mein Leben öffentlicher – als potentielle Pflegemutter wird man intensiv geprüft: polizeiliches Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis, das Wohnverhältnis, detaillierte finanzielle Auskünfte und auch das persönliche Leben – alles wird durch das Jugendamt durchleuchtet. Was richtig ist, keine Frage. Und das geht nach der Aufnahme des Kindes weiter – Hausbesuche, Berichte über die Entwicklung, Behördengänge, Hilfeplangespräche und natürlich auch Umgangskontakte mit der Herkunftsfamilie; das eigene Leben wird plötzlich in vielen Bereichen fremdbestimmt und das gleich von 0 auf 100.

In meinem Fall bedeutet das auch, dass ich meine Arbeitszeit reduziert habe. Ich arbeite zwar von zu Hause, aber zwischen Arztbesuchen, Behördenschreiben, Anträgen und insbesondere dem Bindungsaufbau war ein Vollzeitjob nicht mehr drin. Nach 1,5 Jahren habe ich die Reißleine gezogen und arbeite jetzt seit Januar mit reduzierten Stunden. Denn viele gesundheitliche und vor allem sozial-emotionale Probleme haben sich bei Tom erst im Laufe der Zeit herausgestellt. Wie viele Pflegekinder bringt auch er einen Rucksack an Problemen mit. Denn im Gegensatz zur oft landläufigen Meinung kommt es nicht so einfach zu einer Inobhutnahme – Verwahrlosung, Missbrauch, Vernachlässigung, Gewalterfahrung – im Rahmen meines Kontakts mit anderen Pflegeeltern bekomme ich vieles mit, auch wenn ich hier nicht im Detail auf Toms Hintergrund eingehen möchte. Auch die Personen und potentiellen Personen in meinem Umfeld sind betroffen. Jeder Mann, der z.B. jemals in mein Leben treten sollte, muss natürlich meinen Pflegesohn akzeptieren. Aber gleichzeitig müsste auch er behördlich auf seine Eignung überprüft werden, müsste ein polizeiliches Führungszeugnis beibringen, zumindest wenn er sich beispielsweise in meiner Wohnung aufhalten würde und somit regelmäßig Kontakt zu Tom hätte. Das gilt übrigens für jeden Volljährigen im gemeinsamen Haushalt – würde also auch volljährige leibliche Kinder betreffen oder Großeltern, wenn diese im selben Haushalt leben.

Das Dasein als Pflegemutter hat mich natürlich geprägt. Zum einen sehe ich sehe mich als „Mutter“ mit Besonderheiten. Denn ich soll und will dem Kleinen eine Familie geben, ich binde mich genauso wie er, aber ich weiß immer, dass es passieren kann, dass er wieder geht. Ich bin bundesweit mit Pflegeeltern vernetzt und es gibt Fälle, da mussten Pflegekinder nach Jahren wieder zurück – manchmal ging es gut, sehr oft nicht. Zurück blieben dann gebrochene Kinderseelen und gebrochene Pflegeeltern. Das hat mir schon manchen Albtraum bereitet. Die erste Zeit habe ich sogar bewusst versucht die Bindung nicht zu eng werden zu lassen, einfach aus Angst, aber es war hoffnungslos – mittlerweile hängen wir sehr aneinander und er nennt mich Mama. Es ist eine Gratwanderung, die man erst versteht, wenn man ein Pflegekind hat – meine Aufgabe ist es, den Kleinen zu schützen und zu begleiten, ihm zu helfen, traumatische Ereignisse zu verarbeiten, sich zu entwickeln. Aber auch wenn die Herkunftsfamilie es nicht geschafft hat, ihm Eltern zu sein, so sind sie doch ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, dort kommt er her. Und auch wenn es bei uns momentan keine Umgänge gibt, so ist das doch ein Thema und es wird auch wieder Umgänge geben. Letztens haben wir uns Bilder angeschaut und ich habe ihm gesagt „Schau, so sahst du aus, als du zu Mama gekommen bist.“ Eben kein Baby. Noch versteht er das nicht, aber es wird kommen. Dann wird das Thema Biographie-Arbeit wichtig und ich muss darauf achten, dass ich der Herkunftsfamilie gegenüber neutral bin, dass ich nicht meine Gefühle auf ihn übertrage und ihn seine eigenen finden lasse. Aus Gesprächen mit anderen Pflegeeltern weiß ich, wie schwer das ist, denn wir sind natürlich auch nur Menschen und wissen was passiert ist und was das für „unsere“ Kinder bedeutet.

In manchen Dingen bin ich auch „abgebrühter“ geworden. Ich habe beispielsweise mit einer Freundin den Film Systemsprenger geschaut. Fast das ganze Kino weinte, inklusive meiner Freundin. Und ich? Mich hat es zwar berührt, aber ich wusste auch es ist Realität – vor zwei Jahren wären sicher auch die Tränen geflossen, jetzt erkannte ich eher „mein“ Kind an einigen Stellen.

Leider haben auch „Zahlen“ an Bedeutung gewonnen. Das Thema „Geld“ war nie so wichtig, ich verdiene gut. Seitdem ich aber ein Pflegekind habe, muss ich mich oft rechtfertigen, viele Menschen treibt das Thema „Pflegegeld“ um. Also kann ich die Zahlen auswendig: ein Heimplatz kostet mehrere Tausend Euro im Monat, eine Pflegefamilie bekommt in unseren Breiten je nach Alter des Kindes zwischen 600 und 800 Euro, davon sind im Schnitt maximal 230 Euro das “Gehalt” (Erziehungsbeitrag) der Pflegeeltern, der Rest gehört dem Kind. Kindergeld wird bei Dauerpflege zwar an die Pflegeeltern gezahlt, je nach Anzahl der Kinder wird dann aber beim Pflegegeld gekürzt (bei einem Kind wie bei mir 50 %, es werden also 102 Euro vom Pflegegeld wieder abgezogen). Pflegeeltern können beispielsweise auch in Elternzeit gehen (manche Jugendämter verbieten sogar die Fremdbetreuung von unter 3jährigen, dann muss ein Elternteil den Job aufgeben), Elterngeld gibt es aber keins – den Verlust eines Vollzeitjobs macht kein Pflegegeld wett. Manche Landkreise bieten jetzt eine Art Ersatzzahlung für das Elterngeld an, allerdings ein deutlich niedrigerer Pauschalbetrag, da einkommensunabhängig. Sicher mag es Pflegeeltern geben, die das Geld sehen – auch in dieser Gruppe gibt es schwarze Schafe – aber reich wird niemand und das ist auch nicht die Intention.

4. Was für eine Art Mama bist du? Was liebst du besonders an dieser Rolle? Was nicht so? ;)

Der Moment als Tom mich das erste Mal „Mama“ genannt hat, war besonders. Die kleinen Fortschritte. Sein Lachen. Wie er aufholt. Ich bin am Ende eines Tages oft erschöpft, aber wenn Tom, den man am Anfang nicht einmal berühren durfte, plötzlich von sich aus auf meinen Arm kommt, kuscheln will, Nähe sucht … dann ist es ein tolles Gefühl. Dass ich es geschafft habe, ihm Vertrauen zu Erwachsenen zu geben. Ihn auf diesem Weg zu begleiten, das ist wunderschön.

Die Bürokratie ist es nicht. Ich habe mehrere Ordner stehen, alles muss dokumentiert werden. Seitdem ich die Vormundschaft habe ist es etwas leichter – vorher musste ich bei fast jeder Entscheidung erst an das Jugendamt herantreten. Dort geben alle Mitarbeiter ihr Bestes, sind aber hoffnungslos unterbesetzt. Was ich an meiner Rolle nicht liebe sind, so doof wie es kling, sehr oft andere Mütter. Und zwar unabhängig davon, ob es Pflegemütter oder „normale“ Mütter sind. Mir war nie zuvor bewusst, wie „wertend“ Frauen miteinander umgehen. Der schlimmste Feind der Frau sind andere Frauen – so zumindest mein Eindruck. Aus so vielen Sachen wird ein total unnötiger Wettkampf gemacht. Oder andere Mütter werden regelrecht „nieder“ gemacht, wenn sie anders erziehen. Ich bin selber der Typ „leger“ und Tom ein Draußenkind. Er kann gerne in Trainingshose in den Kindergarten, er darf im Matsch spielen, sich dreckig machen, bauen, buddeln, mit Wasser panschen. Dafür habe ich schon abwertende Kommentare geerntet. Auch dafür, dass er in den Kindergarten geht – auch andere Pflegemütter, die mich gar nicht kannten, haben da gleich mal pauschal meine „Eignung“ in Frage gestellt, weil er in den Kiga geht – dabei war eben dieser Kiga seine damalige Konstante in Zeiten des Wechsels von der Bereitschaft zu mir. Ich finde es persönlich auch unnötig, wenn ein dreijähriges Kind wie aus dem Ei gepellt rumläuft und beim Fototermin im Kindergarten extra Kleider in der Kleiderhülle mitbringt – wenn aber anderen Familien dies wichtig ist, dann ist das so.

5. Was wünschst du dir am meisten für deine Zukunft? Und was für die deiner Kinder?

Für Tom wünsche ich mir zum einen eine offenere Gesellschaft. Nicht jedes Kind, das aus der „Rolle“ fällt oder nicht der „Norm“ entspricht, ist schlecht erzogen oder verzogen – vielleicht hat es einfach eine Geschichte wie Tom. Nicht jedes Kind, das spät redet, mit 3,5 Jahren noch Windeln trägt oder eben nicht so selbständig ist, ist deswegen „zurück“. Hören wir doch auf, aus allem einen Wettbewerb machen zu wollen. Für Toms spätere Zukunft wünsche ich mir, dass die Kostenheranziehung entfällt. Die besagt, dass Pflege- und Heimkinder, die im Jugendhilfesystem sind, für die für sie anfallenden Kosten herangezogen werden können. So muss dann bspw. ein 16jähriger, der noch in der Pflegefamilie oder im Heim lebt und in Ausbildung ist 75 % seines Lehrlingsgehalts ans Jugendamt abgeben. Kein Anreiz zum Arbeiten.

Ich wünsche mir, dass ich Tom gerecht werde. Natürlich auch, dass er bleibt, momentan sieht es auch danach aus.

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft Pflegeeltern einfach als soziale Menschen sieht, die ihren Teil dazu beitragen. Weder als jemanden mit Heiligenschein, noch als geldgierige Personen.

Und ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft offen darüber sprechen was passiert. Offen über Dinge wie Vernachlässigung und Missbrauch. Aber auch offen darüber wie oft unsere Gesellschaft versagt. Weil wir wegschauen, weil wir nichts sagen. Gleichzeitig rutschen auch Familien, die wirklich Hilfe suchen, plötzlich ins System. Gerade Alleinerziehende. „Es braucht ein ganzes Dorf ein Kind zu erziehen,“ sagt ein altes Sprichwort. Das sollten wir als Gesellschaft wieder zum Leben erwecken – vielleicht erspart das dann manchem Kind den Weg ins Jugendhilfesystem.

 

Liebe Maja, vielen Dank für den offenen und sehr informativen Einblick in dein Leben als Pfegemutter! Ich wünsche dir und deinem Sohn von Herzen nur das Beste für die Zukunft! :-*

Nochmal zur Erinnerung, warum ich diese tolle Interview-Reihe gestartet habe: Ob wir gute oder schlechte Eltern sind, hängt nur davon ab, ob wir aufgrund unserer innigen Liebe zu unseren Kindern immer darum bemüht sind, die besten Mamis und Papis zu sein, die wir sein KÖNNEN. Nicht mehr und nicht weniger. Das eint uns! Und genau DAS möchte ich mit dieser Interview-Reihe zeigen – um der Chance willen, mehr übereinander und unterschiedliche Lebensmodelle oder Persönlichkeiten zu erfahren. Weil ich das unheimlich toll und spannend finde und ihr doch sicher auch?! Deshalb freue mich sehr, wenn sich weiterhin viele melden (mit einer Mail an hallo@laecheln-und-winken.com), um mitzumachen und etwas von sich zu erzählen. 

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Text teilt! Danke! <3

 

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