Zwillingsschwester
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Eltern-Interview: Die Mama, die sich nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester nur noch eines wünscht – Gesundheit für ihr Kind

Zwillinge gehören zusammen. Sie sind eine Einheit. Natürlich nicht komplett, aber doch schon viel mehr, als andere Geschwisterpaare. Manche Zwillingspaare entwickeln als Kinder eigene Sprachen, viele sind emotional so eng verbunden, dass sie ihre Träume teilen und einige spüren sogar den körperlichen Schmerz des anderen. Es ist definitiv eine ganz besondere Verbindung, die bei den meisten ein Leben lang innig bleibt. Doch was passiert, wenn ein Zwilling stirbt. Was passiert mit dem, der zurückbleibt; der plötzlich allein ist, ohne je damit gerechnet zu haben, möglicherweise sogar auffangen muss, was seine andere Hälfte zurückgelassen hat. Welche Konsequenzen bringt ein solcher Verlust mit sich, welche Veränderungen … für ein junges Mädchen von 15 Jahren, das unter Schock versucht, ZWEI Menschen zugleich zu sein, um niemanden zu enttäuschen. Und was wird aus so einer jungen, zur Stärke gezwungenen Frau, wenn sie irgendwann ein Kind hat. Nimmt der Verlust der Zwillingsschwester auch noch Jahre später Einfluss auf ihre Rolle als Mama? Was, wenn zusätzlich noch eine Krankheit dazu kommt?

Heute ist Felicitas* 22 Jahre alt und Mutter eines kleinen Söhnchens. Sie lebt in einer glücklichen Beziehung, mit der sie eigentlich gar nicht gerechnet hätte, ist ein bunter Hund im Dorf und irgendwie auch doch nicht. Im Eltern-Interview gibt sie einen kleinen Einblick in ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart.

*den Namen habe ich auf Wunsch geändert.

Eltern-Interview: Die Mama, die sich nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester nur noch eines wünscht – Gesundheit für ihr Kind

1. Gibt es etwas an dir, dass die Menschen in deinem Umfeld (oder auch die Gesellschaft) als „anders“ oder „besonders“ bezeichnen würden? Wenn ja, was ist es?

Das sind mehrere Faktoren. Der Auffälligste ist wohl, dass mein Partner 10 cm kleiner ist als ich. Da ich aus einem kleinen Dorf komme, und die nächste Stadt auch nicht sonderlich groß ist, war es vor ein paar Jahren der Punkt, dass ich meine Zwillingsschwester verloren habe. Mich kannte ab da gefühlt jeder. Die neuen Freunde, die ich im Laufe der Zeit dazu bekam, haben mich dann alle auf meine Narbe unterhalb meines linken Schlüsselbeins angesprochen. Das Jahr 2014 war für mich und meine Familie eines der härtesten, das wir je durchmachen mussten, mit mehr Tiefen, als Höhen.

2. Welche Reaktionen erntest du dafür, dass du in einigen Punkten von der „offiziellen“ Norm abweichst?

Da mein Partner 10 cm kleiner ist als ich, werden wir immer komisch angesehen. Vor allem dann, wenn wir das erste Mal zusammen gesehen werden. Meine Familie hat sich daran gewöhnt und von Anfang an nichts dazu gesagt. Meine Mutter war auch der eigentliche Grund, warum ich ihm überhaupt eine Chance gegeben habe. Was sowas angeht ist sie eine kleine Hexe. Sie wusste auch vor mir, dass ich schwanger bin und es ein Junge wird. Bei seiner Familie sieht das ganz anders aus. Seine große Schwester denkt immer noch, dass das mit uns ja eh nicht hält. Sie sorgt immer dafür, dass irgendwo ein Zimmer für ihn frei ist. Dumme Kommentare, direkt in mein Gesicht, habe ich aber noch nicht zu hören bekommen. Doch die Gesichter sprechen Bände. In Großstädten werden wir einfach nicht beachtet.
Da ich aber schon einiges aus dem Jahr 2014 und den Jahren danach gelernt habe, ist mir das gleich.
Denn da wurden meine Familie und ich ständig angesprochen. „Wie geht’s euch?“ (Ja, wie soll es einem schon gehen nach sowas?) „Wissen die Ärzte schon, woran sie gestorben ist?“ (Nein, wir warten noch auf die Ergebnisse. / Nein, es gibt keinen nachweißbaren Grund für ihren Tod.“)
Da meine beiden Elternteile lange Zeit nicht darüber reden konnten, habe ich jedes Mal die Antworten auf diese und noch mehr Fragen gegeben.  Ich wurde mit Mitleid überhäuft und sollte bitte für jeden ihren Platz als Freundin, Schwester und Tochter einnehmen. Ich hab‘s versucht, bin dabei aber kläglich gescheitert. Wir waren einfach zu unterschiedlich. Das wurde mir übelgenommen und somit wurde ich von einigen meiner damaligen Mitschüler gemieden. Das war völlig okay, ich hatte ja meine Freunde. Freunde die mich wollten und nicht meine Schwester.

3. Welchen Einfluss hat das auf dein Leben … als Individuum, aber auch als Frau und Mama?

Zwillinge sind ja meistens von Anfang an immer zusammen unterwegs, ob Arzt, Kindergarten oder Schule, viele haben sogar denselben Freundeskreis. Wir haben ja schließlich auch unter einem Dach gelebt. Ich war also nie allein, wenn ich es nicht wollte. Es war nicht immer schön, aber meistens eben doch. Als ich sie dann leblos gefunden habe, wusste ich nicht, was ich machen soll. Mit 15 hatte ich einfach keine Ahnung wie Reanimation geht. Meine Mutter, die 2 min später kam, aber schon. Danach hatte ich keine Zeit mehr für Pubertät. Ich konnte meine Eltern nicht einen Augenblick allein lassen. Eine Zeitlang habe ich sogar wieder mit bei ihnen im Bett schlafen müssen. Ich musste von heute auf morgen der Mensch sein, der nicht zusammenbricht. Ich habe so gut wie es geht versucht, alle zusammenzuhalten und getröstet, bis es nicht mehr ging. Wegen dieser Vorgeschichte wurde ich dann auch wegen Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingewiesen. Dort stellte man fest, dass mein Herz ständig ins Holpern kommt und das auf eine Art und Weise, dass es Lebensbedrohlich sein kann. Keine 4 Wochen später befand ich mich in einem 400 km entfernten Krankhaus für die Einsetzung eines Defibrillators. (Ja, auch Kinder und Jugendliche können sowas bekommen!) Ab da wurde es noch schlimmer. Ich wurde sogar überwacht. Alleine Zugfahren oder woanders schlafen war plötzlich unmöglich. Ich hatte nicht mal Zeit, mich selbst zu finden, wie man das eben so macht mit 15.  Nach einem Jahr wurde es besser. Allerdings trennte mein Vater sich dann von meiner Mutter. Auch da war ich wieder für sie da. Brach den Kontakt für ein Jahr zu meinem Vater ab. Mit 18 habe ich dann alles nachgeholt was so ging. Allerdungs ist das mit 18 gefährlicher als mit 15. Der Autounfall, bei dem ich wohl 10 Schutzengel hatte, hat mir dann die Augen geöffnet.

Bei der natürlichen Geburt meines Sohnes ist das Kabel des Defibrillators kaputt gegangen. Auch so war die Geburt sehr anstrengend für meinen Körper. Ich konnte mein Kind weder hochheben, noch von einer auf die andere Seite legen. Laufen ging nur sehr schwer und langsam. Mein Blutverlust war auch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Mein Partner war 3 Wochen mit uns zuhause und hat mir tatkräftig geholfen. Als es besser wurde und ich mich endlich so fühlte, dass ich mich alleine um den Kleinen kümmern konnte, kam der Anruf. Wir mussten sofort aufbrechen und mit unserem 3 Wochen alten Baby 400 km fahren, damit ich wieder operiert werden konnte.
Ich pumpte so viel Muttermilch ab, wie ich konnte und hoffte es würde gut gehen. Die OP war für 1,5 Stunden geplant. Mein Partner war mit und kümmerte sich um unser Baby. 8 Stunden war ich insgesamt im OP. Das Kabel war sehr stark mit meinem Herzen und der Hauptschlagader verwachsen. Damit hatte keiner gerechnet.  Als ich aufwachte, war ich in einem anderen Krankenhauszimmer, ohne Partner und Kind.
Eine halbe Stunde später kamen sie aber. Durch die Länge der OP und der Geburt vor drei Wochen hatte ich einen HB von 4,6. Viel zu niedrig. Schon wieder konnte ich mich nicht um mein Kind kümmern. Nicht mal stillen konnte ich. Ohne meinen Partner und meine Familie hätte ich das nicht geschafft. Er fütterte alle 2-3 Stunden unser Kind und pumpte bei mir Muttermilch ab. Er machte mir essen, fütterte mich und gab mir trinken. Ich konnte mich kaum bis gar nicht bewegen.
Ich kann sagen, dass kein anderer Mann, den ich kenne, sowas ohne zu zögern und zu mucken so gemacht hätte. Er hält mir das alles nicht mal vor. ER hat mich aufgebaut, als die Schuldgefühle immer größer wurden. Ich bin ein Mensch, dem das Innere wichtiger ist als das Äußere. Die 10 cm Unterschied stehen weder uns noch unserer Beziehung im Weg. Ich habe einfach ein riesen Glück, diesen Mann an meiner Seite zu haben.

Welchen Einfluss das alles auf mich hatte? Es hat mich stark gemacht. Ich kann sagen, es gibt Schlimmeres als eine Kündigung oder ein kaputtes Auto. Ich habe es erlebt.
Ich weiß, wie wertvoll Lebenszeit ist und verbringe diese nur mit Menschen, die es meiner Meinung nach wert sind. Ich habe keine Zeit und keine Lust auf falsche Freunde und unnötige Gespräche. Meine Freunde mögen genau das an mir und meine Ehrlichkeit.
Mir ist die Gesundheit meines Kindes unglaublich wichtig. Ich koche alles selbst, was er bekommt. Bei jedem bisschen frage ich entweder meine Mama oder meine Hebamme um Rat.
Ich lasse meinen Sohn auch nur bei mir und meinem Partner mit im Auto fahren. Ich habe ihm einen ziemlich teuren Kindersitz geholt, damit er auch bloß sicher ist. Seine Sicherheit hat bei mir erste Priorität, auch wenn einige finden, ich übertreibe. Ich will einfach nur mein Baby nicht verlieren und werde eben alles dafür tun. Wenn ich könnte, würde ich mein Kind nur in einem Panzer von A nach B transportieren. Gläschen oder Quetschies kommen bei mir nicht in Frage. Ich will wirklich wissen, was ich meinem Kind gebe und was drin ist. Ein bisschen Kontrollfreak bin ich auch geworden. (Außer mein Partner passt auf ihn auf)
Mir graut es schon davor, wenn der Kleine anfängt mit Fahrradfahren oder ähnlichem. Am liebsten würde ich ihn dabei in Watte packen. Ich weiß aber, dass das übertrieben wäre und ich ihm so das nehme, was er braucht. Erfahrungen.

4. Was für eine Art Mama bist du? Was liebst du besonders an dieser Rolle? Was nicht so? ;)

Eine Glückliche. Mein Familienleben mit Partner, Kind und Hund haben mein Herz von all dem Leid geheilt. Ich war noch nie in meinem Leben so glücklich. Mich um meinen Sohn zu kümmern und ihn aufwachsen zu sehen, ist traumhaft. Nachdem mein Wochenbett ganz anders ausgefallen ist, als ich mir gewünscht habe, genieße ich es viel mehr, mich um ihn zu kümmern. Diese wertvolle Aufgabe gebe ich aber nur an Menschen weiter, die es auch wertschätzen können. Zeit für mich allein oder mit meinem Hund ist aber auch schön. Einer der Gründe, warum ich so früh Mutter werden wollte, war meine Mutter. Es geht ihr wieder gut, seitdem er da ist. Sie liebt ihn so sehr und kümmert sich gerne für ein paar Stunden um ihn. Er liebt sie genau so sehr. Der kleine Mann sollte aber nie ein Ersatz für meine Schwester sein und wird es auch nie. Aber seine Lebensfreude, seine offene, herzliche Art und seine so gute Entwicklung geben uns Hoffnung. Er bringt endlich wieder Licht in unser aller Leben. Mein Vater kann sogar endlich wieder den Namen meiner Schwester in den Mund nehmen und mir Geschichten von ihr erzählen. Ich kann endlich wieder ehrlich sagen, es geht uns allen gut.

Tatsächlich gibt es nichts an dieser Rolle, was ich nicht mag. Mein Sohn weckt mich immer noch nachts alle 3-4 Stunden und das ist gut so! So kann ich ihn noch mehr Kuscheln und Knutschen. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich tatsächlich ein „Anfänger-Baby“ habe. Er isst und trinkt gut. Er wächst und gedeiht prima. Er weint gar nicht, höchstens mal nöhlen. Dafür lacht er den ganzen Tag! Auf seiner Spielwiese kann er sich sogar 1,5 Stunden allein beschäftigen. Und er ist gesund. Wir müssen zwar regelmäßig zum Kardiologen und haben noch ein paar Termine und Untersuchungen beim Genotologen offen, aber das ist alles okay.

5. Was wünschst du dir am meisten für deine Zukunft? Und was für die deiner Kinder?

Das Allerwichtigste ist Gesundheit. Ich möchte, dass er eine unbeschwerte Kindheit hat und sich in Ruhe selbst finden kann. Mit allem was dazu gehört. Ich werde ihm aber auch erzählen, sobald er es versteht, dass er eine Tante im Himmel hat. Ich wünsche mir für ihn, dass er die harten Situationen, die auf ihn zukommen werden, übersteht und daraus stärker wird. Ich möchte ihm zeigen, dass es egal ist, welche Menschen eine Beziehung miteinander führen. In der Liebe ist doch alles erlaubt.
Und ich hoffe, dass er stark genug ist, die dummen Kommentare, die wegen seinen Eltern kommen werden, nicht zu nah an sich heranlässt.

Ich weiß, dass ich weiterhin alle 5-6 Jahre einen neuen Defibrillator brauche. Ich wünsche mir nur, dass ich die nächsten 50 Jahre wieder aus der Narkose aufwache. Auch wenn ich vor dem Tod keine Angst habe, möchte ich so viel Zeit wie möglich mit diesen wunderbaren Menschen um mich herum verbringen.

Liebe Felicitas, vielen Dank für den offenen Einblick in dein Leben und deine Geschichte! Ich wünsche dir und deinen Lieben von Herzen nur das Beste für die Zukunft! :-*

Nochmal zur Erinnerung, warum ich diese tolle Interview-Reihe gestartet habe: Ob wir gute oder schlechte Eltern sind, hängt nur davon ab, ob wir aufgrund unserer innigen Liebe zu unseren Kindern immer darum bemüht sind, die besten Mamis und Papis zu sein, die wir sein KÖNNEN. Nicht mehr und nicht weniger. Das eint uns! Und genau DAS möchte ich mit dieser Interview-Reihe zeigen – um der Chance willen, mehr übereinander und unterschiedliche Lebensmodelle oder Persönlichkeiten zu erfahren. Weil ich das unheimlich toll und spannend finde  und ihr doch sicher auch?! Deshalb freue mich sehr, wenn sich weiterhin viele melden (mit einer Mail an hallo@laecheln-und-winken.com), um mitzumachen und etwas von sich zu erzählen. 

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Text teilt! Danke! <3

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