Leser-Geburtsberichte

Carolin erzählt

Meine große Tochter kam vor vier Jahren zwar drei Wochen zu früh, aber sehr unproblematisch und flott auf die Welt. Ich wollte unbedingt voll stillen, aber auf Grund ihres damaligen Leichtgewichts von 2640g ließ ich mich leider bereits im Krankenhaus bezüglich der Gewichtszunahme und vermeintlich zu wenig Milch so kirre machen, dass ich von vornherein zufütterte. So endete unsere Stillbeziehung nach drei Monaten, in denen die kleine Madame natürlich sehr schnell merkte, wie schön einfach das Fläschchentrinken war. Ich war traurig und sauer, dass ich mich so beeinflussen hatte lassen und beschloss: beim zweiten Kind würde es anders laufen!

Oh ja und es lief anders..alles..komplett!

16.11.17/22 Uhr

Meine zweite Maus ist die ganze Schwangerschaft über sehr lebhaft im Bauch, doch an diesem Abend befürchte ich, als ich auf der Couch sitze, dass sie mir wohl bald mit ihren Beinchen eine Rippe brechen wird. Plötzlich –schwapp… ich eile zur Toilette und hoffe noch auf eine plötzlich aufgetretene Inkontinenz, sind es zum ET doch noch 5 Wochen.

Die Ärztin im Krankenhaus bestätigt aber leider meine Befürchtung: vorzeitiger Blasensprung. Das wäre Anfang der 36 SSW aber gar kein Problem, die Kleine würde leicht sein, aber sonst wäre alles ok. Also komme ich in ein Wehenzimmer.

17.11.17/10 Uhr

Da sich in der Nacht wehentechnisch leider nichts ergab, bekomme ich an diesem Morgen die Einleitung, die auch sehr flott anschlägt. Innerhalb einer halben Stunde habe ich Wehen im 3-Minuten-Abstand. Nach zwei Stunden ist der Muttermund bereits 4cm offen. Etwas verwundert bin ich darüber, dass ich fast jede halbe Stunde ans CTG muss…

12 Uhr

Die Hebamme (zu meiner Freude die Gleiche, die bereits meine Große entbunden hat) meint, wir könnten schon mal in den Kreißsaal gehen. Dort wird wieder der Muttermund kontrolliert und ein CTG geschrieben. Da die Wehen sehr heftig und flott kommen, bietet mir die Hebamme ein leichtes Schmerzmittel an. Dieses schlägt mir allerdings so extrem auf den Kreislauf, dass ich das Folgende nur wie durch einen Schleier mitbekomme.

12:34 Uhr

Die Hebamme möchte gerade etwas auf den Muttermund auftragen, um ihn weicher zu machen, als sie stockt, das Telefon zückt und etwas von „Nabelschnur“ sagt. Plötzlich wuseln viele Leute um mich herum, mein Mann ist ganz weiß im Gesicht. Ich versuche nachzufragen und bekomme gesagt, dass sich die Nabelschnur vor das Köpfchen geschoben hätte und dass die Hebamme nun das Köpfchen hochdrücken müsse, bis wir im OP seien. Ich habe furchtbare Panik und fühle mich hilflos, da ich wegen dem Medikament total neben mir stehe und mich nicht mal richtig bewegen kann. Zu fünft versuchen sie das riesige Wehenbett aus dem Zimmer zu schieben, aber die Bremse scheint zu klemmen. Mein Mann hilft mit und das Bett wird inklusive meiner Wenigkeit um die Ecke gewuchtet, so dass sie mich auf ein normales Bett heben können. Im Nu liege ich im OP. Ein Narkosearzt schiebt sich in mein Gesichtsfeld, fragt nach Allergien, währenddessen schüttet eine andere Ärztin einen Kanister Desinfektionsmittel über meinen Bauch. Ich verschwinde unter einem Tuch, rieche die Desinfektion, ich höre noch: „Wartet, sie ist noch nicht weg…“ und dann wird alles schwarz.

12:41 Uhr

Meine Kleine erblickt auf Grund eines Nabelschnurvorfalles per Notsectio mit 2100 Gramm, 43cm Länge und 30cm Kopfumfang das Licht der Welt. Da sie Probleme beim Atmen hat, kommt sie auf die Frühchenintensivstation.

Ich kann sie erst am Abend sehen. Da werde ich mit dem Bett die fünf Stockwerke nach unten gefahren. Wir sollen sie nicht berühren, da sie sich nicht aufregen soll. Mehr Kabel als Kind. Ich werde gefragt, ob ich stillen möchte und bekomme eine Milchpumpe aufs Zimmer. Mein Mann erzählt mir, dass heute Weltfrühchentag ist…

Die Tage danach

Es stellt sich heraus, dass meine Kleine einen Pneumotorax hat. Sie wird operiert. Erst zwei Tage später bekomme ich sie zum ersten Mal auf die Brust gelegt. Mit Tubus und endlos vielen Kabeln. Sie ist so zart. Ich pumpe im drei-Stunden-Takt Milch für sie ab. Mehr kann ich nicht tun. Die Tage auf der Wöchnerinnenstation sind, trotz einer sehr lieben Bettnachbarin, die Hölle. Ich vermisse meine Kinder. Überall hört man Babys, nur meins ist nicht bei mir. Ich weine viel und fühle mich um alles betrogen, auf das ich mich doch so gefreut hatte: die Geburt, das Gefühl, wenn man das Baby zum ersten Mal auf die Brust gelegt bekommt, das Kennenlernen und Kuscheln.

Mein ganzer Körper schmerzt. Mein Rücken, Nacken, Kiefer, die Rippen auf der rechten Seite und natürlich die Naht. Die Ärztin meint, das käme wohl von der schnellen Arbeitsweise bei der Notsectio. Schlafen geht nur mit Schlafmittel. Nach drei Tagen gehe ich heim. Sch… auf die Schmerzen. Ich fahre jeden Tag ins KH zur Frühchenstation. Nach 5 Tagen, als die Kleine nicht mehr intubiert ist, darf ich sie zum ersten Mal anlegen. Sie kann es, doch leider fehlt ihr die Kraft, sich satt zu trinken. Nach 10 Tagen dürfen wir sie mit nach Hause nehmen. Gestillt wird nach ärztlicher Anweisung nur einmal am Tag, damit sie zunimmt. Meine Hebamme hat so früh nicht mit mir gerechnet und kommt erst nach zwei Wochen (!) zum ersten Mal vorbei. Meine kleine Raupe hat sich im KH bereits solche Trinkmengen angewöhnt, dass sie beim Stillen nie satt wird. Ich pumpstille (furchtbares Wort) 10 Wochen, das richtige Stillen klappt leider nicht mehr. Dafür nimmt sie wahnsinnig gut zu und wächst sehr schnell aus der Kleidergröße 44/46 raus.

Heute bin ich wieder eine ungewollte Flaschenmami, aber eigentlich ist das gar nicht mehr wichtig. Ich bin froh, dass alles soweit gut ausgegangen ist und meine Kleine gesund und munter ist. Wir hatten wahnsinniges Pech. Erst der vorzeitige Blasensprung, dann der Nabelschnurvorfall (ereignet sich nur bei 2 Prozent aller Geburten) und dann die Probleme mit der Lunge (gibt es in dieser SSW normalerweise auch nicht mehr), aber wir hatten auch viel Glück, dass es schnell erkannt und richtig reagiert wurde.

Diesen sehr spannenden Geburtsbericht hat Carolin geschrieben 🙂

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