Rabenmutter 2.0

Ich, die grausamste Mutter aller Zeiten!

Könnte meine 20 Monate alte Tochter schon so richtig mit Worten jammern, gäbe es sicher täglich bergeweise – ihrer Meinung nach absolut gerechtfertigter und daher vehement vorgetragener – an mich gerichtete Anschuldigungen, wie ich ihr aktuell das Leben erschwere oder gar komplett versaue. Schließlich darf sie NIE etwas! Sie darf keine wichtigen Entscheidungen treffen, weil immer ICH alles bestimmen will: die Zu-Bett-geh-Zeiten (Schlaf…Kinder brauchen sowas doch GAR NICHT), was wir wann essen (natürlich nur die Hauptmahlzeiten – bei den Zwischen-Leckerchen wage ich kaum noch eine Einmischung), wann sie eine frische Windel braucht (an den Seiten rausquellendes Pupu ist doch nun wirklich kein Grund, das Kind vom Bobby-Car zu holen!!!)Außerdem verbiete ich fiese Mutter so viel, dass es schon fast an Beschneidung der Persönlichkeitsrechte grenzt: Die arme, kleine Madam darf sich nicht mit der Klobürste die Haare kämmen, nicht mit ihrem Pupu spielen, nicht (ständig und überall) in der Nase bohren, nicht wahllos alles ablecken, nicht auf Tische klettern, nicht vom Rutschen-Turm springen, andere Kinder nicht an den Haaren ziehen, pitschen oder beißen, nicht mit Sand werfen, nicht den Kühlschrank ausräumen, nicht mit Scheren spielen, nicht mit Gabeln in Steckdosen rumbohren – sie darf eigentlich GAR NICHTS, dass Spaß machen würde! Wie soll sich das arme Kind da denn ordentlich entwickeln? Also echt jetzt!!!

Natürlich bin ich – wie heißt es in schlechten Arbeitszeugnissen so schön – stets bemüht, eine für das Kind akzep
table, nicht zu strenge und auch auswärts vorführbare Mutter zu sein. Aber manchmal stoße ich da wohl an meine Grenzen, denn immer öfter verkündet das Kind lautstark, dass ich mich nicht ihren Wünschen entsprechend verhalte, oder besser gesagt: sie aufs grausamste und verwerflichste quäle!

Ich widerwärtige Rabenmutter nehme mir zum Beispiel mitunter heraus, ALLEINE aufs Klo gehen zu wollen! Das ist natürlich ein absolutes No-Go, da ich meiner Tochter damit die grenzenlose Freude verwehre, in Windeseile und unter teuflischem Kichern die KlopapierIMG_4331.JPGrolle zu „entfesseln“ und die Meterware in Konfetti zu verwandeln. Unerhört! Schlimmer ist nur meine Dreistigkeit am Wochenende, wenn ich den kleinen, dann vor Wut und Frustration brüllenden Sonnenschein eine geschlagene HALBE STUNDE bei ihrem sie abgöttisch liebenden Vater lasse, um OHNE SIE zu duschen! Es ist eine Schande und ich schäme mich zutiefst, dass ich so egoistisch handele. Ich weiß, wenn die Mausemaus könnte, würde sie umgehend das Jugendamt informieren, um mir endlich mal ordentlich auf die Finger klopfen zu lassen. Alleine duschen gehen wollen … tsss … das sollte für Mütter grundsätzlich ebenso verboten sein, wie der Wunsch nach mehr als 3 Stunden Schlaf am Stück oder Mahlzeiten, die nicht ausschließlich aus absolut kinderuntauglichen Inhalten bestehen und damit „unteilbar“ sind. All das hatten wir Mamis schließlich lange genug – in dieser dunklen Zeit, BEVOR wir dauerhaft glückselig vor Mutterliebe waren.

Aber es sind ja nicht nur diese existenziellen und Psychosen auslösenden Quälereien, mit denen ich meiner Tochter so schmerzhaft die rosarote Fluffigkeit der Kindheit zerstöre. Oben drauf kommen all die vielen kleinen „Entfaltungs-behindernden“ Frevelhaftigkeiten, die ich mir aus reiner Boshaftigkeit ausdenke und an ihr praktiziere: So verhindere ich unter anderem, dass sie sich beim Überqueren einer Fußgängerampel von meiner Hand losreißt und „ausschert“, um wild gestikulierend und laut brabbelnd auf die mehrspurige Kreuzung zu rennen! Das kommt bei ihr gar nicht gut an und wird mit einem Kreischton in höchst schmerzhafter Frequenz abgestraft, was natürlich umgehend dazu führt, dass ich von Passanten als herzlose Mutter enttarnt und verbal verurteilt werde. Tja, selbst schuld, die blöde Mutti!
Ebenfalls absolut indiskutabel ist mein Verhalten, wenn ich abends nach dem Zu-Bett-bringen des Kindes das Schlafzimmer verlasse, um – ich wage kaum, es auszusprechen – ALLEIN mit meinem Mann auf der Couch zu sitzen und vielleicht sogar mal einen Film zu schauen. OHNE das Baby zwischen oder auf uns. Wenn sie könnte, würde Ella den Kopf schütteln und mich mit einem mitleidigen Blick bedenken: „Was soll das denn, Mama? DAS brauchst du doch gar nicht! Du brauchst MICH rund um die Uhr an deiner Seite! Also schwing deinen Arsch zurück an mein Bett und halte meine Hand bis dein Arm abfällt. Na los … husch husch!“

Ich vermute, ich würde einen ähnlichen Vortrag hören, wenn sie schon etwas auf meine neuste, hinterhältige, ihr Glück zerstörende Idee erwidern könnte. Denn vor kurzem habe ich entschieden, dass es für meinen armen Rücken besser wäre, wenn ich mein mittlerweile fast 12 Kilogramm schweres Kind nicht mehr an einem Stück herumschleppen würde. Staubsaugen etwa mache ich jetzt lieber unter Protestgeschrei, aber dafür ohne zusätzliche Gewichtsbelastung. Nach der Dauer ihres allmorgendlichen Gebrülls zu urteilen, ist das allerdings wieder mal eine schier unerträgliche Ungerechtigkeit, der ich sie ausschließlich aus unterirdischster Mami-Frechheit aussetze. Nicht ganz, aber sicher fast so schlimm, wie wenn ich ihr beim Zähneputzen „helfe“! Sie schreit wie am Spieß, windet sich in meinem Arm und lässt die Tränen nur so in Strömen fließen. Und das obwohl sie Zähneputzen eigentlich super findet (keine Ahnung warum?!). Vorausgesetzt, die böse Mama lässt die Flossen bei sich. Als könne Klein-Ella das nicht allein viel besser! Sieht doch ein Blinder … anhand der in alle Himmelsrichtungen „flüchtenden“ Borsten, dass Madam das Prinzip verstanden hat und in Perfektion beherrscht! Niemand zerkaut eine Zahnbürste besser und schneller als Profi-Putzerin Ella. (Na gut, der Papa macht’s auch noch recht effektiv :D)

Grundsätzlich sollte ich mich als Mutter wirklich schämen: All diese Gemeinheiten, die ich meinem Kind antue, all das Leid, dass ich ihr zufüge. Wo soll das denn noch hinführen? Werde ich ihr womöglich irgendwann Drogen verbieten? Oder Autorennen ohne Führerschein? Werde ich mich dazu erdreisten, ihr den garantiert tödlichen Sprung von einer Klippe zu versagen, obwohl es DAS Gefühl von Freiheit bedeuten würde? Ohhhhhh JA! DAS WERDE ICH!!! Und noch viel mehr, wenn ich es für richtig und wichtig halte, um meinem Kind das Leben zu versauen … äh, zu retten! Werde ich mich deswegen dann schlecht fühlen? Nein! Naja, vielleicht ein bisschen. So richtig super gerne bin ich ja auch nicht der Buh-Mann (die Buh-Frau, für diejenigen, die feministischer angehaucht sind als ich). Lieber werde ich umarmt und feucht abgeknutscht, als mit bösen Blicken aus diesen eigentlich so zauberhaften, dunklen Kulleraugen bedacht zu werden.

Aber wenigstens bin ich nicht allein! Den anderen Mamis geht’s ja genauso wie mir. Daran denke ich, wenn es mal wieder soweit ist, meine kleine Prinzessin heult und zetert, weil ich auf Teufel-komm-raus nicht verstehe, warum es sooo verdammt wichtig, toll und köstlich ist, dass sie mit der Zunge das Abflusssieb der Duschwanne „erkundet“ (IGITT, wieso müssen Kinder denn auch wirklich alles probieren??? Ürgs, mich schüttelts). Und daran, dass die anderen Mamis genau wie ich irgendwann vom Nachwuchs mit einer Liste der übelsten Spaßbremser- und Quälerei-Momente konfrontiert werden. Womöglich stehen da dann sogar weit schlimmere Dinge als meine Delikte drauf?! Zum Beispiel eine ewig währende zuckerlose Bio-Diät (man kann’s auch übertreiben, wa?!). Oder lieb gemeinte, aber leider echt scheußliche, selbstgemachte Kleidung für Kinder, die bereits in die Schule gehen (Liebe DIY-Eltern, erinnert ihr euch noch an eure eigene Schulzeit? Was passierte da mit den Schülern, die grässliche, selbstgehäkelte, -gestrickte und geschneiderte Klamotten anhatten? Richtig! Kopf traf Klo! Das läuft heute leider noch genauso!) Oder auch die öffentliche Benutzung von so grauenerregenden Kosenamen wie Mausebär, Schnäuzelchen oder Hasepuhhh – am besten kombiniert mit absolut übertriebenen Beschützerinstinkt (wenn dein Kind direkt wieder aufsteht und losrennt, wars nicht so schlimm – da kann Mutti einfach mal sitzen bleiben ;)).

Richtig arg freuen werde ich mich, wenn mein Mann endlich an der Reihe ist, sich seine echten Hass-Lorbeeren beim Töchterchen zu verdienen. Ich muss zwar noch ein bisschen warten, bis er das „arme Kind“ am Schultor mit seiner reinen Anwesenheit zu tiefst beschämt, ihr das Rauchen verbietet (als Ex-Kettenraucher versteht der Gute da keinen Spaß! ;)), ihren ersten Freund mit schrecklich peinlichen Fragen und Drohungen vergrault oder ich ihn mit ihr BHs kaufen schicke (HAHAHAHAHA – das FILME ich! :D), aber das ist es wert! DANN werde ich mich zurücklehnen, durchatmen und so richtiges, tief verwurzeltes Mutterglück verspüren! :D

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9 Kommentare für “Ich, die grausamste Mutter aller Zeiten!

  1. Liebe Anke,
    danke danke danke für diesen unendlich schönen und spritzigen Artikel!
    Nach dem 81942. Artikel von “unerzogen und bedürfnisorientiert”-erziehenden (oder eher: nicht erziehenden) Eltern bin ich überglücklich, diesen erfrischenden Blogpost von dir zu lesen.
    Kleiner Hoffnungsschimmer: irgendwann wird dein Kind es dir danken! Spätestens, wenn es nicht mit 15 schon seinen dritten Entzug hatte und älter als 18 wird, weil du deine Tochter eben nicht einfach so zu dem Date mit dem “super heißen Typen aus dem Internet” gehen lässt. Leider führt kein Weg an dem Geheule, den Vorwürfen an die böse böse Mama und an den “ich zieh aus!!”-Drohungen vorbei. Aber wenn du all das durchmachen musstest, kannst du dir auf die Fahne schreiben, dass du eine SUPERGUTE Rabenmutter bist ;)

    Hut ab und alles Gute für euch!

    Herzliche Grüße
    Lena

  2. Ich bin auch so eine Rabenmutter. Mein Kind darf nicht :

    – Feuchties aus der Verpackung fetzen
    – den Fernseher anfassen
    – Kabel ablutschen
    – den Drucker anschalten
    – auf der Laptoptastatur rumdrücken
    – unangeschnallt im Buggy sitzen
    – die Drachenpalme rupfen
    – …..

    ich bin überzeugt, wenn ich das irgendwo schriftlich festhalte, schleift sie mich anhand dieser Unterlagen vor Gericht

  3. Ich durchforste gerade Stück für Stück deine Rabenmutter-Beiträge. Du schreibst mir in nahezu jedem Satz direkt von der Seele. Ich glaube im echten Leben könnten wir uns echt gut verstehen.

    Meine zwei Goldschätze (die, die im Team arbeiten ; -) ) können gleich ne ganze Oper von Gemeinheiten singen die ihre Mama vom Stapel lässt. Und wehe ich erdreiste mich, meine Tochter (15 Monate) von Kabeln und meinen Sohn (3 Jahre) von Cutter-Messern fern zu halten…
    Während sie auf ihre noch nonverbale Art einfach mal mit dicksten Krokodilstränen den Weltuntergang verkündet, erklärt er mir schlicht, dass er das darf und Messer gar nicht gefährlich sind. Wie er auf diese Idee kommt ist mir nicht klar, also widerspreche ich und ernte seit neuestem ein empörtes “Aber Mamaaa…!!!” Ich bin gespannt wie lange es dauern wird bis er die Worte für “…” gefunden hat und was er mir da dann an den Kopf wirft. :-)

  4. Ja da will die Mutter einfach alleine auf die Toilette gehen…
    Ich habe sehr geschmunzelt bei der Lektüre.
    Es wird besser, oder einfach anders!

    Liebe Grüße

    Nina