Rabenmutter 2.0

Wer ist hier der Schatz?

Ich gehe mal schwer davon aus, dass ich nicht die einzige Mama bin, die sich manchmal so fühlt, als wäre sie irgendwie aus Versehen in ein Märchen gestolpert. Und dabei meine ich nicht so ein rosa-plüsch-alle-sind-voll-glücklich-Märchen, sondern eher so ein etwas gruseliges von den guten alten Grimm-Buddies. Genaugenommen denke ich immer an Schneewittchen und die sieben Zwerge. Denn seit ich Kinder habe, höre ich mich selbst mehrfach am Tag Dinge sagen, die sehr verdächtig nach Zwerg klingen: „Wer hat in meinem Bettchen geschlafen (und wieder aufs Kopfkissen gekotzt)?“ oder „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen (und mir nichts übrig gelassen)?“ oder „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen (und Saft darauf verschüttet)?“. Nicht immer, aber ab und zu sage ich diese Sätze sogar WORTWÖRTLICH! Es ist wahrlich märchenhaft … ;) .

Aber so ist es eben: Kinder zu haben bedeutet nicht nur irre viel Glück, innige Verbundenheit und ganz neuen Spaß am Leben, sondern auch (und ich meine damit VOR ALLEM), dass man plötzlich alles teilen muss … äh, darf. Das ist meines Erachtens auch der Grund, warum die kleinen Wonneproppen so schrecklich niedlich aussehen, mit ihren Pausbäckchen und ihren stets vor Sabber triefenden Patschehändchen – man kann ihnen einfach nicht böse sein, selbst wenn sie sich mehr NEHMEN, als man jemals für möglich gehalten hätte: unglaublich viel Platz im Eltern-Bett, alles, was auf Mamas oder Papas Teller liegt, jegliche Zeit für „ganz Privates“ wie zum Beispiel alleinige Klogänge und … die „Polposition“ beim Partner. Gerade letzteres muss man erst einmal verknusen. Ich jedenfalls. Aber was willst du machen: Dem liebevoll bestechenden Augenaufschlag eines großäugigen Kleinkindes an SEINEN Papa gerichtet, hat man als müde, mit Augenringen geschmückte und mit Babykotze dekorierte Mutti einfach nichts entgegenzusetzen – wirklich NICHTS ;) .

Eifersüchtig aufs Kind? Niemals! Naja, ein bisschen vielleicht ;)

Klar, das MUSS auch so sein! Schließlich ist es genauso von der Natur gedacht, dass wir Eltern vor Liebe dahinschmelzen, wenn wir unsere Kinder betrachten. Und ich persönlich finde es tatsächlich auch absolut hinreißend, wenn ich meinen Mann im Zusammenspiel mit unseren Kindern beobachte. ABER … so ein klitzekleines bisschen neidisch bin ich ab und an schon. Zum Beispiel wenn er unserer Tochter ins Ohr flüstert: „Ich liebe dich mehr als mein Leben!“ Awwww, da schwimmt mir fast das Herz weg vor Familienglück! Und trotzdem mag ich manchmal unhöflich dazwischenfragen: „Mich liebst du aber doch auch ganz dolle, oder, Schatz?“

Ist natürlich völliger Quatsch. NATÜRLICH liebt mich mein Mann noch. Aber tatsächlich ist es eben nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele Dinge ändern, wenn Kinder auf der Bildfläche erscheinen. Zweisamkeit gibt’s nicht mehr am laufenden Meter – das verhindert der laufende Meter ;) . Ich bin auch nicht mehr der unangefochtene Mittelpunkt in seinem Leben … genausowenig wie er in meinem. Und selbst diese winzig kleinen Nettigkeiten, diese gaaaaaanz normalen, die man sonst gar nicht mehr bemerkt, weil sie SO normal sind, verändern sich irgendwie. Wie zum Beispiel die Nummer mit den Kosenamen. Früher – in dieser grauen Vorzeit ohne Kinder – waren mein Mann und ich füreinander „Schatz“ oder „Schatzi“ (ich weiß, es gibt kreativere Menschen als uns :D ), manchmal Hasi (er) oder Süße (ich). Wenn er heute ruft: „Schatz, kannst du mal kommen?“ dann stehen die Chancen maximal 50/50, dass ich gemeint bin und nicht das Töchterchen. Das kann schon mal frustrierend sein ;) .

Wenigstens sitzen wir im selben Boot!

Was mir aber hilft: Andersherum ist es genauso. Auch mein Mann trauert manchmal den „alten Zeiten“ hinterher, als er MEIN alleiniger Liebesmittelpunkt war. Als ich nur IHN anhimmelte. Als nur ER sich nachts an mich kuscheln durfte. Doch das sind nur Momente. Ganz klitzekleine. Bei uns beiden. Und sind sie vorbei, lächeln wir uns an, nennen uns Schatzi, Hasi, Mausemaus, Mausemännchen oder was uns sonst gerade noch Albernes einfällt und freuen uns, dass das alte Sprichwort bei uns stimmt: Liebe ist das einzige, dass sich vermehrt, wenn man es teilt. Wer braucht da schon noch einen eigenen Kosenamen :D . Wir haben ja schließlich auch richtige Namen, die man durchaus verwenden kann, wenn man sich gezielt ansprechen will. Ist halt nicht besonders romantisch, aber was soll’s. Ich kann damit leben. Zumindest VIEL besser, als mit der Alternative, die unsere Großeltern sich ja oft gegönnt haben, um im Schatz-Chaos für klare Sicht zu sorgen. Sie haben sich einfach gegenseitig auch Mama und Papa genannt … wie die Kinder.
DAS machen wir niemals, haben wir uns MEGA fest vorgenommen! DA hört der Spaß nämlich auf, würde es doch bedeuten, dass wir einander nur noch als Elternteile betrachten, nicht mehr als Paar bzw. als Anke und Markus … so wie früher.
Tja, was soll ich sagen: Wir halten uns tapfer, schrabben allerdings längst erschreckend nah an der Zerstörung dieses felsenfesten Vorsatzes vorbei. Denn was bei uns völlig normal geworden ist (wie wohl in den meisten Familien), ist, dass wir vor den Kindern in der dritten Person von uns sprechen. Ständig sage ich Sätze wie: „Die Mama macht dir jetzt mal ein Brot und der Papa liest dir solange was vor!“

Doch genau DA lauert die Falle! Denn von hier aus sind es nur noch mini Schrittchen bis zur völligen Mama- und Paparisierung. Als Nächstes kommt sehr wahrscheinlich ein direkt an meinen Mann gerichtetes: „Der Papa räumt bitte die Spülmaschine aus!“ (was schon ein bisschen schmerzt). Und schon kurz danach ist es nicht mehr aufzuhalten und wird einfach ungezügelt aus mir herausblubbern: „Komm, Papa, die Kids schlafen endlich, wir gehen auch ins Bett!“ BÄM! Dann ist es passiert! Vielleicht ist es als Scherz gemeint … vorerst … aber wie schnell gewöhnt man sich an sowas? Warum sonst sollten sich erwachsene Menschen von ihren Partnern Mausepupsbärchen nennen lassen – in der Öffentlichkeit?! Genau, weil man sich dran gewöhnt!

Vielleicht sollten mein Mann und ich uns doch mal zusammensetzen und uns neue Kosenamen füreinander ausdenken … als Zeichen der Wertschätzung füreinander. Und um nicht bei Mama und Papa zu landen. ODER – viel besser – wir nennen einfach nicht mehr jeden, der sich in unserer Wohnung bewegt, Schatz oder Schatzi. Die Kinder hören schließlich auch auf ihre echten Namen: Mausemaus und Krümelchen :D .

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4 Kommentare für “Wer ist hier der Schatz?

  1. Ein Thema, das mich auch gerade beschäftigt! Jaja, Zweisamkeit bleibt auf der Strecke. Ich wollte neulich meinen Mann kurz küssen, und er so: Äh, es passt gerade nicht! Ich habe mich schlapp gelacht, aber es ist so symptomatisch! Meistens ist es ja auch so, wenn heute ein “Schatz, kommst du mal”, erklingt, dann geht es nicht um Romantik, sondern darum, Pipipfützen vor dem Kühlschrank zu beseitigen oder Betreuungsnachweise für die Steuer rauszusuchen :(
    Ich freue mich dann immer auf unsere Rente. Meine Eltern verlustieren sich jetzt auch wieder wie früher in trauter Zweisamkeit und machen romantische Städtereisen!!!
    Achja, und Kosenamenvorschläge hätte ich auch noch für euch: wir wärs mit Namen, die zumindest an Romanzen erinnern? Zb Susi und Strolch, Pünktchen und Anton oder Sissi und Franz! Nur aufpassen, dass man sich nicht in der Art der Beziehung vergreift (Timon und Pumba, Itchy und Scratchy…)

  2. Neulich rief der Gatte die Maus “Komm her, mein Schatz!”. Ich schwankte zwischen “Und ICH?” und “Oooh, wie süß!”
    Bei uns drängt sich der laufende Meter im wahrsten Sinne des Wortes zwischen uns. Ich kann den Gatten nicht umarmen, ohne energisch schiebende Patschehändchen an den Knien. Maus ist erst zufrieden, wenn sie uns soweit auseinander gedrückt hat, dass sie zwischen uns stehen kann :D