Rabenmutter 2.0

Alle Mütter haben miese Tage – sogar fiktive ;)

Vor kurzem stolperte ich auf irgendeinem Social Media-Kanal über den Post einer Mutter, die sich ziemlich arg über einige Leo Lausemaus-Folgen auf einer Tonie(box)-Figur aufregte. Für jene, die bisher nicht das „Vergnügen“ hatten: Leo Lausemaus ist ein kleiner Mause-Junge, der unseren Nachwuchs in Büchern, auf YouTube und mit Hörspielen unterhält, uns Mamis dabei aber leider mit einem nur sehr schwer wieder aus dem Kopf zu bekommenden Titel-Song quält und uns zudem – wenn wir nicht aufpassen – mit einem bunten Potpourri an Merchandise-Artikeln die Knete aus dem eh schon Windel-Geschröpften Portemonnaie zieht ;) . Ich persönlich war bisher also nicht so wirklich ein großer Fan der Geschichten (ach was?! ;) ), allerdings in erster Linie, weil ich es nicht mag, wenn Spielzeug bzw. in diesem Fall Hörspiel-Geschichten mit mehr erzieherischem Know-How um die Ecke kommen, als ich es möglicherweise habe :D . Und diese Lausemaus-Mutti glänzt meist so dermaßen mit ihrem perfekten Mama-Dasein – inklusive Rüschenschürze, vorbildlicher Konsequenz und Nerven, die die Tapferkeits-Medaille verdienen – dass sie eigentlich nur durch die Erzeugerin von Connie (mit der Schleife im Haar) getoppt werden könnte, wenn es da mal zu einem Pädagogik-Battle käme. Da meine MAUSEmaus diese LAUSEmaus aber nun mal so gerne mag, dulde ich sie und ihre Familie trotzdem als Lausch-„Genuss“ in unserem Haushalt. Es gibt schließlich schlimmeres, als eine Bilderbuch-Über-Mutter mit eventuell etwas eingestaubten Rollenbildern. Da steh ich drüber ;) .

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Nun stieß ich aber wie gesagt über diesen Post mit den ebenso empörten Kommentaren darunter und nahm das zum Anlass, mir die offenbar ganz üblen Folgen endlich mal in Ruhe, zusammen mit dem Krümelchen, anzuhören. Denn bisher hatte ich eben diese Geschichten immer nur so nebenbei mitverfolgt. Klar war mir da auch schon aufgefallen, dass Leos Mutter offenbar ein wenig ihre Contenance eingebüßt hatte und ihr Söhnchen mit den großen Ohren noch ein etwas strenger erzog als sonst, aber ehrlich gesagt … dachte ich nicht weiter drüber nach. Jetzt aber hörte ich genau zu. Da war die Rede von vor Wut zitternden Schnauzhaaren, davon, wie enttäuscht die Mutter vom Lausejungen sei, wie sie ihr Kind zum Händewaschen zog oder gar als Lügner bezeichnet. Zwar sagt die Gute weiterhin immer brav bitte und danke und jede Story löst sich in Wohlgefallen auf, aber trotzdem läuft es zeitweise … naja, wie soll ich es formulieren … WIE IN JEDER VERDAMMTEN, NORMALEN FAMILIE, in der selbst die beste, tollste, liebevollste und aufopferungsvollste Mutter mal einen richtig miesen Tag erwischt und sich deshalb im Ton vergreift oder den Karren – pädagogisch betrachtet – gepflegt an die Wand fährt. Soviel un-hippe Realität in einem Hörspiel?! Krasser Scheiß, dachte ich!!! :D

Holla, die Wald-Fee, darf die das?

Ich möchte die ganz offensichtlichen pädagogischen Verfehlungen der fiktiven Tier-Mutter um Gotteswillen nicht herunterspielen, denn tatsächlich empfinde sogar ich – die Mutter, die gerade erst ihre alte, gaaaaanz schrecklich dünne Barbie guten Gewissens an ihre Tochter vererbt hat, ohne in naher Zukunft mit Magersuchts-Attacken oder Top-Model-Wünschen zu rechnen – es als etwas unpassend für unsere heutigen Maßstäbe in Sachen Kindererziehung, so etwas als Unterhaltung für kleine Frechdachse anzubieten. Allerdings tat es MIR irgendwie gut, dabei zuzuhören, wie die ach so perfekten Lausemaus-Mutter in jeder Folge pädagogisch betrachtet bis zum Ellenbogen ins Klo griff ;) . Denn es ist leider so: Manchmal schimpfe auch ich unangemessen laut mit meinen Kindern. Ich fühle mich dann mies und entschuldige mich … aber erst einmal bin ich zu laut. Und es kommt vor, dass ich im Affekt das Wort „Lügen“ wähle, obwohl ich natürlich weiß, dass es viel besser ist, dass weichere „Flunkern“ zu nutzen. Und ich erinnere mich wirklich nur sehr ungern an jene Tage, an denen ich meine heißgeliebte Kleinkind-Tochter im Rahmen eines ihrer größeren Trotz-Anfälle am Arm durch die Gemüseabteilung des Supermarktes schleifen musste, um sie anschließend unter (ihrem) Gebrüll in den Buggy zu fesseln. Solche Momente sind für alle Mamis GRAUENVOLL und ein Zeichen dafür, dass auch wir normalerweise entspannten und nervenstarken Mütter hin und wieder an unsere Grenzen stoßen und dann eben kein Coolness-Sternchen abstauben. Das ist ätzend. Aber … ich halte das für völlig normal, weil es (da lehne ich mich jetzt mal weit aus dem Fenster) PERFEKTE Mamis eben nicht gibt. Offenbar nicht mal in der ansonsten so ansehnlichen Leo Lausemaus-Welt :D.

Ich könnte jetzt die Figur mit den Geschichten um die zu strenge und definitiv übertrieben reagierende Mutter konfiszieren, aber stattdessen habe ich mit meinem Töchterlein darüber gesprochen, ihr erklärt, dass Leos Mutter offenbar einen mega miesen Tag hat und meiner Meinung nach zu hart zu ihrem Sohnemann ist. Ich habe sie gefragt, wie sie das sieht … und ob ihr dieses Verhalten Angst macht, was sie verneinte. Wir haben über die Themen der Folgen gequatscht und sogar zusammen überlegt, wie die Situationen besser laufen könnten. Das hätten wir in dieser Form sicher nicht gemacht, wenn die Mause-Mutti nicht so kacke drauf wäre ;) .

Ich sehe es so:

Als ich klein war … also vor seeeeeehr langer Zeit, spielte ich gerne mit Bauklötzen, die damals noch mit bleihaltiger Farbe bemalt waren. Ich hatte besagte schrecklich dürre Barbie, die ich wahnsinnig liebte und wunderschön fand, die ich deshalb aber nicht als Vorbild für mich selbst betrachtete. Meine Baby-Puppe war dunkelhäutig, hieß Sanni und konnte nichts, außer die Augen auf- und zuzumachen, doch das störte mich absolut nicht. Mit meiner Schwester zusammen hörte ich Platten und Kassetten vom Räuber Hotzenplotz oder dem kleinen Muck und bekam Grimms Märchen, Ronja Räubertochter und der Struwwelpeter vorgelesen, was durchaus mal leichten Grusel in mir auslöste. Und durften wir Fernsehen, lief manchmal Tom & Jerry oder auch Bugs Bunny und wir sahen kichernd dabei zu, wie sich die Zeichentrickfiguren gegenseitig in die Luft sprengten, mit Beilen zerhackten oder über Klippen in den Tod stürzten. Legt man den heutigen pädagogischen Maßstab an mein damaliges Spielzeug und Unterhaltungsprogramm, ist es nahezu ein Wunder, dass ich weder Topmodel, noch Massenmörder geworden bin und auch ansonsten verhältnismäßig normal ticke :D .

Aber im Ernst: Ich finde es super, dass die Produkte, die heutzutage speziell für Kinder produziert werden, qualitativ viel hochwertiger sind, dass wir Eltern deutlich bewusster auswählen, mit was unser Nachwuchs spielt und auch ganz allgemein das Augenmerk auf einer rundum GESUNDEN Entwicklung liegt. Nur … kann man es auch übertreiben. Den gelben Spiel-Bus des Krümels, der ihm vorsingt, dass man höflich zu allen Leuten sein soll, finde ich total drüber. Hätte ich das vor dem Kauf gewusst, wäre mir der Quatsch nicht ins Haus gekommen. Hörspiele, die mir plump und wenig subtil meinen Erziehungsauftrag abnehmen wollen, brauche ich eigentlich auch nicht. Und Puppen, die im Prinzip kleine Roboter sind und es meinen Kindern „ersparen“ wollen, sich VORZUSTELLEN, ihr Baby wäre echt, nerven mich sogar richtig. Aber das Gute ist ja, ich kann zwar, muss jedoch nichts davon kaufen. Den ollen Bus hätte ich ja auch zurückgeben können, ebenso wie die erzürnte Mutter das Hörspiel. Und solange meine Zwerge dazu in der Lage sind, sich mit drei Steinen, zwei Stöcken und einer Schüppe Sand eine halbe Stunde allein und glücklich zu beschäftigen, ist mit ihrer kreativen Entwicklung wahrscheinlich alles im Lack, OBWOHL einige Sachen in ihrem Kinderzimmer mehr können, als der Kram, den ich als Stöpsel zur Verfügung hatte. Was ich sagen will: Trotz immenser Weiterentwicklung von Spielwaren und pädagogischen Konzepten hat sich eines nicht geändert – WIR Eltern halten die Hände unserer Kinder in den unseren, während sie groß werden und entscheiden, womit sie spielen und WIE wir sie erziehen. Glücklicherweise kann uns DAS auch heute noch kein Hörspiel und kein Plastik-Bus abnehmen. ;)

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One thought on “Alle Mütter haben miese Tage – sogar fiktive ;)

  1. Ich denke, die Kids müßten echt viel Leo oder sonstwas konsumieren, dass sich irgendeine großartige Verhaltensänderung entwickelt. Also ehrlich, manche Muttis haben echt nichts besseres zu tun??? Dann disst doch mal die Struwwelliese und ihre Kollegen…Oder regt euch darüber auf, dass es LeO und nicht LeA Lausemaus heißt.
    Und wer sich wirklich mal über prägende Vorbilder, Emanzipation, Gleichstellung von Mann und Frau aufregen möchte…der schaue doch in der Mediathek des ZDF die gestrige Panoramafolge…

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