Rabenmutter 2.0

Ja, wo laufen sie denn?

Es ist erst wenige Wochen her, da saß ich mit Ella auf dem Schoß an einem Tisch im Garten von Freunden und wartete – im Kreise der anderen Teilnehmer der kleinen Grillfeier – auf die angekündigten Würstchen. Außer uns war nur ein weiteres Paar mit Kindern anwesend, wobei diese bereits in der Lage waren, einigermaßen „manierlich“ mit Messer und Gabel zu essen. Mein Töchterchen hingegen entdeckte gerade ihre Liebe zu Dips … und scherte sich natürlich kein bisschErgo: Sie strampelte und schrie auf meinem Schoß herum, als würde ich sie umbringen wollen, nur weil ich versuchte, zumindest die oberste Schicht Dip-Soße vom Kind zu entfernen, bevor ich sie in die laufen„Freiheit des Gartens“ und damit in Papas Obhut entlassen würde. Zu diesem Zeitpunkt war er nämlich dran mit hinterherrennen – ich hingegen mit verschnaufen :D . Sie alleine, ohne jemanden in Zupack-Reichweite in einem nicht kindersicheren Bereich (wie zum Beispiel einem Garten, der einer Baustelle gleicht) herumstromern zu lassen, ist aktuell leider keine Option. Denn Madam ist mächtig flott unterwegs, hat null Angst oder wenigsten ein kleines Fünkchen Respekt vor potenziellen Gefahren, aber dafür Flausen für fünf im Kopf. Sie ist halt fast zwei – alles normal also.

Die Reaktionen der am Tisch sitzenden Erwachsenen auf Ella, ließen sich in zwei Lager teilen: Die einen rümpften die Nase und hatten ganz offensichtlich (berechtigte) Sorge, dass der kleine, bematschte Wirbelwind ihrem Sommerblüschen zu nahe kommen würde und die anderen lächelten verklärt und beglückten mich mit Standart-Sätzen wie: „Ach, dass ist so ein schönes Alter!“ oder (schließlich immer passend): „Sie werden ja so schnell groß!“

Nur ein Paar war anders. Ihr Blick blieb völlig neutral, während sie beobachteten, wie ich kläglich daran scheiterte, dem Kind noch schnell Möhrenreste aus den Haaren zu entfernen, obwohl es eigentlich schon auf dem „Absprung“ war. „Grässliches Alter“, sagte die Frau trocken, „Einfach grauenhaft! Ich bin so froh, dass unsere Kinder da längst raus sind!“ BÄM! Einen kurzen Moment war ich tatsächlich sprachlos und dachte: Was für ne Frechheit! Meine Tochter ist ja wohl zauberhaft!!! Und gleich als nächste: Oh man, sie hat ja soooo recht!!! Und dann wäre ich dieser fremden, mir eigentlich total unsympathischen Frau am liebsten um den Hals gefallen, aus Dankbarkeit, dass endlich mal eine Mutter ganz ehrlich in der Öffentlichkeit sagt, dass es eben NICHT nur immer schön ist mit Kind. (Die Nummer mit dem um den Hals fallen, hab ich mir aber dann aber trotzdem geklemmt ;) )

Klingt eventuell etwas bekloppt oder übertrieben, aber dieser plumpe, sogar etwas unhöfliche Kommentar hat mir nachhaltig richtig gut getan. Ich denke wirklich oft daran … wenn die kleine Zuckermaus mich mal wieder in den Wahnsinn treibt oder meine Akkus so dermaßen leer saugt, dass ich am liebsten vor ihr ins Bett fallen würde. Warum? Weil man als Mutter sonst doch eigentlich immer nur gesagt bekommt, wie glücklich man sich schätzen könne, wie schön die Zeit mit einem Kleinkind ist und vor allem wie kostbar jeder Moment, da alles so schnell vorbei geht. Das sorgt meiner Meinung nach für enormen Genuss-Druck, obwohl wir doch eigentlich alle furchtbar gern ab und zu mal lauthals brüllen oder heulen würden, weil die „kleinen Biester“ sooooo anstrengend sein können. Doch wenn wir das tatsächlich tun, oder auch nur mal winzige, sarkastische oder ironische Scherzchen reißen, werden wir von Fremden gleich als schlechte, möglichweise auch unglückliche Mutter abgestempelt oder von anderen (Gut-)Muttis mit Blicken gesteinigt, verbal zerfleischt und direkt in die Schublade der Motz-Mütter gesteckt. Alles irgendwie doof.

Ich mach das jetzt trotzdem mal. Ich sage, wie es ist, ein Kleinkind zu haben: VOLL ANSTRENGEND!!! WO KANN ICH BITTE DEN URLAUB EINREICHEN! :D

Die Mausemaus ist wirklich wunderschön, clever und sooo lieb. Aber seit sie läuft, wünsche ich mir manchmal, der Tag hätte weniger Stunden oder ich mehr Power oder irgendwer hätte mich gewarnt, damit ich nicht so naiv und dümmlich daher lächelnd in diese „Phase“ gestolpert wäre und mich hätte vorbereiten können. Ach … Moment mal. Ich wurde ja gewarnt! VERDAMMT!

Vor gar nicht langer Zeit … bevor Ella laufen konnte

„Warte mal ab, bis Ella auch laufen kann. DANN wird’s erst richtig anstrengend“, sagte eine Freundin zu mir, deren kleiner Überflieger-Sohn bereits mit 10 Monaten die süßen Lederpuschen gegen festes Schuhwerk tauschte, um die Welt im aufrechten Gang zu erobern. Natürlich konnte ich sehen, wie sehr der kleine Mann seine Mutter … sagen wir mal: forderte. Aber trotzdem dachte ich irgendwie: Naja, sie übertreibt sicher ein bisschen. Meine Krabbel-Maus ist schließlich schon echt schnell. Und überall dran kommt sie auch. Was soll denn da jetzt bitte noch so viel anstrengender werden??? On top redete ich mir ein, dass Mädchen sowieso „pflegeleichter“ wären.

Heute … mit einem Kind das rennt, rennt und RENNT

Ich gebe sowas ja wirklich nur sehr, sehr ungern zu … aber leider lässt es sich nicht von der Hand weisen: ICH WAR EIN VOLL-IDIOT! Meine Freundin hatte absolut Recht. Ich HÄTTE sie ernst nehmen sollen, mich mental und vor allem körperlich fit machen (ein ausgefeiltes Sportprogramm mit Schwerpunkt Kondition wäre eine passende Vorbereitung auf das Kleinkind-läuft-Alter gewesen) und mir wirklich gute Jogging-Schuhe aussuchen sollen. Hab ich aber nicht. DÄMLICH!

Und mit dieser leider etwas unangenehmen Erkenntnis stehe ich überhaupt nicht alleine da. Die meisten Mamis denken ja erst einmal, es wird EINFACHER, wenn die Kinder laufen können. Nachträglich ist mir absolut schleierhaft, wie man darauf kommen kann. Schließlich gibt es doch auf jedem Spielplatz, auf der Straße, in Geschäften und Restaurants ausreichend abgekämpfte, schwitzende und völlig fertige Mütter zu beobachten, die – während sie ihren kleinen Fußgängern hinterher hechten – schon allein mit ihrem verzweifelten Blick ganz klar das Gegenteil kommunizieren. Sich in Sicherheit zu wiegen, sollte also doch eigentlich unmöglich sein … selbst wenn man keine Freundinnen mit bereits laufenden Kindern hat, die es einem direkt, in kurzen, einfachen Sätzen formuliert ins Gesicht knallt.

Fakt ist: Die Zwerge lernen nicht einfach nur laufen (sorry, ich meine natürlich RENNEN, RENNEN, RENNEN!), sie entwickeln parallel einen starken eigenen Willen (egal was Mutti anbietest, die Reaktion ist: „NEIN, WUÄÄÄÄÄHHHH!“) und leiden zudem an extremer Selbstüberschätzung („Schätzchen, das ist das Gerüst für die großen Kinder. Echt jetzt. Komm da runter!!! SOFORT! STOPP! Ok, klar komm ich rauf und hol dich … alles wird gut, wein nicht, Mami klettert jetzt zu dir. Mit Höhenangst. Kein Problem.“) Als Mutti kommst du da gar nicht mehr zum Sitzen oder durchatmen oder essen oder WTF auch immer – die Duracell-Häschen kennen keine Gnade! Zudem entwickeln sie eine „erfrischende“ Antipathie gegen ihren Kinderwagen. Soll heißen: SIE. WOLLEN. IMMER. LAUFEN! Das hat zur Folge, dass jeder Weg gefühlte 1.000 Jahre dauert, denn die meisten kleinen Läuferlein bleiben schließlich an jedem Krümel, Zigarettenstummel, Hundehaufen, Papierchen, Grashalm usw. stehen, sagen BOAH oder OHHHH, bücken sich und heben es auf. Dann fängt Mutti an zu schimpfen, am Kind zu wischen und – spätestens nach dem 50 mal stehenbleiben – zu betteln, Zwergnase möge doch BITTE eine kleine Auszeit im Kinderwagen nehmen. Häufigste Reaktion auf diesen “Vorschlag”: Siehe oben! ;)
An dieser Stelle mal ein herzliches RESPEKT! an alle Mamis, die in dieser Zeit bereits ein zweites Baby auf dem Arm haben oder Zwillingen hinterher hetzten. Ich finde eins schon wirklich heftig!

Wenn ich heute den Müttern zusehe bzw. höre, die auf dem Spielplatz gemütlich neben ihren Babys im Sand sitzen, ihnen seelig übers Haar streichen und säuseln: „Ich freu mich so darauf, wenn du laufen kannst “, möchte ich eigentlich kurz bei ihnen anhalten, mir die schweißnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht streifen und so freundlich wie möglich brüllen: „BESCHREI ES NICHT! GENIESS DOCH, DASS DU SITZEN KANNST! ES WIRD NICHT „BESSER“! WIRKLICH NICHT!“ Doch ich bin sicher: Die Sitzenden würden bloß weiter lächeln, als könnten sie mich, Frau Hiob, gar nicht hören. Hab ich schließlich auch so gemacht ;) .

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Ein Kommentar für “Ja, wo laufen sie denn?

  1. Mann, hab ich mit dem Erstgeborenen ein Glück. Dieser wollte sich erst mit 15 Monaten auf eigenen Beinen vorwärts bewegen. Heilfroh war ich als er das endlich tat dann aber tatsächlich. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit der kleinen Maus nämlich bereits drei Monate schwanger und er hielt sich mit seinen damals 12kg nicht an geltende Mutterschutzgesetze, so dass jeder Schritt bei dem ich ihn nicht tragen musste die pure Erholung war. Das mega Glück das ich dabei aber wirklich hatte, war das, dass er bis heute keine Abneigung gegen seinen Buggy hegt. Im Gegenteil, der Bursche ist so lauffaul (muss er wohl von mir haben), dass er selbst bei kurzen Spaziergängen ums Dorf am liebsten im Wagen sitzen bleibt als Steine zu sammeln und Stöcke zu werfen.