Rabenmutter 2.0

Und wir sind doch noch ein Dorf … wenns um die Kinder geht.

Jeden Tag, wenn ich die Mausemaus von der Kita abgeholt habe, steuern wir irgendwann – meist nach einem kurzen Spielplatzbesuch oder Plausch mit Freunden – die Bahnhaltestelle an, von der aus wir nach Hause fahren. Die Kinder sind dann meist bereits etwas überdreht oder müde oder beides und ich entsprechend gestresst, denn zwei medium-eskalierende Kinder während des Berufsverkehrs und inmitten von sehr vielen anderen Menschen, die dringend heim wollen, über mehrspurige Straßen UND Bahngleise zu führen, bedarf meiner kompletten Aufmerksamkeit.

Du hast keine Lust oder Zeit, zu lesen? Dann scrolle einfach bis zum Ende des Textes runter und hör dir den PODCAST an!  

In eben so einer Situation bemerkte ich letztens im Augenwinkel ein Schulkind im Alter von vielleicht 9 Jahren, das – meinem Gefühl nach – die herannahende Bahn nicht wahrnahm und offenbar die Schienen vor sich überqueren wollte. Ich griff zu. Es war ein Reflex. Ich habe nicht gerufen„Hey, pass auf!“ und mich nicht nach einem potenziellen Elternteil umgesehen, ich habe einfach zugegriffen. Das Mädchen erschrak und sah mich etwas böse an. Vielleicht wäre sie auch ohne mein Zutun rechtzeitig stehen geblieben. Vielleicht aber auch nicht. So oder so … ICH hatte rein aus Mutti-Reflex gehandelt, ohne abzuwarten oder darüber nachzudenken. Letzteres tat ich allerdings anschließend. Ich fragte mich allen ernstes, ob das richtig war. Ob ich nicht noch hätte abwarten und dem fremden Kind mehr vertrauen sollen. Ob es zu Hause erzählte, dass so ein irre Helikopter-Mum es angefasst hätte und die Eltern nun schimpften, auf diese Bekloppten, die sich überall einmischen mussten. SIE hätten ihrem Kind doch beigebracht, das es aufpassen musste … dazu bräuchten sie keine FREMDE Hilfe.
Natürlich kam ich irgendwann zu dem Schluss, dass meine Gedanken großer Quatsch waren. Wenn man eine echte Gefahr bemerkt und auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass ein (fremdes) Kind (oder auch Erwachsener) zu Schaden kommen könnte, sollte man eingreifen. Ohne zu überlegen. Nur muss man heutzutage tatsächlich davon ausgehen, dass man dann – selbst wenn es aus bester Absicht geschieht – eventuell von den Eltern des Beschützten eins aufs Dach bekommt. Weil wir Mamis und Papis uns so wahnsinnig oft in die Position gedrängt fühlen, uns rechtfertigen zu müssen, für alles, was wir in Sachen Elternschaft so leisten … oder auch nicht … das wir uns SOFORT beleidigt, ja, sogar persönlich angegriffen fühlen, wenn sich jemand unaufgefordert einschaltet und uns damit bloßstellt. Ganz schrecklich, wenn man so darüber nachdenkt. Und definitiv etwas, dem ich mehr Aufmerksamkeit schenken MUSSTE!

Ich postete die Situation auf der LÄCHELN UND WINKEN-Facebook-Seite und fragte darin, wie die anderen Eltern sich in derlei Momenten verhalten würden, ob sie es als normal oder möglicherweise als übergriffig empfinden würde, wenn man sich unaufgefordert „einmischte“, um ein fremdes Kind in einer gefährlichen Situation zu beschützen. Die Resonanz war groß und fantastisch. (Hier mal der Link zum Post.) So viele Mamis schrieben von ähnlichen Begebenheiten, erzählten, wie sie Kinder gerade noch rechtzeitig vor Autos oder vor dem Ertrinken retten konnten, weil die Mutter der Kleinen gerade abgelenkt oder einfach noch zu weit war (Laufräder sind echt die Hölle!) Alle Geschichten wurden ohne Vorwürfe in Richtung der Eltern erzählt und alle betonten, dass sie sich wünschen würden, dass für ihre eigenen Kinder das selbe getan würde … ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob das eventuell im Anschluss Gezänk gäbe, weil der hinterherhetzende oder mit etwas anderem beschäftigte Elternteil im ersten Moment denken könnte: „Ey, was bildet der/die sich ein – ich hab hier alles im Griff!“

Es ist ein Reflex, sagten viele Kommentatoren, und dass sie das auch für fremde Erwachsene täten. EIGENTLICH sollte es normal sein, dass wir alle ein bisschen aufeinander aufpassen … ungeachtet der ganzen Studien, die besagen, dass wir nur noch eine Gesellschaft von „Wegguckern“ sind, egoistische Arschlöcher, die sich einen Scheiß für ihre Mitmenschen interessieren, ganz gleich ob jung oder alt.

Ich bin echt froh, dass ich diese Sache gepostet habe, denn jetzt WEIß ich, dass die meisten von uns … die meisten Eltern … auch heute noch bereit sind, sich ggf. anmotzen zu lassen, weil sie reflexartig nach einem fremden Kind gegriffen und es vor einer (vermeintlichen) Gefahr geschützt haben. Und vor allem, dass sie in der Lage sind, nicht nur blitzschnell zu reagieren, sondern gleichzeitig davon absehen, über die Mutter oder den Vater „zu richten“, weil SIE nicht schnell genug waren. Offenbar schaffen wir Eltern es doch noch, trotz der ständigen Beschuldigungen aus allen Ecken, wir würden unseren Job nicht richtig machen, UNTEREINANDER viel Verständnis aufzubringen. Schließlich telefonieren wir alle mal in Gegenwart unserer Kinder (auch draußen), drehen ihnen den Rücken zu, um das Geschwisterchen vom Baum zu angeln, an der Kasse zu bezahlen oder einfach mal drei Worte mit einer Freundin zu sprechen. Wir alle waren schon mal nicht schnell genug, als unser Nachwuchs vom Klettergerüst stürzte, auf die Straße rannte oder den vermaledeiten Stock Richtung parkendes Auto schleuderte. KEINER von uns ist perfekt oder IMMER rechtzeitig Vorort. Das ist leider so. Das ist normal. Wie irre beruhigend ist es da, zu wissen, dass so viele andere Eltern bereit sind, für uns einzuspringen … im wahrsten Sinne des Wortes. ;) Einfach so. In dem Bewusstsein, dass wir es ebenso für sie und ihre Kinder täten.

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen! besagt dieses schöne Sprichwort, dem ich immer im Geiste hinzufüge: … und um es zu beschützen. Vielleicht sind wir doch nicht so weit weg von dieser Idee, wie wir immer denken. Selbst in den Großstädten nicht; selbst in Zeiten wie diesen, wo sich jeder nur noch um sich selbst zu kümmern scheint. Vielleicht sehen wir manchmal zu schwarz und sind doch nicht SO egoistisch … zumindest wenn es um Kinder geht. DAS mag ich jetzt glauben, denn DAS bedeutet, wir ziehen gerade eine Generation groß, die das Potential hat, besser zu sein als wir. Schließlich sehen SIE uns dabei zu, wie wir fremde Kinder aus Gewässern und von Straßen ziehen, wie sich Eltern gegenseitig unterstützen und dafür bedanken. Wir könnten wahrscheinlich schlechtere Vorbilder sein. <3

▼ Jetzt den PODCAST anhören!  ▼

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

2 Kommentare für “Und wir sind doch noch ein Dorf … wenns um die Kinder geht.

  1. Alles richtig gemacht, Anke! Es ist wie mit dem Anruf bei der Polizei, lieber einmal zuviel, als einmal zuwenig.
    Was wäre gewesen, wenn das Mädchen NICHT aufgepaßt hätte und Du NICHT zugegriffen hättest?!

    Ich habe letztens einem Nachbarjungen gesagt, er solle mit seinem Laufrad nicht ganz so dicht an den Schienen stehen. (Ich war auch nicht die Einzige). Die herannahende Mama guckte mich dann zwar etwas komisch an, aber was solls. Ich fands zu dicht, mir war wohler mit Abstand.