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Suizid-Versuch: Interview mit einer Mama, die versuchte, sich das Leben zu nehmen

„Ach komm, lass den Kopf nicht so hängen!“ oder „Du machst es dir aber auch immer unnötig schwer!“ oder „Du bist halt gerade ein bisschen schlecht drauf; das wird schon wieder!“ oder „Was stellst du dich so an!? Du hast doch alles, was du brauchst!“- solche oder ähnliche Sätze hören Menschen mit Depressionen oft aus ihrem Umfeld, denn auch heute noch fällt es vielen schwer, eine Depression als ECHTE, als durchaus lebensbedrohliche Erkrankung zu betrachten. Und das gilt nicht nur für Außenstehende, sondern genauso für jene, die gerade mittendrin stecken, die selbst erkrankt sind, es aber (noch) nicht erkennen, ihre Symptome nicht richtig deuten können und deshalb immer tiefer in die Krankheit hineingleiten … bis es zu spät ist, bis es so Dunkel um sie herum ist, dass sie keinen Ausweg mehr sehen.

Suizid-Versuch …

In genau solch einer Situation befand sich Angie* vor Kurzem. Die 30-jährige Friseurmeistern, gerade frisch verheiratet und junge Mutter einer süßen, kleinen Tochter, sah plötzlich kein Licht mehr am Ende des Tunnels und versuchte deshalb, sich das Leben zu nehmen. Wirklich keiner in ihrem Umfeld hatte damit gerechnet, denn niemand hatte bemerkt, wie es sich anbahnte. Es war ein Schock … für alle Beteiligten.

Aktuell befindet sich Angie* in stationärer, psychiatrischer Behandlung. Sie selbst wünschte sich dieses Interview und ich bin dankbar für den mutigen Schritt, den sie dafür auf mich zu gegangen ist. Denn ihre Geschichte wird sicher vielen Menschen dabei helfen, die Hinterhältigkeit und Unberechenbarkeit der Krankheit Depression etwas besser zu verstehen, deren Auswüchse so oft weder mit Logik, noch mit rationalem Denken zu begreifen sind.

Interview mit einer Mama, die versuchte, sich das Leben zu nehmen

1. Liebe Angie* … erst einmal vielen Dank für das große Vertrauen, dass du mir und gleichzeitig meinen Leser:innen entgegen bringst, denn du möchtest hier eine wirklich sehr persönliche Geschichte erzählen; genauer gesagt von einer „Wendung“ in deinem Leben, mit der du wahrscheinlich selbst früher nicht gerechnet hättest. Am 28.10.2021 hast du dich zu einem sehr drastischen Schritt entschlossen. Welcher war das?

Ich habe an diesem Donnerstag versucht, mein Leben zu beenden. Als ich mich dazu entschlossen hatte, ging vor mir eine Nebelwand runter und ich war wie ferngesteuert. Ich bin dann fünf Apotheken abgefahren und habe mir je eine Packung eines frei verkäuflichen Medikamentes gekauft. Zuhause habe ich meinen Eltern geschrieben, ob sie meine Tochter vom KiGa abholen können, weil ich einen Termin hätte. Dann habe ich ca. 60-70 Tabletten in kurzer Zeit geschluckt und bin dann rasch eingeschlafen/ohnmächtig geworden. Irgendwann bin ich wach geworden und dachte: “Mist, ich muss nochmal nachwerfen!“

Habe ich dann auch gemacht und bin wieder eingeschlafen/ohnmächtig geworden und erst wieder aufgewacht, als Notarzt und Rettungsdienst da waren. Mein Mann hat mich gefunden und geistesgegenwärtig die 112 gewählt. Er hat auch mit einem Sanitäter die leeren Tabletten-Packungen im Müll gefunden. Ab da war allen klar, dass es ein Suizid-Versuch war.

Das Medikament, das ich genommen habe, ist in hohen Dosen stark Leberschädigend und wird recht häufig als Mittel für einen Suizid missbraucht.

2. Wie kam es dazu, dass du dich zu diesem drastischen Schritt entschlossen hast? Gab es eine besondere Situation, die deinem Suizid-Versuch vorangegangen ist? Oder war es ein Weg, der dich dorthin geführt hat?

Ich habe Rechnungen Strafzettel Bankbriefe etc. ungelesen versteckt. Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich das gemacht habe. Ich hab eine Angst davor entwickelt. Ich bekomme jetzt immer noch Panik, wenn ich Briefe rumliegen sehe. Als der Brief mit dem Termin für mein Vorgespräch auf der psychosomatischen Station in meinem Zimmer lag, hab ich bestimmt 5 min gebraucht, um den aufzumachen.

Am Tag meines Suizid-Versuches hat mein Mann einen Brief erwartet mit einem Code, um Einsicht in seine Schufa-Akte zu bekommen. Da wusste ich, jetzt kommt alles raus und aus Scham und Angst habe ich mich zu diesem drastischen Schritt entschlossen. Ich dachte, ich bin doch nicht normal und nicht lebensfähig, wenn ich als erwachsener Mensch, als Mutter so eine furchtbare Panik vor Briefen jeder Art habe!

Jetzt im Nachhinein weiß ich, das ich sicher schon 3 Jahre langsam in eine Depression abgerutscht bin, aber vor diesem Suizid-Versuch ist mir nie der Gedanke gekommen, dass ich krank sein könnte. Wahrscheinlich hatte ich früher schon depressive Phasen, aber dieses Mal war da kein Licht am Ende des Tunnels. In diesem Tunnel gefangen, habe ich auch nicht daran gedacht, was ich meinem Umfeld mit dem Suizid antuen würde.

3. Wie hat dein Umfeld auf deinen Suizid-Versuch reagiert? Dein Partner … dein Kind … deine Eltern und Freunde?

Ich muss sagen, es waren alle – Familie und Freunde – geschockt, weil ich vor allen versteckt habe, wie es in mir aussieht. Mein Mann versteht natürlich die Welt nicht mehr. Wir hatten ja erst 3 Wochen zuvor geheiratet. Jetzt nach 5-6 Wochen nähern wir uns wieder an. Aber es wird noch dauern, bis unser Verhältnis wieder „normal“ ist. Unserer Tochter haben wir gesagt, dass ich „Aua im Kopf“ habe und deswegen im Krankenhaus bin.

4. Wo stehst du jetzt gerade in deinem Leben?

Momentan bin ich stationär in einer psychiatrischen Klinik. Ich musste vom Krankenhaus direkt hierher, das ist so Vorschrift. Hier wird man zuerst psychiatrisch begutachtet und wenn man keine Suizid-Gedanken mehr hat und das auch glaubhaft versichern kann, wird man ca. 12 Stunden später entlassen.

Ich bin freiwillig hiergeblieben. Ich bin auf einer offenen Station, d.h. ich und meine Mitpatienten können/dürfen/sollen uns frei auf den Klinikgelände bewegen. Ich habe verschiedene Therapien z.B. Kunst oder Sport. Wir haben alle mit Depressionen in verschiedensten Formen und aus verschiedensten Gründen zu kämpfen. Der Austausch unter uns Patienten ist sehr gut; man fühlt sich einfach nicht mehr alleine.

5. Kannst du schon abschätzen, wie deine nahe Zukunft aussehen wird? Wann du heim gehst und was du vielleicht ändern möchtest in deinem Leben?

Ich werde jetzt 6-8 Wochen nachhause gehen, um dann in der gleichen Klinik wie jetzt auf die psychosomatische Station zu gehen. Dort wird das Puzzle meiner Depression zusammengesetzt. Durch Gruppen und Einzelgesprächs-Therapie sowie Kunst- und Sport-Therapien etc.

Außerdem habe ich mit den Jugendamt Kontakt aufgenommen, damit im Anschluss an die psychosomatische, mir eine Familienhilfe beisteht und ich wieder Struktur in meinen Alltag bekomme. Weil der Haushalt etc. hat sehr unter meinem schlechten Zustand gelitten.

6. Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Für meine Zukunft wünsche ich mir einfach nur, dass ich wieder ohne Einschränkungen glücklich sein kann und das ich lerne, mit der Depression umzugehen. Meine Tochter und mein Mann haben es verdient, dass ich dafür kämpfe. Aber das ist nicht nur mein Kampf; mein Umfeld muss mit mir kämpfen … gegen etwas, das man nicht sieht und das man nicht nachvollziehen kann.

7. Was möchtest du anderen Menschen gerne mitgeben, die hier deine Geschichte gelesen haben? Gibt es Tipps, die du hierlassen möchtest oder hast du Wünsche, wie vielleicht besser hingesehen, geholfen oder reagiert werden kann?

Das, was ich hier erzählt habe, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem komplexen Monster meiner Depression. Jede Depression ist anders, aber immer schlimm für den Betroffenen. Habt keine Angst euch Hilfe zu holen, auch wenn sie vielleicht erst mal stationär ist. Die Psychiatrie ist nichts, vor dem man Angst habe muss. Hier wird keiner ans Bett gefesselt oder mit Medikamenten ruhiggestellt. Hier findet Hilfe zur Selbsthilfe statt. Man ist hier, um medikamentös eingestellt zu werden und zur Stabilisierung. Wenn das geklappt hat, wird die Weiterbehandlung besprochen.

Man sollte nicht zu stolz sein, um sich Hilfe zu suchen! Das war mein großer Fehler. Es ist keine Schwäche, um Hilfe zu bitten, sondern eine riesige Stärke!

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Nachwort: Ich möchte mich noch einmal bei Angie* bedanken … für ihren Mut und ihre Offenheit, hier vom dunkelsten Moment ihres Lebens zu erzählen. Und gleichzeitig möchte ich mich auch bei allen Leser:innen bedanken, die dieses Interview vorurteilsfrei lesen und die daraus resultierenden Gedanken und Gefühle möglicherweise dazu verwenden werden, zukünftig noch besser auf sich selbst und die Menschen im eigenen Umfeld zu achten UND auf erste Anzeichen einer Depression noch etwas vorsichtiger als vielleicht eh schon zu reagieren. <3

*Den Namen haben wir für dieses Interview aus sicher für jeden nachvollziehbaren Gründen geändert.

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr den Beitrag teilt.

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Ein Kommentar für “Suizid-Versuch: Interview mit einer Mama, die versuchte, sich das Leben zu nehmen

  1. Mutiges Interview. Wichtiges Thema – aber mir wäre wichtig, dass du einen Hinweis gibst, wo man Hilfe bekommt, wenn man selbst Suizidgedanken hat und diesen Text liest. Er zeigt schließlich einen möglichen Weg das zu tun. Das könnte andere gefährden.