Rabenmutter 2.0

The Queen of Trotz

Ich habe viele, durchaus recht grauenvolle Geschichten von meiner Mutter darüber erzählt bekommen, wie ich so als Kleinkind von ca. 2 oder 3 Jahren drauf war. Angeblich neigte ich zum Beispiel dazu, vor Wut die Luft anzuhalten, wenn hysterisches Brüllen allein nicht den gewünschten Erfolg erzielte. Auch soll ich mich gerne mal einfach so schreiend fallen lassen haben – im Prinzip wahllos überall – und sie dadurch förmlich dazu gezwungen haben, mich an ein bis zwei Armen (je nachdem wie viele Hände sie gerade noch zur freien Verfügung hatte, während sie Einkäufe schleppte und/oder meine kleine Schwester im Kinderwagen schob) zu packen und unter lautstarkem Protest und körperlicher Gegenwehr meinerseits hinter sich her zu zerren, damit ich wenigstens nicht von Autos überrollt würde.

Ich fand diese Erzählungen irgendwie immer ziemlich witzig – noch dazu natürlich völlig übertrieben! – und musste deshalb immer etwas schmunzeln, wenn meine Mutter in dieser Art der Erinnerungen schwelgte. Bis jetzt. JETZT schmunzle ich nicht mehr. JETZT lacht dafür meine Mutter, wenn ich sie abends völlig erschöpft anrufe und von meinem … tja, nennen wir es mal INTERESSANTEN Tag mit meinem (ehemals) zuckersüßen Töchterchen berichte. Ausgleichende Gerechtigkeit nennt sich das wohl ;) .

Vielleicht ist ein Teil meines Problems mit der aktuellen Phase der kleinen Madam genau das: sie war immer ein so zuckersüßes Mäuschen. Wirklich! Vor einem Jahr noch gehörte ich zu den rar gesäten Mamis, die auf dem Spielplatz faul neben ihrem Kind sitzen durften, während es in Seelenruhe und gefühlt stundenlang mit Sandförmchen spielte. Kam ein anderer Zwerg dazu und nahm ihr irgendetwas ab, weinte oder zeterte sie nicht … sie spielte einfach weiter. Sie war so ausgeglichen. So in sich ruhend. Es war wundervoll!
Natürlich war sie auch mal wütend und hat versucht ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Aber sie ließ sich immer einigermaßen zügig besänftigen (zumindest tagsüber – die nächtliche „Gestalt“ meines Kindes steht auf einem anderen Blatt ;) ). Und selbst als sie anfing, alleine auf Streifzug zu gehen, ihre (möglicherweise von irgendwem geerbte) Selbstüberschätzung zu entdecken, mich damit auf dem Spielplatz stundenlang in Atem hielt und ihrem Vater sogar den ein oder anderen Herzinfarkt bescherte, hatten wir als Eltern doch immernoch das Gefühl, besonderes Glück mit unserem allgemein sehr friedvollen und grundsätzlich bezauberndem Nachwuchs zu haben. Dann wurde sie 2 Jahre alt … 

Rückblickend ist es natürlich total lächerlich, dass ich dachte, mein Kind würde komplett ohne die Trotzphase auskommen – oder mir maximal eine abgespeckte, gut erträgliche Mausemaus-Version angedeihen lassen. Wie kam ich nur darauf???

Ich liebe mein Kind wirklich sehr. Und wenn sie auch noch mit ausgebreiteten Armen auf mich zugelaufen kommt und mir dann mit viel nassem Zahnungssabbern ins Ohr haucht:„Mama dolle lieb!“ könnte ich HEULEN vor Glück, weil ich ihre Mutter sein darf! Aber das macht sie logischerweise nicht den ganzen Tag. Im Moment verbringt sie stattdessen den Großteil ihrer wachen Zeit damit, mich – und da übertreibe ich keineswegs – IN DEN WAHNSINN ZU TREIBEN!!! Denn mein zauberhaftes, kleines Töchterchen ist mit Haut und Haaren in der gefürchteten Trotzphase angekommen. Und scheint diese voll auskosten zu wollen.

„Ich mache das!“ jubelt die Mausemaus im Moment als Antwort auf so ziemlich jede von mir angekündigte Aktivität. Das ist süß. Und ich möchte diesen neu entdeckten Willen, alles alleine zu schaffen auf gar keinen Fall bremsen. So bin ich begeistert, wenn sie sich selbst Schuhe oder Kleidungsstücke anzieht, ihr Bett macht, den Tisch mit deckt oder abräumt, Einkäufe auspackt und die Katzen bürstet. Gefällt mir mega gut! Allerdings gibt es eben auch Grenzen, die ich ziehen will und muss. Ich finde beispielsweise, dass ich mir meinen Hintern besser selber abputze. Auch ist die kleine Madam nicht in der Lage, mir eine Strumpfhose anzuziehen. Beim besten Willen nicht! Und die scharfen Messer räume wirklich lieber ich aus der Spülmaschine aus. Genauso möchte ich, dass im Supermarkt die schweren Glasflaschen von MIR in den Einkaufswagen gelegt werden, weil SIE sie aufgrund des Höhenunterschiedes nur werfen könnte. Allerdings stoßen meine Argumente, warum sie etwas NICHT selber machen darf, gänzlich auf taube Öhrchen. Und um ihrem Unmut so richtig schön Nachdruck zu verleihen, wirft sich die Mausmaus theatralisch zu Boden – mit dem Gesicht nach unten – und weint so herzzerreißend, dass ich kurz davor bin, ihr doch das Klopapier zu reichen. Nein, natürlich nicht ;) . Aber es ist schon schlimm, sie so zu sehen. Und zwar nicht nur, weil sie so mitleiderregend schluchzt, sondern auch, weil ich diese sehr emotionale Aufführung bis zu 10 mal an einem einzigen Tag erleben darf/muss. Das kann dann schon ernsthaft an den Nerven zehren.

Wobei es zuhause ja beinahe noch erträglich zu nennen ist, weil man da als Rabenmutter auch einfach mal in einen anderen Raum schleichen, sich eventuell sogar mal kurz erschöpft auf die Couch sinken und die Augen schließen kann (was ich natürlich niiiieeeeeee machen würde. Naja, vielleicht doch :D ). Das Kind ist derweil ja gut zu hören und kommt auch nicht weg :D . Und wenn man bereits alle pädagogisch besser vertretbareren Reaktionsweise auf die Cry-me-a-River-Szene ein Zimmer weiter ausprobiert hat, dann bleibt einem eben manchmal auch einfach nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis die Trotz-Queen aufsteht, ihr Krönchen richtet und zwar noch immer weinend, aber dennoch in Mamas Arme gekrochen zum heilenden Kuscheln kommt. Alles legitim. Alles gut.

Etwas anders sieht es aus, wenn Mutter und Kind sich in der Öffentlichkeit aufhalten. DA ist die Trotzphase keineswegs so easy auszusitzen – zumindest bei uns nicht. Die kleine Madam zum Beispiel WIRFT gerade sehr gerne mit Sachen um sich (was ich wahrlich hasse wie die Pest!) und macht zur Auslebung dieses speziellen Hobbys auch nicht halt vor gefüllten Supermarktregalen. So kommt es vor, dass ich verzweifelt versuche, plötzlich durch die Luft fliegende Leberwurst aus der Kühltheke einigermaßen cool (und wenn irgend möglich UNAUFFÄLLIG) zu fangen, bevor sie irgendwo „zerschellt“ und mich in eine extrem unschöne Lage katapultiert. Obwohl … in der unschönen Lage befinde ich mich ja dann eigentlich schon, denn ich muss mein frech grinsendes Kleinkind in einem zumeist ordentlich gefüllten Supermarkt zur Ordnung rufen, wofür ich von besagtem Kleinkind ausgelacht und von Passanten blöd angeguckt werde. Doch das ist dann noch nicht der beschämenste Moment des Einkaufs – den hebt sich die Trotz-Queen meist für die Kassen-Situation auf, in der sie die zwei von ihr favorisierten Reaktionsschemata geschickt kombiniert: Erst WIRFT sie Quengelware und dann – wenn ich erzieherisch einschreite, schimpfe und sie eigentlich dennoch verhältnismäßig behutsam von Chips-Tütchen, Gummibärchen und Schokoriegel wegzuziehen versuche – lässt sie sich brüllend fallen. Das Ergebnis ist klar: Ein schockiertes Raunen geht durch die Warte-Schlange hinter mir, manchmal sogar getoppt mit einem erbost gewisperten „Sie hat das Kind GESCHUBST!!!“ Es ist mir ein inneres Prinzessinnen-Fest!

Ich freue mich ja schon sehr, auf die in naher Zukunft unweigerlich eintretende Steigerung – wenn nämlich mein Babybauch sichtbar zu Tage tritt. Denn dann wird sich garantiert bei jeder, von meiner schnuckeligen, kleinen Madam mit Bravour und gnadenlosem Talent vorgeführten Show mindestens einer in ihrem Publikum finden, der sich völlig erschüttert ob meiner absoluten Unzulänglichkeit als Mutter, zu folgendem applausverdächtigem Sätzchen herablassen mag: „Und DIE will NOCH ein Kind?“ Ich kann es nur wiederholen: Ich freue mich RIESIG darauf!!! ;)

PS: Ich weiß, es gibt diese Mütter, die mit den sprichwörtlichen Nerven aus Drahtseilen gesegnet sind und mit den Trotzanfällen und Ausrastern ihrer Kids so dermaßen cool umgehen, dass ich Handschuhe reichen möchte. Ich bewundere diese Frauen von Herzen und beobachte sie mit offenem Mund, wenn ich einer von ihnen begegne und Zeuge werden darf, wie sie eine Situation lässig händeln, die in mir normalerweise den Wunsch auslöst, mich neben mein kreischendes Kind auf den Boden zu werfen und ein bisschen zu weinen, weil ich es gerade so anstrengend finde! Und ich versuche wirklich mein Bestes, mir von dieser Coolness ein Scheibchen abzuschneiden, um auch mal locker zu bleiben, mich auf keine Spielchen mit dem Zwerg einzulassen, konsequent zu reagieren und im Notfall hart, aber ohne Geschrei durchzugreifen. Ich versuche es wirklich. Aber … was soll ich sagen … meine zugegebenermaßen etwas bemitleidenswerte Reaktions-Version mit dem daneben legen, erscheint mir aktuell für mich persönlich einfach realistischer ;) .

 

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13 Kommentare für “The Queen of Trotz

  1. Es ist alles nur eine Phase….
    Es ist alles nur eine Phase…
    Es ist alles nur eine Phase…
    Und davon geht eine nahtlos in die nächste über.

    Ich wünsche dir eine große Portion Geduld und Gelassenheit ?
    Mir hilft die Umformulierung von “Trotzphase” in “Autonomieentdeckungsphase” manchmal ein bisschen.

    Viele Grüße
    Sabrina

  2. Ich glaube,wenn es bei uns dann so weit ist, lass ich mir T-Shirts bedrucken mit den coolen Sprüchen, die einem DANN immer nicht einfallen, wenn alle glotzen…so was wie “uns regt nix mehr auf, wir sind Eltern” oder den Ladebalken mit “Trotzphase abgeschlossen…please wait”.

  3. Jeder der Kinder hat (oder kleine Geschwister wie ich), kennt diese Trotzreaktionen. Und solange die Eltern dann nicht mit Gewalt reagieren, hab ich eher Respekt davor, mit solch Kindern umgehen zu können, als Ablehnung oder Abscheu (gegenüber den Eltern). Kinder können wirklich zuckersüss, aber auch wirklich grausam sein. Da muss man dann wohl durch.
    Ich wollte glaube ich lediglich dir mitteilen, dass nur weil die Leute an der Supermarktkasse so komisch gucken, denken 100pro nicht alle was für eine schlechte Mutter du bist, sondern haben bestimmt auch Respekt vor dir.

    Ich finde wie du das alles beschreibst, machst du das alles genau richtig. Tolle Mama. :)

    Viele Grüße an dich & restliche Family,
    hiccups