Die Frau des Radfahrers

Die Frau des Radfahrers: Fanboy mit Vollbart

Radsport – das absolute, unübertroffene und möglicherweise meine kommenden 50 Lebensjahre stark erschwerende Leid-Thema in meiner Ehe. Während ich ja bekanntermaßen so ziemlich alles daran … wie soll ich es höflich formulieren … VERACHTE, liebt mein Mann einfach jedes Detail an diesem Unterhaltungsprogramm für Lycra-tragende Herren in Zeiten der frühen Midlife-Crisis. Und zwar nicht nur die völlig überteuerten Räder, die unterirdisch hässlichen Schlauch-Klamotten (aber bitte nur von RAPHA!) und die gähnend langweiligen, dafür schier endlos andauernden Berichterstattungen im Fernsehen. Nein, er ist außerdem der lebende Beweis dafür, dass sich das sogenannte „Fan-Gen“ NICHT automatisch bei allen Menschen nach der Pubertät in den wohlverdienten Ruhezustand schaltet, sondern manchmal dauerhaft aktiv bleibt und dann zu – sagen wir es, wie es nun mal ist – sonderbaren Anwandlungen führen kann. Oder bin ich die Einzige, die es etwas befremdlich findet, wenn sich ein erwachsener, eigentlich geistig völlig gesunder Mann das Porträt eines toten Rennradfahrers auf die Wade tätowieren lassen will??? Ne, oder?

Es gibt nicht viel, worauf mein Mann in Sachen Super-Radsport-Fan verzichtet. Eigentlich sogar nur darauf, unsere Wohnung mit Postern von Rennradfahrern zu plakatieren (ich hoffe sehr, dass ihm das nicht jetzt doch noch einfällt ;)). Dafür schleppt er ständig neue, große und natürlich qualitativ irrsinnig hochwertige Bildbände zum Thema an, die dann – meist ungelesen – ins Regal wandern und dort ein dem Inhalt angemessen ödes Dasein fristen. Außerdem sammelt er Tour-Shirts, die sich aber wohl von allein vermehren (wie praktisch), denn immer wenn ich frage, ob ein Shirt neu ist, betont er, wie laaaange er das schon hat. (Mein lieber Ehemann hält mich manchmal auch für etwas beschränkt ;)

Sicher nur, um in unsere Ehe keine Langeweile aufkommen zu lassen und immer für genügend anregenden Gesprächsstoff zu sorgen, macht er über das „Pflichtprogramm des Fanboy-Daseins“ hinaus auch noch jeden anderen Schwachsinn mit, der angeblich (ich habe ja LEIDER keine Ahnung und trete daher nur allzu oft ins Fahrradketten-Schmier-Fettnäpfchen) dazu gehört. Hier ein paar Beispiele aus meinem persönlichen Irrenhaus:

  • Cola-Dosen für Zwerge (150 ml)
    Ich: „Warum in Gottes Namen trinkst du Cola jetzt nur noch aus diesen Mini-Dosen? Ist doch totaler Quatsch! Warum können es nicht die normalen sein?“
    Er: „Die Profis trinken die auch!“
  • Sauhässliche, kleine Schirm-Mützchen
    Ich: „Himmel, sieht das bescheuert aus! Wie ein i-Dötzchen mit Vollbart! Findest du das etwa nicht?“
    Er: „Mir egal, die Profis tragen die auch!“
  • Beine rasieren
    Ich: „Warum willst du dir jetzt die Beine rasieren? Es ist Winter und du trägst doch eh LEGGINS auf dem Fahrrad.“
    Er: „WEIL. DIE. PROFIS. DAS. MACHEN!!!“
  • Spezial „Pflegeprodukte“ für den anspruchsvollen Rennradfahrer-ARSCH!!!!
    Ich: „Was riecht hier so penetrant nach … boah, keine Ahnung … brennendem Tannenwald?!“
    Er: „Ich! Und bevor du weiter fragst: Diese Creme benutzen die Profis auch!“

Natürlich könnte ich endlos weitere Beispiele aufführen, aber ich denke, es wurde bereits klar, was ich meine.

Doch das sind natürlich alles nur die ganz alltäglichen „Freuden“, die mir mein Leben mit meinem (semi-)professionellen Rennradfahrer-Ehemann schenkt. Richtig amüsant wird es erst, wenn irgendeine große Tour ansteht bzw. gerade stattfindet. Selbstverständlich meine ich damit keine von denen, die mein jung gebliebener Radsport-Fanboy selber fährt, sondern eine, bei der die ECHTEN Profis ihre Ehefrauen in den Wahnsinn treiben; ich kann ja nun wirklich unmöglich die einzige Radsport-hassende Radler-Frau sein!?

Aktuell ist das die Giro d’Italia (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Google; hatte den Namen dieses fesselnden Events nämlich schon wieder vergessen).

Was bedeutet das für mich?

  1. Der Fernseher sowie das Wohnzimmer sind zwischen dem 9. und dem 31. Mai tabu bzw. nicht nutzbar, da mein Mann dort jeden Abend – und zwar bis tief in die Nacht – die unzählige Stunden der über den Tag aufgezeichneten Tour-Etappen anschauen MUSS.
  2. Als wahrer Fan ebenfalls ein MUSS ist es, sich dem „feierlichen“ Anlass entsprechend zu kleiden. Ergo: Ich sehe meinen Mann während der Giro d’Italia so oft wie irgend möglich im offiziellen rosa Fan-Tour-Shirt … oder alternativ wenigstens in rosa. Damit passt er zwar ganz ausgezeichnet zum Farbkader unserer Tochter, aber irgendwann bluten halt doch die Augen.
  3. Und jetzt kommt das Aller-, Aller-, Aller-Schlimmste: Er mutiert zum Italiener. D.h. er „spricht“ italienisch (kann er nicht!!!), er isst so oft wie möglich italienisch (na gut, das mag ich!) und er malträtiert Frau und Kind bis zum Hörsturz mit italienischen Popsongs (oder Schlager oder Folklore oder was zu Hölle er noch alles auf Spotify findet!)

HERR, erbarme dich meiner armen Seele und lass diese verdammte Tour enden!!!!

Vielleicht liegt es ja auch an mir?! Es ist halt schon ewig her, dass ich ein praktizierender Fan von irgendwem war. (Und meine Liebe wurde damals bitter enttäuscht, da Michael Jackson – warum auch immer – niemals in Troisdorf-Oberlar aufgetaucht ist, um mich zu heiraten. Dieser DOOFI!) Vielleicht mangelt es mir einfach an Verständnis für meinen Gatten, wenn er mir tagein, tagaus von den „Leistungen“ dieser dürren Männlein erzählt, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als auf ihren Drahteseln hochmotiviert der dauerhaften Impotenz entgegen zu radeln. Vielleicht bin ich die komische von uns beiden … nicht er, der auf der Straße stehen bleibt, um anderen Radfahrern hinterher zu gucken oder besonders schöne (ERNSTHAFT?!) Bikes in Schaufenstern zu bewundern. (Als liebende Ehefrau halte ich trotz allem für diese Momente immer ein Taschentuch bereit, um den Sabber aus seinen Mundwinkeln zu wischen.) Tja, VIELLEICHT sollte ich wirklich mal in mich gehen und mich fragen, ob es an mir liegt…

Hahahahahahaha, NEIN! :D

 PS: Falls sich jemand fragt, ob die Nummer mit dem Tattoo eine ernstgemeinte Idee meines Mannes war: JA! Was ich darauf gesagt habe? Na, was wohl … AUF. GAR. KEINEN. FALL!!!!! ;)

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