(Leser-)Geburtsberichte

Anna H. erzählt

Der 30. Mai 2012 war heiß, 28°C. Ich schlenderte mit meiner 34-Wochen-Kugel und meinem Partner durch IKEA, die letzten Besorgungen machen. Wird sicher das letzte Mal Möbelshoppen ohne Kind sein. Wenn ich da schon gewusst hätte, wie richtig ich mit dieser Vermutung lag…

Wieder zu Hause, verabschiedete sich der Papa in spe zur Bandprobe und ich empfing eine Freundin zum Quatschen. Als ich neben ihr auf der Couch saß, rummst es plötzlich gewaltig in meinem Bauch. Ich sagte zu ihr, dass das Baby gerade arg nach unten getreten hat, bis mir einfiel, dass sie mit dem Kopf nach unten liegt, schon seit Wochen.
Ein Kontrollblick auf Toilette gab Sicherheit: Fruchtwasserverlust. Aber es sind doch noch 6 Wochen! Ruhe bewahren, Hebamme anrufen. Ihre Anweisungen: Hinlegen, da der Kopf noch nicht fest im Becken ist, Krankentransport anrufen und liegend in die Klinik bringen lassen. Beinahe zeitgleich begannen die Wehen im 5-Minuten-Takt und mein logisches Denken setzte aus. Zum Glück übernahm die Freundin: Sie organisierte den Transport, informierte den zukünftigen Papa und darüber hinaus noch meine Mama. Sie verfolgte den Krankenwagen bis zum Zielort und blieb an meiner Seite während der ganzen Aufnahmeuntersuchungen. Schnell war klar, dass sich da nichts mehr aufhalten lässt, das Baby macht sich jetzt auf den Weg, machen wir das Beste daraus. Zwischen Fassungslosigkeit und immer stärker werdenden Wehen gab ich Unterschriften, deren Echtheit ich später ganz sicher hätte anzweifeln können. ;) Auch bekam ich nur am Rande mit, was um mich herum geschah. Freundin ging, Eltern plötzlich kurz im Kreißsaal, Schwager wohl auch vor der Tür. Gegen 22 Uhr wurden alle bis auf den Papa weggeschickt, damit wir Ruhe haben.
Bis etwa 0 Uhr kämpfte ich mit starken und langen Wehen, der Muttermund kam jedoch über die 1,5 cm nicht hinaus. Den Vorschlag der Ärztin, eine PDA zu machen, damit ich mich etwas ausruhen kann und der Körper ohne Gegenwehr arbeiten kann, nahm ich dankbar an. In die Wanne durfte ich aufgrund der Frühgeburtlichkeit nicht und andere Maßnahmen blieben erfolglos. Zwischen zwei Wehen stach der Anästhesist in meinen Rücken – und dann noch ein zweites Mal, denn er traf einen Wirbel. Schön ist anders, schlimm aber auch. Auf jeden Fall kam rasch die erlösende Wirkung und man dimmte das Licht und ließ uns in Ruhe. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich schlafen oder auch wieder nach Hause gehen können. Die Wehen waren nur noch als dumpfer Druck zu spüren und es war alles so unwirklich. Mein Partner verabschiedete sich gegen halb 2 noch mal nach Hause, um ein paar Sachen zu holen. Laut Hebamme würde das hier noch eine Weile dauern, er könne sich Zeit lassen.
Falsch gedacht, etwa eine Stunde später wurden die Wehen wieder sehr deutlich und eine junge Hebammenschülerin massierte mir regelmäßig den Rücken zur Entlastung, das tat so gut und ich bin ihr heute noch dankbar dafür.
Gegen 3 kam der Papa endlich wieder und ich hatte regelmäßig sehr starke Wehen. Zwischen zwei Wehen war es um uns herum absolut still und man konnte durch das angekippte Fenster bereits wieder die ersten Vögel hören. Das hatte etwas Magisches, Symbolisches für mich. Ein neuer Tag beginnt und ich bekomme heute mein Kind.
Kurze Zeit später wurden die Wehen so heftig und eindeutig, dass ich nach der Hebamme klingeln ließ. Nach einem kurzen, professionellen Blick rief sie die Kinderärztin mit den Worten “Die 4 kommt jetzt auch spontan”. Erst da realisierte ich, dass der echt anstrengende Teil noch vor mir liegt. Ich wäre am liebsten gegangen, war ne nette Generalprobe, bis in 6 Wochen dann… ;) Stattdessen veratmete ich meine erste Presswehe vor Schreck, mit der zweiten war das Köpfchen geboren. Die Hebamme machte plötzlich Druck, ich müsse mir jetzt mal ein bisschen Mühe geben hier. Später verstand ich, warum: Da ihr Kopf noch nicht fest im Becken war, war die Nabelschnur vorgerutscht und um ihren Hals geschlungen. In dem Moment fand ich es jedoch einfach nur unpassend. Presswehe 2 und 3 gingen irgendwie ineinander über und da war sie, meine wunderschöne, 2430 gr leichte und 45 cm kleine Tochter. Um 3.56 Uhr am 31. Mai tat sie ihren ersten Schrei und wurde mir zumindest kurzzeitig auf die Brust gelegt und zum Kuscheln gegeben. Ich hatte ein paar Minuten mit ihr, dann kam sie auf die Intensivstation, das war vorher so abgesprochen und doch schlimm. Nachdem man mich untersucht hatte – zum Glück nur ein paar Schürfwunden, war eben doch ne kleine Maus -, brachte man mich etwa 2 Stunden später im Rollstuhl zu meiner Tochter. Sie lag bis auf eine Windel nackig im Inkubator und wurde bei der Atmung unterstützt und gewärmt. Sonst ging es ihr gut.

Es folgten 3,5 Wochen Klinik für die kleine Miss, mit Höhen und Tiefen. Leider musste ich nach 3 Tagen die Klinik verlassen und bei ihr gab es keinen Platz. So gondelte ich täglich mehrfach zwischen Daheim und der Klinik hin und her, oft mit einem Beutel voller abgepumpter Muttermilch in der Hand, die sie per Sonde bekam.
Schlussendlich war sie aber fit, trank allein, überstand die Neugeborenengelbsucht, atmete zuverlässig und nahm zu, sodass wir sie endlich nach Hause nehmen konnten.

Heute ist die kleine Große stolze Erstklässlerin und noch immer mein ganzes Glück. Ich hatte lange an der fehlenden Möglichkeit zur richtigen Mutter-Kind-Bindung zu knabbern, hatte immer Angst, ihr fehlt dadurch etwas. Aber sie holte sich alles zurück, stillte volle 18 Monate und war ein Trage- und Kuschelkind durch und durch.

Und auch ich bekam meine zweite Geburt, die mich mit der ersten, holprigen und unvorbereiteten Runde ein Stück weit versöhnte. Im September 2017 entband ich beinahe zum errechneten Termin in einer beinahe langweiligen Bilderbuchgeburt ihren kleinen Bruder und möchte keine der beiden Geburtserfahrungen missen.
Diesen schönen Geburtsbericht hat Anna geschrieben :) 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.