kleine Jungen mit langen Haaren
Neu Rabenmutter 2.0

Kleine Jungen mit langen Haaren – ein offener Brief

Letztens postete ich ein Bild von meinem Söhnchen, wie er sein Puppenbaby in einer Trage auf den Kopf küsst. Ich schrieb dazu, dass es sich um meinen SOHN handele und dass ich ihm die Fotos eines Tages schenken würde, wenn er ein echter PAPA wäre. Das Bild zeigte den Floh wie immer von hinten, so dass man auch seine Frisur – den schon recht langen, meist geflochtenen Zopf – sehen konnte. Die allermeisten Kommentare zu diesem Post waren zuckersüß, weil mir glücklicherweise wirklich fast ausschließlich nur wunderbare, aufgeschlossene und moderne Eltern folgen, die die Haare meines Kindes längst kennen und sich daher auf den Kern der Momentaufnahme konzentrieren konnten; nämlich den, dass dieser kleine, niedliche Floh ein toller Puppen-Papa ist. <3 Dass er selbst gewählt zu der Kategorie „kleine Jungen mit langen Haaren“ gehört, war für sie maximal ein erneuter Anlass, davon zu schwärmen, wie zauberhaft er damit aussieht. ABER es gibt ja auch immer diese missmutige Profil-Passanten, die nur bei einem Posting „vorbeischauen“, um mal eben schnell ein bisschen schlechte Laune zu kommunizieren … ODER zu beweisen, dass es unter uns schlicht noch sehr viele Menschen gibt, die auch 2021 am liebsten ihre Ur-Großeltern zitieren, um andere, die schon fortschrittlicher denken, vermeintlich zu denunzieren, anzugreifen oder zu beleidigen. Ich meine: DAS GESCHLECHT DES KINDES STAND JA SOGAR DANEBEN! Und dennoch fanden sich einige, die vor diesem Hintergrund ja nun wirklich wenig schlaue Sätze dazuschreiben mussten:

„Die Haare des Kindes sind so hässlich!“

„Ey, das ist doch ein Mädchen, oder?“

„Hä, ich bin verwirrt, ist das ein Junge oder ein Mädchen?“

Du hast keine Lust oder Zeit, zu lesen? Dann scrolle einfach bis zum Ende des Textes runter und hör dir den PODCAST an!  

Kleine Jungen mit langen Haaren.

Wie schade das ist, für diese Leute, weil sie so viel kostbare Zeit damit verschwenden, andere auszubremsen und sich tatsächlich damit profilieren möchten, dass sie sich eben NICHT weiterentwickeln. Ich weiß, dass es nicht mehr und deshalb auch eigentlich meine Gedanken dazu gar nicht wert ist; ich finde es dennoch schrecklich schade, denn es stimmt: Diese Menschen bremsen uns alle aus; sie schüren – online wie offline – die Angst, man selbst zu sein und aus einem veralteten Raster auszubrechen. Und das, obwohl unsere Gesellschaft doch (angeblich) genau das möchte. Ich finde es schade und es ärgert mich. Bei besagtem Post wieder besonders, denn ich weiß von so vielen Kindern, die sich von solchen Stimmen in ihrem echten Leben, in Kitas und Schulen, den Mut nehmen lassen, sich wirklich auszuprobieren. Es sind doch nur Haare! Oder Klamotten! Oder Farben! Dass sollte längst anders sein.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht und ich war sehr wütend darüber. Doch dann fiel mir ein, dass diese Menschen eigentlich gar nichts dafürkönnen. Sie wissen es einfach nicht besser. Sie KÖNNEN es noch nicht besser. Sie schaffen es nicht, über so etwas nebensächliches wie eine Frisur auf einem Kinderkopf hinwegzusehen … obwohl lange Haare für (ausgewachsene ;) ) Männer doch längst total normal sind. Und das, obwohl sie sich für IHRE Kinder sicher dasselbe wünschen, wie ich. So im Allgemeinen. Deshalb habe ich einen offenen Brief an sie geschrieben und hoffe, er erreicht viele von ihnen:

Offener Brief zum Thema „kleine Jungen mit langen Haaren.“

„Ihr Lieben, die ihr es kaum ertragen könnt, wenn ein kleiner Junge lange Haare tragen möchte und ein kleines Mädchen lieber kurze,

ich möchte euch etwas fragen: In welcher Welt sollen EURE Kinder leben? In einer Welt in der sich Menschen nach Meinungen anderer richten, die gar nicht mehr zeitgemäß sind, die Einschränkung für ganz persönliche Freiheiten bedeuten, die eigentlich absolut individuell sein sollten? In einer Welt, in der man bei Nebensächlichkeiten wie Kleidung oder Frisur keine freie Entscheidung treffen darf, weil man sonst gemoppt wird … einfach nur, weil ein Teil der Gesellschaft es nicht schafft, sich weiterzuentwickeln und mit der Zeit zu gehen? Findet ihr es wirklich richtig, euch selbst etwas abzusprechen, weil andere das von euch erwarten und dass, obwohl IHR wisst, dass es für EUCH aber richtig oder schlicht schön wäre? Würdet ihr es als Erwachsener in Ordnung finden, wenn euch fremde Menschen auf der Straße ansprechen und fragen, was ihr euch bei dieser Scheiß-Frisur auf eurem Kopf gedacht habt? Fändet ihr es schön, wenn euch Passanten im Vorbeigehen zurufen, dass ihr hässlich ausseht in eurem Lieblingskleid? Wünscht ihr euch DAS für eure Kinder? Dass sie in so einer Welt leben? Ich denke, wir sind uns einig, dass ihr euch das absolut nicht wünscht. Weder für euch, noch für eure Kinder.

Wahrscheinlich ist es eher so: Ihr wünscht euch, dass man euch so sein lässt, wie ihr seid. Dass niemand über euren kleinen Bauchansatz meckert. Oder euch verurteilt, weil euer Po nicht in eine 36 passt. Ihr wünscht euch für eure Kinder, dass niemand mit dem Finger auf sie zeigt, weil sie einen bestimmten Sport ausüben oder etwas nicht essen möchten oder Angst vor etwas haben, dass sonst die wenigsten ängstigt. Ihr wünscht euch, das eure Kinder in einer Welt aufwachsen, in der sie akzeptiert werden, mit all ihren kleinen Eigenheiten, die sie eben zu Individuen und für euch besonders liebenswert machen. DIESE Welt wünschen wir uns alle. Für uns und für unsere Kinder.

Zusammen etwas verändern wäre doch schön, oder?

Leider gibt es diese Welt noch nicht. Aber wir können alle gemeinsam an dieser Welt arbeiten, damit wir eines Tages in ihr leben können. Und das bedeutet, dass wir alte Bewertungskriterien für einander loslassen müssen. Wir müssen aufhören, Sprüche zu klopfen, die schon unsere Großeltern geklopft haben und mit denen schon wir in unserer Jugend verletzt oder eingeschränkt wurden. Wir müssen aufhören, im Vorbeigehen Sätze zu zitieren, die uns zwar eingebrannt wurden, die aber schon lange nicht mehr zeitgemäß sind. Wir müssen grundsätzlich aufhören, andere aufgrund von Äußerlichkeiten zu beurteilen und zu bewerten. Das wollen WIR doch auch nicht!

Gerade bei Kindern ist es eigentlich wirklich einfach, so etwas loszulassen, denn es ist schlicht zauberhaft mit anzusehen, mit welch uneingeschränkt Neugier Kinder alles im Leben entdecken … wenn wir sie nur lassen. Es ist wundervoll, sie dabei zu beobachten, wie sie alles ausprobieren und daraus ihr eigenes Ich kreieren. Wir müssen sie nur lassen! Und wir müssen auch die anderen Kinder lassen. Wenn wir auf dem Spielplatz nicht sofort beurteilen können, ob wir es mit einem kleinen Jungen oder einem kleinen Mädchen zu tun haben, es uns aber brennend interessiert, dann können wir die Eltern fragen, wie ihr Kind heißt. Zack, schon wissen wir mehr. Wenn es uns denn echt so wichtig ist, dass Geschlecht zu erfahren.

Mein Sohn liebt blau und rot, Dinosaurier, Roboter und Autos, genauso Puppen und Stofftiere. Er lackiert sich wahnsinnig gerne die Nägel und braucht für jedes noch so kleine Aua ein Pflaster. Und er möchte die Haare lang tragen, aber mit Pony. Den Zopf flechten wir, weil auch die große Schwester immer einen Zopf trägt. Das ist praktisch und im Sommer werden die Haare nicht zu warm. Ja, er wird oft für ein Mädchen gehalten. Bisher juckt ihn das wenig. Aktuell sind es die langen Haare, die dazu führen, obwohl sein Stil ansonsten doch eher oldschool jungenhaft ist. Als er noch kürzere Haare hatte, waren es seine langen Wimpern, die trotz viel blau an seiner Kleidung oft zu der Annahme führten, er wäre eine sie. Was soll ich tun? Dem Kind ein Geschlechter-Schild umhängen? Obwohl unsere Gesellschaft doch gerade angeblich so sehr darum bemüht ist, sich zu verändern, aufgeschlossener zu werden und moderner, Raum zu schaffen für all jene, die nicht mehr in diese uralten Raster passen wollen. Sollte das nicht auch direkt für unsere Kinder gelten? Ganz egal welches Geschlecht sie haben, welche Frisur sie für sich wählen und ob sie gerne in einem rosa Rüschen-Kleid rumlaufen oder in einer verschlissenen Hose? Schon, oder?

Also lasst uns doch einfach zusammen losgehen, diese alten Kriterien und abgedroschenen Klischees wegwerfen und diese neue Welt kreieren, die wir uns so sehr für uns alle wünschen. Geben wir auch unseren Kindern die Kraft, diese Welt mit uns zu erschaffen, indem wir sie darin bestärken, sie selbst zu sein … anstatt sie von vorneherein einzuschränken, damit sie bloß angepasst sind an uralte Ansichten und Muster. Der Gedanke DARF nicht sein: Na hoffentlich ist dieses Kind, dass seine Frisur selbst wählt, stark genug, um den sich darauf stürztenden Mobbern entgegen zu treten. Der Gedanke MUSS sein: Lasst uns gemeinsam die Normalität UNSERER Zeit anpassen, damit wir uns alle wohler fühlen, und Mobbern damit die Macht über uns nehmen. Zumindest schon mal in Punkto Haare, Kleidung und Farbe. Und keine Sorge: Wer meckern will, der findet auch was. Das ist schließlich eine Einstellungssache. ;)“

 

PS: Das Argument jener Eltern, dass SIE aber kurze Haare beim eigenen kleinen Jungen schöner finden, verstehe ich. Nur ist es so: Euer Sohn, dem diese Haare gehören, sieht das vielleicht anders … wenn er es selbst herausfinden darf. Gilt natürlich auf für Töchter. Und jeden erwachsenen Menschen. ;)

PPS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr den Beitrag teilt! <3

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6 Kommentare für “Kleine Jungen mit langen Haaren – ein offener Brief

  1. Ich muss dir völlig zustimmen. Wobei ich mich letztes Jahr vor Schulstart auch dabei erwischt habe, meinen Sohn zum Haare schneiden überreden zu wollen. Ich hatte Angst vor der Reaktion der anderen Kinder (im Kindergarten gab es teilweise schon negative Erfahrungen) und dass er dadurch Schwierigkeiten bekommt Anschluß zu finden. Aber er war da zum Glück ganz standfest und in seiner Klasse scheinen die Kinder auch aufgeschlossener zu sein als im Kindergarten :-) Mittlerweile ist es ihm auch (oft) egal wenn ihn jemand als Mädchen bezeichnet.

  2. mein sohnemann(7jahre) trägt ne weissblonde mähne für die er sich bewusst entschieden hat weil seine zwei besten buddies auch lange haare haben💪🏻
    mein mann hat inzwischen eine längere und auch eine schönere haarpracht als ich😭 von meinen großeltern muss ich mir immer anhören, wann denn die jungs endlich zum schneiden gehen denn ein mann muss ja schließlich kurzes haar haben das gehört sich so…nun ja meine antwort: ich schneide meinem mann die spitzen und meinem sohn den pony dass die augen wenigstens frei sind😂
    ach ja unsere kleinste im bunde (6 monate) wird des öfteren als „er“ angesprochen weil ihre babykutsche beige ist und ausser dem kleinem traumfänger mit hübschen rosefarbenen federn (handmade geschenk einer freundin) nix für das typisch rosa/pink/glitzer/kleidchen püppi girlie klischee spricht…wir erziehen unsere kids zu selbstbewussten kleinen menschen, die zu ihren entscheidungen stehen und weiterhin andere in ihrer andersartigkeit akzeptieren und tolerieren.
    in diesem sinne: some people dance in the rain, others just get wet✌🏻❤️

  3. Dieser Artikel spricht mir gerade aus dem Herz. Mein großer Sohn (fast 7) trägt eigentlich sehr gerne seine schulterlangen Haare. Er sagt immer, dass es ihm gefällt, wie sie beim rennen hinterherliefen oder seine Löwenmähne zu schütteln. Allerdings scheinen ihm so langsam die ständigen Verwechslungen mit einem Mädchen, sogar im Schwimmbad mit Badehose, zuzusetzen. Er möchte sie jetzt komplett abschneiden, dass alle gleich wissen, dass er ein Junge ist. Mich nervt es inzwischen auch, dass er immer wieder von Eltern als Mädchen angesprochen wird. Er trägt relativ eindeutig Jungenklamotten.
    Meinem jüngeren hab ich deswegen beigebracht, andere Kinder einfach als Kinder zu bezeichnen und nicht Junge oder Mädchen. Jetzt ruft er auf dem Spielplatz immer: Kind willst du mit mir spielen 😁

    1. Hallo,
      des Menschen Haarlänge ist sein Himmelreich :-)). Nur lasst Euch doch nicht davon nerven, wenn das Geschlecht Eures Kindes nur verwechselt wird. Das ist doch nicht das gleiche, wie jemanden das Recht abzusprechen, sich frei zu entfalten. Fehler passieren…
      Das ist natürlich nicht das, worum es in dem Artikel ging. Das find ich einfach nur noch irritierend, wie zwanghaft manche ihr Weltbild anderen aufzwingen müssen.

  4. Sehr schön geschrieben :-)
    Ich finde es auch immer wieder irritierend, wenn ich das Geschlecht meines Kindes erklären oder rechtfertigen muss, weil es nicht in die Köpfe passt, dass auch Mädchen in bequemer Kleidung rumtollen wollen und kurze Haare ebend einfach einem allabendlich Zieps-und Autschgekämme vorgezogen werden (und ja ich kann Haare „richtig“ kämmen ;))