Rabenmutter 2.0

Schulterklopfer erwünscht!

Früher, in der dunklen Pre-Mutti-Zeit, war ich auf so ganz klassische, normale „Werte“ stolz: auf mein erstes Auto (ein Ford Fiesta mit schicken Roststellen) und meine erste eigene Wohnung (ein Schuh-Karton mit Tür … aber MEIN), auf meine Leistungen im Job (so ganz im Allgemeinen) und auf meine erste Buchveröffentlichung (so im Besonderen), auf ein selbst zusammen gebautes Regal und darauf, nicht ausgerastet zu sein, als es plötzlich zusammenbrach (oh man, das war schon ein Knaller!), auf meinen Mann (weil er so ne coole Sau war … äh, ist!!!) und manchmal sogar einfach nur auf mich selbst, weil ich so war, wie ich eben war (an guten Tagen mehr, an schlechten weniger … kennt man ja von Frauen, ne :D ).
Heute, als Mama, bin ich immernoch oft stolz. Allerdings auf andere Dinge und Leistungen als früher … also echt jetzt: Auf totaaaaaal andere Sachen!

Ohne Frage ist Muttis ganzer (Basis-)Stolz der Nachwuchs. Klaro! Das ist biologisch wie emotional eigentlich gar nicht zu verhindern … selbst an diesen speziellen Tagen, an denen der Spross alles daran setzt, den genetisch eingebauten Mutter-Stolz wie eine Lampe auszuknipsen, indem er die Grenzen der Trotzphase nochmal stark nach oben ausbaut, Nachbars Scheiben mit Steinen einschmeißt oder seine angeborene Lieblichkeit sonst wie stark reduziert, ist es immernoch ein ungeschriebenes Gesetzt, dass Mutti vor Stolz fast platzt, wenn sie ihr Kind „mitstolz dem Herzen“ ansieht. Scheint ähnlich zu funktionieren wie die Nummer mit der Liebe. Deshalb will ich auch um Gotteswillen nicht dran rütteln! Ich bin ja nicht irre! Und mir geht es da ja absolut genauso wie Millionen andere Mütter: Ich sehe den Scherben-Haufen und denke noch während ich schimpfe: „Boah, toll, wie gezielt die kleine Maus schon werfen kann.“ Eigentlich echt kläglich. Und etwas lächerlich. Aber vor allem nur EIN winziger Bestandteil des völlig neuen Stolz-Gefühls, dass sich bei Mamis (bei Papis sicher auch … aber wieder etwas anders ;) ) nach der Geburt eines Kindes einstellt.

Ich erinnere mich zum Beispiel noch sehr gut an den ersten Tag, den ich alleine mit dem frisch geschlüpften, zauberhaft süßen Baby zu Hause verbrachte; an dieses überwältigende Gefühl der Liebe … und der Hilflosigkeit. Den Großteil meiner Zeit saß ich auf der Couch, hielt mein Kind im Arm und hatte keinen blassen Schimmer, was ich tat oder tun müsste und vor allem: WIE ZUM TEUFEL ICH ÜBERHAUPT IRGENDETWAS TUN SOLLTE, WENN ICH DOCH STÄNDIG DIESES KLEINE BÜNDEL IM ARM HIELTE. Im wahrsten Sinne des Wortes waren mir zum ersten Mal in meinem Leben die Hände gebunden. DAS gefiel mir gar nicht, denn eigentlich bin ich eine Frau der Tat. Und zwar ständig. So sehr, dass es meinen Mann oftmals nervt, weil ich einfach nicht auf meinem Arsch sitzen bleiben kann, wenn ich weiß, dass es irgendetwas (medium-wichtiges) zu tun gibt. Ihm geht’s da anders. Er kann dann trotzdem ganz in Ruhe weiter „couchen“. Männer halt :D .

Jedenfalls merkte ich ziemlich schnell, dass ich mit Kind in punkto Produktivität erst einmal Abstriche machen müsste. Mit einem Säugling, der sich weigert, auch mal alleine in einer Wiege zu liegen, sondern lieber 24 Stunden am Tag an die Mutti getackert ist, schafft man deutlich weniger, als … naja, ohne Säugling auf dem Arm. Und das wiederum hat zur Folge, dass man plötzlich auf Leistungen stolz ist, über die andere (Nicht-Eltern) nur müde lächeln.

Also versuchte ich umzudenken: Als an besagtem ersten Tag gegen 11 Uhr die Hebamme klingelte, begrüßte ich sie mit den Worten „Heute bin ich Super-Mum! Ich habe bereits GEDUSCHT!“ Und obwohl die gute Frau weder applaudierte, noch mit mir gemeinsam jubelte (was ich bis heute nicht verstehe!), wäre ich beinahe vor Stolz geplatzt, ob meines famosen „Kunststücks“, mit einem Baby im Badezimmer etwas Körperhygiene betrieben zu haben.

Und in genau diesem Stil machte ich weiter. Ich fing an, mir für vermeidliche Kleinigkeiten beherzte Schulterklopfer zu gönnen. War ich in der Lage, vor 16 Uhr einigermaßen repräsentativ das Haus zu verlassen – soll heißen: SAUBER angezogen wie eine Erwachsene (Jeans statt Schlafanzughose, Pullover statt Morgenmantel, Schuhe statt Pantoffeln und alles OHNE Babykotze versehen … zumindest vorübergehend), möglicherweise sogar mit gewaschenen Haaren und etwas Wimperntusche? PRIMA! Das wurde (absolut zu recht) bejubelt und gefeiert … mit Kuchen to go!
Schaffte ich es on top (oder auch separat) irgendetwas am stetig wachsenden Wohnungschaos zu machen? Vielleicht etwas vom mittlerweile gefühlt Kniehoch stehenden Katzenstreu im Flur zu entfernen? Oder ein bisschen vollgeschissene Baby-Wäsche zu waschen? Oder möglicherweise sogar MÜLL aus der Wohnung bis in die Tonne ein Stockwerk tiefer zu befördern? Oder – auch immer eine brauchbare Option – einige dieser to do’s an meinen Mann weiterzudeligieren und auf diesem Wege von der Haushalts-Jobs-Liste zu streichen? MEGA PRIMA!!! Zwei Stücke Kuchen wert :D .
Ich weiß, es gibt diese Sprüche, dass in einem chaotischen Zuhause glückliche Kinder aufwachsen, weil sich Mutti lieber um das Wohl und die Unterhaltung der Kleinen kümmert, als das Badezimmer zu putzen. Nur leider schadet es MEINEM Wohlbefinden (was ja – neben dem des Kindes – auch eine gewisse Relevanz haben sollte), wenn ich das Gefühl habe, die Bude verdreckt total. Einen für mich persönlich erträglichen Mittelweg zu finden, war nicht ganz leicht, aber irgendwie hat’s geklappt – zumindest so lange, bis ich wieder gewohnt übertrieben rotieren konnte ;) .

Mittlerweile, mit einer fast zweijährigen Tochter, gehören duschen und Wohnung einigermaßen auf Stand halten natürlich nicht mehr zu den bewältigten Tagesaufgaben, die meine Brust vor Stolz anschwellen lassen. Wie die sich stetig die Klinke in die Hand gebenden, bezaubernden Entwicklungsphasen der kleinen Madam, unterliegen auch die Gründe, die mein Mutti-Selbstbewusstsein mit Nahrung versorgen, einem steigen Wandel. Aktuell – mit einem Kind in der Trotzphase – lobe ich mich unter anderem für jeden erfolgreich absolvierten Einkauf, den ich ohne Brüll- oder Heulattacken (von einer der beteiligten Parteien) überstanden habe. Wenn ich zudem auch noch alle Waren tatsächlich bis nach Hause transportiert und nicht an irgendeiner Ampel vergessen habe, DANN bin ich kaum noch zu halten vor Glück! Auch jedes Zähneputzen, Hände waschen und Wickeln ohne meinerseits erhobener Stimme als Reaktion auf heftiges Spucken, Beißen, Treten oder Nuckie werfen als Ausdruck des kindlichen Unwillens verdient meiner Meinung nach ein kleines Schulterklopfen (die Trotzphase ist mir bisher ganz klar die liebste … NICHT). Grundsätzlich also alles, was mir selbst beweist, dass ich für mein Kind doch noch viel mehr Geduld aufbringen kann, ohne daran zu ersticken, als ich jemals für möglich gehalten hätte.
Und natürlich macht sich auch mindestens einmal die Woche ein mittleres bis großes Hochgefühl in mir breit, wenn ich wieder einmal einen Text für LÄCHELN UND WINKEN pünktlich fertig bekommen habe, obwohl die Mini-Teufelin zwei Mittagsschläfchen gestrichen oder die Nächte zum Tag gemacht hat und so meine Schreib-Zeit hart beschnitten wurde.

Klar vermisse ich die Anerkennung meiner „Arbeit“ durch Geld – wie in unserer Gesellschaft nun mal normal – durchaus. Aber es geht eben auch anders: Indem ich einfach selbst STOLZ bin auf das, was ich jeden Tag so schaffe.

Schwierig finde ich es allerdings, wenn diese speziellen, leider wenig mit Ruhm behafteten Leistungen, die man als Mutter eines Babys oder Kleinkindes erbringt, von (bisher) kinderlosen Freunden und/oder Bekannten so gar nicht als solche anerkannt werden. Wenn man sich zum Beispiel zufällig trifft und dann im Park stehend die neusten Neuigkeiten austauscht, was bei den Herren im Büro gerade abgeht, wie das ewig währende Studium der hübsch blondierten Freundin des Kumpels läuft und natürlich auch, was Mutter und Kind so treiben … und dann am Schluss gefragt wird: „Und was machst du sonst so, Anke? Du kümmerst dich doch sicher nicht NUR um Ella, oder?“ DA bleibt mir dann leider meist kurz die Luft weg – weil ich mich total ungerecht behandelt fühle und manchmal – für einen Moment – sogar beinahe beschämt. Glücklicherweise erinnert mich mein Mann aber immer wieder schnell daran, dass der PENNER UND DIE DUMME PUTE einfach keine Ahnung haben. Und dann geht’s wieder. DANN wünsche ich den beiden Kinder, VIELE Kinder und hoffe, sie noch zu kennen und zu treffen, wenn sie müde, vollgekotzt und trotz der 25 Erkältung des Jahres ihren schlecht gelaunten, den Puppenwagen nach Enten werfenden Nachwuchs am Weiher entlang zerren. Denn dann werde ich lächeln. Und winken. Und mich soooooo gut fühlen :D .

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4 Kommentare für “Schulterklopfer erwünscht!

  1. JA!!! Kenn ich!!!! Bist aus der Tür, Kind fertig, Du fertig, Karre die blöde Treppe aus dem Keller hochgehievt, Kind hat dabei NICHT den Keller mit der Hose gewischt, stehst dann vor der Haustür, es ist noch Zeit zur Bahn, der Schnulli ist dabei, hurra, bist ne -verschwitzte- Megamutti, dann fällt dir ein, wie siehst du eigentlich am Kopf aus und wo ist die Knabberstange?? Kinderlose haben keine Ahnung, ist ja auch gut so…