Rabenmutter 2.0

I feel mopsig!

Wer sich regelmäßig bei Facebook und Konsorten rumtreibt, kennt sie wahrscheinlich alle: diese rührenden kleinen Bild-Text-Kombinationen, bestehend aus einem unperfekten Nach-Schwangerschafts-Körper und Worten wie „Wir sind schön, weil wir geboren haben!“ (oder so ähnlich), die liebevoll gedrehten Kurz-Filmchen, in denen Kinder ihrer Mama sagen, dass sie die schönste Frau der Welt ist und natürlich die vielen Artikel über Foto-Projekte aus aller Welt, die (fast) nackte Mütter mit ihren Kindern zeigen – frei von Retusche oder Mager-Wahn, um den Blick auf das wesentliche zu lenken: die Liebe. Ich gucke mir das natürlich ALLES an und verdrücke meistens mindestens ein Tränchen, weil ich es so schön finde, es ans Herz geht und zudem mein aktuell etwas angegriffenes, leicht schwabbeliges Ego streichelt. Und dann … schlägt mein Gefühl ins Gegenteil um. Ich fühle mich von diesen nett gemeinten Bildern, Filmchen und Aussagen plötzlich ebenso bevormundet und unter Druck gesetzt, wie von jenen, die mir seit frühster Jugend vormachen, ich könne nur glücklich werden, wenn ich in Hosen der Größe XS passe und meine Oberarme den Umfang eines Zahnstochers haben – nur eben jetzt in die andere Richtung. Nun wird mir impliziert, ich MUSS glücklich und zufrieden mit meinem durch Schwangerschaft, Geburt und Stillerei neu geformtem Körper sein, weil er diese wahrhaft famose Leistung erbracht hat. Ich MUSS stolz darauf sein oder – die Version für weniger starke, selbstbewusste Persönlichkeiten – die Veränderungen an mir wenigstens nicht ablehnen. Kann ich aber nicht. Will ich ehrlich gesagt auch gar nicht…

Ich bin eine ganz glückliche und stolze Mama. Immer (Naja, meistens. Kommt halt auf den Status der Trotzphase der Großen und des Schlafverhaltens des Kleinen an :D ). Ich bereue meine Entscheidung, zwei Kinder bekommen zu haben null! Und mir ist absolut bewusst, dass es länger als ein paar Wochen dauert, bis ich all meine in der zweiten Schwangerschaft gesammelten Kilos wieder los bin. Es braucht einfach Zeit; mein Körper braucht Zeit – nicht nur um abzunehmen, sondern auch, um sich zu regenerieren. Ich weiß das (ich bin ja nicht komplett behämmert ;) ) Nichtsdestotrotz fühle ich mich JETZT gerade mopsig und unwohl in meiner Haut. Ich schaue nicht in den Spiegel und bewundere meinen After-Baby-Body, weil er das eigentlich verdient hätte und was – den ganzen tollen Foto-Strecken nach zu urteilen, –angebracht wäre, sondern ich motze und meckere über ihn. Über die Kilos, die Dellen, die neuen Besenreißer und Krampfadern, die Streifen an der Brust und die Pickel im Gesicht. Es belastet mich tatsächlich. Nicht ganz so sehr, wie nach der ersten Geburt, weil ich diesmal darauf vorbereitet war, dieses unangenehme Ich zu sehen, aber dennoch ausreichend, um unglücklich damit zu sein. Ich bin einen anderen Körper, ein anderes Gewicht an mir gewöhnt. Ich fühle mich in DIESEM Körper nicht so richtig zuhause und schon gar nicht schön … es ist einfach so – das hat nichts damit zu tun, wie ich auf andere wirke, wie sie mich vielleicht sehen, sondern ist ausschließlich mein ganz persönliches, subjektives Empfinden für mich selbst. Das sollte meiner Meinung nach immernoch erlaubt sein. Ja, es ist wundervoll, ein Kind zu bekommen. Und ja, dafür lohnen sich diese „körperlichen Opfer“, die wir Mamis bringen. Ganz besonders, wo doch viele dieser „Blessuren“ wieder verschwinden – wie die Kilos und die nackten Flächen auf der Kopfhaut, die uns der Haarausfall aufgrund des Hormonchaos beschert. Aber machen wir uns nichts vor: Nicht alles wird wieder wie es war. Und ich für meinen Teil will dann vor dem Spiegel jammern dürfen: „Oh scheiße, ich werde meine Brüste nach dem Abstillen von Kind 2 in einen BH rollen müssen!“ (nach der wiederholten Transformation von einem B-Körbchen auf ein D-Körbchen durchaus eine realistische Zukunftsvision). Ich will um meinen Bauch weinen … zumindest ein bisschen … der ganz sicher niemals wieder in seine alte Form zurückfinden wird. Von meinem Arsch ganz zu schweigen (der verzeiht diese Nummer mit den 25 Extra-Kilos echt am schlechtesten – lässt sich aus Ärger über mein (Fr)ess-Verhalten neuerdings total hängen ;) ). Ich möchte mich nicht dafür schämen müssen, dass ich eben NICHT die Größe und Stärke besitze, die durch die Schwangerschaften geschaffenen Mängel an meinem Körper positiv zu sehen – obwohl ich es mega toll finde, wenn andere das können. Wenn Frauen zum Beispiel ihre Schwangerschaftstreifen „Tigerstreifen“ nennen und sie als Auszeichnung für die erbrachte Leistung, ein Leben geboren zu haben, betrachten. Bewundernswert, so eine Einstellung. Echt! Ich wünschte wirklich, ich könnte das auch. Aber ich bin offenbar weniger selbstbewusst und/oder emanzipiert als diese Power-Mamis und stattdessen etwas oberflächlich und eitel, wie es scheint. ICH mochte meine Pre-Schwangerschafts- und Stillfigur lieber. ICH vermisse sie und hätte sie gern zurück – und das ganz unbeeinflusst von gesellschaftlichen Normen oder visuellen Zwängen.

Einige werden vielleicht sagen, dass ich einen Knall habe und nicht rumnöhlen soll, weil ich es ja auch hätte lassen können. Schließlich hat mich niemand gezwungen, Kinder zu bekommen. Und ich wusste doch, dass es Spuren hinterlassen würde. Aber … das ist das Gute am Frau sein: Ich bzw. wir können von Herzen die für uns persönlich RICHTIGEN Entscheidungen treffen, niemals daran zweifeln und TROTZDEM jammern! In dem Punkt liebe ich es echt, eine Frau zu sein :D .

Männer beneide ich dennoch ein bisschen … um ihren ganz anderen, nennen wir es mal besonderen Blick auf sich selbst im Spiegel. Sie sehen eine athletische Figur, selbst wenn sie in Wahrheit der Inbegriff der Couch-Potato sind – mit haarigem Fässchen anstelle des knackigen Sixpacks. Sie wurschteln sich in viel zu enge Pullover, zu kurze T-Shirts und in Hosen, die schon im Stehen ein Bauarbeiter-Dekolleté präsentieren – finden sich aber dennoch atemberaubend schön und attraktiv. Selbstzweifel sind unter den Herren der Schöpfung (obwohl Ausnahmen die Regel sicher bestätigen) deutlich weniger verbreitet, als unter uns Mädels. Schade eigentlich. Sehr schade.

Eigentlich ist es doch so: Ganz egal, welche Sicht auf sich selbst gerade „hipp“ ist, überall schick verpackt verbreitet und propagiert wird – niemand kann uns sagen, in welcher körperlichen Form wir uns tatsächlich attraktiv finden und wohlfühlen. Weder jene, die uns zu Diäten zwingen wollen, noch die, die uns unsere „Macken“ schmackhaft machen möchten. Letzteres ist ohne Frage angenehmer und garantiert sehr viel positiver zu bewerten, aber trotzdem liegt es dann doch ausschließlich an uns und unserem ganz individuellen Gefühl für uns selbst, wann und wie wir uns gut fühlen. Unabhängig davon ob Mama oder nicht.
Dennoch ist es einfach nur wunderbar herzerwärmend, wenn unsere Kinder uns mit ihrem noch völlig unverfälschten und ehrlichen Blick ansehen und sagen, dass wir die schönste Mami auf der Welt sind. Und es ist absolut richtig und notwendig, dass sich der Blick der Gesellschaft auf unsere Körper langsam ändert und wir nicht mehr mit Barbie-Puppen und 12-jährigen Mager-Model-Mädchen verglichen werden – denn welche Dimension unser Arsch hat, geht verdammt nochmal niemanden etwas an außer uns selbst! Darüber meckern dürfen WIR aber trotzdem ;) .

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9 Kommentare für “I feel mopsig!

  1. Der Text ist großartig.
    Ich stimme zu.
    Und allen Kommentaren auch.
    Natürlich muss man nicht ausschließlich stolz und glücklich sein nach Geburt, sondern kann auch hadern mit den körperlichen Gegebenheiten. Na klar!
    Haarausfall fand auch ich ganz schlimm.
    Die Kilos stören mich nicht so extrem.
    Alles Gesagte richtig.
    Nur – was ich ganz schlimm finde: diese Postings von Frauen, die zwei Wochen nach Geburt wieder einen (fotografisch) top-durchtrainierten Körper haben. Oder Heidi Klum damals, als sie zwei Wochen nach Geburt wieder über den Victorias Secret Laufsteg getippelt ist.
    Soll sie machen.
    Aber was soll das?
    Das finde ich so dämlich, da tun mir diese Frauen schon fast leid, die meinen, das ist das Erstrebenswerte.
    Wie lächerlich.
    Irgendwo in der Mitte ist die Wahrheit – weder muss man kurz nach Geburt top schlank sein, noch muss man Haarausfall und Dellen ein Leben lang großartig finden.

  2. Liebe Anke, ich danke dir für den schönen Artikel. Es ist sehr tröstlich, dass ich nicht allein (manchmal) so unzufrieden mit meinem Mami-Körper bin. Ich könnte mittlerweile schreien, wenn man mir erzählt, ich solle doch stolz sein auf das, was mein Körper geleistet hat. Natürlich würde ich den kleinen Frechdachs für nichts auf der Welt “rückgängig” machen wollen, aber frau darf wohl etwas traurig sein, dass frau sich von ihrem alten Körper (vorerst) verabschieden muss(te). Ich finde das legitim!
    Ach ja…und da die Hoffnung bekanntermaßen zuletzt stirbt, beherbergt mein Kleiderschrank wohl auch noch einige Zeit die “vorschwangerschaftlichen” Kleidungsstücke. So! ?

    1. Hihihi, bei mir auch. Im Gegensatz zu der Pre-Schwangerschaftszeit nach der kleinen Madam, rühre ich die Hosen diesmal jedoch nicht an, bevor ich Kilo-technisch nicht wenigstens in der Nähe von meinem alten Hintern bin. Es war damals einfach zu frustrierend, immer nur bis knapp übers Knie mit der Jeans zu kommen ;)

  3. Schöner Text! Mir geht es oft so,dass ich auch in diesem diktierten,gezwungenen Glücklichsein mit den körperlichen Blessuren nach der Schwangerschaft oft dennoch eine unterschwellige Unzufriedenheit rauslese.

    Habe kürzlich in einem “renommierten Frauenmagazin” auch eine Fotostrecke in diesem besgaten “Ich bin trotz Makeln glücklich mit meinem Körper”-Stil gelesen,aber auch da kam unterschwellig immer raus,dass die Damen doch nicht so zufrieden waren.”Irgendwann passt die Hose wieder” , “Irgendwann habe ich genug Zeit,Sport zu machen” …
    Da bin ich lieber ehrlich mit mir ;-)

    Und eine gewisse Unzufriedenheit ist auch nicht unbedingt von den Kilos abhängig,die übrig geblieben sind.Ich bin beispielsweise durch Hyperemesis,Frühgeburt und andere Schwangerschaftskomplikationen (trotz immer schlanker Figur ) mit -5 Kilos aus der Schwangerschaft gegangen und sehe aus wie ein Schlachtfeld :-D Das Wort “Hagelschaden” ist noch eine Beschönigung,und glaub mir,es kann auch da schwabbeln,wo eigentlich kaum Fett vorhanden ist :-D

    Ob da noch viel zu ändern ist,weiß ich nicht,also muss ich’s akzeptieren.Ich bin lieber ab und an unzufrieden und akzeptiere dass,als dass ich mir einrede superglücklich zu sein und dadurch nur noch unzufriedener werde.

    1. Ich glaube, dass ist auch viel gesünder … man kann sich ja schließlich immer nur eine gewisse Zeit etwas vormachen ;)
      Die Bezeichnung “Hagelschaden” finde ich im übrigen großartig ?

  4. Ich habe meinen After-Baby-Body gehasst. Sicher, ich war kuschelig und weich. Aber alles hing an mir runter. Oben und unten lief ich aus. Die Haare fielen aus. Der Beckenboden war ruiniert. Ich fühlte mich wie ein Klumpen Teig. Ein großer, roher Klumpen. Mit Zebrastreifen. In Dunkelrot.
    Nun steht das Dilemma ein zweites Mal an und ich bin jetzt schon wieder betrübt. In der Schwangerschaft kann ich mich schön finden, aber danach…? Ähm, nö. Der einziges Trost ist, dass ich wahrscheinlich zu müde sein werde, um groß drüber nachzudenken^^

    LG von der Gleichgesinnten :D