(Leser-)Geburtsberichte

Daniela K. erzählt

Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war hatte ich völlig romantische Vorstellungen von der Geburt. Wochenlang hatte ich mich mit verschiedenen Büchern auf den Tag X vorbereitet. Eine Wassergeburt im Geburtshaus sollte es sein. Unkompliziert und selbstbestimmt. Doch dann kam alles ganz anders…

Schon die Schwangerschaft verlief nicht unproblematisch. Ich bekam einige Male Blutungen, musste deshalb viel liegen. Jedes Mal war da diese panische Angst, ich könnte mein Baby verlieren. Jedes Mal war sie unbegründet. Der Kleine entwickelte sich prächtig. Alles war gut. Dennoch verabschiedete ich mich von meinem Wunsch, im Geburtshaus zu gebären und entschied mich für ein Krankenhaus bei uns in der Nähe. Das schien mir am sichersten.

Seinen Geburtstermin nahm der kleine Mann nicht ganz genau. Drei Tage später begannen erst die Wehen. Am Tag vor der Geburt war ich bei einem Vertretungsarzt, da meine Frauenärztin Urlaub hatte. Ich spürte, dass sich in meinem Körper etwas veränderte. Das CTG zeigte kaum Bewegung an, aber der Muttermund war bereits einen Zentimeter geöffnet.

Um meinen enormen Hunger zu stillen, fuhren wir erst einmal zu einem Imbiss. Es sollte die letzte Mahlzeit vor der Geburt werden. Denn schon im Restaurant spürte ich die ersten leichten Wehen. Sie hielten mich die ganze Nacht wach, während mein Mann neben mir schlummerte. Als die Wehen zwei Stunden lang etwa alle fünf Minuten kamen, machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus, das wir gegen neun Uhr erreichten.

Das CTG war nun schon deutlich auffälliger, und die Untersuchung ergab, dass der Muttermund bereits sechs Zentimeter offen war. Leider waren die Herztöne meines Babys besorgniserregend. Die Hebamme begleitete uns rasch in den Kreißsaal, wo mein Traum von einer Wassergeburt zerplatzte wie eine Seifenblase. Das sei aufgrund der schlechten Herztöne zu riskant. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit bewusst zu atmen und Sauerstoff zu meinem Baby zu schicken. Es klappte, und die Herztöne wurden besser. Doch schon trat ein neues Problem auf: Die Fruchtblase wollte nicht platzen. Also wurde sie aufgestochen, um alles zu beschleunigen. Auch das hatte ich mir anders vorgestellt. Aber ich vertraute den Ärzten und meiner Hebamme, die ich erst wenige Stunden kannte. Das Fruchtwasser war leicht grün. Kein gutes Zeichen.

Schichtwechsel. Zweite Hebamme. Jetzt kam Bewegung in die Sache und die Wehen wurden durch eine Infusion nochmal angekurbelt. Man wolle keine Zeit verlieren, hieß es. Das Wehenmittel schaffte mich. Irgend etwas stimmte nicht. Meine Kräfte schwanden. Ausgerechnet, als es in die Austreibungsphase kam und ich pressen musste. Verzweifelt versuchte ich mein Baby nach unten zu drücken. Mein Mann machte mir Mut. “Ich sehe seinen Kopf!” Ich fasste nach unten und fühlte Wärme und Haare. Eine Glückswelle durchströmte mich. Das Köpfchen war aber noch nicht ganz draußen. Ich schaffte es einfach nicht. Es ging nicht mehr. Was dann geschah, vernahm ich wie durch einen Nebel. Die Oberärztin wurde hinzugerufen und stemmte sich mit aller Kraft auf meinen Bauch. Gleichzeitig kam mein Baby mit Dammschnitt und Saugglocke auf die Welt. Als ich meinen Sohn dann endlich im Arm hielt, war ich völlig kraftlos, aber glücklich. Um 15.13 Uhr hatten wir es geschafft. Er war da. Es ging ihm gut. Und nur das zählte in diesem Augenblick.

In den Wochen nach der Geburt durchlebte ich alles noch einmal. Ich hatte noch lange daran zu knabbern, dass ich es nicht geschaftt hatte, mein Baby aus eigener Kraft herauszupressen. Hinzu kam unser schwieriger Stillstart. Er schaffte es einfach nicht, aus meiner Brust zu trinken. Vielleicht wollte er es auch nicht. Wir wissen es bis heute nicht. Also pumpte ich die Milch von Anfang an ab. Zehn Monate lang.

Zweieinhalb Jahre später machte sich seine kleine Schwester auf den Weg. Diesmal war die Schwangerschaft ohne Probleme verlaufen. Gute Voraussetzungen für eine Geburt im Geburtshaus. Während der Kugelzeit hatte ich mich intensiv mit dem Thema Hypnobirthing beschäftigt. Ich wollte ohne Angst und selbstbewusst an die zweite Geburt herangehen.

In einer heißen Julinacht, fünf Tage vor der Geburt, legte ich mich abends zu meinem Mann ins Bett. Ich lauschte einem abziehenden Sommergewitter, als es plötzlich nass wurde. Die Fruchtblase war geplatzt. Das war gegen 23 Uhr. Die Nacht hindurch wurden die Wehen langsam mehr und regelmäßiger. Unsere Hebamme kam zu uns. Da war der Muttermund etwa drei Zentimeter geöffnet. Sie sagte: “Bleibt ruhig noch zuhause, solange ihr euch wohlfühlt und versucht zu schlafen.” Wir blieben zuhause, aber an Schlaf war für mich nicht mehr zu denken. Ich atmete tief in meinen Bauch, Welle um Welle. So vergingen die Stunden. Gegen drei Uhr nachts verständigten wir meinen Schwiegervater, der sich um den Großen kümmern würde, während wir im Geburtshaus waren. Als die Wehen etwa alle sechs bis sieben Minuten kamen, frühstückte ich mit meinem Mann und wir fuhren los. Gegen fünf Uhr morgens erreichten wir das Geburtshaus.

Die Wehen hatten sich wieder etwas beruhigt. Deshalb schlug unsere Hebamme vor, wir könnten noch ein wenig spazieren gehen. Es war der schönste Spaziergang, den ich je mit meinem Mann gemacht habe. Die Luft war angenehm warm und frisch. Der Bürgerpark noch menschenleer. So genossen wir unsere Zweisamkeit, machten noch ein paar Fotos vom Babybauch in der aufgehenden Sonne.

Zurück im Geburtshaus lief ich noch einige Male die Treppen rauf und runter, um die Wehen wieder in Gang zu bringen. Dennoch musste unsere Hebamme in ihre Trickkiste greifen: Mit Quarzpulver, Nasentropfen und Rizinusöl kamen sie in Schwung. Irgendwann wechselte ich vom Geburtsball in den Vierfüßlerstand und veratmete die Wehen auf das Bett gestützt. Nach jeder Wehe versuchte ich mich zu enstpannen. Dabei half mir mein Mantra: “Jede Welle bringt mein Kind näher zu mir.”

Ich bekam das Bedürfnis, in die Badewanne zu steigen. Die Wehen wurden heftiger. Zum Atmen kam jetzt das Tönen, denn der Druck wuchs immer mehr. Dann überkam mich der Drang zu pressen. Die ganze Zeit über war meine Hebamme bei mir und ließ mich einfach machen. Ich klammerte mich an dem Tuch über der Wanne fest, während mein Mann mit einem kühlen Lappen meine Stirn abtupfte. Ich versuchte loszulassen, alle Hemmungen zu verlieren und mein Baby nach unten zu schieben – mit aller Kraft. Als ich das Köpfchen mit der vollen Haarpracht ertasten konnte, gab mir das einen enormen Schub. Um 15.40 Uhr wurde der Kopf geboren, eine Minute später glitt ihr Körper in das warme Wasser der Geburtswanne. Ein unbeschreibliches Gefühl, dieses kleine, mit Käseschmiere überzogene Menschlein in den Armen zu halten und auf meiner Brust liegen zu spüren. Alles war so perfekt.

Mit Unterstützung wankte ich von der Wanne zum Bett, wo wir unser kleines Mädchen in Ruhe “beschnuppern” konnten. Wenig später trank sie zum ersten Mal an meiner Brust – als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Vier Stunden nach der Geburt verließen wir das Geburtshaus und fuhren nach Hause – zu unseren Schwiegereltern und dem großen stolzen Bruder.

Es war der schönste Start ins Leben, den ich mir für meine Tochter hätte wünschen können. Voller Liebe, Vertrauen und Leichtigkeit. Genau das hätte ich mir natürlich auch für meinen Sohn gewünscht. Aber das war damals eine völlig andere Situation, an der ich niemandem die Schuld geben möchte.

Heute blicke ich zurück und weiß: Die zweite Geburt hat die erste geheilt.

Diesen schönen Geburtsbericht hat Daniela K., 34 Jahre jung, aus Bremen geschrieben :)

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