Neu Rabenmutter 2.0

Einsamkeit und Gewalt in der Beziehung: Eine junge Mutter erzählt im Interview, wann und warum sie (endlich) ging.

Ich glaube, alle kleinen Mädchen träumen davon, eines Tages ihren „Prinzen“ zu treffen und von diesem Tag an glücklich bis an ihr Ende zu leben. Leider müssen jedoch viele dann später lernen, dass es oftmals gar nicht so einfach ist, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, mit dem/der man über längere Zeit zusammen sein kann und möchte. Beziehungen können eben schwierig sein, richtig anstrengend oder zerstörend sogar. Ganz schlimm ist es dann natürlich, wenn Gewalt ins Spiel kommt – unabhängig davon, ob sie psychischer oder physischer Natur ist. „Mir würde das nie passieren“, denken die meisten Frauen. Oder auch: „Wenn, dann würde ich sofort gehen!“ Das Ding ist nur: Steckt man tatsächlich in solch einer Situation, ist vielleicht sogar verheiratet, finanziell abhängig, hat ein gemeinsames Kind oder fühlt sich schlicht emotional – trotz allem negativen – fest an diesen Menschen gebunden, der einem eigentlich absolut nicht (mehr) gut tut, ist es schrecklich schwer, auszusteigen. Und zwar viel schwerer, als man es sich je hätte vorstellen können.

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Viele Frauen und Mütter leben in solchen Beziehungen. Sie sind unglücklich, traurig, verzweifelt und oftmals allein mit ihren Sorgen, aber sie finden nicht den Weg hinaus. Schon allein „schlecht“ über den eigenen Mann zu sprechen, fällt ihnen schwer – denn man hat ihn sich ja selbst ausgesucht, womöglich sogar geheiratet. Die Frage, ob man mit schuld ist an dem Desaster, in dem man lebt, steht immer im Raum und scheint – gepaart mit der völlig nachvollziehbaren Angst, in letzter Konsequenz plötzlich ganz allein dazustehen und neu anfangen zu müssen – alle Auswege zu versperren. Auch die Liebe, die man mal empfunden hat oder sogar NOCH empfindet, kann zu einem Klotz am Bein werden, der verhindert, dass man es schafft, einen Schlussstrich zu ziehen. Außerdem sollen die Kinder natürlich niemanden verlieren. So wahnsinnig viele Argumente scheinen dagegen zu sprechen, die Koffer zu packen und auszuziehen. Und es bedarf einer unvorstellbar großen Portion Mut, sie alle in den Wind zu schlagen und dennoch zu gehen.

Andrea* hatte diesen Mut. Sie hat all ihre Kraft und ihre Hoffnungen zusammen genommen und ihren Mann – gemeinsam mit ihrem 1jährigen Sohn – vor wenigen Monaten verlassen. Weil es nicht mehr ging. Weil sie unglücklich war. Weil sie Angst vor ihm hatte. Und weil es trotz all ihrer Bemühungen nicht besser wurde.
Nun lebt die junge Frau und Mutter allein mit ihrem Kind in einer kleinen Wohnung, musste alles hinter sich lassen und blickt trotzdem mit erhobenem Kopf in die Zukunft. Im Interview erzählt sie, warum und wie sie die Entscheidung traf und welchen Weg sie nun einschlägt, um wieder glücklich zu werden:

Liebe Andrea*, wann hast du das erste Mal darüber nachgedacht, dich von deinem Partner zu trennen?

Das erste Mal darüber nachgedacht, meinen Mann zu verlassen, habe ich, als ich gemerkt habe, dass ich mich alleingelassen fühle. Wir haben unseren Sohn bekommen und mein Mann war mit dieser Aufgabe überfordert. Irgendwann hat man dann immer mehr überlegt, ob man nicht alleine besser klar kommt oder auch, ob ein anderer Mann einem das geben könnte, was man braucht. Ich habe mich immer nach Liebe und Zuneigung und Unterstützung gesehnt. Bekommen habe ich nichts davon. 

Warum bist du damals geblieben?

Ich bin damals geblieben, weil ich mir schon immer eine Familie gewünscht habe. Ich wollte diese Gedanken nicht zulassen und dachte immer, ich schaffe es nicht alleine. Außerdem wollte ich meinem Sohn auch nicht die Familie nehmen. Ehrlich gesagt hatte ich auch einfach Angst, finanziell nicht klar zu kommen. Ich hatte bei meinem Mann ein gutes Leben. Hätte 3 Jahre zu Hause bleiben können. Heute weiß ich: Kein Geld der Welt ist es wert, unglücklich zu sein. 

Wie viele Chancen hast du ihm bzw. euch gegeben?

Unzählige. Ich habe immer wieder versucht ihm zu sagen, wie ich mir „Familie“ vorstelle, habe ihn aber auch immer ziehen lassen, wenn es ihm zu viel wurde. Selbst seine Ausraster habe ich immer irgendwie schön geredet, beziehungsweise für mich begründet. Ich wollte nie, dass mein Sohn ein Scheidungskind wird. Ich habe über ein Jahr für meine Familie gekämpft. 

Hast du mit anderen – deiner Familie oder Freunden – über deine Beziehungs-Probleme und Sorgen gesprochen? Wie haben sie reagiert? 

Ja, irgendwann bin ich zu meiner besten Freundin und meiner Familie gegangen. Die haben das sowieso schon alles mitbekommen und haben mir gesagt, dass es besser ist, wenn ich den Weg alleine weitergehe. Aber ich habe ihn immer in Schutz genommen und wollte, dass alles nicht wahr haben. Ich hatte immer noch Hoffnung, dass der Tag kommt, an dem ich den Mann zurückbekomme, den ich geheiratet habe. 

Wann hast du dann entschieden, es trotz aller Ängste durchzuziehen und ihn zu verlassen? Was war der Auslöser?

Irgendwann war der Punkt da, dass wir nur noch gestritten haben, es wirklich immer böse eskaliert ist und ich nur noch unglücklich war. Und an einen Tag habe ich dann gesagt: Stopp, dass kann es nicht gewesen sein! So soll dein Leben nicht aussehen!
Dann kam die Gewalt. Selbst da habe ich ihn noch in Schutz genommen, habe vor meiner Familie darüber geredet, als wäre es alles gar nicht so schlimm. Ich habe es irgendwie selbst nicht geglaubt. Sowas passiert doch nur anderen!? Und ich hatte sogar Mitleid mit ihm, weil er es immer geschafft hat, dass ich mir die Schuld daran gegeben habe. Irgendwann konnte ich ihn nicht mehr ansehen, ohne Angst zu haben. Da wusste ich, es gibt keinen Weg mehr zurück! Vor allem für unseren Sohn musste ich mich trennen und den Weg alleine weitergehen! Den Schritt gegangen bin ich aber erst, als die Faust neben mir in der Wand einschlug. 

Dieser irre mutige Schritt ist gerade mal etwas mehr als zwei Monate her. Wo stehst du gerade bzw. wo steht ihr beide – du und dein Flöhchen? 

Wir starten nochmal ganz neu, versuchen, nun unser Leben als Mama-Sohn-Gespann zu meistern. Das, was passiert ist, ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen, aber wir sind Kämpfer! Ich werde bald stationär eine Therapie machen – zusammen mit meinem Sohn, um das Vergangene zu verarbeiten. Ich möchte versuchen, den Menschen und vor allem den Männern wieder zu vertrauen. Und ich möchte für meinen Sohn eine gute und starke Mutter sein! Ich bin eine Löwin und werde alles dafür tun, dass es meinem Sohn gut geht! 

Bereust du es manchmal, dass du diese Entscheidung getroffen hast? Und was bestärkt dich darin, dass es dennoch richtig war?

Zum Zeitpunkt der Trennung habe ich Tage gehabt, an denen ich es bereut habe. Aber eher, weil ich nicht wusste wohin und Angst vor der Zukunft alleine hatte. Jetzt habe ich eine Wohnung und weiß, es war die richtige Entscheidung! Mein Mann hat immer wieder Ausraster, die mir zeigen, es war richtig! Ich fühle mich wieder gut und frei! Die Jahre der Unterdrückung sind vorbei! 

Erfährst du Unterstützung? Hast du dir Hilfe gesucht … irgendwo?

Meine Familie und Freunde sind immer da! Ohne die wäre es auch alles noch viel schwieriger! Und natürlich therapeutische Unterstützung. Auch wenn man denkt, dass man das schon hinkriegt, sollte man sich dennoch Hilfe suchen. Wir sind keine Maschinen und irgendwann sind auch wir am Ende. 

Viele Frauen und Mütter leben in einer ähnlichen Situation wie du bis vor kurzem, haben aber noch nicht den Mut und die Kraft gefunden, auszubrechen. Kannst du ihnen irgendetwas raten? Ihnen vielleicht einen Tipp geben, wie man erkennt, wann man gehen MUSS, um wieder glücklich zu werden? 

Wenn ihr mehr schlechte Tage, als gute Tage habt. Wenn ihr immer mehr an der Beziehung zweifelt, dann ist es Zeit zu gehen! Und bei mir war es so, dass ich eher nur noch Angst hatte, es alleine nicht zu schaffen. Aber die Vorstellung, meinen Partner nicht mehr zu haben, fand ich nicht schlimm. Ich hing also an der finanziellen Absicherung und nicht an meinem Partner! Ein eindeutiges Zeichen, wie ich finde. Und sobald Gewalt, ob psychisch oder körperlich, stattfindet, GEHT! Das hat kein Mensch auf der Welt verdient! Habt den Mut! Es ist alles besser, als mit einem Menschen zusammen zu sein, der einen nicht wertschätzt und nicht respektiert! Ich bin mir sicher, ich werde diesen Mann finden, der mir Liebe gibt und der für mich und meinen Sohn eine Stütze und keine Last ist! Tut es für eure Kinder, denn die brauchen eine glückliche Mama! 

Ich bin sehr dankbar, dass sich Andrea* nicht nur die Zeit für dieses Interview genommen hat, sondern auch noch so offen war – ich weiß, dass es ihr schwer fiel. Aber sie wollte gerne ihre Geschichte erzählen, um anderen Frauen und Mütter in ähnlichen Lebenslagen Mut zu machen, endlich aufzustehen und zu gehen! Danke dafür, du tapfere Mama! <3

* den Namen habe ich für meine Interview-Partnerin, die gerne anonym bleiben wollte, gewählt, weil er „die Mutige“ bedeutet.

PS: Falls ein Ausstieg schnell gehen muss, aber auch, wenn man einfach nicht weiß, wo man anfangen soll, ist die Internetseite der Frauenhauskoordinierung e.V. eine gute, empfehlenswerte Informationsquelle.

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