Rabenmutter 2.0

Babyschwimmen: Wenn die Hölle aus Wasser bestünde

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Thema Frühförderung so groß geschrieben wird, dass ich als Mutter einen ähnlichen Leistungsdruck verspüre wie im Abitur. Dabei geht’s eigentlich ja nicht mal um MEINE Leistung – zumindest nicht direkt – sondern um die meines Töchterchens. Indirekt jedoch stehe auch ich auf dem Prüfstand, denn natürlich bin ICH schuld, wenn die Mausemaus in ihrer Entwicklung nicht das „gewünschte“ oder besser gesagt, das „erwartete“ Tempo (eines Rennpferdes) vorlegt. Ich halte diesen ganzen (Sehr-)Frühförderungs-Terror für ausgemachten Schwachsinn. Zumindest größtenteils. Denn in erster Linie bedeutet es doch einfach nur zusätzlichen Stress für alle Beteiligten, was wir heutzutage von unseren Babys bzw. Kleinkindern erwarten und mit der Teilnahme an mindestens drei Förder-Kursen im ersten Lebensjahr „erreichen“ wollen.

Dabei WISSEN wir eigentlich, dass sich Kinder auch mit ausschließlich familiärer “Unterstützung” rasant und richtig (weiter-)entwickeln, sonst wären wir selbst schließlich alle grenzdebile Vollpfosten. Denn UNSERE Eltern hatten nicht diesen Katalog an Kursen zur Verfügung, den wir heute förmlich mit den ersten Ernährungsradgebern (noch so ein Ding!) bei der U3 auf Auge gedrückt bekommen. Sie haben uns mit Wäscheklammern auf den Boden gesetzt oder Wasser in ein Erdloch zum Matschen geschüttet und uns machen lassen. Und aus uns ist TROTZDEM was geworden (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel :D )!

InkonseqBaby-Schwimmenuent wie ich aber nun mal bin, verschließe ich mich dem Thema Frühförderung bzw. Baby- und Kleinkind-Kursen trotzdem nicht ganz. Erstens, weil ich nicht mit absoluter Sicherheit ausschließen kann, dass ich mich mal wieder irre und Ella nicht JETZT SCHON ihr Leben versauen will (das spar ich mir für die Pubertät auf :D ) und zweitens, weil ich uns beiden etwas Abwechslung bieten möchte (wohl für die meisten Eltern der Hauptgrund, einen Kurs zu buchen) – ganz besonders im Winter, wenn ständige Spielplatzbesuche eventuell ebenso ständige Erkältungen nach sich ziehen (ja, ja, die richtige Kleidung und so ;) ). Aber: Ich lege den Fokus auf Spaß und nicht auf Leistung. Und das gilt für die Mausemaus UND für mich! Soll heißen, ich habe auch Rechte im Bezug auf die Auswahl der Kurse! Pekip zum Beispiel fand ich grässlich. Vor allem die anderen Muttis waren unerträglich. Also sind wir nicht mehr hingegangen, obwohl die kleine Madam das nackig rumtollen und die “Anregungen” schön fand. Konnte sie aber ja auch alles zuhause haben, also war das kein Argument. Turnen hingegen fand Ella doof – sie mochte immer nur IN irgendwelchen Gerüsten sitzen und Bälle ablutschen. Haben wir daher nicht verlängert.

Das Einzige, was wir bereits endlos „durchziehen“ ist Baby-Schwimmen, denn das LIIIIIEBT das Kind. Also muss Mutti in den sauren Apfel beißen bzw. ständig in den alten Bikini schlüpfen, obwohl die ganze Nummer für mich schon ziemlich grenzwertig ist. Und mit grenzwertig meine ich: Baby-Schwimmen ist für mich der wöchentliche Ausflug in den mit Wasser gefluteten Vorhof zur HÖLLE!!! Und das meine ich absolut ernst! Ich mach das nur schon seit 1,5 JAHREN mit, weil ich Ella noch ein bisschen mehr liebe. (Trotzdem werde ich mich auf jeden Fall dafür rächen … irgendwann … mit despektierlichen Fotos, die ich in ihrer Pubertät an ihren ersten Freund maile. HAHAHAHAHA! Äh, nein, mach ich natürlich nicht ;) )

Jene, die selbst jede Woche eine Schwimmwindel an ihr Kind tackern, wissen, wovon ich rede. Für die anderen möchte ich hier eine kurze Beschreibung des Schreckens im urinwarmen „Therapie“-Becken abgeben:

Immer wieder dienstags:

16:05 Uhr:
Ankunft im Schwimmbad. Wie immer bin ich total abgekämpft, weil wir zu spät dran sind (der vermaledeite Puppenwagen, ohne den wir das Haus nicht mehr verlassen können, ist schuld!!!). Ich „parke“ den Kinderwagen im dafür vorgesehenen Raum (natürlich NICHT abgeschlossen oder sonst irgendwie geschützt), bringe die Panzerkette am Rad an, wechsele von Chucks in Flipflops, hänge mir Wickel- und Schwimmbad-Tasche um den Hals und klemme mir das zappelnde Kind unter den Arm. Los geht’s!

16:10 Uhr
In der Gruppen-Umkleide angekommen, stelle ich das Kind im Babyknast (Laufstall) ab und reiße mir die Klamotten vom Leib. Klingt sexy, ist es aber nicht. Es herrschen ca. 38 Grad bei extremer Luftfeuchtigkeit, ich bin bereits klatschnass geschwitzt und meine Locken haben schon jetzt den wenig attraktiven „Geplaztes-Sofa-Look“ angenommen. Macht aber nix, da es zum Gesamtkonzept meines Mutti-Auftrittes beim Schwimmen passt, das ich mit einem Bikini komplettiere, der sich an einigen Stellen etwas auflöst, weil sich beim Waschen immer die Klettverschlüsse der Lätzchen daran heften. (Ob ich jemals lernen werde, die verdammten Klettverschlüsse VOR dem Waschen zu schließen???)

16:15 Uhr
Offensichtlich habe ich „gebummelt“, denn Ellas von Langeweile und Ungeduld geschürtes Gebrüll nimmt langsam eine ohrenbetäubende Lautstärke an. Also schnappe ich mir das Kind, pelle es auf dem wackeligen Wickeltisch aus den Klamotten und frickel die winzige, enge Schwimmwindel über den kleinen, schwitzigen Popo.

16:18 Uhr
Auf dem Weg zur Dusche macht Ella Pipi. Warum ich das trotz Schwimmwindel weiß? Weil diese Dinger nur Deko sind und maximal festen Stuhlgang aufhalten. Pipi läuft an allen Seiten einfach raus (wie sie sich mit spontanem Durchfall verhalten weiß ich (noch) nicht).

16:20 Uhr
Yeah! Pünktlich im Wasser!!! Ella rastet fast aus vor Freude, grölt, lacht, zappelt und planscht direkt wie eine kleine Irre. Da fällt mir ein: Ich habe vergessen, die Wimperntusche abzuwaschen. Tja, naja, wat solls – ZU SPÄT!

16:22 – 16:45 Uhr
Kind hat Spaß wie Bolle: Es wird gesungen (ich hasse es!), auf Matratzen gekrabbelt und runtergesprungen, getaucht und wieder gesungen, Bötchen gespielt und mit Bällen geworfen! Was könnte schöner sein?!

16:47 Uhr
Schluss mit lustig!!! Die Kursleiterin packt die Schwimmbretter, -nudeln und – jetzt wird’s hässlich – Flügelchen aus!!! Mein „Baby“ dreht durch – allerdings nicht vor Freude! Sie brüllt und weint, klammert sich an mich und zittert vor Wut. Und so läuft das jede Woche! Denn die Mausmaus LIIIIIEBT Wasser, rumpaddeln, tauchen und springen … aber wehe man rückt ihr mit einen Schwimmhilfe zu Leibe. „Ach, komm schon, du Hexe, versuch’s doch mal“, sagt die Kursleiterin, woraufhin ich gerne mit einem höflichen: „NENN MEIN KIND NICHT HEXE, DU PLANSCHKUH!!!“, kontern würde. Mach ich aber nicht. Ich lächle und erzähle – wie immer – irgendwas vom Zahnen oder schlechtem Schlaf, um Ellas leicht schräges Verhalten zu erklären. Naja, stimmt ja auch oft … also meistens … IMMER.

17:05 Uhr
Geschafft! Mit Kind auf dem Arm verlasse ich das Therapie-Becken, entferne die Schwimmwindel, krame das Waschgel aus der Tasche und steuere die Dusche an. Während ich Ella einschäume, nimmt sie schnell einen Schluck aus der Waschgel-Flasche. Ich: „Och, nö! Muss das sein?“ Sie (grinsend): „Lecki, lecki!“

17:15 Uhr
Das Kind ist „frisch gewaschen“, ich irgendwie nur so halb. Mit Kleinkind unter der Gruppen-(auch für Papis zugänglichen)Schwimmbad-Dusche macht man schließlich nur das nötigste: IM Bikini grob einseifen, abspülen, fertig. Haare waschen? Wär dringend nötig, dauert der „Chefin“ aber eh zu lange! Zumindest hat sich das Problem mit der Wimperntusche erübrigt – die ist einfach futsch.

17:17 Uhr
Gerade greife ich nach dem (aus Platzgründen einzigen eingepackten) Handtuch, da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Ella neben mir auf dem glatten, nassen Boden fast ausrutscht, kann sie aber dank einer schnellen Schnapp-Bewegung gerade noch fangen. LEIDER musste ich für diesen Erfolg das Handtuch opfern. Es hatte „Bodenkontakt“ und ist damit nun nicht nur größtenteils nass, sondern vor allem kontaminiert mit Fußpilz-Erregern. Sehr schade. Und IGITT!

17:20 Uhr
Glücklicherweise haben andere Mütter mehr als ein Handtuch am Start, so dass ich eines „schnorren“ kann, um wenigstens das Mäuschen trocken zu bekommen. Ihre Stimmung hat derweil trotzdem den Tiefpunkt erreicht. Nach dem Schwimmen ist sie müde und hungrig; da nervt es enorm, wenn Mutti nicht so richtig aus den Puschen kommt, ewig mit der blöden Creme rummacht und sich selbst AUCH noch anziehen will. Verständlich.

17:30 Uhr
Endlich: Wir sind zurück im Kinderwagen-Raum, die Temperatur ist schlagartig deutlich erträglicher, man kann sogar schon fast wieder normal atmen und – das Wichtigste – die ganze Schwimm-Chose ist fast vorbei. Ich muss nur noch das Kind mit einer Banane ruhigstellen, meine Füße trocken-wedeln (kein Handtuch, ne ;) ) und in meine Schuhe schlüpfen. Logischerweise büxt Ella in den Minuten, die ich dafür brauche, mindestens fünf mal laut kichernd aus – an GUTEN Dienstagen ist wenigstens die verkackte Tür zur Kellertreppe mal abgeschlossen (selten), so dass ich nicht um ihr Leben fürchten, sondern ausschließlich Hygiene-Probleme beheben muss (unerwünschter Toiletten-Kontakt mit Händen und/oder Mund *würg*).

17:40 Uhr
Ankunft in der Eisdiele. „Einmal die Belohnungs-Portion für Mutti, bitte!“ Das hab ich mir verdient!!!

Naaaaa, habt ihr jetzt so richtig Bock auf Baby-Schwimmen bekommen? Nö? Komisch. Versteh ich irgendwie gar nicht :D

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11 Kommentare für “Babyschwimmen: Wenn die Hölle aus Wasser bestünde

  1. Ich habe es bei meinem ersten geliebt und uns jetzt wieder mit dem zweiten angemeldet… ja es ist viel Aufwand, aber mal ehrlich, man hat ja sonst wirklich nicht viel zu tun 😉 Der große liebt das Schwimmen immer noch, ich hoffe dass es beim kleinen auch so wird 😊

  2. Wir haben zwei Kurse gemacht und ich fand es grauenhaft… So ein Aufwand für 30 Minuten koordiniertes Planschen. Ätzend.
    Ich bin auch kein Fan von zu viel Frühförderung. Unsere Große hat Turnen geliebt. Aber das für die Großen mag sie nicht mehr. Momentan sind wir hobbylos… Und glücklich 😆

  3. Ich habe mit meinen Zwillingen und meinem Mann das Babyschwimmen geliebt. Und unsere Jungs auch. Wir sind aber auch vorher schon Hobby-Leistungsschwimmer gewesen von daher ist bei uns schon die Grundaffinität zu Schwimmbädern vorhanden… Bei uns war das auch sehr entspannt, Große Umkleiden, mehrere Wickelplätze und eine Wassertemperatur, sie nicht zu warm für die Eltern und nicht zu kalt für die Kids war… alles in allem sehr witzig und auch heute gehen wir mind. 2x im Monat mit den Kids (sind jetzt 2 Jahre) schwimmen. Du siehts, man kann auch Spaß daran haben…

  4. Ach was bin ich froh, dass ich nicht die Einzige bin, die dieses blöde Babyschwimmen hasst. Bevor man überhaupt im Becken sitzt ist man schon nass geschwitzt und sobald man das Wasser verlässt gleich wieder! Und jedes Mal müssen wir danach noch mindestens ne halbe Stunde am Föhn hängen, um die Haare des Kindes trocken zu bekommen. Klappt nie ganz, selbst im Sommer tut es dann ne Mütze ?!

  5. Haha ich hab gelacht. Ich glaube mir würde es original genauso gehen. Da babyschwimmen mit zwillingen sich alleine aber recht schwierig gestaltet, bin ich darum herum gekommen *juhuu*.

    1. Ui, stimmt: mit Zwillingen geht’s auf keinen Fall ohne zwei weitere Arme. Da haste echt Pech ? Mit zwei “Sonnenscheinen” ist aber wahrscheinlich jeder Kurs eine Herausforderung, oder?