Rabenmutter 2.0

Mami ist grün vor Neid

Ja, ja, ja, ich weiß: NEID ist ein schwieriges Thema, weil’s ein negativ behaftetes Gefühl und schon fast ein „böses“ Wort ist. So etwas passt ganz und gar nicht in die wachsende Gutmenschen-Szene. Deshalb habe ich mir schon vor ein paar Wochen mit meinem unpopulären „Pro-Neid-Denken“ ordentlich verbale Haue abgeholt. Da schrieb ich nämlich bei Facebook unter die Interview-Aussage eines aktuell recht erfolgreichen Mannes, dass es angeblich unter echten Kumpels keinen Neid gäbe: „Glaube ich nicht. Jeder empfindet mal Neid. Auch Männer – und sogar beste Freunde“. Es klang für mich halt nach dem klassischen sich selbst in die Tasche lügen, weil’s toll klingt. Allerdings stand ich mit meiner Meinung mächtig alleine da. Ich ernte ausschließlich Unverständnis und Spott. Kapier ich immernoch nicht. Wieso ist es so schrecklich verpönt, mal neidisch zu sein?

„Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung“, sagte Wilhelm Busch. Das mag vielleicht etwas sehr, sehr positiv ausgedrückt sein, aber im Grunde ist es doch wahr. Zudem kann Neid ein mega Antrieb sein, endlich selbst den Arsch hochzukriegen! Ich jedenfalls erlaube mir Neid – kackfrech! (Bin ich halt kein „Gutmensch“ – wat soll’s!) Manchmal neide ich anderen Mamis ihre Durchschlaf-Babys oder den ratzfatz wieder super flach gewordenen Bauch … ja, selbst die dazugehörige Motivation, Sport zu machen, finde ich beneidenswert. Ich neide auch durchaus mal ein Eigenheim, Erfolg im Job trotz/mit Kind und – selten zwar – Talente wie Kochen und Backen. Es kommt sogar vor, dass ich meinen Mann darum beneide, dass er arbeiten gehIMG_4717.JPGen darf, während ich bei dem zahnenden, fiebernden Kleinkind bleiben muss. DAS IST DOCH GANZ NORMAL!!! Soll ich mich ernsthaft deswegen mies fühlen? Quatsch! Ich missgönne ja niemandem etwas – ich würde es nur MIR ebenfalls gönnen :D !
Und exakt auf diese Weise, neide ich auch meinem immer zuckersüßen (NICHT) kleinen Töchterchen das ein oder andere (Bahhh, ich bin so eine WIDERWÄRTIGE Rabenmutter!!!):

10 Dinge, um die ich mein (Klein-)Kind beneide:

1. Gratis-Fleischwurst
Gibt es eigentlich irgendetwas Köstlicheres als diese gerollte Scheibe Fleischwurst, die man als Kind (und NUR als KIND!!!) an der Wurst-Theke geschenkt bekommt? Nein, natürlich nicht! Das ist ohne Übertreibung der kulinarische Himmel auf Erden! Wenn ich mich manchmal dazu erdreiste, heimlich von Ellas im Supermarkt ergatterter Wurstscheibe abzubeißen (zuviel Wurst ist ja voll schlecht fürs Kind), dann schmeckt das sooooo viiiiieeeel besser als Zuhause! Wie kommt das nur???

2. Windel
Spätestens nach drei Stunden Spielplatz neide ich meinem Kind die Windel. Sehr sogar. Obwohl ich natürlich wie jede geübte Mutter schon lange VOR dem Gang zum Spielplatz das Trinken einstelle – was im Sommer echt Mist ist – ruft irgendwann die Natur und meine Blase reagiert pflichtschuldig (fieses Miststück!). Klos gibt’s aber leider nur in den seltensten Fällen in der Nähe (Toilettenwagen an Spielplätzen sind ja wohl ganz klar ne Marktlücke!), so dass man dann entweder ein brüllendes, weil noch nicht fertig eingesautes Kind aus dem Sandkasten zerren muss, um noch „trocken“ nach Hause zu gelangen oder man schlägt sich – mit Kleinkind an der Hand – in den Busch. Eine Option, die zumindest auf Spielplätzen in Köln, nur dann in Frage kommt, wenn einem im wahrsten Sinne bereits das Wasser bis zum Halse steht.

3. Liebevoll angerichteten Schnittchen
Mein Mann fängt förmlich an zu sabbern, wenn er sieht, wie ich unserem Kind ein Brot vorbereite … es schön dick mit Leberwurst bestreiche, in Häppchen schneide und liebevoll anrichte. Und dann dauert es auch nicht lange, bis er das kauende Mäuschen nur so aus Interesse fragt: „Magst du das überhaupt noch?“
Klar, könnte ich ihm – und vielleicht sogar mir selbst – ebenso liebevoll zubereitete Schnittchen servieren. Mach ich aber nicht. Wir Erwachsenen knallen uns immer bloß schnell Wurst und Käse aufs Brot und atmen es dann regelrecht ein. Eventuell sollten wir unsere Art zu essen mal überdenken (Mann sagt nein ;) ), anstatt den Häppchen auf Ellas Teller neidvolle Blicke zuzuwerfen.

4. Mit Essen matschen
Man stelle sich bitte folgendes Szenario vor: Ich bereite meinem Göttergatten tatsächlich mal so ganz liebevoll eine „Stulle“ zu, er nimmt sie dankend entgegen und fängt dann an, alles mir den Händen zu zermatschen und das breiähnliche Ergebnis unter verzücktem Gelächter an die Tischbeine zu schmieren. Ist klar, was dann passieren würde, oder? ICH WÜRD DEN MANN FERTIG MACHEN!!! MIT! GEZÜCKTEM! BESTECK!
Ein Kind hingegen darf das. Weils einfach dazugehört, sein Essen mit allen Sinnen zu erleben und angeblich sogar die Sprachentwicklung fördert. Trotzdem setzen wir Erwachsenen dem Spaß natürlich irgendwann ein Ende. Bei uns z.B. gilt: Wenn’s fliegt, ist Schluss. Wir sind solche Spielverderber … aus purem Neid! Weil WIR das nicht mehr dürfen! (Naja, und weil ich es hasse, Essen von den Wänden zu kratzen :D )

5. Ungestraft Starren
Hierbei neide ich Ella vor allem das ungestraft bleiben. Denn seit der Schwangerschaft STARRE ich auch. Ich bekomm’s einfach nicht weg!!! Ich starre den Leuten aufs Essen, auf die Frisur und mitten ins Gesicht. Keinen blassen Schimmer warum! Das Problem ist, dass ich bei weitem nicht so niedlich bin wie meine Tochter. ICH werde für mein frevelhaftes Verhalten angepöbelt. Voll unangenehm … also für mich, mein ich ;) .
Liebe Mitmenschen, ich mache das nicht mit Absicht – ehrlich! Lächeln und winken sie mir einfach zu, dann hör ich auf. Bestimmt! Ich versuch’s auf jeden Fall!

6. Getragen werden
Ohhhhh ja, darum beneide ich jedes Kind. Keinen Bock mehr zu laufen? Zack, schon geht’s auf Mamas oder Papas Arm. Müde, traurig, schmusebedürftig? Getragen werden ist DIE Lösung. Allein die Möglichkeit zu haben, wäre manchmal doch wirklich traumhaft. Aber wer will schon ständig eine erwachsene Frau rumtragen??? Obwohl … fragen schadet ja nicht: „SCHAAAAATZ?!“ (Er schüttelt den Kopf. Verdammt!)

7. Gefühlsausbrüche
Keine Frage: Ich würde am liebsten (ebenfalls) ausrasten, wenn sich mein süßes Töchterchen aus Wut und/oder Frustration über eine völlig falsche Entscheidung meinerseits (alle Shampoo-Flaschen anzulecken sollte nun wirklich erlaubt sein) bei dm auf den Boden schmeißt, zetert und schreit, mit allen verfügbaren Extremitäten nach mir tritt und ich blitzschnell von mindestens 10 (fremden) Menschen als die grauenvollste Mutter aller Zeiten abgestempelt werde. Mach ich aber nicht. Denn ICH bin schon groß und darf meinen Gefühlen nicht mehr so unkontrolliert freien Lauf lassen. Finde ich soooooohhhhoooo gemein! WUÄÄÄÄÄHHHHH!!!!

8. Tolle Geschenke
Ich will jetzt echt nicht undankbar klingen, aber wenn wir mal ehrlich sind, kann doch kein noch so geiles und vielleicht sogar teures Erwachsenen-Geschenk anstinken gegen die bunten Päckchen unter dem geschmückten Tannenbaum der Kindheit, dem Kribbeln beim Auspacken und dieser unbändigen Freude, wenn eine neue Barbie, ein Feuerwehrauto oder … im Moment ja der absolute Renner … irgendwas von den Minions das Licht der kleinen Kinder-Welt erblickt. Dieses GEFÜHL kriegen wir abgeklärten Alten einfach nicht mehr hin. Der Zug ist abgefahren. Wir freuen uns … angebracht. Voll ätzend eigentlich.

9. Begeisterungsfähigkeit
Und daran liegt’s: Kinder sind zu einer Form der Begeisterung fähig, die wir längst verlernt haben. Wenn ich zusehe, wie Ella förmlich ausrastet, weil der Papa nach Hause kommt, sie mit mir gemeinsam unter die Dusche hüpfen darf, es einen neuen Spielplatz zu entdecken gilt, Gäste vorbeischauen oder – das versteh ich dann so gar nicht – es daran geht, die Spülmaschine auszuräumen, dann bin ich schon ein bisschen neidisch. Sie freut sich über alles echt ein Loch in die Kiste. Wir Großen brauchen für solch ein starkes Glücksgefühl doch deutlich mehr „Input“, als eine geöffnete Spülmaschine (z. B. eine Geburt ;) ).

10. Die „allmächtige“ Mama
Nein, ich bin jetzt nicht größenwahnsinnig geworden – ich weiß sehr wohl, dass ich NICHT allmächtig bin. Aber Ella weiß das nicht ;) Sie hält mich für eine Superheldin; für jemanden, der alles weiß und alles schafft. Daran zweifelt sie keinen Moment. Und es dauert auch noch eine ganze Weile, bis mein Cape in ihren Augen die ersten Abnutzungserscheinungen aufweisen wird. (JIPPPPIIIHHHH!!!) Deshalb fühlt sie sich so absolut sicher – bei mir, aber auch ganz allgemein in ihrer zauberhaften kleinen Kinder-Welt. Ein gaaaaaanz wunderbares Gefühl (soweit ich mich erinnere), das ich natürlich ein wenig beneide, das mich aber vor allem zu einer mega glücklichen (Superheldinnen-)Mama macht!

 Ach ja, es ist schon ein bisschen schade, dass ich so vieles von dem, was ich im Moment beneide, wegerziehen muss. Allerdings hätte es die Mausemaus wahrscheinlich ziemlich schwer im Leben, wenn ich sie dauerhaft mit ihrem Essen matschen lassen würde, ihr beibrächte, dass eine Windel unter dem Minirock völlig ok ist und man sich bei Wutanfällen in Geschäften auch als Erwachsene einfach mal auf den Boden schmeißen und aus Leibeskräften brüllen darf. Derlei „Andersartigkeiten“ kommen in unserer Gesellschaft ja irgendwie nicht so gut an. Nein, dass ist keine Option. Aber vielleicht schaffe ich es irgendwie, dass sie sich dauerhaft einen Teil ihrer kindlichen Begeisterungsfähigkeit behält. Und natürlich, dass sie ihre Mutter möglichst lange als Superheldin betrachtet ;) . Das wär ja schon top!
So, ich geh mir dann mal einen Umhang nähen – ich will ja nachhaltig überzeugend wirken :D

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