Geburtsberichte
Leser-/Geburtsberichte

Leser-Geburtsbericht: Anika S. erzählt

“Frau X., machen Sie sich bitte darauf gefasst, dass ihr Baby schon im Januar kommen wird”. Diese Worte höre ich noch wie ein stilles Mantra, während ich Mitte Februar die 41. SSW verlebe – und warte. Alle 2 Tage beehre ich meine Frauenärztin und blicke sehnsüchtig auf das CTG, welches einfach keine Wehen zeigen möchte. Wie stur so ein CTG sein kann, sollte ich aber noch feststellen. So zieht gefühlt eine Ewigkeit an mir vorbei und ich – ich warte immernoch…und warte.
Und so scheint es kaum verwunderlich, dass ich ein seeliges Glücksgefühl verspüre, als Montag um 5.00 Uhr ein leichtes, zartes, kaum spürbares Ziehen im Bauch eine beginnende Geburt ankündigt. Wir schreiben Tag 1. Das Ziehen zieht sich bis in den Vormittag, wird langsam greifbarer und verspricht Vorfreude. Den ausgemachten Termin bei meiner Frauenärztin nehme ich noch war, lasse mir einen verkürzten Gmh attestieren und starre dann gebannt auf das CTG – nun, endlich, mit Wehen wird sich die Nadel beugen und mir wunderschöne Hügel und Täler zeigen…doch: Ernüchterung. Nichts. Beschwichtigende Worte, mutmachende Blicke, ein letztes Lächeln und ich watschle wieder von dannen. Den Tag verbringe ich entspannt daheim, spüre nach innen und koste (noch) jede Wehe aus. Gegen 21.00 Uhr verändern sich die Wehen, werden intensiver, länger, schmerzhaft. Mein Mann geht vorsorglich schlafen und ich tiger durch das Haus, halte mich alle 5 bis 6 Minuten an Geländer, Wickeltisch und Waschbecken fest, töne meinen Schmerz in die Nacht hinaus und ahne, was da noch kommen mag. Ich bin positiv, öffne mich in Gedanken, kreise die Hüfte und gehe um Mitternacht unter die Dusche. Ob der immer lauter und verzweifelter werdenden Schmerzbekundungen kündigt mein Mann an, nun ins Krankenhaus zu fahren. Gegen 0.30 kommen wir im Kreißsaal an und klingeln voller Erwartungen. Wir schreiben Tag 2. Eine schroffe Hebamme öffnet die Tür und fragt, was wir denn wollen. Erste Ernüchterung macht sich breit. Sind wir falsch? Stören wir gerade? Unsicherheit schleicht sich in eine Ecke der Gedanken. Ich werde schnell untersucht: Gmh komplett verstrichen, mit Glück 0,5 cm geöffnet. Die schroffe Hebamme schickt uns mit den Worten “wir würden jetzt eh nichts mit Ihnen machen” nach Hause und schlägt vor, ich solle eine schöne(!) Runde schlafen. Daheim sind wir um 1.00 Uhr nachts und statt eine schöne Runde zu schlafen verbringe ich die nächsten Stunden laufend, stehend, wehend, wimmernd. Um 6.00 Uhr zieht mein Mann das nächste Veto und wir fahren zurück in den Kreißsaal, wo uns Hebamme 2 die Tür öffnet. Sie führt uns in ein Nebenzimmer, ausgestattet mit Bett und Stuhl. Eine schnelle, unpersönliche Untersuchung später bröckelt meine positive Einstellungen weiter: 1 cm geöffnet. Die Hebamme verabschiedet sich und lässt sich über Stunden nicht mehr blicken. Die Wehen sind intensiv, schmerzhaft, kräftig und alle 3 bis 4 Minuten. Ich laufe, ich tanze, ich flehe, ich sacke immer wieder in den Sekundenschlaf. Es wird 13.30 Uhr und der Schichtwechsel steht an, Hebamme 2 sah ich tatsächlich nicht mehr, aber ich spüre wieder Mut, ist die nächste Hebamme doch nett, sympathisch und tatsächlich interessiert. Sie untersucht mich zugewandt und ermutigt mich zum ersten Mal seit ich das Krankenhaus betreten habe. 1,5 cm geöffnet: Bähm!, das ist ein Schlag ins Gesicht. Ich realisiere, dass mein Geburtstplan wackelt. Hebamme 3 muss weiter, drei andere Frauen liegen unter der Geburt und sie ist die einzige Hebamme. Gegen 16.00 Uhr kommt eine Praktikantin und legt ein CTG an, ich wehe im 2 bis 3 Minutentakt, das CTG schweigt stur, nicht eine Wehe zeigt es an. Die Schmerzen sind wahnsinnig kräftezehrend. 36 Stunden ohne Schlaf und der karge Raum ohne Tuch, Ball, Badewanne geben mir den Rest. Immer wieder sacke ich zwischen den Wehen weg. Die Praktikantin und Hebamme scheinen beschäftigt, vergessen mich und das CTG. Zwischenzeitlich kommt eine Gruppe Erwachsener in den Kreißsaal, ich realisiere am Rande, dass tatsächlich gerade eine Kreißsaalführung stattfindet, meine Grenze ist erreicht, ich ziehe das CTG eigenmächtig ab, Alarm erklingt, die Hebamme kommt. Ich weine zum ersten Mal und sage, dass ich nicht mehr kann und möchte. Nun werde ich ernst genommen, ich darf in einen Kreißsaal umziehen, ich fasse Mut, bin nun die einzige und habe volle Aufmerksamkeit. Ich werde untersucht: 3,5 cm in 24 Stunden Wehen. Die Hebamme fühlt während einer Wehe den Muttermund, murmelt, dass die Wehe dort kaum ankommt. Die Ärztin erscheint, spricht von Geburtstillstand, rät eindringlich zur PDA, da ich sonst allmählich die Kraft verliere für den Rest der Geburt. Ich willige ein, bekomme eine PDA gelegt und einen Wehentropf. Es ist 19.00 Uhr und ich entspanne ein wenig. Die PDA sitzt so großartig, dass ich laufen darf, zur Toilette kann und jede Wehe spüre, jedoch die Schmerzspitze gedämpft ist. Um 21.00 Uhr bekomme ich einen Pressdrang, werde untersucht: sage und schreibe, wer hätte es noch gedacht 9,5 cm. Ich darf einmal Pressen. Jedoch versperrt der letzte 0,5 cm den Weg und ich muss aufhören zu Pressen – leider versteht mein Körper das nicht und schickt alle 2 Minuten eine Presswehe. Hebamme 4 kommt herein, stellt sich vor und entpuppt sich als ebenso zugewandt. Ich bin traurig, dass Hebamme 3 Schichtende hat, habe weiterhin Presswehen, darf weiterhin nicht pressen und brülle jede Wehe in die Nacht. Nur so kann ich dem unglaublichen Druck Raum geben, ohne zu pressen. Gegen 23.45 kommen Hebamme und Ärztin dazu, signalisieren mir, dass es nun weiter ginge. Ich bin komplett bei mir und motiviert. Sogar Hebamme 3 kommt dazu, denn sie konnte nicht Heim fahren, ohne meine Geburt zu erleben. Und so wurde ich, nachdem ich über so viele Stunden vergessen, übergangen und nicht beachtet wurde, von meinem Herzmenschen, zwei Hebammen und der Ärztin durch die letzten Minuten begleitet. Wir schreiben Tag 3. Unter Aufbringung aller Kräfte und noch viel mehr, gebäre ich meine wundervolle, wunderschöne und blitzsaubere Tochter in der 42. SSW mit 52 cm und 3700 Gramm. Sie wird mir auf die Brust gelegt, ich sehe sie und weiß, dass es nur sie hätte sein können. Sie blickt mit wachen Augen und einem unglaublichen Haarschopf in mein Gesicht und alles hat sich gelohnt. Der Schmerz ist weg, das Herz platzt, die Welt ist ein Stück verrückt und der Mittelpunkt neu gefasst. Meine Tochter weint in den nächsten 30 Minuten im Takt der Wehen weiter. Wir dürfen 2 Stunden ganz alleine kuscheln, dann werden wir, mit dem nackten Baby auf dem Bauch, auf die Station gebracht und dürfen einige Stunden in Ruhe schlafen.
Meine Tochter wird bald 3 und ich erinnere mich an alle unschönen Details der Geburt, aber ich erinnere mich noch viel intensiver an alle verzauberten Momente, bin mit der Geburt im Reinen. Was ich nächstes Mal anders machen würde? Ich würde für mich einstehen, Hilfe einfordern, selbstsicher meinen Punkt vertreten. Und ja, was soll ich sagen, das nächste Mal ist gar nicht mehr so lange hin…
Diesen spannenden Geburtsbericht hat Anika geschrieben :)

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