Schwangerschaftstagebuch

Schwangerschaftstagebuch: 29. und 30. SSW

Die letzten beiden Wochen steckten für mich voller Hochs und Tiefs. So ist das Leben nun mal, könnte man sagen! Aber ehrlich gesagt fühle ich mich diesem Chaos aus guten und schlechten Nachrichten, Gefühlsausbrüchen im positiven wie im negativen Sinne schwanger einfach nicht so gewachsen, wie ich es “unschwanger” vielleicht wäre. Ich bin leichter aus der Bahn zu werfen – vor allem natürlich mit schlimmen Geschehnissen. Und ich merke einfach, dass es mich mehr Kraft als sonst kostet, “normal” zu funktionieren, wenn etwas außerhalb der Reihe passiert, mich total überrascht oder einfach nur ganz hart von der Seite trifft. Womöglich liegt es daran, dass doch ein Teil der Gedanken und Gefühle immer mit dem kleinen Wunder beschäftigt sind, das in einem wächst, und das dadurch die Konzentration bzw. die allgemeine Power leidet. Oder es sind mal wieder die Hormone schuld. Oder … ach, ich hab keine Ahnung. Aber diese beiden Wochen hatten es in Sachen Überraschung, Spaß und dem absoluten Gegenteil extrem in sich.

Schwangerschaftswoche: 29
Anzeichen / Beschwerden: Das ist jetzt mal keine Schwangerschaftsbeschwerde, sondern das schönste Anzeichen, dass diese 10 Monate mit sich bringen: Das Baby ist mega aktiv und turnt die ganze Zeit rum. Ganz besonders, wenn ich Zucker zu mir nehme (was ja so gut wie nie passiert :D ) oder abends im Bett auf der linken Seite liege. Es ist irre, wie der Zwerg mich tritt und boxt, wie er sich dreht und wendet und auf mein streicheln des Bauches reagiert. Es ist echt ein Wunder! Man kann das gar nicht oft genug betonen. Es ist einfach ein verdammtes Wunder!!! Wir Frauen sind in der Lage, einen ganzen, kleinen Menschen in uns wachsen zu lassen, ihn zu spüren und mit ihm Kontakt aufzunehmen. Wenn das mal nicht der pure Wahnsinn ist, dann weiß ich es echt nicht. Ich jedenfalls genieße das wie Bolle … also meistens. Nicht ganz so sehr, wenn er mir in die Leisten haut oder mich zwingt, aufzustehen, weil den Herrn der Hosenbund meiner Umstandsjeans stört. Aber ansonsten versuche ich wirklich, diese „Kommunikation“ mit meinem ungeborenen Kind in vollen Zügen zu genießen. Wer weiß, ob ich nach diesem Mal jemals wieder in den Genuss kommen werde, schwanger zu sein? (Wohl eher nicht ;) )
Gewicht: 78 Kilo . Pro Woche ein Kilo. Egal was ich mache oder weglasse. Und so langsam sollte ich mich wohl auch an den Gedanken gewöhnen, dass es sogar mal etwas mehr als „nur“ ein Kilo in der Woche ist, was sich zu den anderen auf der Waage dazugesellt. Das wird hart für mich – vor allem, nach der Schwangerschaft, wenn der ganze Speck wieder runter muss.
Grundsätzlich bin ich mit 78 Kilo natürlich noch nicht fett – schon gar nicht als Schwangere. Das ist mir durchaus bewusst. Aber es sind eben schon jetzt ganze 17!!! Kilo mehr als vorher. Das ist für die 29. SSW Schwangerschaftswoche echt kein Pappenstil. Und ich werde ja nicht umsonst andauernd gefragt, ob ich denn schon den Test auf Diabetes gemacht hätte … es ist wirklich eine Menge und noch lange nicht das Ende der Speck-Fahnenstange. Vielleicht hadere ich auch so besonders damit, weil ich immer wieder irgendwo lese, dass Frau „durchschnittlich“ NUR 12 Kilo in den 10 Monaten mit Kind unter dem Herzen zunimmt. Wer hat eigentlich diesen Wert errechnet??? Den würde ich ja gerne mal mit einer Tafel Schokolade verkloppen – dann ginge es mir sicher besser :D .
Bauchumfang: 105 cm. Hier geht’s jetzt wohl langsam richtig zur Sache! Der Bauch wächst immer schneller … und sieht aus, als hätte ich einen EM-Fußball verschluckt ;) . Allerdings trage ich ihn – entgegen der langläufigen Meinung zu Jungs-Schwangerschaften – nicht ausschließlich nach vorn. Meine Taille ist sogar von hinten betrachtet nicht mehr auszumachen und wird sich wohl auch so schnell nicht mehr blicken lassen. DAS ertrage ich aber recht gut … den Bauch mag ich <3 .
Aktuelle Leibspeise: Diese Woche finde ich es besonders schwierig, mich mit mir selbst auf eine Leibspeise zu einigen. Am ehesten würde ich den Pokal wohl an Stracciatella-Eis mit Sahne überreichen. Hmmmm, könnte ich mich gerade reinsetzen. Was wiederrum das neuste Extra-Kilo erklärt :D .

Im Grunde war diese Woche recht unspektakulär. Vorerst…

  • Ich war mal wieder beim Friseur – und das, obwohl ich nach meinem letzten Besuch bei einem „Hair-Designer“ ja eher nur so medium-begeistert vom dem Ergebnis war, das man erzielt, wenn man im Gesicht langsam fülliger wird und dann die Haare drum herum zu sehr kürzt. Nun ließ es sich aber leider nicht mehr länger hinauszögern, da ich bereits schon wieder wie ein geplatztes Sofa aussah (eine Du-musst-dringend-zum-Friseur-Umschreibung meiner Mutter, die es bei mir leider echt gut trifft ;) )… nach drei Monaten ohne Schere bei Naturlocken in meiner Länge aber kein Wunder.
    Diesmal hatte ich mehr Glück mit der Scheren-Schwingerin und bin absolut zufrieden mit dem neuen, alten Frisürchen – allerdings war ich auch in einem anderen Salon. Und da gönne ich mir dann vielleicht sogar kurz vor der Geburt noch einen Termin. Schließlich ist es fraglich, wann ich nach dem „Werfen“ mal wieder Zeit für Kopf-Wellness habe.
  • Ich habe gefühlt 3.000 mal auf die Frage „Dir geht’s aber schon noch gut, richtig?“ reagiert, die mir im Prinzip aktuell von jedem gestellt wird, der mir begegnet, während ich heftig schnaubend und schwitzend hinter meinem so wahnsinnig energiegeladenen Kleinkind herrenne. Wie es sich in unserer Gesellschaft geziemt (Ehrlichkeit ist ja nicht immer erwünscht), erzählte ich daraufhin nicht ein einziges mal etwas von Inkontinenz, geschwollenen Beinen, Schlafproblemen oder Fressattacken, sondern beschränkte mich immer auf ein höflich mit einem Lächeln vorgetragenes: „Joa, im Großen und Ganzen schon!“ Und damit bin ich ja schon fast frech, denn eigentlich wird ein: „Es geht mir blendend … ich habe mich nie besser gefühlt und könnte vor durchdringendem Mutterschaftsglück den ganzen Tag im Kreis grinsen!“ erwartet ;) .
  • Mein Vater hat uns für zwei Tage besucht und vor allem die kleine Madam damit wahnsinnig glücklich gemacht. Nicht nur, weil der Opa ein Geschenk dabei hatte (was sie ausgepackt und dann gleich undankbar in die Ecke gefeuert hat), sondern in erster Linie, weil er sehr lange nicht mehr da war und die Mausemaus ihn schon ziemlich cool findet. Muss ja auch so sein. Ist halt der Opa.
  • Ich bin komplett ausgerastet, weil mir die kleine Madam mit ihrer Mini-Faust in meine doch extrem empfindlichen und schmerzenden Brüste gerannt ist. Ungelogen: Ich habe Sternchen gesehen und konnte nur noch durch die Zähne zischen: „Geh mal schnell zu Papa!“, bevor ich mich in einem mittelschweren Heulkrampf verlor. Normalerweise sage ich dem Töchterchen natürlich sofort, wenn sie mir irgendwie weh tut – unabhängig davon, ob sie es bewusst oder wie in diesem Fall völlig aus Versehen macht. Diesmal jedoch wusste ich, dass ich mich besser erst einmal umgehend zum Heulen zurückziehe. Denn irgendwie hatte dieser „Angriff“ den Hormon-Damm durchgebrochen und mächtig viel aufgestautes Aua und Nerv freigesetzt. Als Mama nöhlt man ja nicht mehr wegen jedem Pups rum, sondern versucht, so lange wie möglich fürs Kind zu „funktionieren“ (jaaaaahhhaaa, auf Dauer nicht die Lösung … aber mittelfristig Spitzenklasse).
    Also wollte ich mir 10 Minuten heftiges Heulen bei geschlossener Tür im Schlafzimmer gönnen, die mein Mann jedoch jäh beendete, weil er nach mir sehen wollte. Im Grunde natürlich ein netter Zug. ABER diesmal hätte er es lieber gelassen und den Sturm in sicherer Entfernung (von der anderen Seite der Tür) abgewartet, denn so sah ich in ihm das perfekte Opfer für all meine aufgestaute Wut, die sich gerade Bahn brach. Eine Rolle, die ich meiner eigentlich zuckersüßen Tochter schon allein aufgrund ihres Alters nie aufdrücken würde … meinem Mann allerdings … naja, wann immer es geht :D . Der Arme kam, um mich zu trösten und erhielt zum Dank ein ausgewachsenes Schwangerschafts-Beschimpfungs-Unwetter, das ich mit viel Blitz und Donner über ihm niedergehen ließ. Gründe liefern Männer ja glücklicherweise jederzeit genug: nicht weggebrachtes Leergut, auf den Boden geworfene Socken, zu lange Nasenhaare usw.. Eigentlich alles nicht schlimm – außer, Mutti braucht ein Ventil.
    Tja, sorry, Schatz … aber mir hats gut getan :-* .

Wie gesagt: Alles lief normal, es gab kein wirkliches Highlight. Bis ich eines Abends eine E-Mail mit dem Betreff „TV-Anfrage“ bekam. Ich öffnete sie (obwohl ich von SPAM ausging) und kam dann erst einmal eine halbe Stunde nicht mehr raus aus dem Lachen. Da hatte mir doch tatsächlich eine Produktions-Firma eine ernst gemeinte TV-Anfrage an LÄCHELN UND WINKEN geschickt. „Nie im Leben mach ich das!“ gröhlte ich, während ich meinem Mann die Mail auf meinem Handy zeigte. Er lachte auch, sagte aber: „Doch, klar machst du das! Warum denn nicht?“

„Öhm, weil wir danach wahrscheinlich auswandern müssten?!“ konterte ich … erfolglos. Er nahm mir das Versprechen ab, keine Entscheidung zu treffen, bevor ich nicht mindestens eine Nacht drüber geschlafen und dann mit der E-Mail-Schreiberin gesprochen hätte.

Ergebnis: Die Dame war sehr nett, die ganze Nummer klingt gar nicht so schlecht und ich war sowieso nur eine von vielen, die diese Anfrage bekommen haben. Ergo: Wahrscheinlich müssen wir gar nicht in Kürze auswandern und ich kann die Spontane-Flucht-Tasche wieder auspacken :D .
Allerdings musste/durfte/sollte ich ein kleines Casting-Video aufnehmen und der Produktionsfirma schicken, in dem ich etwas über mich, mein Mama-Dasein und LÄCHELN UND WINKEN erzähle, damit die sich dann ein besseres Bild von mir (vor einer Kamera) machen könnten. Nun muss man wissen: Ich bin ja eh schon ein ziemlicher alberner Typ – vor einer Kamera potenziert sich mein kindisches Verhalten allerdings zusätzlich (und das zu unterdrücken, um nicht wie ein Vollidiot zu wirken, kostet mich sehr, sehr, SEHR viel Kraft!!!). Davon abgesehen kann ich mir schwanger kaum meine eigene Adresse merken; ganz zu schweigen von 3–5 verschiedenen Themen, die ich in diesem Video frei runterlabern sollte. Und als wäre das nicht schon Garant genug für ein wirklich überzeugendes Filmchen, schnaufe ich aktuell ja auch noch wie ein Walross, wenn ich mehr als zwei Sätze aneinander reihen (oder aufrecht sitzen) muss, weil der Krümel mit seinem kleinen Popo in meiner Lunge klebt und mich kaum mehr frei atmen lässt. Dann kamen noch ungefähr 1.500 ÄHHHHHMs und ÖMMMMs dazu, weil ich ständig den Faden verlor … und schwupps, war mein allererstes, mittelschwer peinliches Casting-Video fertig. Ein Traum in grau mit rosa Tupfen (wenn man von meinem T-Shirt auf das Video schließt ;) ) Was draus geworden ist? Weiß ich noch nicht! Ob ich es bei Youtube reinstelle, damit viele Menschen was zu lachen haben? NIEMALS! :D . Wäre ich enttäuscht, wenn ich mich ganz umsonst eine Stunde vor meiner Laptop-Kamera gewunden hätte, um dieses Casting mitzumachen? Nö! Ich hatte auch so schon eine Menge Spaß mit dieser Anfrage. Und in erster Linie freue ich mich gerade einfach nur darüber, dass es meinem Krümelchen gut geht und ich bald zweifache Mama bin – und das ist schließlich das absolut größte Glück der Welt (meistens ;) ) <3 !
Ach, scheiß drauf … wär trotzdem witzig, wenn’s was würde! :D

Schwangerschaftswoche: 30
Anzeichen / Beschwerden: Diese Woche hatte ich so gut wie keinen emotionalen Raum, mich mit meiner Schwangerschaft zu befassen oder damit, was an meinem Körper gerade „nachgibt“, aus der Form gerät oder sonst wie meiner Aufmerksamkeit bedarf. Mein geliebter Kater ist gestorben. Das hat alles andere in den Schatten gestellt und unwichtiger werden lassen, als es eigentlich ist.
Gewicht: 77,5 Kilo . Trauer und Essen harmonieren bei mir nicht. Wenn ich mich elend fühle, dann esse ich normalerweise sogar überhaupt nicht. Schwanger ist das natürlich keine Option. Aber ich habe automatisch nur noch so viel gegessen, wie unbedingt nötig ist, um sicher zu sein, dass ich dem Baby nicht schade. Und so habe ich nicht nur nicht zu, sondern sogar ein bisschen abgenommen. Wird schon in Ordnung sein.
Bauchumfang: 104,5 cm. Huch, sogar der Bauch ist nicht gewachsen?! Verrückt, vor allem, weil ich sicher bin, dass der Krümel sehr wohl größer geworden ist.
Aktuelle Leibspeise: Diese Woche irgendwie nichts. Tagsüber habe ich ziemlich wahllos alles durcheinander gegessen – immer nur Kleinigkeiten, weil mein mangelnder Appetit einfach nicht mehr zu gelassen hat. Abends gab es dann meist noch einen Berg Obst, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Zumindest trinke ich immer ausreichend … das ist irgendwie unabhängig von meinem Gemüts- und Gefühlszustand.

Am ersten Tag der 30. SSW brachten wir unseren 16 Jahre alten Kater Felix morgens in die Tierarzt-Praxis unseres Vertrauens, um ihn endlich einmal so richtig – mit allem Schnick und Schnack inkl. Röntgen und Ultraschall – durchchecken zu lassen. Er … oder besser gesagt: wir mit ihm waren schon mehr als ein dreiviertel Jahr dort in Behandlung, allerdings kamen die Tierärzte bisher zu uns nach Hause, nicht wir in die Praxis. Ein super Service, wie ich finde, da unsere dicke Katze extrem ungern in die Transportkiste mag und noch „ungerner“ Auto fährt. Der alte Kater macht(e) das zwar alles immer einigermaßen mit, doch der Stressfaktor solcher Ausflüge schien auch ihn mit zunehmendem Alter härter zu treffen. Um so besser, dass es diese mobilen Tierärzte gibt – nicht zuletzt, weil es auch für mich (schwanger und mit Kleinkind) eine enorme Entlastung darstellt, wenn ich nicht mit Kind, Katzen und Kegle durch Köln reisen muss.

Doch nicht jede Untersuchung kann zu Hause durchgeführt werden. Und auch die Behandlung im privaten Umfeld hat Grenzen. Die Blutbilder gaben einfach nicht länger ausreichend Aufschluss über die Gründe seiner offenbar wachsenden Übelkeit. Er fraß zwar weiterhin mit Heißhunger und bettelte wie bekloppt … aber er erbrach sich auch jede Nacht bzw. morgens mehrfach und nahm trotz medikamentöser Behandlung eher ab, als zu. Er brauchte einen gründlichen, umfangreichen Check-up … und den sollte der alte Herr bekommen.

Mir war natürlich längst absolut klar, dass mein alter, felliger Freund ein größeres, medizinisches Problem hatte, als eine leichte Schilddrüsen-Überfunktion und etwas Bauchweh. Vor 10 Jahren war er dem Tod schon einmal knapp von der Schippe gesprungen, als er – damals ebenfalls wegen anhaltendem Erbrechen – operiert und um gut 10 cm abgestorbenen Dünndarm erleichtert wurde. Die Ärzte rieten mir zu diesem Zeitpunkt, ihn einzuschläfern, weil er möglicherweise inkontinent bliebe … und vielleicht eh nicht zu retten wäre. Ich heulte, verneinte und päppelte meinen Felix mit viel Liebe und Putenbrust wieder auf. Danach ging es ihm 9 Jahre wieder richtig gut. Also meistens.

Daher rechnete ich durchaus mit einer ernsten Erkrankung – aber nicht damit, dass es unheilbar wäre. Schon als ich mittags in der Praxis anrief, um zu erfahren, wann wir unser Tierchen abholen könnten, erfuhr ich, dass im Prinzip bereits alle seine Organe dabei waren, zu versagen. Sein nur noch 2,8 Kilo schweres Körperchen gab einfach auf. Ich konnte es gar nicht fassen, schließlich brachte er immernoch die Kraft auf, mich jeden Tag um den Verstand zu betteln, auf die Küchen-Anrichte zu springen und mir fast die Futterdose aus der Hand zu schlagen vor Gier. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass er – wie soll ich es am besten erklären – mit vollem Mund verhungert. Sein Körper scheint nichts mehr aufnehmen zu können. Er frisst, aber er kann nicht satt werden. So schrecklich es ist: Aber er verhungert tatsächlich unter ihren Händen, die ihm den Napf füllen“, erklärte uns die Tierärztin, als wir nur kurze Zeit nach dem Telefonat in der Praxis im Behandlungsraum saßen. „Ob es Krebs ist, der all seine Organe zerstört, könnten wir erst nach einer OP mit Sicherheit sagen – die würde er aber keinesfalls überleben.“
„Aber … er läuft doch noch rum und kommt schmusen und …“, ich konnte kaum mehr sprechen vor Tränen und Schock. Mein Kater verhungerte. Welch schreckliche Vorstellung. Kein Wunder, dass er mich kaum mehr in Ruhe ließ und nur noch bettelte. Mir brach das Herz. Mein armer, alter Kater. Mein tierischer Gefährte über so viele Jahre. Er litt … und wurde nur noch von dem Drang beherrscht und am Leben gehalten, zu fressen. Und er hatte Schmerzen. Natürlich. Wie sollte es auch bei der Diagnose anders sein. „Er ist wirklich ein wunderschönes und so liebes Tier“, sagte die Ärztin, „und ein Kämpfer. Aber sein Körper wird das nicht mehr lange aushalten. Vielleicht noch ein paar Wochen, aber wohl kaum länger als ein paar Monate. Und – ich sage es nur schrecklich ungern – diese Zeit wird eine Qual. Für ihn, aber auch für sie, weil sie jetzt wissen, dass er leidet. Doch es muss nicht so sein. Sie können ihn erlösen. Ich möchte sie keinesfalls dazu überreden. Aber ich empfehle es. Entscheiden müssen Sie.“

Ich weinte. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt so weinte (bei der letzten Fehlgeburt wahrscheinlich). Er wurde herein gebracht, in unser Handtuch gewickelt, und in meinen Arm gelegt. Sein Kopf ruhte an meiner Schulter. Er war nicht sediert. Er war einfach nur so unglaublich müde, dass er sich nicht zur Wehr setzte, sondern nur hängen ließ. „Sehen sie? So geht es ihm wirklich. Er ist froh, sie zu sehen, sie zu riechen und zu spüren. Aber er ist erschöpft … so erschöpft.“ Ich sah es. Und ich spürte es. Ich spürte, wie er losließ … jetzt, wo ich wieder bei ihm war, Ellas kleine Hand über seinen Kopf strich und mein Mann sein Pfötchen hielt. Er war so müde. Er gab nach – die Krankheit hatte ihn besiegt.

Die kleine Madam wurde von einer Helferin mit raus genommen, um ein Buch zu lesen und Gummibärchen zu essen. Mein Mann und ich blieben in diesem Raum zurück und verabschiedeten uns von unserem tierischen Familienmitglied. Ich sagte ihm, wie lieb ich ihn hatte, was für ein wundervoller Kater er war und das ich ihn nie vergessen würde. Und während er unter einer leichten Narkose – mehr brauchte es gar nicht mehr, so schwach war sein Herz längst – endgültig einschlief, weinte ich haltlos um meinen kleinen, alten, so kranken Kumpel, der mich 16 Jahre lang gleichermaßen zum Lachen und zum Ausrasten gebracht hatte. Ich habe ihn wirklich sehr geliebt. Und kann mir immernoch nicht vorstellen, dass er nun fort ist.

Die ersten Tage danach waren die Hölle. Ich hätte mich am liebsten irgendwo zusammen gerollt und nur noch geweint (verstehen wahrscheinlich auch nur jene, die selbst schon einmal lange ein Haustier hatten). Aber Mamis sind eben Mamis. Immer. Und mein Kind trauerte auch – sie brauchte mich. Allerdings trauern Kinder anders als Erwachsene. Ihr Unterbewusstsein lässt offenbar nur soviel Schmerz zu, wie der kleine Geist ertragen kann, so dass der Verlust immer wieder ganz unvermittelt in Ella auftauchte – dann aber auch wieder verschwand. „Mein Felix?!“ war das erste, was sie nach dem Aufwachen sagte, doch einige Minuten später verlangte sie bereits lachend ihre Milch. Zum Babysitter sagte sie – zwischen: „Ich möchte Zug spielen“ und „Hast du Schokolade?“ – ganz lapidar: „Mein Felix ist noch beim Tierarzt!“ Und manchmal kam plötzlich ein: „Mein Felix war so müde!“ Jedes mal, wenn sie „Mein Felix“ sagte, brach ich in Tränen aus, nahm sie in den Arm und flüsterte mit gebrochener Stimme: „Mir fehlt er auch ganz schrecklich. Aber jetzt geht’s ihm besser. Er ist jetzt bei seiner Mama. Und dort ist er glücklich und hat kein Bauchweh mehr.“ Ich hoffe von Herzen, dass ich damit recht hatte bzw. habe, denn auch wenn ihre Fragen nach unserem Kater mit jedem Tag seltener werden, denke ich wahnsinnig oft an ihn und weine heimlich vor mich hin. Vermutlich machen es mir die emotional aufgeladenen Schwangerschaftshormone noch etwas schwerer, mein erstes „Baby“ loszulassen und zu verstehen, dass es richtig war, ihn zu erlösen. Ich versuche daran zu denken, dass er bzw. wir im Grunde 10 Jahre geschenkt bekommen hatten, weil ich ihn damals nicht aufgeben wollte. Abgesehen davon: Ich bin schwanger. In mir wächst mein Söhnchen heran. Er braucht mich – genau wie die Mausemaus – trocken um die Augen und mit etwas Glück im Herzen. Fast wünschte ich, es abtun zu können, mit einem nüchternen Sätzchen wie: „Er war ein Tier, er war alt, er war krank und so ist es besser!“ Aber das kann ich irgendwie nicht. Doch ich bemühe mich, an die guten Zeiten mit ihm zu denken, ordentlich Abschied zu nehmen und dann nach vorn zu sehen. Zu meinen Kindern. Meinem Mann. Und vielleicht sogar zur dicken Katze … die ja auch noch da ist und alles vollhaart. Es wird schon wieder … es braucht eben nur ein bisschen Zeit.

Dieser Text ist ebenfalls erschienen auf eltern.de.

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11 Kommentare für “Schwangerschaftstagebuch: 29. und 30. SSW

  1. Liebe Anke.
    Erstmal natürlich mein herzliches Beileid. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie du dich fühlst.
    Ich wünsche dir, dass du dein “erstes Baby” immer gut in Erinnerung behältst und ab+zu an die vielen glücklichen, lustigen und tollen gemeinsamen Momente denkst.
    Auch ich habe beim lesen deines Textes weinen müssen….
    Aber das zeigt mal wieder, dass du einen wirklich tollen, emotional mitreißenden Schreibstil hast!
    Ich hatte schon oft vor, dir das mal zu schreiben, aber heute musste es nun endlich mal sein.
    Ich finde deine Texte unglaublich toll.
    Meist sehr lustig, oder eben auch traurig… auf jeden Fall emotional.
    Und vor allem mitreißend. Man kann sich da so mega rein versetzen!!!
    Machst du das eigentlich beruflich?
    Wenn nicht, solltest du vielleicht mal darüber nachdenken!!
    Alles Liebe und weiterhin eine tolle, aufregende (nicht zu aufregende) Schwangerschaft!
    LG, Caro

    1. Liebe Caro, vielen Dank für dein Mitgefühl – und deine Komplimente zu meinem Schreibstil! Beides tut mir sehr gut :)
      Und ja, ich mache das beruflich…bzw. habe das beruflich gemacht, bevor ich Vollzeit-Mama wurde. Ich habe als Texterin und Redakteurin in Agenturen gearbeitet und vor laaaaanger Zeit auch mal ein Buch veröffentlicht. Gerade letzteres würde ich gerne irgendwann wieder machen. Aber vielleicht lässt sich ja auch LÄCHELN UND WINKEN ausbauen – denn das macht mir wirklich richtig mega viel Spaß, schließlich bin das pur ich bzw. der Stil ist pur meiner und nicht der eines Kunden oder Arbeitgebers. Ich bleibe dran ;)
      Liebe Grüße,
      Anke

  2. Ich heule gerade wie ein Wasserfall. Habe auch nach Jahren eins meiner Meerschweinchen einschläfern lassen müssen, war auch bis zum Schluss dabei. Sie hat sich auch an mich gekuschelt???. Ich verstehe total wie es dir geht.

  3. Ich habe kein Haustier und doch sitze ich (Pick-Up und kit Kat futternd und in der 21.ssw schwanger) heulend vorm PC und kann ein bißchen nachvollziehen wie es dir wohl gehen mag :-( wie traurig!

  4. Oweh, der Text tut mir gar nicht gut, ich heule auf dem Sofa vor mich hin und überlege, ob ich s mit Naschi kompensieren sollte….ach egal. Es tut mir soo leid um deinen Kater, fühl dich ganz doll gedrückt. Ich habe selber auch schon langjährige Kameraden abgeben müssen und es ist furchtbar. Ich wünsch dir ganz viel Kraft für dich und deine Lieben, dass wieder Freude in dein Herz kommt.

    Alles Gute dir!

  5. Mein Herzlichstes Beileid. Ich habe geweint als ich Deinen Text gelesen habe. Mein erstes “Baby” ist auch mein Kater. Unvorstellbar ihn in dieser emotionalen Zeit gehen lassen zu müssen. Furchtbar!