Geburtsbericht
Geburtsberichte

Karen erzählt

Schon seit Bekanntgabe des  Ets war der Gatte überzeugt : dieses Baby kommt eher. Da der 21.12. für meinen Geschmack ein sehr hohes Risiko für Weihnachten im Krankenhaus barg, hatte ich nichts dagegen, wenn sich der Stammhalter ein wenig früher auf die Welt machen sollte. Dass er es allerdings gleich übertreiben musste…

Totensonntagwochenende. Alle Events abgearbeitet, Weihnachtsgeschenke geshoppt und eingepackt, eine große Portion Pfefferkuchenteig wartet im Tiefkühlfach auf die Verarbeitung, die letzten Weihnachtsdeko ist bestellt, sogar unseren obligatorischen Stausee-Rundgang haben wir noch geschafft.

Am Sonntag bleiben wir daheim. Die Große hat Durchfall und in der Nacht erbrochen. Am Montag entschwindet der Gatte zum Spätdienst, ich nutze seine Abwesenheit zum Putzen und schmücke die Wohnung weihnachtlich. Das Kind ist immer noch angeschlagen. Ich selber fühle mich auch nicht so richtig gut und mache uns beiden ein zeitiges Abendbrot, bevor ich sie gegen 6 ins Bett stecke. Ich selber esse nur ein trockenes Brötchen – keine gute Idee, wie sich später herausstellen sollte.

Eingemummelt in die Kuscheldecke mit einer Tasse Fencheltee hocke ich mich aufs Sofa und erwarte die Heimkehr des Gatten. Es grummelt im Magen und ich fürchte, dass die Große ihren Infekt an mich weitergereicht hat. Als der Mann eintrifft, höre ich noch seine lobenden Worte über meine Deko, bevor ich mich unter die Dusche und dann mit Eimer unterm Arm ins Bett verkrieche.

Bis Mitternacht habe ich gefühlt nichts mehr in mir. Das Klo sieht mehr von mir als mein Bett. Der Gatte kommt schlafen und ich bemühe mich um einen dezenten Geräuschpegel. Mir ist saukalt. Mir ist sauschlecht. Ich habe bescheuerte Rücken- und Bauchschmerzen, die Wärmflasche macht es  nur noch schlimmer. Und der Schmerz ist so komisch, er kommt, bleibt kurz und geht dann wieder. Es fühlt sich an, als würde mir jemand eine Eisenplatte aufs Kreuzbein drücken und im Bauch zieht sowieso alles.

Gegen 5 Uhr morgens kann ich das nicht mehr als „Bauchschmerzen“ abtun. Das sind Wehen. Eindeutig Wehen. 4 Wochen zu früh. In meinem Kopf setzt das Gedankenkarussell an. Ich habe Wehen. In 5 Minuten Abständen. Ich muss in die Klinik. Wer soll mich fahren? Der Gatte muss das große Kind hüten. Meine Mutter ist noch in der Nachtschicht. Meine Großeltern schlafen und hören garantiert kein Telefon. Krankenwagen? Was, wenn es nur Fehlalarm ist?

Ich wecke den Gatten :“Schatz, erschrick nicht, aber ich habe regelmäßige Wehen.“ Der Liebste findet selber nur schwer aus dem Schlaf – und sich im nächsten Moment ebenfalls über der Kloschüssel wieder.Ich lausche dem sterbendem Elch im Bad und  simse meine Mutter an, ob sie sich vorstellen könnte, ihr verdientes Bett gegen einen Kreißsaal zu tauschen – nur zur Sicherheit. Der Gatte telefoniert mit seinem Chef, dass es in Anbetracht des Betriebsklimas besser wäre, wenn er seinen Magen-Darm-Virus nicht in der Rettungswache verteilt. Er soll sich einen Krankenschein holen.

Fünfzehn Minuten später steht meine Mutter vor der Tür. Ich schnappe mir die Kliniktasche – ist die vollständig? Keine Ahnung- und hangle mich nach unten ins Auto. Meine kluge Mutter hat vorsichtshalber eine große Bettunterlage auf ihren Autositz gepackt – die denkt an so was! Die Wehen werden fieser, sind aber noch auszuhalten. Komischer Abstand, keine Ahnung, was das noch werden soll.

Am Krankenhaus parkt meine Mutter voller Stolz auf dem Storchen-Parkplatz und wir betreten den Kreißsaal. „Toll,“ denke ich ,“hier kam auch die Große zur Welt. Sollte das heute noch was werden, dann wenigstens hier.“ Die Hebamme schaut ein wenig besorgt nach einem Blick in meinen Mutterpass. Meine Verfassung und die Schwangerschaftswoche bieten wohl keine guten Ausgangsbedingungen. Bei der Tastuntersuchung findet sie meinen Muttermund nicht. Die Wehen sind nicht zu sehen. Der herbeigerufene Oberarzt („Mir wurde berichtet, Sie sind ohne Muttermund gekommen?“) ertastet zumindest eine zentimeterbreite Öffnung und rät uns, zu beobachten. Ich simse dem kranken Gatten daheim, das erst einmal abgewartet wird.  Der Einlauf als geburtsanregende Maßnahme entfällt aus gegebenen Gründen. Ich bekomme die Wahl zwischen Station und Kreißsaalgang und entscheide mich zum Flanieren auf letzterem. Schon nach der ersten Runde kommen die  Wehen wieder, der Abstand wird kürzer und immer öfter gehe ich an den Haltestangen wie eine Primaballerina in die Knie. Meine unerschütterliche Mutter massiert mir das schmerzende Kreuz und bietet mir wiederholt Esswaren an – nein, danke… Gegen 8 bitte ich sie, meine Omi anzurufen und diese anzuweisen, das große Kind beim kranken Gatten abzuholen, da der Krümel scheinbar doch heraus will. Omi braust zum Liebsten und erklärt diesem, dass er heute  noch Vater wird. Er  ruft – etwas aus der Fassung gebracht – bei mir an und ich bestätige , was die inzwischen 4 cm Muttermundsöffnung schon androht: er sollte sich etwas beeilen . Dass er den Krankenschein noch holen muss, macht mir etwas Sorgen, denn bei unserer Hausärztin kann das durchaus  länger dauern. Inzwischen bekomme ich ein schickes Flügelhemd und eine Flexüle mit irgendwelchen Medikamenten – die nichts bringen. Meine zaghafte Frage nach einer PDA verneint die Hebamme „das schaffen wir vermutlich nicht mehr rechtzeitig.“ Ich werde langsam laut und höre zwischendurch meine Mutter und die Hebamme : „Atmen nicht vergessen – durch die Nase ein und durch den Mund aus.“ Gut, daran erinnert zu werden. Zwischendurch spucke ich in die glücklicherweise bereitliegende Tüte, was die Hebamme erfreut : „Die Hälfte haben Sie also mindestens.“

Halb 11 steht der leichenblasse Gatte an meinem Bett und schickt meine Mutter nach Hause. Er unterschreibt brav die „Begleitperson-Umfall-Klausel“, bevor er, mit Wasserglas und liebevoller Geduld bewaffnet, an meinem Bett Platz nimmt, um sich die Hand zerquetschen zu lassen.  Ich selber stelle fest, dass ich absolut nicht bereit bin, mein Kind jetzt schon zu bekommen. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf : mein Kind kommt zu früh. Ein Frühchen. Wird er atmen können? Wird er trinken können? Wie verkabelt wird er sein? Welche Spätschäden davontragen?

Mein Mann muss den morgigen Termin bei meiner Frauenärztin absagen! Und das Geburtsplanungsgespäch…hat sich jetzt auch erledigt….

Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Junior mitnichten schon brav ins Becken begeben hat – weshalb ich den langsam einsetzenden Druck ignorieren und stattdessen auf dem Kreißbett Sport machen soll. Ich brülle. Der Gatte brüllt zurück, um mich zu übertönen: „ATMEN!“ Ich atme und er schnauft mit mir. Die Hebamme öffnet die Fruchtblase, und ich habe das Gefühl, da läuft ein ganzer Badewanneninhalt aus mir heraus. Das Kind scheint mich auf dem Weg nach draußen in Stücke reißen zu wollen. Vielleicht ist es doch größer als gedacht… Im Hintergrund sehe ich den Oberarzt die Kinderärztin herbei telefonieren. Schließlich bekomme ich das Kommando : „ Beine anziehen, Kopf auf die Brust und pressen.“ Ich schreie, weil mir der Gatte und die Hebamme die Beine halten und diese krampfen. „Pressen Sie!“ „Ich habe gerade keine WEHE!“ -kurzes Schweigen „okay, dann warten wir.“

Die nächste Wehe nimmt mir glatt den Atem und ich merke, wie sich das Kind mit enormer Kraft den Weg nach unten bahnt. Ich presse und mit einem Rutsch schießt unser Sohn auf die Welt. Was, das wars schon? Mit einer Presswehe? Wo ist der Schmerz? Der „Ring aus Feuer“? Die Frage, ob ich den Kopf fühlen möchte?… Ich höre es  zaghaft schreien und erahne, zwischen meinen Knien hindurch spähend, dass der Gatte die Nabelschnur durchschneidet. „Alles gut“, meint er „ ist ein Junge. Und er schreit.“ Ich bekomme ihn auf den Bauch. So ein kleiner Kerl. Unauffällig prüfe ich seinen „Reifegrad“ – scheint auf den ersten Blick alles dran zu sein. Er atmet und guckt.

Tatsächlich jammert der Bursche leise vor sich hin und gibt dabei Geräusche von sich, als hätte sich ein Frosch erkältet. Die Kinderärztin nimmt ihn mir gleich wieder ab. Seine Atmung gefällt ihr nicht. Er wird fix gewogen und gemessen, dann nehmen sie ihn mit.  Ich bin betrübt.

Die Hebamme untersucht mich – keine Verletzung, wenigstens das – und mir wird nochmals Oxytocin gespritzt, damit die Plazenta schnell kommt. Die Nachwehen sind jetzt schon gemein. Ich bin versucht, aufzustehen und die blöden Dinger beckenkreisend zu veratmen. Der Gatte ist hinüber und droht, auf mein Kreißbett gestützt, einzuschlafen. Ich schicke ihn nach Hause, bevor er umfällt und versuche , selber etwas auszuruhen. Die Nachwehen lassen mich nicht. AUA! Ich habe gedacht, der schlimmste Teil ist vorbei!

Die Kinderärztin kommt zurück und erzählt mir, dass unser Sohn im Inkubator liegt. Beatmet wird, eine Magensonde hat und über Infusion Nährstoffe bekommt. Ich fühle mich leer. Mein Kind ist nicht bei mir. Mein Mann auch nicht. Sogar die Hebamme muss Schichtübergabe machen.

Erst Stunden später sehe ich mein Kind. Eingehüllt in Schutzkleidung (wegen des Brechdurchfalls gehen die Ärzte auf Nummer sicher) blicke ich durch Plexiglas auf ein winzig kleines verkabeltes

Wesen. Er hat eine Mütze. Und ein kleines Kuscheltier bei sich. Ich würde ihn am liebsten rausholen aus diesem Kasten und auf meinen Bauch packen. Ihn stillen. Eine Bindung zu ihm herstellen. Dieses Kind dort könnte jedermanns Kind sein.

Am dritten Tag kann ich ihn endlich stillen. Am 4. Tag kommt die Infusion ab und es beginnt die Blaulichttherapie, um seine Gelbsucht in den Griff zu bekommen. Nach tagelangem Auf und Ab bekomme ich ihn stundenweise mit aufs Zimmer und am Abend des neunten Tages darf ich ihn die erste Nacht bei mit behalten. Zehn Tage nach seiner Geburt dürfen wir endlich nach Hause.

Im Nachhinein habe ich viel mit mir gehadert und mir die Schuld an der Frühgeburt gegeben. Vielleicht hatte ich zuwenig auf Hygiene geachtet und mich deshalb bei meiner Tochter mit dem Infekt angesteckt. Und weil mein Körper nicht beides tragen konnte, hatte er die Schwangerschaft beendet. Oder ich hatte mich überanstrengt bei der Weihnachtsdeko. Oder zu schwer gehoben…

Jetzt, einen Monat nach der Geburt, zum eigentlichen ET, hat der Kleine ein Kilo zugelegt, trinkt und schläft gut und ist ein rundherum gesundes Kind. Die Hebamme meinte, wenn ich ihn voll ausgetragen hätte, wäre die Geburt sicher „interessant“ geworden. Und so habe ich auch eine entspannte Adventszeit. Also alles gut :)

Diesen spannenden Bericht hat Karen kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes geschrieben! :)

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