Leser-Geburtsberichte

Lena erzählt

Es war Tag 36+5 meiner Schwangerschaft und mein Frauenarzt hatte mir bereits eine Woche vorher verboten, die Stadt zu verlassen und mich darauf vorbereitet, dass die Geburt nicht mehr lang auf sich warten lassen wird. Tolle Nachrichten für meine nicht-stornierbare Ostseereise und die Hochzeit meiner besten Freundin, die ich schweren Herzens sausen ließ. Geglaubt habe ich ihm nicht. Ich hatte bis zum Tag der Geburt keine Übungswehen und es ging mir blendend. Der Mann kaufte als Entschädigung für den verpassten Urlaub Konzertkarten und an Tag 36+4 gingen wir in Berlin ins Yaam. Das Yaam ist eine “Strandbar” mir afrikanischen Kiosken und gelegentlichen Konzerten. Wir aßen Jamaika Jerk Chicken, was ich den Rest der Nacht bereuen würde und tanzten in der letzten Reihe zu Mashrou’ Leila, die deswegen für immer einen Platz in meinem Herzen haben werden.

Auf dem Rückweg fühlte ich mich komisch, irgendwie hellwach und hibbelig. Außerdem musste ich ständig von der Kohlbeilage des Hühnchens aufstoßen. Wir beschlossen also, nicht ins Bett zu gehen, sondern noch irgendetwas im Fernsehen anzusehen. Meine Fruchtblase verabschiedete sich völlig unspektakulär und so zaghaft, dass ich mir erst nicht sicher war. Midi lag zu diesem Zeitpunkt schon wochenlang fest im Becken, ich hatte also keine Eile, ins Krankenhaus zu kommen und ging stattdessen erst einmal in die Badewanne. Wieder auf dem Sofa kamen und gingen die ersten Wehen, ganz regelmäßig und sanft, wie kleine Wellen, die man vom Campingplatz aus hören kann. Es war ca. ein Uhr nachts, der Mann war unendlich müde, ich schickte ihn schlafen und versuchte selbst auch, zu schlafen. Um kurz nach zwei machte ich ihn wieder wach, die Wehen kamen alle 5-7 Minuten und wurden jetzt so stark, dass ich mich aus gebeugten Knien mit dem Rücken gegen die Wand drückte. Ein toller Trick aus dem Elefantenyoga – man mindert den Schmerz ohne den Unterleib zu verkrampfen. DriveNow brachte uns in knapp 15 Minuten zum Krankenhaus, wo wir im Empfangsraum des Kreißsaals weitere 30 Minuten auf jemanden warteten, der uns entgegen nehmen würden. Es war in diesen Tagen sehr voll, wohl der Wetterumschwung. Warm war es nämlich auch für Anfang Mai.

Ich bekam den Befund Muttermund bei 3cm, ich brauche nicht wieder nach hause fahren. Erst einmal einen CTG und dann dürfe ich mir aussuchen, ob ich einen Nachtspaziergang durch den schönen Garten machen möchte, oder in die Badewanne, die ziemlich unromantisch in einem gefließten Raum steht und nicht verheimlichen kann, dass sie Teil eines Krankenhauses ist.
Die nächste gute halbe Stunde liege ich halbschlafend am CTG und veratme die Wehen, während der Mann mich an die Liege drückt, was erstaunlich gut tut. Irgendwann halte ich es auf der Seite nicht mehr aus, rufe die Hebammenauszubildende. Ich kann nicht rekonstruieren, wie viele Hebammen und deren Auszubildende ich in den wenigen Stunden gesehen habe. Ich denke, es waren drei von jeder. Ich weiß nicht einmal mehr, wie sie aussahen oder hießen, ob sie nett waren, alt, müde, aufgeregt, blond, keine Ahnung. Diese hier war jetzt allerdings etwas überrascht. Ich bräuchte eigentlich nicht mehr am CTG hängen, ob ich jetzt baden oder spazieren wolle? Ich will baden aber erst auf Klo. Sie ist unerfahren, aber das läutet offensichtlich Alarmglocken und sie holt die Hebamme, die feststellt: Muttermund 7cm – ab in den Kreißsaal!

Ich habe kein Zeitgefühl, wie lange ich dort noch war und gegen die Liege gelehnt Wehen veratmete, Kohlbeilage vom Jamaika-Huhn rülpste und mit dem Mann darüber lachte, ahnungslos den Monitor mit dem Wehenschreiber anschaute und Wasser trank. Es waren wohl so 20-40 Minuten. Die Hebamme sagte, ich solle mich langsam in eine Geburtshaltung begeben. Ich fand mich stehend gegen das Bett eigentlich ganz gut, sie schlug mir den Vierfüßlerstand AUF der “Gebährlandschaft” statt daneben vor. Na gut. Ich habe auch ganz kurz klassisch auf dem Rücken versucht, weil mir das aus den ganzen verblendeten Fernsehsituationen, die man so kennt, irgendwie normaler und zivilisierter vorkam – ich hielt es keine 10 Sekunden aus. “Eigentlich warten wir nur, dass die Fruchtblase platzt oder sie die Presswehen nicht mehr unterdrücken können” sagt die Hebamme. Fruchtblase ist schon geplatzt, denke ich. Sage aber nichts, weil mein Hirn sich nicht mehr sicher ist und von mir auch eigentlich niemand erwartet, dass ich antworte. Wenig später kommen die Presswehen und ich schreie wie ein Urtier. Nicht so sehr vor Schmerzen, eher, weil es sich richtig anfühlt. Zwei Stunden später witzel ich, dass das Gerülpse und die Halsschmerzen das Schlimmste an meiner Geburt waren. Das Köpfchen kommt – und dann ein Arm. Ich erinnere mich an diesen Moment, weil es eine weitere Wehe dauerte, bis das ganze restliche kleine Wesen zwischen meinen Knien liegt und ich es erstaunt anschaue und feststelle: Es ist ein Mädchen! Der Mann und die Hebamme helfen mir, mich umzudrehen. Es ist 5:43h und in wenigen Minuten geht die Sonne auf. “Aktives Pressen: 5 Minuten” steht im Geburtsbericht. Auch “Scheidenschürfung, keine Naht notwendig, Blutverlust 250ml”. So wird es wohl gewesen sein. Die Nabelschnur ist so kurz, dass ich mich entscheiden muss, ob ich das Kind haben oder die Schnur ausbluten lassen möchte. Natürlich will ich das Kind haben!

Es ist voller Käseschmiere (wegen der frühen Geburt) und winzig klein. Nach einer Weile müssen sie es mir doch noch einmal kurz wegnehmen (wegen der frühen Geburt), aber alles ist ok. Der Mann weint, ich bin selig und zufrieden. Wir dürfen noch eine knappe Stunde allein im Kreißsaal bleiben und machen ein Selfie (wie bescheuert kann man sein?). Mit den ersten Sonnenstrahlen an diesem warmen Tag bekomme ich das letzte Zimmer auf der Wochenbettstation zugewiesen. Es ist der 6.5.2016, der Hochzeitstag meiner besten Freundin, der Tag nach einem Konzert, Tag 36+5 meiner Schwangerschaft und der erste Tag eines neuen Lebens.

Ca. zwei Stunden später wachen meine engsten Verwandten auf und finden in ihrem WhatsApp zeitgleich die Nachricht, dass ich ins Krankenhaus fahre und dass unser kleines Mädchen geboren ist. Samt Selfie. So schnell kanns gehen. Viel später am gleichen Tag geht mir auf, dass ich eigentlich Lachgas hätte probieren wollen.

Diesen schönen Geburtsbericht hat Lena geschrieben und auch bereits auf ihrem eigenen Blog veröffentlicht :)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.