offener Brief
Rabenmutter 2.0

Offener Brief an hinter-Muttis-Rücken-Tuschler und mit-den-Augen-Roller

Ich vermute, die meisten Mamis kennen diese Situationen, in denen alles schief zu gehen scheint, man aufgrund dessen immer fahriger wird und dann auch noch blöde Kommentare oder wenigstens fiese Blicke von Passanten dazu kommen. IRGENDWIE werden wir dann – vollgepumt mit Stresshormonen – schnell mal etwas grantig, was wiederum ein Bild von uns verfestigt, dass uns eigentlich gar nicht widerspiegelt. Mir passiert so etwas aktuell ziemlich oft und ich denke dann jedes Mal, wie viel einfacher es für mich wäre, wenn zumindest die doofen Sprüche wegfielen. Daher gibt’s hier mal einen offenen Brief an all jene, die an der Kasse schon mal hinter mir standen:

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Sehr geehrte hinter-Muttis-Rücken-Tuschler und mit-den-Augen-Roller,

heute nehme ich mir mal die Zeit, Ihnen einen Brief zu schreiben, denn leider fehlt mir eben diese meist, wenn wir uns persönlich treffen. Wie zum Beispiel heute morgen an der Supermarkt-Kasse. Während ich versuchte, gleichzeitig meine Einkäufe aufs Band zu legen, das brüllende Kleinkind auf meinem Arm zu beruhigen und den Kinderwagen aus Ermangelung weiterer Hände mit der Hüfte vorwärts zu bugsieren, spürte ich bereits Ihren missbilligenden Blick in meinem Nacken. Und als ich dann endlich schweißgebadet an der Reihe war, meinen Kram einzupacken und zu bezahlen, munterten Sie mich nicht etwa mit einem Lächeln auf, sondern fragten lieber: „Warum ist ihr Kind eigentlich nicht in der Kita! Sollte es in diesem Alter nicht lieber dort sein, als hier Stress zu machen?“ Überraschenderweise trug dieser Kommentar in der für mich eh schon nervigen Situation nicht zu meiner Entspannung bei. Entsprechend flapsige fiel meine Antwort aus: „Ich gehöre zu den Irren, die ihre Kinder selbst betreuen können und wollen. Und ich mach das auch einfach – ohne mir vorher die Meinung von Fremden an der Kasse einzuholen?!“ Ihrem Schnauben nach zu urteilen, fanden Sie meine Reaktion unhöflich und setzten nach, dass ich mit meinem egoistischen Verhalten definitiv der richtigen Sozialisation meines Kindes im Weg stünde und wahrscheinlich eine dieser Helikopter-Mütter sei, von denen man jetzt so häufig hörte. Herzlichen Dank für diese reizende Einschätzung!

Obwohl ich mich durchaus sehr gerne unterhalte, unbedingt offen für unterschiedliche Meinungen bin und natürlich weiß, dass gerade das Thema Betreuung manchmal ein heikles ist, weil ja leider nicht alle Eltern die Wahl haben, wie sie es handhaben wollen UND es eh zu wenig Kita-Plätze gibt, stieg langsam mein Puls. So sehr, dass ich mich bei meiner PIN-Nummer vertippte und nun auch noch die Kassiererin gegen mich hatte … weil ich doofe Mutti aufgrund meiner sichtbaren Überforderung mit Einkauf und Kind ja alles aufhielt. Also versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, was gerade tatsächlich wichtig war – nämlich bezahlen und mein Kind beruhigen – und ignorierte Ihren durchaus noch vorhandenen „Plauder-Bedarf“ zugunsten meiner Prioritäten. Dennoch bemerkte ich, dass Sie mich auch bei meinem leicht chaotisch wirkenden Abzug aus dem Supermarkt weiterhin mit Argusaugen beobachteten und immer noch unmerklich mit dem Kopf schüttelten. Ihr Urteil über mich stand fest: Schlecht organisierte Über-Mutter, die da ein garantiert verwöhntes und sicher irgendwann die Gesellschaft belastendes Kind großzieht, das später einmal mindestens genauso unhöflich auf natürlich rein interessehalber gestellte Fragen an der Supermarkt-Kasse reagieren wird, wie sein mieses Vorbild es heute präsentiert hat. Das eventuell SIE derjenige waren, der sich unpassend verhalten hat, wird Ihnen wohl eher nicht in den Sinn gekommen sein, denn Fragen kostet doch nichts … und SIE haben den Verkehr ja auch nicht aufgehalten! Aber vielleicht wäre es dennoch eine Alternative gewesen, mich nicht gleich zu verurteilen, sondern mich einfach mal anzulächeln, weil ich so gestresst war und echt mein bestes gegeben habe. Oder … ganz krasser Gedanke … mir womöglich kurz Hilfe anzubieten, weil es kaum zu Übersehen war, dass ich zeitweise schlicht zu wenig Hände hatte. DANN hätte ich auf jeden Fall auch viel mehr Muße dazu gehabt, Ihnen Ihre Fragen zur Betreuungssituation meines Kindes zu beantworten und hätte vielleicht sogar erzählt, wie dankbar ich dafür bin, dass mein Mann und ich uns für diesen Weg entscheiden konnten, weil wir eben die Wahl hatten – im Gegensatz zu anderen. Und das wir uns nun alle darauf freuen, den Krümel im Sommer in die Kita schicken zu können, weil wir glücklicherweise einen Platz ergattern durften und DAFÜR ebenso dankbar sind. Im Prinzip geht Sie natürlich nichts davon etwas an, aber wenn Sie mich NETT gefragt hätten, wäre ich gerne zu einem Plausch bereit gewesen.

Und das bin ich eigentlich wirklich meistens, auch am Telefon. Sogar dann noch, wenn ich bereits 20 Minuten in der Warteschleife einer sogenannten Service-Hotline hing, die Geduld meiner Kinder langsam nachlässt, mein Problem aber so wichtig ist, dass ich den Anruf nicht auf einen Zeitpunkt ohne Bekinderung verlegen kann. Solche Momente kommen vor, wenn man Mama oder Papa ist, denn die Kids lassen sich nur selten abstellen wie einen Fernseher, wenn man halt mal etwas anderes machen muss. Dennoch bemühe ich mich selbst DANN um Höflichkeit Ihnen gegenüber, denn Sie dort am anderen Ende der Leitung können ja nichts für den Grund meines Anrufes oder die langen Wartezeiten in der Hotline. Allerdings erwarte ich diese Höflichkeit auch von Ihnen und empfinde es nicht als zu viel verlangt, wenn ich während unseres Gesprächs aufgrund eines plötzlich brüllenden Kindes darum bitte, mir eine Sekunde Zeit zu geben, meinen Nachwuchs „ruhigzustellen“, damit ich Sie verstehen kann. „Dann kümmern Sie sich doch selber darum und stehlen mir hier nicht meine Zeit“, ist meines Erachtens keine adäquate Erwiderung auf solch eine Bitte und hat – oh Überraschung – zur Folge, dass auch mein Ton anzieht. Es mag nämlich zwar sein, dass Mütter hin und wieder abgelenkt werden, doch das ist kein Grund, uns anzublaffen oder direkt wieder die Überforderungs-Schublade zu öffnen; jemandem, der sich während eines Telefonats die Nase putzt und deshalb um einen kurzen Moment oder eine Wiederholung des Gesagten bittet, wird schließlich auch nicht runtergemacht. DAS wäre schließlich frech. Aber bei Müttern … och, da kann man das schon machen. Richtig?

Nein, eben nicht. Wie bei allen anderen gilt auch bei der Kommunikation mit Mamis oder Papis, die sich gerade in einer anstrengenden Situation befinden oder mehr als eine Sache gleichzeitig machen (müssen), die Devise: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt er heraus.“ Pampt man uns doof von der Seite an, pampen wir zurück. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Eltern, überfordert oder grundsätzlich ätzend sind, dass ist schlicht eine normale Reaktion. Falls Sie es mir nicht glauben, starten Sie doch einfach mal einen kleinen „Feldversuch“. Beginnen Sie eine Unterhaltung zur Abwechslung mit einem Lächeln, anstatt uns ungefragt Ihre Meinung vor den Latz zu knallen, während wir eh gerade rotieren. Oder überlegen Sie kurz, ob unsere Bitte nach einem Moment, um unser Kind zu beruhigen, wirklich so unverschämt … oder vielleicht doch völlig ok ist und Ihnen kein Zacken aus der Krone bricht, wenn Sie uns diese paar Minuten geben. Wer weiß … eventuell wären Sie überrascht, wie nett wir eigentlich sind – auch wenn wir völlig fertig aussehen oder klingen. Und wissen Sie was, liebe Hinter-meinem-Rücken-Tuscheler und Mit-den-Augen-Roller?! Diese verrückt klingende Technik funktioniert sogar bei den meisten Menschen – auch jenen ohne Kinder. Nur für den Fall, dass Sie Geschmack daran finden und in Zukunft öfter mal auf das tuscheln, verurteilen und mit den Augenrollen verzichten wollen. ;)

Ganz liebe Grüße,
die nervige, chaotische Mutti mit dem brüllenden Kleinkind auf dem Arm ;)

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