Vermissen
Best of Rabenmutter 2.0

Elternschaft – ein bunter Mix aus vermissen und genießen

Seit einiger Zeit beschäftig mich ein Gedanke ganz arg: Was vermisse ich eigentlich am meisten, seit ich Kinder habe? Vermisse ich irgendetwas wirklich? Darf ich das überhaupt als LIEBENDE Mama? Oder sollte ich es nur und ausschließlich genießen, Kinder zu haben … die mich brauchen, die mehr als nur meinen Tagesablauf bestimmen und gerade nicht nur gefühlt der Mittelpunkt meines Lebens sind? Es geht ja auch nicht rein um die kleinen Persönlichkeiten, sondern oft auch um all die Verpflichtungen, die einfach im Fahrwasser mitkommen, an die man vielleicht früher – vor der Elternschaft, vor der Entscheidung für Kinder – gar nicht gedacht hatte. Klar, Kinder sind ein Geschenk, für das man dankbar sein sollte, immer! Aber sie verändern eben das komplette Leben, sogar die eigene Person, sie verändern Sichtweisen, Ziele, Gefühle UND natürlich auch die Art und Weise, wie man mit sich bietenden Gelegenheiten umgeht bzw. umgehen kann. Das ist absolut normal und völlig ok. Trotzdem denken die meisten Eltern hin und wieder etwas wehmütig an die Zeit zurück, als sie noch keine Kinder hatten. Elternschaft ist eben ein bunter Mix aus VERMISSEN und GENIEßEN. :D

Du hast keine Lust oder Zeit, zu lesen? Dann scrolle einfach bis zum Ende des Textes runter und hör dir den PODCAST an!  

Was vermissen Eltern am meisten?

Weil es mich eben tatsächlich gerade so sehr beschäftigt (ich erzähle gleich noch, warum), habe ich die Frage, was Eltern am meisten vermissen, mal in meiner Community gestellt … genauer gesagt in meiner Instagram-Story. Und folgendes kam dabei heraus:

Die meisten Eltern vermissen (wenn sie denn etwas vermissen):

  • Schlaf
  • Zeit allein
  • Spontanität
  • Zeit allein mit dem Partner
  • Sich in Ruhe unterhalten zu können
  • Verschnaufpausen
  • Selbstbestimmtes Handeln
  • Unbeschwertheit
  • Sorglosigkeit
  • Planbarkeit
  • Krank sein dürfen
  • Sich selbst
  • Sex, wann man Lust hat
  • Berufliche Anerkennung (in der Elternzeit)
  • Ausgehen
  • In Ruhe nachdenken zu können
  • Große Reisen
  • Fernseh-Nachmittage
  • Flexibilität
  • Einfach gehen zu können, ohne vorher den halben Hausstand einzupacken
  • Ordnung und Struktur
  • Langeweile
  • Unverplante Zeit
  • Keine Verantwortung tragen zu müssen
  • Alleine aufs Klo gehen können
  • Freiheit

Ich kann ungelogen alle „Vermissungen“ verstehen. Und ganz unabhängig davon, wie intensiv ich persönlich sie empfinde, möchte ich kurz betonen, dass sie ALLE berechtigt, erlaubt und nachvollziehbar sind. NATÜRLICH! Sie verbinden uns schließlich mit unserem „alten“ Leben, unserem „alten“ Ich und es wäre ja schade, wenn wir unsere Zeit VOR den Kindern nicht auch schon genossen hätten und deshalb nun Teile davon vermissen könnten. <3

Das Argument: Na, dann muss man sich halt Wege überlegen, wie man das, was man vermisst, wieder bekommen kann … mit Babysitter oder Familien-Unterstützung oder was auch immer! kommt beim Thema Veränderungen durch Elternschaft meist direkt unaufgefordert um die Ecke geschossen, ABER es ist eben nicht für jeden so leicht umzusetzen. Abgesehen davon bedeutet vermissen ja auch gar nicht zwingend, dass man es SOFORT (zurück) braucht … vielleicht heißt es nur, dass man sich schon mal darauf freut, es irgendwann wieder genießen zu können. Denn wenn wir als Eltern wohl eines absolut kapiert haben, dann ist es: Die Zeit vergeht mit Kindern hart schnell! Schneller als uns lieb ist.

Und was ist mit mir? Was vermisse ich am meisten? 

Letztens saß ich auf dem Lastenrad und radelte durch den Regen. Vor mir saß der Krümel und erzählte ohne Unterlass zuckersüß und lachend von seinem Tag in der Kita und ich war dennoch irgendwie angepisst. Mir war kalt, ich wurde SCHON WIEDER nass und alles in mir schrie, dass ich echt keinen Bock mehr habe, ständig bei Pisswetter Radfahren zu müssen. Hätte ich keine Kinder, würden mich bei dem ungemütlichen Wetter keine 10 Pferde vor die Tür bekommen; schon gar nicht auf einem Fahrrad. Scheiß auf: Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung! Und wo ich gerade dabei war, mich mal ordentlich selbst zu bemitleiden, ploppten noch ein paar mehr Jammer-Sätze in meinem Hirn auf, während meine Jeans immer intensiver an meinen Oberschenkeln klebte, weil der Feuchtigkeitsgrad unaufhörlich stieg.

„Ich möchte mit meinem Mann einen Serien-Marathon machen – und zwar NICHT Paw Patrol!“

„Ich will mal wieder IN RUHE krank auf der Couch liegen!“

„Ich will mich mit meinen Freundinnen treffen – abends – und nicht auf die Uhr sehen müssen, weil ich schon weiß, dass ich am nächsten Tag NICHT ausschlafen können werde und deshalb besser nicht zu spät heimgehe.“

„Ich möchte mal KEIN schlechtes Gewissen haben müssen, wenn ich arbeiten muss, obwohl die Kids lieber mit mir spielen wollen.“

„Ich möchte zuhause bleiben dürfen, wenn ich keinen Bock habe rauszugehen … wegen Wetter oder schlechter Laune oder was auch immer!“

Ein paar Minuten suhlte ich mich regelrecht in meinem Genöhle, doch dann war der Impuls ganz plötzlich weg und stattdessen schob sich folgender Gedanke krass laut nach vorne: DAS HIER, DIESE ZEIT, IST HÖCHSTWAHRSCHEINLICH DIE BESTE MEINES LEBENS! Ich hab‘s eigentlich echt nicht so mit „Erkenntnis-Dingern“. Gerade in Punkto Elternschaft ist mir das oft zu pathetisch, zu gewollt romantisiert, zu albern, zu erstickend, zu … ach, irgendwie alles, weil immer dieses: Du MUSST es genießen auf Teufel komm raus mitschwingt. Aber in diesem Moment durchfuhr es mich echt wie ein Schlag. DAS HIER IST HÖCHSTWAHRSCHEINLICH DIE BESTE ZEIT MEINES LEBENS! Ich bin Mama; ich habe die Kinder, die ich mir immer gewünscht habe. Ich habe einen tollen Mann, der natürlich so wenig perfekt ist, wie ich es bin, aber er ist da und wir sind glücklich zusammen. Wir leben in einer Stadt, in die ich nie wollte, die aber längst mein Herz erobert hat. Ich habe wunderbare Menschen in meinem Leben, auf die ich jederzeit zählen kann. Und on top einen Job, der mir zwar (wie die Kinder) oft den letzten Nerv raubt, aber mich dennoch (wie die Kinder) von Herzen erfüllt. Die Kinder sind in einem wunderbaren Alter; sie brauchen mich noch, aber nicht mehr jede Minute. Und ich kann zusehen, wie sie jeden Tag noch wunderbarer werden. Ganz ehrlich: Ich war nie zuvor in meinem Leben so zufrieden wie jetzt – und wahrscheinlich stimmt es, dass DAS HIER DIE BESTE ZEIT MEINES LEBENS IST! Ich atmete tief ein, wischte mir den Regen aus den Augen und konzentrierte mich auf das Geplapper meines Söhnchens. Es ging mir viel besser. Trotz Regen, trotz Kälte, trotz Müdigkeit. Ein krasser Moment. Ein echt krasser Moment für mich!

Und diesen Moment halte ich fest. Ich rufe ihn mir seitdem jedes Mal in Erinnerung, wenn mich alles hart nervt und ich die Zeit vor den Kindern doll vermisse. Wenn ich Tagträume davon habe, alleine vor Netflix zu liegen am hellichten Tag! Oder etwas traurig bin, dass ich mich nicht spontan und ohne Reue mit Freunden betrinken kann … wobei ich DAS wahrscheinlich aufgrund der daraus resultierenden Kopfschmerzen auch ohne Kindergeschrei am Morgen bereuen würde. ;) Trotzdem schöpfe ich kitschig Kraft aus diesem Moment … es ist so kitschig, dass es mich selbst schüttelt. :D

Und was heißt das jetzt? Darf ich nicht mehr jammern? Geht’s jetzt abwärts?

Die Frage ist jetzt natürlich: Darf ich nicht mehr jammern, weil doch eigentlich alles toll ist und ich sogar weiß, dass ich eines Tages auf diese Zeit zurückblicken und sie nur noch mit einem verklärten Lächeln betrachten werde? Nein. Ich bleibe dabei, dass man immer auch jammern darf – ohne schlechtes Gewissen, ohne das eigene Leid an anderen zu messen, ohne damit einer eigentlich schönen Zeit zu schaden. Es gibt halt nicht nur rosa Momente. Und wir könnten das Rosa sowieso nicht genießen, wenn wir nicht auch das Schwarz sehen würden. Jammern ist deshalb meiner Meinung nach nicht nur erlaubt, sondern sogar wichtig.

Und genauso wichtig ist folgende Frage: Wenn das hier jetzt die beste Zeit ist, geht’s danach dann nur noch abwärts? Nein. Es kommen sicher noch mehr „beste Zeiten“ … ich hoffe es zumindest. :D Aber diese hier, dieses JETZT, wird garantiert eine der Phasen in meinem Leben sein, an die ich mich immer am liebsten zurückerinnern werde. An die 44jährige Version von mir, die fluchend auf einem Lastenrad durch die verregnete Kölner Innenstadt fuhr, während ihr ein kleiner Junge gefühlt durchgehend einen Knopf an die Backe laberte … wie immer etwas zu spät dran, um die große Tochter von der Schule abzuholen und dafür eine verbale Salve früh-pubertierliches Gemecker kassierte. Ich werde laut lachen, wenn ich daran denke – gemeinsam mit meinem Mann, ausgeschlafen auf der Couch sitzend und Serien schauend. Und vielleicht verdrücke ich dann auch ein Tränchen, weil es so schnell vorbei war, der ganze Wahnsinn … genauso, wie alle es gesagt hatten … was ich dann aber doof finden werde, weil es so ein abgedroschener Omma-Spruch ist.

Heute aber sage ich: Der Mix macht es. Der Mix aus Vermissen und Genießen ist es, der die Elternschaft so besonders macht. Und insgesamt sehr wahrscheinlich zum besten Teil unseres Lebens.

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Beitrag teilt :-*

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3 Kommentare für “Elternschaft – ein bunter Mix aus vermissen und genießen

  1. Ich habe mir zum ersten Mal einen Podcast abgehört. Während ich die koche sauber gemacht hab. Bevor ich die Kinder gleich v kindi abholen gehen muss obwohl lieber auf der Couch liegen möchte.. ich fühle mir jeder faser meines Körpers das was du gerade erzählt hast – ich habe geweint.