Russland
Leser:innen-Geschichten

Offner Brief von Doris, die bis vor kurzem in Russland lebte.

So viele haben mich in den letzten beiden Wochen schon angeschrieben und gefragt, ob ich wohl etwas von Doris gehört hätte, unserer “LÄCHELN UND WINKEN-Korrespondentin” aus Russland. Also habe ich ihr eine Mail geschickt, nach ihr gehört und sie gebeten, uns ein bisschen zu erzählen … denn sie ist zwar zurück in Deutschland, hat aber Freunde in Russland und auch in der Ukraine. Ihren Brief teile ich – natürlich in Absprache mit ihr – hier und möchte direkt noch einmal betonen, dass dies persönliche Zeilen sind. Und ich bin sehr dankbar dafür. <3

Offner Brief von Doris, die bis vor kurzem in Russland lebte.

Hallo ihr Lieben,

vielleicht erinnert sich noch der ein oder andere an mich. Ich habe bei den Corona-Updates aus aller Welt mitgemacht und aus Moskau in Russland berichtet.

Wir sind seit Ende Juni letzten Jahres wieder in Deutschland. Und wenn ich mir die momentane Situation so ansehen, bin ich darüber wirklich sehr froh. Viele unserer internationalen Freunde sind in den letzten Wochen Hals-über-Kopf aus Moskau ausgereist. Sie haben nur ein paar Koffer gepackt und haben den Rest einfach zurückgelassen, ohne zu wissen, ob sie jemals wiederkommen werden. Die internationalen Schulen sind im Moment auf online-Unterricht ausgewichen, da sowohl viele Lehrer als auch viele Schüler nicht mehr vor Ort sind.

Aber nicht nur internationale Freunde sind gegangen, auch russische Freunde haben fluchtartig Moskau verlassen. Eine russische Freundin schrieb mir, sie möchte nicht, dass ihre Kinder in einem solchen Land aufwachsen. Aus unserem Kindergarten in Moskau sind innerhalb weniger Tage 10 russische Kinder mit ihren Eltern aus dem Land raus. Es gibt auch viele, die nicht so einfach wegkönnen, weil sie die finanziellen Mittel nicht haben. Mein Mann und ich machen uns viele Gedanken und Sorgen um Freunde und Kollegen. Es wird schwierig für viele, und einige sehen grade ihre ganzen Ersparnisse schwinden, für die sie jahrelang gearbeitet haben und die zur Altersvorsorge dienten. Es ist aber keiner von ihnen für diesen Krieg und keiner verteidigt Putin (jedenfalls mir nicht bekannt). Eine liebe russische Freundin von uns hat eine sehr gute Freundin in Kiew, die mit Tochter und Vater in der Stadt festsitzt und aus verschiedensten Gründen nicht rauskommt. Meine Freundin ist total besorgt um sie und hat versucht, aus Moskau heraus zu helfen – aber wie soll das gehen? Gleichzeitig hat meine Freundin selber sehr zu kämpfen; falls sie ihren Job verliert, steht sie vor dem Nichts. Das ist alles sehr beängstigend.

Für mich und meinen Mann ist das Ganze auch deshalb so schlimm, weil wir auch ein Jahr in Kiew gelebt und die Ukraine bereist haben. Ich habe Kiew und die Ukraine als wunderschönes Land mit sehr herzlichen, freundlichen und hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Es bricht mir das Herz, zu sehen, wie dieses tolle Land in Schutt und Asche gelegt wird. Wir haben noch einige Bekannte dort und sind natürlich um diese auch sehr, sehr besorgt. Ich habe zu einigen Kontakt aufgenommen, aber in dieser Situation jeden Tag zu fragen: „Wie geht es dir?“ ist auch nicht unbedingt angebracht. Viele harren in Kiew oder Umgebung aus und wissen nicht, was morgen sein wird. Fest steht nur, das Leben wie bisher ist vorbei.

Eine Freundin von uns aus Kiew ist mit Mann und Kindern zu den Eltern Richtung Westen der Ukraine geflüchtet. Seitdem jedoch auch im Westen bombardiert wird, überlegt sie sich, doch weiter Richtung Polen zu flüchten und hat auch schon in Betracht gezogen, weiter nach Deutschland zu kommen. Wir sind in Kontakt mit ihr und würden sie natürlich auch sofort bei uns aufnehmen.

Ich finde es total schade, dass viele momentan ganz Russland und alle Russen für diesen Krieg verantwortlich machen und ich kann nur sagen, dass viele dagegen sind, aber einfach keine Handhabe haben. Jeder, der demonstriert, muss mit Verhaftung rechnen (und das habe ich nicht nur aus den Medien, sondern weiß ich von zwei voneinander unabhängigen Personen in Moskau).

Dieser Krieg wird sehr, sehr viele in Russland in große Armut führen. Vor ein paar Tagen habe ich ein Schreiben von den Maltesern in Moskau gesehen, die alle Expats bitten, sollten sie das Land verlassen, möglichst viel an Sachgegenständen zu spenden, weil es vielen in Russland in naher Zukunft schlecht gehen wird. Allein die ganzen Arbeitsplätze, die gerade aufgrund der Schließungen der westlichen Firmen verloren gehen, können gar nicht abgefedert werden. Und man darf nicht vergessen, Russland ist kein Sozialstaat wie Deutschland. Oft ist es sogar so, dass wer krank ist und nicht zur Arbeit kann, auch kein Geld bekommt.

Wobei ich das Elend in der Ukraine für noch viel, viel größer halte und total frustriert und traurig bin, dass ich nicht mehr machen kann als Spenden, versuchen Kontakt zu halten und Hilfe anbieten.

Ich hoffe für uns alle, dass dieser Krieg bald zu Ende ist – jedoch werden die Folgen noch lange spürbar sein; insbesondere in der Ukraine und auch in Russland.

Liebe Grüße,
Doris

 

 

 

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr den Beitrag teilt.

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Ein Kommentar für “Offner Brief von Doris, die bis vor kurzem in Russland lebte.

  1. Hallo Doris, vielen Dank für deine Worte. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie man sich fühlen muss, wenn man bis vor kurzem selbst dort war und so viele Freunde in beiden Ländern hat. Ich möchte nur sagen, für mich ist es kein Krieg der russischen Menschen sondern der eines einzelnen Herren, gegen den sich niemand ohne Repressalien zu fürchten auflehnen kann. Ich wünsche dir und deinen Lieben alles Gute!