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Trigger: Was Eltern “triggert”, was das bedeutet und was hilft.

In meinem Leben gibt es mindestens ein Thema, dass mich triggert. Würde ich sagen. Vielleicht sogar mehr. Wenn ich damit konfrontiert werde, mit irgendeinem Aspekt rund um dieses Thema, werde ich sofort sauer oder traurig … und wenn man mich fragt, sage ich: “Boah, das triggert mich gerade total!” Das größte Problem für mich daran: Ich kann dem nicht entkommen, diesem Thema. Weil ich eine Mama bin. Und das andere, was ich vielleicht auch als Trigger bezeichnen würde, hat schon Entscheidungen in meinem Leben beeinflusst, die ich OHNE meine persönliche Vorgeschichte wahrscheinlich anders getroffen hätte. Vielleicht auch nicht, keine Ahnung. Zumindest hätte Angst keine Rolle gespielt. Tja, und SO geht es unheimlich vielen Menschen. Sie haben Themen oder auch Personen in ihrem Leben, die sie triggern. So formulieren sie es jedenfalls, denn ob es sich wirklich um TRIGGER handelt, ist manchmal schwer zu beurteilen. Warum? Weil der Begriff seit Jahren inflationär genutzt wird und gern als Deckelchen für alle “Auslöser negativer Gefühle” betrachtet wird. Ob das so passt, was echte Trigger sind und was man machen kann, wenn man getriggert wird ODER sich in einer “nicht-abschüttelbaren” Situation schlicht IMMER beschissen fühlt, hab ich mal mit Lena Kuhlmann besprochen. 

Lena Kuhlmann, Psychotherapeutin & Bestseller-Autorin (Fotografin: Claudia Simmchen)

 

Lena ist meine absolute Lieblings-Psychotherapeutin, die ich übrigens schon kannte, als sie noch keinen einzigen Spiegel-Bestseller geschrieben hatte. :D Mittlerweile ist sie eine ziemlich doll und völlig zu recht gefeierte Autorin, so dass ich krass dankbar dafür bin, dennoch Zugriff auf ihre sehr eingeschränkte Zeit zu haben. Glücklicherweise mag sie mich und euch, die ganz klar weltbeste Community. ;) 

Deshalb war sie sofort Feuer und Flamme, als ich ihr erzählte, dass ICH Fragen zum Thema Trigger hätte … und ganz viele Eltern aus meinem Online-Dunstkreis genauso, wie sich spätestens bei der Veröffentlichung meines Artikels über Antipathien unter Eltern bzw. im Familienalltag herausstellte. 

Und so … habe ich meiner Community zum Start erst einmal in einer Instagram-Story zwei Fragen zum Thema Trigger gestellt:

  1. Was versteht ihr unter dem Begriff “Trigger”?
  2. Wer oder was triggert EUCH?

Unter anderem kam dabei heraus, dass wirklich viele (mich nicht unbedingt ausgeschlossen) nicht so ganz genau wissen, was ein Trigger EIGENTLICH ist bzw. ursprünglich bedeutet, was sich dann natürlich auch in der Art der Antworten auf Frage zwei widerspiegelte. Überraschend oft wurde zum Beispiel die Schwiegermutter genannt ;) Aber auch fiese Gerüche oder sehr fordernde Situationen im Berufsleben ODER mit den Kindern im Familienalltag sind auf der Trigger-Rangliste sehr weit oben angesiedelt. Am liebsten würde ich hier natürlich gerne alle oder zumindest die meisten Antworten auflisten, allerdings wäre damit der Rahmen definitiv gesprengt und wir hätten keinen Raum mehr, Lena um Lösungsansätzen und Hilfestellungen zu bitten. Da es aber DARUM geht, breche ich das mega umfangreiche Feedback meiner Community mal auf 5 Beispiel-Aussagen herunter, an denen wir uns super entlanghangeln können! :D

5 Beispiel-Aussagen zum Thema Trigger

  1. Es gibt unerfüllte Wünsche in meinem Leben und auch wenn ich mich ein bisschen dafür schäme … es triggert mich unheimlich, wenn sich diese Wünsche für Menschen in meinem Umfeld erfüllen. Einfach so, als wären sie nichts besonderes. Das macht mich dann total fertig! 
  2. Wenn ich irgendwo etwas lese über Eltern, die ein Kind verloren haben – ganz egal zu welchem Zeitpunkt und wie – weine ich nur noch. Es tut so weh, so etwas mitzubekommen. Natürlich noch mehr, es zu erleben; aber ich kann es schon nicht lesen. Echt nicht. Ich brauche da immer eine TRIGGERWARNUNG vor. Dann weiß ich, ich schaffe es nicht.
  3. Es gibt diesen einen Busch … wenn der blüht und ich es rieche, werde ich regelrecht in meine Kindheit zurückkatapultiert. Leider nicht zu einem schönen Moment. Ich bekomme Herzrasen, schwitzige Hände und möchte sofort losheulen oder schreien oder beides. Ich kann nichts dagegen tun; ich bin dem so ausgeliefert.
  4. Mich triggert einfach alles am Thema Schule. Meine eigene Schulzeit war furchtbar, ich wurde gemobbt, war schlecht in fast allen Fächern und habe kaum positive Erinnerungen an diese Zeit. Nun bin ich Mama/Papa von Schulkindern, kann mich dem natürlich auch nicht entziehen und fühle mich daher ständig “getriggert”, habe schlaflose Nächte und fahre gefühlt ständig aus der Haut deswegen.
  5. Meine Schwiegermutter triggert mich unglaublich. Nie kann ich ihr etwas recht machen, ständig motzt sie an mir herum. Mir stellen sich die Nackenhaare hoch, wenn ich nur an die Frau denke. Ich werde stinksauer, sobald sie den Mund aufmacht, OBWOHL ich mir jedes Mal fest vornehme, sie zu ignorieren oder halt drüberzustehen. Ich schaffe es nicht. MEINE Mutter ist einfach ganz anders.

 

Liebe Lena, wenn du die 5 Beispiel-Sätze dort oben liest … bei welchen würdest du sagen, handelt es sich tatsächlich um „echte“ Trigger bzw. getriggerte Emotionen? Kannst du da mal kurz auf jeden der Sätze eingehen? 

Beim ersten Beispiel würde ich, aus meiner fachlichen Brille heraus, nicht von Trigger sprechen. Unerfüllte Wünsche lösen negative Gefühle aus, klar. Das allein stellt aber kein Kennzeichen von einem Trigger dar. Beim zweiten Beispiel dagegen, muss man genauer schauen: Hat die Person selbst ein Trauma erlebt, weil sie ihr Kind verloren hat? Dann könnte das Beschriebene tatsächlich triggernd wirken. Ähnlich ist es bei Beispiel 3: Hier fällt mir eine Einordnung ohne konkretes Hintergrundwissen nicht so leicht. Vielleicht gab es einen traumatischen Vorfall, und die betroffene Person hatte kurz davor, währenddessen oder direkt danach den Geruch des Buschs in der Nase? Dann würde ich tatsächlich von einem Trigger sprechen. Die Beschreibung in Beispiel 4 klingt für mich weniger nach einem Trigger, der akut wirkt und die Person in einem Schwall überkommt. Es klingt vielmehr nach einer Dauerbelastung durch eigene negative Erfahrungen. Quasi ein Muster aus der Vergangenheit. Und zu 5: stinksauer zu werden bei einer nervigen Schwiegermutter ist, glaub ich, eine vollkommen normale Reaktion. ;) 

Was sind denn „echte“ Trigger? Vielleicht kann man da mittlerweile differenzieren zwischen der ursprünglichen Bedeutung und der … tja, wie soll ich sagen … umgangssprachlichen?

In der Psychologie sprechen wir in der Regel von einem Trigger, wenn ein Trauma vorliegt und bestimmte Gerüche, Orte, Worte (…) intensive Gefühlsreaktionen auslösen und an das Trauma erinnern. Das kann man dann nicht kontrollieren und man wird davon wie von einer riesigen Welle erfasst. Ursprünglich kommt “trigger” aus dem Amerikanischen und wird im Zusammenhang mit Gewehren verwendet. Wenn der Abzug über eine gewisse Stelle hinaus betätigt wird, geht der Schuss los und kann nicht mehr aufgehalten werden. So ähnlich ist das auch mit den Gefühlen. Karl Heinz Brisch hat das in seinem Buch “Bindungspsychotherapie” ganz treffend beschreiben: “Werden sie (Anmerkung: alte und unverarbeitete Affekte) durch andere Reize aus der Erinnerung wachgerufen, kommen sie immer mehr an die Oberfläche des affektiven Erlebens. Steigt der affektive Druck über den Druckpunkt an, dann kommt es zu einer plötzlichen affektiven Überflutung und einem Ausbrechen der Affekte, diese können dann weder zurückgeholt noch kontrolliert werden.

Entstehen für irgendwen Probleme bei der inkorrekten Nutzung des Wordings?  

Ich finde es generell schwierig, wenn Begriffe aus der Psychotherapie auch im Alltag angewendet werden. Das Wort Therapie zum Beispiel wird ja auch gern mal inflationär behandelt: Schokoladeneis ist meine Therapie, Urlaub ist wie Therapie. Dabei können die meisten Menschen nicht mal sagen, was genau in einer Therapie passiert und dass es weit mehr ist als zuhören und reden. Das Problem dabei ist, dass man damit unterschlägt, wobei es sich eigentlich handelt. Psychische Erkrankungen sind Erkrankungen. Sie brauchen eine wissenschaftlich nachgewiesene, effektive Behandlung. Ich finde gut, wenn wir mehr über mentale Gesundheit sprechen, aber dann bitte auch mit fundiertem Wissen. 

Mich persönlich würde – wo wir gerade über den eher theoretischen Aspekt des Wortes Trigger sprechen – interessieren, wann deiner Meinung nach eine TRIGGERWARNUNG vor Artikeln und Postings angebracht wäre. Ich habe nämlich das Gefühl, es wird sich aktuell bei so ziemlich jedem Thema gewünscht, dass irgendwie ein negatives Empfinden hervorrufen könnte. Ist das dann vielleicht zu viel und auch nicht mehr „Zielführend“? 

Das Problem ist ja, dass eine Person, die ein Trauma erlebt hat, auch auf Gerüche und einzelne Worte ansprechen kann – das kann auch in einem ganz normalen Text passieren, je nachdem was der Auslöser ist. Betroffene müssen daher sehr gut auf sich aufpassen, haben meist in der Therapie gelernt, wie sie sich verhalten sollen und eine Art Notfallplan erstellt. Dennoch finde ich eine Warnung bei z.B. sexuellen Übergriffen oder den Themen Tod und Trauer sinnvoll – einfach, weil dann jede*r selbst entscheiden kann, ob er oder sie sich gerade mit einem schwerwiegenden Thema auseinandersetzen will. Ein anderes Wort für Trigger wäre aber vielleicht ganz sinnvoll.  

Wenn sich jemand tatsächlich in einer Situation getriggert fühlt bzw. getriggert WIRD, was kann da spontan oder auch auf lange Sicht helfen? 

In der akuten Situation kann es helfen, wenn sich die Person auf das Hier und Jetzt konzentriert. Welcher Wochentag ist heute? Welches Datum? Welche Uhrzeit in etwa? Die 5 Dinge Übung hat sich in meiner Arbeit auch als hilfreich erwiesen: Zähle 5 Dinge auf, die du siehst, 4 Dinge die du hörst….

In der Regel sollten Menschen, die sich getriggert fühlen aber eine Therapie machen – damit sie das Vergangene aufarbeiten können. So können sie das Erlebte verarbeiten und die Trigger reduzieren sich. 

Und was können jene tun, die – nennen wir sie mal „Auslöser negativer Gefühle“ – in ihrem Umfeld haben, denen sie einfach nicht entkommen können? Wie z. B. mit dem Thema Schule? Oder mit Familienmitgliedern? Oder Eltern der besten Freund*innen der Kinder? Hast du da Tipps oder Tricks oder Ansätze?

Ich bin ein großer Fan von Selbstreflexion und habe damit auch schon über hundert Stunden in der Psychotherapeutenausbildung verbracht. Es ist so spannend, mehr über sich zu erfahren. Ein guter Anfang ist die Erkenntnis, also das festhalten im Hier und Jetzt z.B. in Form eines Tagebuchs. Wenn man weiß, was einen stresst oder aus der Komfortzone bringt, dann kann man in einem ruhigen Moment auch überlegen, welche Strategien man anwenden kann, um mit negativen Gefühlen einen Umgang zu finden. Als Tiefenpsychologin interessiert mich aber auch sehr die Vergangenheit, weil wir davon ausgehen, dass uns gerade unsere Kindheit sehr für das weitere Leben prägt und sich Muster der Vergangenheit auch in unseren heutigen Beziehungen wiederholen können. Die Reflektion der Vergangenheit ist zum Beispiel sehr wichtig, wenn wir Eltern werden. Hiervon handelt auch mein neues Buch “Eine gute Frage für Eltern” mit 100 bindungstherapeutisch fundierten Fragen zur Selbstreflexion. Es hilft dabei die Beziehung zum Kind zu intensivieren, sich selbst in der Elternrolle besser zu verstehen und das Vergangene zu bearbeiten. 

Fazit: Dem richtigen Umgang mit dem Begriff Trigger sollten wir mehr Beachtung schenken … genauso unseren Emotionen.

Hach, ich liebe es ja sehr, wenn ich die Gelegenheit bekomme, mir Lena mit ins Boot zu holen, weil ich ihr KnowHow und die Art, wie sie es vermittelt, wirklich sehr schätze (ich weiß, ich bin ein Schleimer ;)) ABER stimmt halt und ich profitiere jedes mal, wenn wir zusammenarbeiten, sehr davon. Und ihr direkt auch, was mich mega freut! Diesmal nehme ich besonders viel mit: Ich werde zukünftig achtsamer mit dem Wort Trigger umgehen, es dennoch mit Bedacht nutzen, wenn ich mal wieder Themen auf dem Blog anpacke, die vielleicht viele sehr berühren UND ich werde mich intensiver mit meinen eigenen, negativen Gefühlen befassen. Auch, wenn es erstmal nervt, im Endeffekt bringt es einen immer weiter. <3

PS und Werbung von Herzen: Gönnt euch Lenas neues Buch. Ich hab’s schon und freue mich darauf, mich selbst als Mama damit wieder einmal ein bisschen besser kennen- und verstehen zu lernen! <3

PPS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr den Beitrag teilt!

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2 Kommentare für “Trigger: Was Eltern “triggert”, was das bedeutet und was hilft.

  1. Liebe Anke und auch liebe Lena,
    Ich finde es so wundervoll, dass ihr dieses Thema besprochen und auch veröffentlicht habt :-)
    Es ist so wichtig, darauf aufmerksam zu machen, was eigentlich ein Trigger ist, damit die inflationäre Benutzung vielleicht irgendwann auch mal wieder ein bisschen besser eingegrenzt werden kann!
    Ich bin Erzieherin, Kinder-, Jugend- und Familiencoach! Aber ich bin auch ein Mensch mit einer eigenen Vergangenheit, so wie jede Person das von sich behaupten kann ;-)
    Ich selber habe auch traumatische Erfahrungen und ich finde die Benutzung des Wort Triggers im Alltag (für wirklich alltägliche negative Gefühle, die aufkommen) sehr oft schwierig… Ich würde fast sagen, dass es mich manchmal sogar wütend macht (aber da weiß ich natürlich, dass es an mir selber liegt, weil das meine Bewertung ist, die dazu kommt) ;-)
    Ein Mensch mit traumatischen Erfahrungen, der durch Trigger in Flashbacks oder Dissoziationen fallen kann ist einfach nicht vergleichbar mit dem inflationären Gebraucht des Wortes, daher finde ich es super, dass ihr ein Artikel darüber veröffentlicht!!! Denn ich mache den Menschen gar keinen Vorwurf, dass sie diesen Begriff inflationär benutzen! Umso wichtiger ist so ein Artikel, wie dieser hier, um darüber aufzuklären, was ein Trigger wirklich ist und welche Auswirkungen dieser haben kann <3
    Danke dafür liebe Anke und liebe Lena!