Geburtsbericht
Geburtsberichte

Alexandra erzählt

Für meinen Geburtsbericht muss ich kurz etwas ausholen. Irgendwie hat alles, was mit der Schwangerschaft und dem Kinderwunsch zu tun hat, bei mir nicht klappen wollen. Ich wusste früh, dass ich nur schwer schwanger werden könnte. Ich hatte da so ein Gefühl, dass es ohne Hilfe nix wird. Als mein Mann und ich uns einig waren, dass der Zeitpunkt passte, ging ich direkt zur Frauenärztin. Und sieh da, sie bestätigte meinen Verdacht. Deutlich ausgebildetes PCO-Syndrom. Also ab in die Kinderwunschklinik. Nach zwei Jahren hormoneller Therapie und drei Inseminationen, kam dann endlich der erhoffte Anruf: sie sind schwanger!

Naja, die komplette Schwangerschaft über hatte ich immer wieder Blutungen, seit der 14 SSW deutliche Übungswehen und ab der 35 SSW Wassereinlagerungen von 10 kg! Ich habe sie trotzdem genossen.

In der 39 SSW bettelte ich die Ärzte in meiner Wunschklinik um eine Einleitung. Ich konnte nicht mehr, ich war fertig! Alles war auch so schon perfekt, er lag bereits startklar, ich war 1-2 cm auf. Und ich wusste, dass ich es nicht mehr lange packe. Zum ET sind wir dann in die nächstgelegene Uniklinik gefahren, denn in meiner einstigen Wunschklinik hat man mich nur belächelt.

In der Uniklinik wurde ich untersucht (war ein Freitag). Wir besprachen, dass ich bis Mittwoch noch durchhalte, dann wären wir bei 40+7. Mir wars in Endeffekt egal, die Hauptsache war, ich wurde ernst genommen und hatte einen Termin der Erlösung. Mir gings schon echt schlecht.

Am Sonntagnachmittag riefen wir im Krankenhaus an, ich konnte nicht mehr. Ich bekam keine Luft mehr, konnte nicht mehr stehen und sitzen, der Unterbauch tat mir sehr weh, meine Beine explodierten fast!

Ich sollte nun am Montag kommen. Dort angekommen, bekam ich gleich um 13 Uhr die “Probetablette”. Man musste erstmal gucken, ob ich negativ drauf reagiere. Alles war super, mir gings plötzlich auch besser. Ich hatte Energie, gute Laune und war froh, dass es bald losgehen würde. Meinen Mann wollte noch schnell das Auto umparken. Wir guckten ganz verdutzt, der Wagen fuhr nicht! Neues Auto, extra für den Nachwuchs gekauft, damit wir ihn damit kutschieren können! Und es geht ausgerechnet dann kaputt, wenn das Kind kommen soll? Für mich kein Problem, ich hatte ja Geburtsvorfreude, nichts konnte mich jetzt noch schocken. Mein Mann fuhr dann mit dem ADAC weg und ich blieb da und bekam um 17 Uhr meine eigentliche kleine Dosis. Brav legte ich mich auch im Wehenzimmer ins Bett, so wie mir von den Hebammen befohlen wurde. Mir wurde gesagt, dass es mehrere Tage sogar dauern könnte, bis was passiert. Zudem muss ich sagen, ich wollte vorher nie und nimmer in dieser Klinik mein Kind bekommen. Zu groß, zu unpersönlich und zu alt erschien es mir. Hatte sie mir vorher nichtmal angesehen. Aber nur hier wurde ich in meiner Not aufgenommen und ernst genommen.

Da lag ich nun, voller Vorfreude am CTG und wartete. Die Hebamme kam nach 30 Minuten: keine Wehen. Dann nach weiteren 30 Minuten: leichte Wehen. Ob ich was merke? Nö, nix, nada. Die Enttäuschung machte sich langsam breit. Eine weitere Stunde und zwei Besuche der Hebamme vergingen. Die Wehen waren auf dem CTG leicht erkennbar. Ich spürte nix. Dann, ganz plötzlich und irgendwie auch befreiend, wurde es ganz warm unterm Hintern. Warm und wärmer. Oh nein, ich habe eingepinkelt, dachte ich nur. Ganz verschämt rief ich die Hebamme und entschuldigte mich für das peinliche Malheur. Ich versicherte ihr, dass es mir vorher noch nie passiert ist und dass es bestimmt was mit der Aufregung zu tun hat. Sie lachte nur und sagte, es sei die Fruchtblase. Die ist geplatzt. Ich werde bald Mutti.

Ich konnte es nicht glauben und fragte sicherlich noch fünf Mal, ob es tatsächlich kein Pipi war.

Ganz aufgeregt rief ich dann sogleich auch meinen Mann an. Der machte sich auch gleich mit dem Smart, ja genau Smart, auf den Weg. Ich überlegte mir währenddessen, wie wir das Kind und mich wohl mit dem Auto heim kriegen.

Mein Mann war gegen 19:45 Uhr da. Das CTG zeigte deutliche Wehentätigkeit an, ich merkte ein leichtes Ziehen. Na endlich, dachte ich. Jetzt krieg ich ja doch noch was mit (wie naiv ich zu dem Zeitpunkt noch war, ich hatte echt Angst etwas zu verpassen).

Ich sollte aufstehen und mir den Kreissaal ansehen. Kaum war ich aufgestanden, ging es schon etwas doller los. Huch, dachte ich. Musste kurz durchatmen und wir marschierten rüber. Kaum im Kreissaal angekommen, übermannte mich die nächste Wehe. Noch stärker als zuvor. Mein Mann sagte, es waren keine drei Minuten zwischen. Die Hebamme bat mich, mich aufs Bett zu legen. Sie guckte wie weit ich war. 4 cm offen. Das ging flott, sagte ich noch zu beiden. Und dann gings los, eine Wehe nach der anderen. Es wurde immer heftiger. Die Hebamme leitete mich an, ich soll mich bewegen, das Becken kreisen lassen, mich abstützen, wenn ich mag, summen oder auch brüllen. Was sich halt in der Wehe gut anfühlt. Ich konnte kaum denken, ich machte nur. So heftig hatte ich es mir nicht vorgestellt. Es überkam mich immer und immer wieder, teilweise ebbte die eine Wehe ab, da kam schon die nächste.  Die Hebamme schien besorgt. Auf Nachfrage erklärte sie mir, dass ich sehr auf das Mittel reagiere und kaum Zeit zwischen den Wehen zum regenerieren habe. Sie schlug ein warmes Bad vor. Klar warum nicht. Es war da bereits 23:50 Uhr. Ich war 6 cm auf und mir blieb die Puste vom lauten, fast schon gebrüllten “Oooooohmmmm und Aaaaaahhhhh” weg. Die Wanne war in einem Bad auf der anderen Seite des Flures. Ich kannte es schon, war zwischendurch schon dort gewesen. Auf dem Flur überkam mich wieder eine heftige Wehe, ich krümmte mich breitbeinig und brüllte. Als sie weg war, sah ich erst, dass da eine verstörte Schwangere saß und mich leichenblaß ansah. Ich entschuldigte mich und sagte ihr, dass es schlimmer aussieht als es ist und ging schnell weiter. Gedacht hab ich aber anders. Ich war etwas verzweifelt, weil es echt heftig war, weh tat und ich das Gefühl bekam getrieben zu werden. Ich wusste vor lauter Schmerz nicht, wohin mit mir.

In der Wanne wurde es besser. Ich fragte die Hebamme nach Medikamenten. Irgendetwas, was den Schmerz stillt.

Sie wollte sich drum kümmern. Ich sollte aber erst das Bad genießen. Das klappte auch. Es war wesentlich erträglicher. Mein Mann und ich scherzten wieder und lachten über die Autopanne.

Doch dann wars vorbei. Ganz plötzlich war es nicht mehr schön. Ich wollte nur noch raus aus dem Wasser. Es fühlte sich an als wäre es Säure auf meiner Haut und die Wehen waren von jetzt auf gleich wieder so heftig. In einer kurzen Pause sprang ich förmlich aus der Wanne. Die Hebamme sagte noch, so schnell hats noch keine geschafft. Wir lachten kurz und dann kam schon die nächste Wehe.  Ab zurück in den Kreissaal. Kaum waren wir da und ich stand am Bett, verspürte ich es. Das Gefühl war da, ich hatte viel darüber gelesen und jetzt spürte ich es, ich wollte pressen. Die Hebamme eilte herbei, kniete, fühlte und guckte. 8-9 cm, noch nicht sagte sie. Ich schrie in der Wehe, dass ich muss, sonst platz ich! Mein Mann lachte, sie guckte ihn verdutzt an und dann musste ich lachen. Ich blickte zur Uhr, es war 3:25 Uhr. Und da kam schon die nächste Wehe. Ich hielt mich am Bett fest und ging beim Pressen in die Hocke. Vorbei, Ruhe, kein Schmerz. Als wäre nichts gewesen. Ich stand wieder auf und dann kam die zweite Presswehe. Heftig drückend, schmerzhaft aber nicht befriedigend. Ganz plötzlich wusste ich, etwas stimmt nicht. Sagte es wohl auch laut und panisch. Die Hebamme fühlte und bestätigte, das Köpfchen ist nicht richtig eingedreht. Ein Schmerztropf wurde mir angelegt. Ab aufs Bett, zwei Wehen auf der linken, zwei auf der rechten Seite und es war ok. Aber der Tropf nervte. Er musste weg. Sie sagte noch, dass es keine 10 Minuten sind. War mir egal, er nervte und raubte mir irgendwie Kraft. Er wurde abgestöpselt. Zwischen den Wehen war ich super entspannt, fast schon ganz relaxt. Wir sprachen und lachten. Die Hebamme sagte, ich mache es super. Und wie toll ich auf meinen Körper höre und dass es nicht mehr lange dauern wird. Ich solle aber nicht mehr brüllen, soll die Kraft jetzt in den Unterleib steuern und bei den Wehen pressen als wollte ich die Welt gebären. Wie soll ich denn pressen und den Mund dabei halten, dachte ich. Ich lag seitlich auf dem Bett. Mit der einen Hand hielt ich mich am Bettgitter fest, mit der anderen mein rechtes Bein oben. Die nächsten Wehen presste ich, drückte und krampfte alles in den Unterleib, wie es nur ging. Und ja, ich musste garnicht mehr brüllen. Zwischenzeitlich kam auch ein Doktor, er gesellte sich zur Hebamme und guckte nur zu. Mein Mann stand neben mir, anfassen durfte er mich nicht. Das hatte ich ihm vorher eingebläut. Erst wenn ich es sage, sonst macht es mich nur kirre. Bin da halt son Typ-Frau. Die Hebamme sagte, ich könnte gerne mal fühlen, er hätte viele dunkle Haare. Mein Mann ging rum und war ganz begeistert und bestätigte es. Ich fühlte und es war fantastisch! Ich konnte mein Baby fühlen! Es war so unglaublich schön ihn nach so langer Zeit und den ganzen Strapazen endlich zu fühlen. Noch zwei Presswehen und ich merkte, es wird nix, er kommt nicht raus. Er rutscht immer wieder zurück. Das sagte ich dann auch. Die Hebamme erklärte, ich soll bei der nächsten Wehe länger pressen. Sie und der Arzt rückten näher an mich ran. Ich presste und presste. Der Schmerz war grauenvoll. Es passte aber nicht. Ich fühlte mich als ob ich einen Elefanten gebären müsste. Es passt wirklich einfach nicht. Die Hebamme erkannte,  dass etwas vor dem Gesicht wäre. Der Arzt sagte, dass sie schneiden müssten. In mir brach pure Panik aus! Ein Kaiserschnitt? Nein, das wollte ich nicht! Nicht nach all dem und jetzt das. Ich war verzweifelt, viel Kraft hatte ich nicht mehr, das wusste ich. Die Hebamme griff zur Schublade und zeigte mir ein Skalpell. Sie erklärte, sie würde schneiden. Normalerweise lässt sie den Damm reissen, meiner ist aber etwas kürzer und sie will nicht, dass es unkontrolliert passiert. Ich nickte. Der Arzt fragte, ob alles ok sei. Ich verneinte. Ich sagte, ich kann kaum noch, mir fehle die Kraft. Die Hebamme und mein Mann redeten mir gut zu. Ich brauche nur noch ein oder zwei Mal so stark pressen, wie bei der letzten Wehe und wir hätten es geschafft. Gesagt, getan. Ich presste um mein Leben! Merkte einen kleinen Schnitt. Es fühlte sich aber erleichternd an. Und es flutschte! Der Kopf war draußen! Das Gesicht meines Mannes werde ich nie vergessen! Diese Freude! Diese Aufregung!

Dann kam die nächste Wehe und ich presste, aber es ging so leicht, dass ich erstaunt aufschaute, noch während der Wehe. Und da war er, er plumpste fast schon raus und lag zwischen meinen Füßen. Ganz rot, mit Schmiere und Blut verschmiert und bewegte sich ganz zart. Die Hebamme reichte ihn mir fast schon sofort. Ich nahm ihn und legte ihn auf meine Brust. Sie tupfte ihn etwas ab. Was dann um mich rum passierte, weiß ich nicht mehr. Ich hatte nur noch Augen für meinen Sohn. Alle meine Sinne konzentrierten sich auf seine Geräusche, seinen Duft und das Gefühl, das ich empfand: pures Glück, endlose Liebe und Erleichterung, dass er da war. Nach all dem Kampf, den zwei harten Jahren Hormonbehandlung, der schwierigen Schwangerschaft.

Mein Mann strahlte und schnupperte mit mir an unserem Sohn. Nachdem die Freudentränen abgewischt waren, ich die Nabelschnur durchtrennt hatte, wurde unser Sohn gewogen und vermessen. Um 4:28 Uhr am Dienstagmorgens, den 06.09.2016, erblickte er mit 4260 g, 54 cm und einem Kopfumfang von 36 cm das Licht der Welt.

Für die Nachgeburt hatte ich einfach keine Kraft mehr. Ich bekam ein leichtes Wehenmittel gespritzt. Und dann kam sie auch. Kurz und schmerzlos. Ich wurde genäht. Obs weh tat? Keine Ahnung, ich hatte meinen Sohn auf der Brust. Allein das zählte.

Es stellte sich raus, dass er die Hand vor seinem Mund hatte. Deshalb rutschte er immer wieder rein.

Im Nachhinein habe ich erfahren, dass ich am Anfang zu heftige und zu schnell aufeinanderfolgende Wehen hatte. Das Wehenmittel schlug bei mir ein, wie eine Bombe. Dass die Geburt an sich keine einfache war und mit einem anderen Personal im Kreissaal, ein Notkaiserschnitt gemacht worden wäre.

Ich bin froh über meine Geburt. Auch wenn ich lange gebraucht habe sie zu verarbeiten. Ich bin froh, dass ich den Schritt gewagt habe und in die Uniklinik gegangen bin. Die Hebamme war super. Und ich hätte es zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus eigener Kraft geschafft. Ich bin froh, auf meinen Körper gehört zu haben, von Anfang an.

Diesen schönen Bericht hat Alexandra Siemers geschrieben :)

 

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