Abtreibung
(WhatsApp-)Interviews Rabenmutter 2.0

Schwangerschaftsabbruch: 15 Frauen erzählen, wann und warum sie sich für eine Abtreibung entschieden.

Ich bin dankbar. Dankbar dafür, dass ich mich noch nie in der Situation befunden habe, mich vielleicht gegen ein Kind entscheiden zu müssen. Dieses Glück haben nicht alle Frauen. Viel mehr als ich dachte, stehen irgendwann in ihrem Leben einmal vor dieser immer noch tabuisierten Entscheidung, einen Schwangerschaftsabbruch, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, und werden dann nicht nur mit der emotionalen Seite konfrontiert, sondern auch mit der rechtlichen. Denn so einfach, wie ich immer dachte, ist es auch in Deutschland nicht.

Die rechtliche Seite ist gar nicht so einfach

Eine meiner engsten Freundinnen, die ihr Jura-Studium mit dem Schwerpunkt Medizinrecht absolvierte, erklärte mir die Gesetzes-Lage zum Thema Schwangerschaftsabbruch inkl. der daraus resultierenden Folgen für Frauen so: In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche RECHTSWIDRIG. Der Abbruch einer Schwangerschaft kann laut §218a StGB aber straffrei sein, wenn er unter bestimmten Voraussetzungen vorgenommen wird: Zwischen Befruchtung (also dem Tag der Empfängnis) und dem Eingriff dürfen nicht mehr als 12 Wochen vergangen sein, was umgerechnet der 14. SSW entspricht. Außerdem muss der Eingriff von der Schwangeren verlangt werden und von einer Ärztin oder einem Arzt durchgeführt werden. Des Weiteren muss die Schwangere eine Beratungseinrichtung aufsuchen und eine Schwangerschaftskonfliktberatung absolvieren. Dort erhält sie den sogenannten „Beratungsschein“. Und: Zwischen dem Erhalt des Beratungsscheines und dem Abbruch müssen mindestens drei Tage liegen. Hält die Schwangere sich an diese Auflagen, bleibt der Abbruch für sie und die behandelnde Ärztin/den behandelnden Arzt straffrei.
Ausnahmen bilden nur die medizinische Indikation und die kriminologische Indikation. Die medizinische Indikation belegt, dass die Schwangerschaft eine ernstzunehmende Gefahr für die seelische oder körperliche Gesundheit der Frau bedeutet. Das kann zum Beispiel anzunehmen sein, wenn durch eine pränataldiagnostische Untersuchung rauskommt, dass mit einer erheblichen gesundheitlichen Schädigung des ungeborenen Kindes zu rechnen ist. Ein Abbruch der Schwangerschaft ist dann auch über die 14. SSW möglich.
Die kriminologische Indikation entbindet die Schwangere zwar von der Beratungspflicht, dennoch muss trotz dieser Indikation die Schwangerschaft innerhalb der ersten 12 Wochen nach Empfängnis geschehen.
Diese Indikation liegt vor, wenn die Schwangerschaft durch sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung entstanden ist oder die Schwangere das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat.“

Außerdem fügte Maike noch an – und versuchte dabei extra neutral zu klingen, obwohl sie lieber persönlicher Stellung bezogen hätte ;): „Die Gesetzeslage stand in den vergangenen Jahren stärker in der Kritik. Zum einen, weil Schwangerschaftsabbrüche rechtswidrig bleiben (was viele gar nicht wissen) und viele darin eine Kriminalisierung des körperlichen Selbstbestimmungsrechts einer jeden Frau sehen. Zum anderen, weil die Beratungsregelung für einige impliziert, eine Frau sei nicht im Stande eine gut durchdachte Entscheidung ohne externe Beratung zu fällen, die dem Maßstab „verantwortlich und gewissenhaft“ genüge.

Ich gestehe: Mir waren viele der aufgeführten Punkte nicht geläufig. Dabei ist auch all das wichtig zu wissen als Frau – nicht nur für sich selbst, sondern auch um im Fall der Fälle einer Freundin zur Seite stehen zu können.

Jedem Schwangerschaftsabbruch geht eine sehr persönliche Geschichte voraus

Abtreibung ist ein Tabuthema. Und wie bei allen Tabuthemen sorgt auch hier das Schweigen zum einen oftmals für mehr Schmerz bei jenen, die sich dennoch damit befassen müssen, weil sie allein mit ihrer Situation dastehen und ihre Entscheidung möglicherweise sogar geheim halten müssen – ein Leben lang. Zum anderen sorgt die Tabuisierung für gleichbleibende Unwissenheit bei allen anderen, was zur Folge hat, dass viele Frauen in Not ihre Optionen gar nicht kennen und nicht wissen, wohin und an wen sie sich am besten zuerst wenden sollen.

Auf Facebook fragte ich in einem Post nach potenziellen Interview-Partnerinnen, um einen ersten Schritt zu wagen, Schwangerschaftsabbruch zu einem Thema zu machen, über das wir Mütter sprechen können. Ich hoffte auf wenigstens ein paar Mails – eine Handvoll Frauen vielleicht, die es wagen würden, anonym ihre Erfahrungen zu teilen. Ich bekam Mails. Viele sogar. Viel mehr, als ich erwartet hatte. So viele, dass ich irgendwann schweren Herzens ablehnen musste. Dennoch sind es viele Geschichten geworden, die ich hier nun ungekürzt veröffentlichen möchte. Sehr, sehr persönliche Geschichten. Geschichten, die zum Teil zum ersten Mal in Worte gefasst wurden oder eigentlich bereits jahrelang im Unterbewusstsein vergraben lagen. Geschichten von Müttern, die beim Schreiben weinten … oder tief aufatmeten.

15 Frauen erzählen, wann und warum sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.

* NADDELS Geschichte (35 Jahre, Mama von 2 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Im Februar 2014 habe ich mich neu verliebt. Dies war erst kurz nach dem ich meinen Jugendfreund nach 11 Jahren verlassen habe. Als ich dann drei Monate später ungeplant schwanger war, war die neue Beziehung in einer sehr großen Krise. Die rosarote Brille war weg und es stellte sich heraus, dass er sehr viele Schulden hatte und noch nicht mal ein eigenes Konto besaß, seine Wohnung wurde ebenfalls zwangsgeräumt. Ich beendete die Beziehung und konnte mir nicht vorstellen, dieses Kind zu bekommen. Meine Eltern haben mir zwar Unterstützung zugesagt, aber ich wollte nicht ewig an den Vater des Kindes gebunden sein und dieses Kind alleine großziehen. Es kam noch dazu, dass ich zu diesem Zeitpunkt in einem Call-Center für einen Hungerlohn arbeitete. Da ich ja keinen Unterhalt erwarten konnte, wusste ich einfach auch nicht, wie ich diesem Kind eine gesicherte Zukunft bieten sollte. Ich entschied mich also für einen Abbruch.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Erstmal muss man ja einen Arzt finden, der einen Beratungsschein aushändigt. Ich hätte Glück, dass in meiner Frauenarztpraxis eine andere Ärztin war, die die Beratungsgespräche durchführt und einen Beratungsschein erstellt. Die Beratung war sehr neutral gehalten und ich musste einfach nur erzählen, warum und wieso ich einen Abbruch wünsche. Ich fand allerdings, dass die Ärztin sehr wortkarg war. Über die verschiedenen Abbruch-Möglichkeiten wurde ich gar nicht informiert. Ich habe von meiner Frauenärztin eine Überweisung für ein Krankenhaus in der Nähe erhalten. Dort waren alle sehr nett, aber ein richtige Beratung, was genau passiert, habe ich auch dort nicht erhalten, vielleicht aber auch weil ich nicht gefragt habe. Ich empfand es dort allerdings sehr als Massenabfertigung. Einen Tag in  der Woche werden nur Abtreibungen durchgeführt … im 15 Minutentakt. Am liebsten wäre ich wieder gegangen, aber ich habe mich einfach nicht getraut. Die Abtreibung fand unter Vollnarkose statt und meine Eltern haben mich abgeholt und waren für mich da. Im Freundes- und Bekanntenkreis habe ich es allerdings nicht erzählt.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich lebe damit sehr gut, aber nur, weil ich weiß, dass es ohne diese Abtreibung meine wunderbare Tochter nicht geben würde. Denn der ET der Abtreibung wäre Januar 2015 gewesen und ich war Ende 2014 gewollt schwanger von dem gleichen Mann. Einen Monat nach der Abtreibung sind wir wieder zusammengekommen. Ich habe ihm geholfen, sein Leben zu ordnen. Ich denke daher, dass die zweite Schwangerschaft für uns auch eine Art der Verdrängung war. Wir sind heute glücklich verheiratet und haben noch einen Sohn bekommen.

 

* Mami.hoch.3’s Geschichte (37 Jahre, Mama von 3 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Mein jetziger Freund und ich waren damals noch nicht wirklich zusammen. Ich war noch in einer scheiternden Beziehung, wollte ausziehen und wir beide näherten uns gerade erst an. Ich hatte mit meinem damaligen Partner bereits einen Sohn und dann eine Affäre? Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.
Und plötzlich schwanger … das war nicht gewollt und ich war feige, überfordert, ängstlich. Eine Trennung vom alten Partner stand bevor, ich konnte mir ein Zusammenleben mit einem neuen Mann noch nicht vorstellen und dann gleich noch ein Kind, eventuell alleinerziehende Mama von 2 Kindern und ohne Job obendrein?
Mein Freund stand hinter meiner Entscheidung, obwohl er mir später offenbarte, dass wir es wahrscheinlich hinbekommen hätten. Aber auch er hatte Angst vor der Herausforderung und ließ es zu, wie ich es für richtig hielt. Er unterstützte mich bei allen Terminen, die vorher liefen und war beim Abbruch in der 12. Woche dabei. Er hat mich danach getröstet und war immer an meiner Seite. Auch er hat gelitten und geweint. Eigentlich haben wir beide diesen Schritt bewusst gewollt und doch bereut … manchmal reden wir noch darüber, wie alt es wäre, ob Junge oder Mädchen..
Wir sind danach tatsächlich fest zusammen gekommen. Es ist fast 16 Jahre her und wir haben nun noch einen gemeinsamen Sohn und eine Tochter … und eine gemeinsame Vergangenheit.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Die Ärzte waren sehr nüchtern. Eine wirkliche Aufklärung über den Eingriff hatte ich nicht, nur der informelle Teil zur Narkose und Dauer des Eingriff. Hätte ich damals gewusst, was da genau gemacht wurde, hätte ich es wahrscheinlich nicht zugelassen. Aber ich war noch so jung und so ängstlich vor der Zukunft, ich wollte es nur schnell hinter mir lassen. Die Beratungsstelle war gut, aber so unfassbar neutral, dass ich mir einfach nur ein schnelles Gespräch und den Beratungsschein herbei gesehnt habe.
Meine Familie weiß bis heute nichts davon. Wir haben die Mutter meines Freundes und eine gemeinsame Freundin informiert. Die Freundin hat am Tag des Abbruch meinen kleinen Sohn betreut. Seine Mutter hat uns bei der Entscheidung zugesprochen, sie hat wahrscheinlich keine Zukunft in uns als Paar gesehen.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich habe eine unwiederbringliche Entscheidung getroffen, die für mich in der Situation die Richtige war.
Mit meiner jetzigen Lebenserfahrung und dem damit gewachsenen Mut zur Konsequenz, bereue ich diesen Tag sehr.
Zumal ich mit dem selben Mann dann doch noch zwei Kinder bekommen habe. Wenn ich in ihre Augen sehe, ihren Duft schnuppere und ihre Wärme spüre, versetzt es mir manchmal einen Stich ins Herz, dass ich so feige war.
Ich kann mich bei dieser kleinen Seele niemals entschuldigen, ich konnte mich am Abend vor der OP nur verabschieden. Habe meinen Bauch gestreichelt und geweint. Im Herzen habe ich trotzdem immer 4 Kinder.

 

* SOPHIES Geschichte (35 Jahre, Mama von 3 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum? 

Ich war mit meinem Partner erst 8 Wochen zusammen als ich ungeplant und noch sehr jung schwanger wurde. Mir war von Anfang an klar, dass ich es nicht behalten würde. Ich komme aus einer zerrütteten Familie, in der es immer an Geld mangelte und niemand Zeit für die Kinder hatte. Das wollte ich nicht, sollte ich mal Kinder haben.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt? 

Mein Gyn hat mich über alles aufgeklärt. Er ist Gott sei Dank auch einer der wenigen in unserer Gegend, der solch einen Eingriff vornimmt. Auch die Dame in der Beratungsstelle, zur der man vorher muss, war sehr freundlich und verständnisvoll.
Meine Familie weiß bis heute nichts davon. Meine beste Freundin ist – abgesehen von meinem Partner – die einzigste, die davon weiß. Auch sie hat mich unterstützt. Mein Partner hat damals von Anfang an gesagt, dass es meine Entscheidung ist und er, egal wie ich mich entscheide, hinter mir steht. Wir sind mittlerweile seit fast 14 zusammen, 9,5 Jahre davon verheiratet und haben 3 tolle Kinder bekommen.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich stehe voll hinter meiner Entscheidung und würde es wieder genauso machen. Uns war auch immer klar, sollte während einer Schwangerschaft klar sein, dass das Kind beeinträchtigt sein würde, wir es vorher abtreiben würden, nicht weil es nicht gesund wäre, sondern um die schon bestehende Familie zu schützen.

Ich finde es auch wichtig zu betonen, dass man erst von einem Baby sprechen kann, wenn man sich dafür entschieden hat, es auch zu behalten. Vorher ist es einfach nur ein Zellklumpen, den man sich entfernen lässt. Ich finde es ganz schrecklich, eine Abtreibung mit Mord zu vergleichen. Dann wäre jedes Baby, dass es nicht schafft, lebendig geboren zu werden, auch ein Selbstmörder und jede Mutter, die ihr ungeborenes auf eine solch tragische Art und Weise verliert, ein Mittäter.

 

* FREYAS Geschichte (37 Jahre, Mama von 3 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Ich war 17 Jahre, wurde betäubt und missbraucht.  Ich war 2 Monate vorher von Zuhause ausgezogen und bin zu meiner besten Freundin gezogen.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Ja, ich wurde sehr gut beraten, von meinem Arzt und dem psychologischen Dienst.
Die Mutter meiner besten Freundin sagte zu mir: Wenn sich diese Seele dich als Mutter ausgesucht hat, wird sie auch wieder zu dir zurückkehren. Das gab mir Kraft und Mut.
Meine besten Freundin wich mir nicht von der Seite und unterstützte mich bei allem. Ich bin ihr immer noch unendlich dankbar.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Gut. Es gibt Situationen, in denen eine Abtreibung für alle besser ist! Und ich hab meinen Frieden mit dieser Entscheidung getroffen. Ich habe jetzt 2 wunderbare gesunde Söhne und bin überzeugt davon, dass diese Seele wieder zu mir zurück kam.

 

* LENAS Geschichte (28 Jahre, Mama von 2 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Ich war damals 17 Jahre alt und habe mein Fachabitur gemacht. Ich wurde in den Herbstferien meines Abschlussjahres schwanger. Also wäre ich während der Prüfungen hochschwanger gewesen. Zuhause hab ich es so schon nicht ausgehalten. War eigentlich nur bei meinem damaligen Freund. Die Familie hatte selber viel zu kämpfen.
Es war ein sehr großer Schock, denn eigentlich habe ich damals mit der Pille verhütet. Außerdem habe ich meine Tage normal bekommen. Ich hab erst in der 10. Woche erfahren, dass ich schwanger war. Für mich persönlich wäre es absolut nicht vorstellbar gewesen, ein Kind großzuziehen. Ich hatte selber mit mir zu kämpfen und meiner Vergangenheit.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Ehrlich gesagt: von den Ärzten habe ich mich kaum verstanden und aufgeklärt gefühlt. Ich musste zu einer Vertretung gehen, die äußerst unfreundlich war. Ein Termin zur Beratung habe ich erst nach 7 Telefonaten bekommen. Im damaligen Gesundheitsamt wäre der nächste Termin erst in 8 Wochen gewesen. (Wäre ein wenig spät gewesen). Am Telefon wurde mir gesagt: „Tja, hätten sie besser aufpassen sollen“. Den Satz vergesse ich nie. Auch einen Arzt zu finden, war unglaublich schwer. Weil ja nirgends Infos stehen, ob es gemacht wird oder nicht. Ich hatte Glück und die Mutter meines Freundes hat alles mit mir gemacht. Sie war wirklich wichtig in der Zeit. Allerdings habe ich mit Medikamenten abgetrieben und ehrlich gesagt was das äußerst traumatisch. Weil es ja eigentlich wie eine Geburt war. Darüber wurde  ich nicht aufgeklärt.

Meine Familie wusste es lange nicht. Eigentlich weiß es kaum jemand. Mein Freund weiß es (nicht mehr der von damals). Das wars aber auch schon. Auch ganz schlimm fand ich die Nachuntersuchung. Die fand bei meinem eigentlichen Frauenarzt statt. Schon an der Anmeldung hieß es: „Ach, sie sind die, die angetrieben haben“. So laut, dass es alle hören konnten. Ich habe es damals meiner Klassenlehrerin erzählt. Ich war nämlich eine Woche krankgeschrieben danach. Als ich wiederkam, war das Thema „Pro und Contra der Abtreibung“. Danke, dachte ich mir damals. Die letzte Zeit war schrecklich.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Eigentlich ganz gut. Am Anfang habe ich sehr lange gebraucht, um das zu bearbeiten. Aber jetzt ist es ok so wie es ist. Manchmal denke ich, wie es wäre. Gerade so in Zeiten, die „besonders“ sind. Wie das Jahr, als das Kind hätte eingeschult worden wäre. Ich bereue es nicht. Nur, dass ich es so schnell gemacht habe, tut mir manchmal weh.

 

* ALEXANDRAS Geschichte (25 Jahre, Mama von 1 Kind)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Ich war 19 Jahre alt, gerade am Anfang des 2. Lehrjahres und mein Ex-Freund hat die Kinder gar nicht gewollt.
Ich hatte Angst, alleine mit 2 Kindern dazustehen und es nicht zu schaffen und keine gute Mutter für meine Kinder zu sein.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Von den Ärzten habe ich mich umfassend aufgeklärt gefühlt. Unterstützung von Verwandten eher weniger, zumindest kam es mir so vor. Vielleicht war es auch nur in dieser für mich Ausnahmesituation. Heute weiss ich, dass meine Familie – egal mit welcher Entscheidung – hinter mir gestanden hätte.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich habe jetzt einen fast 9 Monate alten Sohn und habe selbst nach 7 Jahren noch ein sehr schlechtes Gewissen. Oft frage ich mich, gerade in der Schwangerschaft, ob es anders gelaufen wäre, wenn ich nicht abgetrieben hätte. Doch ich sage mir, ich war damals sehr unsicher und hätte es sicherlich nicht geschafft.

 

* MAEDCHENMAMAX2’s Geschichte (23 Jahre, Mama von 2 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Ich war damals grade mal 16. – frisch aus der Ausbildung geflogen, hoffnungslos naiv und verliebt und eigentlich wohnungslos. Aufgenommen hatte mich damals die Mutter meines Freundes. Und da war auch der Knackpunkt. Mein Freund war grade 19 geworden und seine Mama predigte immer: Bekommt noch keine Kinder! (Sie war damals selber 18 beim ersten Kind) Und wie es kommen musste, wurde ich schwanger. Die Schwester meines Freundes hatte mich verraten und dann sagte die Mutter klipp und klar, dass wir abtreiben sollten. Ich wollte es ganz lange Zeit nicht. Aus Liebe zu meinem Freund machte ich einen Termin und dann – immer mehr – wollte ich es doch nicht behalten. Meine Perspektive war total im Eimer.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Nein überhaupt nicht. Ich wurde mehr oder weniger dazu gedrängt und am Ende war ich ganz alleine in der Klinik und die Zeit danach auch. Keiner konnte mich verstehen. Ich wurde sogar angefeindet.

Ich habe mich auch von den Schwestern alleine gelassen gefühlt mit meinen Schmerzen.

Den Arzt bzw. die Ärztin habe ich nur zur Untersuchung einmal gesehen. Dann drückte sie mir Tabletten in die Hand und sagte nichts weiter. Ich wusste nicht, dass es die entscheidenden Tabletten waren, die alles beenden.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich bereue es zutiefst, mir in mein Leben so eingeredet haben zu lassen. Zumal meine größere Tochter nur 1,5 Jahre später zur Welt kam. Ich habe oft zu kämpfen mit der Trauer und diesem Gefühl, sein eigenes Kind umgebracht zu haben. Ja, so krass es auch klingt, aber die Gesellschaft lässt es einen denken, dass es so ist.

Mein neuer Freund ist seit 4 Jahren an meiner Seite, der Papa meiner kleinen Tochter und er hat mir geholfen, alles etwas aufarbeiten zu können. Und auch seiner Familie konnte ich mich anvertrauen und sie verstehen mich und unterstützen mich in meinem Handeln und lassen mich Frieden damit schließen. Mein kleiner Engel würde dieses Jahr in die Schule kommen und ja, jedes Jahr an seinem Geburtstag machen wir eine Kerze an, damit alles erträglicher ist.

Ich würde nie wieder ein Kind abtreiben. Aber ich verstehe und akzeptiere jeden, der es macht.

 

* JOHANNAS Geschichte (34 Jahre, Mama von 2 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Ich wurde 2011 2 Monate nach unserer Hochzeit schwanger. Wir waren sehr überrascht (es klappte so schnell), freuten uns aber sehr. Die ersten Wochen verlief die Schwangerschaft völlig normal. In der 14. SSW bekam ich Blutungen und wurde stationär aufgenommen. Ich lag in dem Krankenhaus, in dem ich sonst arbeite. Nach 2-3 Tagen hörten die Blutungen auf. Der Oberarzt machte noch einen Ultraschall, bevor er mich entlassen wollte. Dabei fiel auf, dass ich sehr wenig Fruchtwasser hatte. Auch beim Baby stimmten einige Sachen nicht. Er empfahl uns, eine Fruchtwasser-Untersuchung durchführen zu lassen. Wir willigten ein. 3 Tage später hatte ich den Termin zur Punktion. Diese war sehr schmerzhaft und schwierig. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt kaum noch Fruchtwasser. Es wurde ein Schnelltest auf Trisomie 13,18 und 21 weggeschickt. Am nächsten Tag sollten wir die Ergebnisse bekommen.
Uns fiel das Warten sehr schwer und wir machten uns Sorgen um unser Baby. Am nächsten Abend rief der Oberarzt persönlich an. Leider mit sehr schlechten Nachrichten. Unsere Tochter hatte eine Triploidie (d.h. der komplette Chromosomensatz ist dreifach vorhanden. Bei gesunden Menschen ist der nur zweimal vorhanden). Er bat uns am nächsten Tag wieder in die Klinik zu kommen, damit wir persönlich sprechen konnte.
Am nächsten Tag erklärte er uns das Ausmaß und die weiteren möglichen Schritte. Fazit war, unsere Tochter war nicht lebensfähig und wir konnten die Schwangerschaft abbrechen oder abwarten bis sie verstürbe.
Mein Mann und ich sprachen zuhause lange. Wir weinten viel. Wir sprachen auch mit unseren Familien und Freunden. Für uns stand schnell fest, dass wir die Schwangerschaft abbrechen möchten. Wir konnten uns nicht vorstellen, auf ihren Tod zu warten. Um das tun zu können, ist es vorgeschrieben eine Humangenetische Beratung zu bekommen. Den Termin hatten wir 5 Tage später. Am nächsten Tag sind wir in die Klinik gefahren, um die Geburt einzuleiten. Ich war mittlerweile in der 17. SSW. Für eine Ausschabung war es zu spät. Der Oberarzt machte einen letzten Ultraschall. Das war mit der schlimmsten Momente. Ich bekam wehenfördernde Medikamente und zu einem späteren Zeitpunkt, auf meinen Wunsch, eine PDA. 24 Std später war unsere Tochter da. Sie war während der Wehen verstorben. Wir nahmen Abschied und haben sie 9 Tage später beerdigen lassen.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt? Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich bereue unsere Entscheidung nicht. Ich hätte nicht auf ihren Tod warten können. Ich wollte auch nicht, dass sie leidet und Schmerzen hat.
Ich wurde in der Klinik sehr gut behandelt. Wir hatten Kontakt zur Seelsorge, der unglaublich gut tat. Die Pfarrerin hat auch die Beerdigung begleitet. Die Ärzte und Schwestern waren voller Mitgefühl und all unsere Fragen wurden ausführlich beantwortet.
Unsere Familien waren seit dem ersten Tag der Blutung an unsrer Seite und haben uns in unserer Entscheidung unterstützt. Meine Mutter hat unsere Tochter auch gesehen.
Wäre ich heute wieder in dieser Situation, würde ich mich höchstwahrscheinlich wieder so entscheiden.

 

* LENIS Geschichte (32 Jahre, Mama von 1 Kind)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Meine Ehe befand sich in einer tiefen Krise, wir waren gerade aufs Land gezogen und ich schlug beruflich einen neuen Weg ein. Unser Sohn war zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre alt und brauchte noch viel Aufmerksamkeit. Ich wusste sofort, dass ich schwanger bin – auch ohne Test – und auch, dass ich das auf keinen Fall sein wollte. Direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest vereinbarte ich den Beratungstermin bei Pro Familia und den Termin bei meinem Frauenarzt zur Bestätigung der Schwangerschaft. Das alles habe ich heimlich gemacht. Und auch den medikamentösen Abbruch dann.

Meine einzigen Vertrauten waren meine Mutter und meine beste Freundin – und beide standen voll und ganz hinter mir. Meinem Mann konnte ich nichts von der Schwangerschaft erzählen. Er wünscht sich so sehr weitere Kinder – auch damals schon, als die Trennung näher schien, als ein gemeinsamer Weg. Ich jedoch wünschte mir, dass meine Kinder in ein sicheres, geborgenes Umfeld geboren werden, in dem die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zählen. Das wäre zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall gegeben gewesen.

Für Außenstehende erscheint meine Entscheidung wahrscheinlich übereilt oder egoistisch. Aber ich wusste von Anfang an ganz klar: „Das darf jetzt nicht sein, das schaffe ich nicht.“

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Da ich selbst im Bereich der Geburtsmedizin tätig bin, wusste ich genau, was auf mich zukommt. Das Beratungsgespräch bei proFamilia empfand ich – entgegen meiner Befürchtungen – als sehr wertschätzend. Und auch mein Frauenarzt begegnete mir mit den Worten: „Wir sind doch da, um zu helfen.“ Sogar die Krankenkasse hat diskret die kompletten Kosten übernommen. Insgesamt habe ich mich sehr gut betreut gefühlt.

Als es dann soweit war, dass ich die Tabletten zur Weheneinleitung nehmen durfte, habe ich dennoch geweint. Ich wusste, dass es zu diesem Zeitpunkt eine vernünftige Entscheidung ist, aber trotzdem war ich traurig. Und ich war allein. Auf eigenen Wunsch durfte ich das Medikament zuhause einnehmen. Mein Mann war auf Geschäftsreise und mein Sohn im Kindergarten. So hatte ich Zeit, Abschied zu nehmen von meinem kleinen Geheimnis, das immer meins bleiben wird.

Eine wichtige emotionale Stütze war meine Mama, die das alles via Telefon mit mir durchlebt hat. Und auch meine beste Freundin hat mich bestärkt, das Richtige getan zu haben.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Ich kann sagen: Mir geht es gut. Ich bereue meinen Schwangerschaftsabbruch nicht. Damals war ich psychisch und physisch so erschöpft, dass es mir undenkbar erschien, eine Schwangerschaft auszutragen. Und ich bin froh, meine eigenen Grenzen erkannt und auf meinen Körper gehört zu haben.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, mein Mann und ich sind in unserem neuen Leben angekommen und auch wieder näher zusammen gerückt. Noch lässt es meine berufliche Situation nicht zu, ein zweites Kind zu bekommen. Doch ich weiß, dass wir es versuchen werden, sobald die Zeit dafür reif ist. Mittlerweile wünschen wir uns das beide.

 

* MILAS Geschichte (30 Jahre, Mama von 2 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Im Juni 2012 habe ich meinen jetzigen Ehemann kennengelernt. Ich bin trotz Verhütung sofort ungewollt schwanger geworden. Ich war damals 23, hatte einen schlechtbezahlten Job und ein WG-Zimmer und kannte den Mann an meiner Seite gerade ein paar Wochen. Als beim Ultraschall in der 6. SSW dann auch noch festgestellt wurde, dass es Zwillinge sind, war ich völlig fertig mit der Welt.

Ich habe mich nach dem Gespräch bei ProFamilia gegen die Zwillinge entschieden. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich es mir überhaupt nicht vorstellen, Mutter zu werden. Außerdem kamen die finanziellen Sorgen dazu, auch die Zukunft mit meinem Mann war nicht sicher.

Zwei Wochen später, Ende der 8. SSW, habe ich die Abtreibung in einer Klinik vornehmen lassen.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Meine damalige Frauenärztin hat mich super beraten und hat meine Entscheidung auch voll verstanden. Der Arzt der die Abtreibung vorgenommen hat, hat mich sehr gut aufgeklärt. Meine Familie stand die ganze Zeit hinter mir. Einige Freunde haben sich leider abgewandt, damals habe ich das nicht verstanden, inzwischen denke ich, es ist gut so.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Heute gehört diese Entscheidung zu mir und ich stehe dazu, ich würde es heute nicht anders machen.

Kurz nach der Abtreibung fiel ich aber in ein ziemliches Loch, ich habe meine Entscheidung sehr betreut und mich plagten starke Zweifel, ob ich das Richtige getan habe. Mit Hilfe einer Psychologin konnte ich die Abtreibung verarbeiten. Die Gespräche mit ihr haben mir die Zweifel genommen, etwas Falsches getan zu haben. Mein Mann stand mir während der ganzen Zeit auch immer zur Seite. Inzwischen habe ich zwei Kinder, die es ohne die Abtreibung nicht geben würde. Ich bin dankbar dass ich damals die Wahl hatte.

 

* KRISTINS Geschichte (37 Jahre, Mama von 2 Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Meine Tochter war noch kein Jahr alt. Ich hatte die Elternzeit verkürzt, um einen tollen Job anzutreten, der nicht länger auf mich gewartet hätte. So haben sich mein Mann und meine Mama die letzten drei Monate in die Betreuung meiner Tochter reingeteilt. Sie fand das toll, wurde sie doch im Drei-Schicht-System von ihren Lieblingspersonen bespaßt :D Mein neuer Arbeitgeber hatte bereits drei Monate für mich den Job freigehalten und jetzt sollte ich ihm nach zwei Monaten Arbeit mitteilen, dass ich schwanger bin? Mein Mann arbeitet ebenfalls in der Firma. Er hat mich für die Stelle empfohlen. Unsere Tochter war ein anspruchsvolles Kind. Bis sie in die Schule gegangen ist, konnte sie sich nicht wirklich allein beschäftigen. Es war eine anstrengende Zeit. Nach neun Monaten Elternzeit habe ich es genossen, wieder auf Arbeit zu gehen. Mich mit Erwachsenen zu umgeben und wieder ein ganz anderes Gefühl von Wertschätzung und Gebrauchtwerden zu erfahren. Aber die 40 Stunden Woche, das Kleinkind, der Haushalt und die Partnerschaft – all das unter einen Hut zu bekommen war schwierig. Und dann war da auf einmal der positive Schwangerschaftstest. Wir waren nur ein einziges Mal unvorsichtig, aber das hat ausgereicht. Ich war am Boden zerstört. Für meinen Mann und mich war sofort klar, dass wir das nicht schaffen. Wie sollten wir allem gerecht werden? Also entschieden wir uns gemeinsam für einen Abbruch. Meinen Mann hat es, glaube ich, nicht so getroffen. Aber es betraf auch nicht seinen Körper. Für ihn war alles nicht so fassbar.

Mir war von Anfang an übel und meine Brüste schmerzten. Ich fand die Situation ganz schlimm, da ich quasi ständig daran erinnert wurde.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Meine Frauenärztin hat die Situation akzeptiert und mir auch kein Gefühl gegeben, dass Sie meine Entscheidung bewertet. Dieses Aufklärungsgespräch was man allerdings führen muss, fand ich ganz furchtbar. Die Mitarbeiterin war dafür nicht qualifiziert.
Meine Mama und meine Tante waren involviert und haben meine Entscheidung unterstützt. Gerade von meiner Tante, die selbst keine Kinder bekommen konnte, war ich zutiefst gerührt.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Mein Kopf weiß, dass es damals die richtige Entscheidung war. Mein Herz sagt mir allerdings etwas anderes. Es kommt oft vor, dass ich daran denke, meine getroffene Entscheidung anzweifle, darüber grüble wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich mich anders entschieden.

 

* JOSES Geschichte (33 Jahre, Mama von 2 Regenbogen-Kindern)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Ich war gerade aus einer schwierigen Lebensphase herausgekommen. Bzw. hatte mich herausgekämpft. Ich hatte schon immer phasenweise im Leben mit Depressionen zu kämpfen. Nach der Geburt meiner 1. Tochter erwischte es mich sehr stark. Durch wochenlangen Schlafmangel bekam ich zur Depression noch psychotische Symptome. Das war die Hölle. Es ist damals so vieles schief gelaufen. Die Beziehung ging in die Brüche als meine Tochter 1 3/4Jahre alt war. Komischerweise ging es mir danach stetig besser. Ich machte eine berufliche Reha und konnte wieder in meinem Ursprungsberuf arbeiten. Das gab mir sehr viel Halt zurück. Ich konnte sogar die starken Medikamente absetzen und war ein paar Jahre medikamentenfrei. In der Reha lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Obwohl ich eigentlich die Schnauze voll haatte von Männern. Er hat mich umgestimmt ;)
Ich wurde ungeplant schwanger als wir uns ca. 2 Monate kannten … wir haben lange überlegt. Mein Mann war eher für die Abtreibung als ich. Ich hätte ins Beschäftigungsverbot gehen müssen in meinem neuen Job, den ich gerade angetreten hatte. Ich hatte mich gerade zurückgekämpft ins Leben und hatte so unfassbar große Angst wieder erneut zu erkranken … die Entscheidung fiel uns nicht leicht. Letztendlich töteten wir unser Baby. Das war hart und ich würde es auch nicht wieder tun! Das kann ich heute dazu sagen. Damals war es aber für uns und mich die richtige Entscheidung. Ich erzählte es kaum jemanden. Der Eingriff war ambulant.Und ich musste rasch wieder arbeiten. In meinem Job bin ich täglich mit Kindern und Babys konfrontiert.
Als wir uns dann entschieden, doch nochmal ein Baby zu bekommen, verlor ich es in der 12.Woche. Das war unser Denkzettel. Wir bekamen ein Regenbogenbaby 1 1/4Jahre später. Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Paare vergeblich versuchen, ein Kind zu bekommen, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Manche Dinge können nur nicht rational begründet werden. In meinem Herzen sind drei Sternchen. Auch das, welches abgetrieben wurde. Ich habe drei Erinnerungssteine getöpfert. Manche Dinge kann man nur verstehen oder begreifen, wenn man in der Situation selber war und Bewertungen helfen da nicht weiter. Ich will meine Entscheidung nicht legitimieren oder gutheissen, jedoch darauf aufmerksam machen, dass man nicht vorschnell urteilt über Personen, deren Geschichte man nicht komplett kennt.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Meine Frauenärztin hat mich gut aufgeklärt und die Frau bei der Beratungsstelle auch. Beide wollten mich umstimmen, das Kind zu behalten. Die Frauenärztin bei der Abtreibung war kühl und sachlich und wenig aufklärend leider. Ich musste auch nachbehandelt werden, weil ich nicht richtig ausgeschaut wurde. Freunden habe ich kaum davon erzählt. Erst später.

Meine Mutter hat mich in meiner Entscheidung unterstützt und meine Schwester hat mich begleitet zur Ausschabung, mein Mann hat sich gut um mich gekümmert. Der Vater meiner Tochter hat auf sie aufgepasst. Wir leben das Wechselmodell von Anfang an.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Manchmal denke ich was wäre wenn… Natürlich wäre alles anders. Mir geht es damit ok, sage ich mal. Ich fühle mich etwas schuldig, obwohl ich weiss, dass es damals die richtige Entscheidung war. Es sind alle in meinem Herzen. Alle Sternchen. Und ich werde sie/ihn auch Sternchen nennen. Ich bin jetzt auch etwas versöhnt durch das süße Interview. Danke, liebe Anke, für die Möglichkeit.

 

* JULIAS Geschichte (39 Jahre, Mama von 1 Kind)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Als ich (ungewollt) schwanger wurde, hatten wir ein paar sehr schwierige Jahre hinter uns: Tod meines Vaters, lange Kinderwunschzeit, traumatische Geburt und sehr schwieriges erstes Jahr mit Kind durch Koliken, viel Schreien, Depression meinerseits etc. Damals habe ich nach einem Jahr Elternzeit wieder angefangen zu arbeiten, fast Vollzeit, aber der Druck von Job und Kind und allem, was ich noch nicht verarbeitet hatte, waren einfach zu viel. Also habe ich irgendwann gekündigt und mir eine Auszeit genommen, um eine Therapie anzufangen. Das hat zwar schon etwas gebracht, aber auch mein Mann hat ziemlich viel Angst gehabt nach dem positiven Test – auch er hat ja all diese Erlebnisse mit durchgemacht. Wir waren also beide nicht wirklich emotional stabil, dazu fehlte uns mein Einkommen und der Kitaplatz unseres Sohnes stand auf dem Spiel (in unserer Gemeinde wird sofort jeder, der jobsuchend oder schwanger ist, zurückgestuft, egal was die langfristigen Folgen für die Familie sind). Hätten wir den Kitaplatz nicht halten können, hätten wir keine zwei Kinder versorgen können, weil ich langfristig keinen Job mehr bekommen hätte. Und wir hätten unser Haus verkaufen müssen. Vor allem aber hatten wir nach den Erfahrungen mit unserem ersten Kind wirklich das Gefühl, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt den Kindern nicht die Eltern sein könnten, die sie gebraucht hätten und dass wir selbst darunter auch sehr gelitten hätten. Wir haben unsere Familie und unsere Ehe gefährdet gesehen und versucht eine Entscheidung zum Wohle aller zu treffen.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Auf jeden Fall. Wobei wir durchaus abgewogen haben, wem wir dieses Thema anvertrauen könnten. Die Aufklärung durch meinen Arzt war super, er war total vorurteilsfrei und verständnisvoll angesichts unserer Situation und Vorgeschichte. Auch ansonsten war die gesamte Betreuung von jeglicher Stelle super, bei proFamilia (beim Pflichtgespräch), das gesamte Team um den Eingriff. Ich hätte sogar zwei Minuten vorher noch die Möglichkeit gehabt, den Eingriff zu verschieben; das fand ich sehr einfühlsam. In meinem privaten Umfeld haben wir auch nur Unterstützung und Verständnis erfahren. Wobei wir nicht vielen Freunden oder Familienmitgliedern davon erzählt haben, weil wir abgewogen haben, wo wir Verständnis kriegen würden und wo eher nicht.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Der Eingriff ist noch nicht lange her und in der kurzen Zeit sind schon wieder so viele Stolpersteine aufgetaucht, deren Beseitigung sehr viel Kraft gefordert haben. Letztendlich bin ich sicher, dass es die richtige Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt war. Trotzdem, auch wenn es für viele nicht nachvollziehbar ist: Obwohl es eine bewusste Entscheidung war, haben wir das Gefühl ein Kind verloren zu haben. Wir fühlen Trauer, haben aber auch gemerkt, dass der Wunsch nach einem zweitem Kind noch da ist. Aber erstmal müssen wir auf die Füße kommen und dann sehen wir weiter, was die Zukunft bringt.

 

* MIAS Geschichte (38 Jahre, Mama von 1 Kind)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

Da muss ich etwas weiter ausholen. Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich zu den Menschen gehöre, bei denen eine Abtreibung nie ein Thema sein würde, auch dann nicht, wenn bei den Vorsorgeuntersuchungen eine Behinderung oder Erkrankung festgestellt werden würde. Ich habe aber mittlerweile gelernt, dass es Entscheidungen gibt, bei denen man im Traum nicht daran gedacht hat, dass man sie einmal treffen müsste und auch erst treffen kann, wenn man in so einer Situation ist. So z.B. in der Situation, in der man von einer schweren Erkrankung seines ungeborenen Kindes erfährt.

Ich habe in der 9. Schwangerschaftswoche beim Gynäkologen erfahren, dass ich mit Zwillingen schwanger bin. Nach 5 Schreck-Sekunden haben mein Mann und ich uns wahnsinnig gefreut, wollten wir ja eigentlich immer zwei Kinder haben. Die Familie war auch erst etwas geplättet, aber alle haben sich sehr mit uns gefreut. Da ich schon über 35 war, hat mir mein Gynäkologe zum Ersttrimester-Screening geraten und ich habe mir dann einen Termin bei einem Pränatal Diagnostiker besorgt und die Untersuchung dann in der 12. Woche durchführen lassen. Da mein Mann an dem Tag einen wichtigen beruflichen Termin hatte und es bei meinem Arbeitgeber ums Eck war, bin ich dann allein los. Zunächst war auch alles in Ordnung und beim weiter oben liegenden Kind war alles soweit erkennbar in Ordnung. Bei meinem 2. Kind, was sehr nah am Muttermund lag, wurde dann festgestellt, dass es nicht nur eine verdickte Nackenfalte hatte, sondern sich Flüssigkeit um den kompletten Hals gebildet hatte, was ein Hinweis auf einen Hydrops Fetalis sein könnte. Der Hydrops kann sich von allein zurück bilden, ist dann auch harmlos, aber er kann auch ein Hinweis auf verschiedene Erkrankungen sein, u.a. fetale Anämie, Herzfehler, Lungenfehlbildungen, Trisomie 18 oder 21, Turner-Syndrom, Nooan-Syndrom, usw. Da ich Zwillinge erwartet habe, konnte man auch nicht anhand einer Blutuntersuchung feststellen, ob ein genetischer Defekt vorliegt, so dass mir zu einer Fruchtwasseruntersuchung geraten wurde. Da diese erst in der 15. SSW vorgenommen werden kann und dann noch Weihnachten und Silvester dazwischen war, hatten mein Mann und ich 4 lange Wochen vor uns, in denen wir uns sämtliche Szenarien ausgemalt haben und waren immer zwischen Hoffen, dass sich der Hydrops zurück bildet und bangen, dass das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten, eintritt.

Bei der Fruchtwasseruntersuchung war mein Mann dann dabei und konnte mit eigenen Ohren hören, dass sich der Befund des einen Babys leider nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat und die Flüssigkeit mittlerweile um den kompletten Oberkörper war. Im Gespräch mit der sehr netten Ärztin wurden wir dann auch schon darauf vorbereitet, dass es nicht nur ein Hydrops Fetalis ist, sondern eine Begleiterkrankung mit vorliegt und sollte sich das bewahrheiten, sie für uns dann einen Termin bei der Humangenetikerin im Hause vereinbaren. Ein paar Tage später, ich kann gar nicht mehr sagen, wie viele, kam dann der Anruf der Humangenetikerin mit der Info, dass eine Trisomie 21 vorliegt. Ich habe es irgendwie geschafft im Büro nicht zusammenzubrechen, sondern habe meinen Mann noch in aller Ruhe informiert und dachte erst, ich könne weiter arbeiten, bin dann aber 30 Minuten später nach Hause gegangen und habe mich dann auch von meinem Frauenarzt Krankschreiben lassen. Mein Mann und ich haben erst einmal viel zusammen geweint und viel darüber gesprochen, was wir tun sollen. Zu dem Zeitpunkt war für uns die Trisomie 21 das, was uns mehr beschäftigt hat und da muss ich zugeben, dass ich schon sehr starke Bedenken hatte, ob ich mit Zwillingen, von denen eins eine Trisomie 21 hat, fertig werde, ob ich es psychisch verkrafte, dass ich nie beiden gerecht werden kann, da ich durch einen Cousin mit Trisomie 21 wusste, dass solche Kinder zwar richtig tolle Menschen sein können – und hier sage ich bewusst können – aber eben auch einen sehr hohen Förderungsbedarf brauchen, um eben so tolle Menschen zu werden. Uns war zu dem Zeitpunkt schon klar, dass wir uns sehr wahrscheinlich für einen Abbruch des Babys mit der Trisomie 21 entscheiden.

Am Tag nach dem Anruf hatten wir dann einen Termin bei der Humangenetikerin, die uns das Untersuchungsergebnis der Fruchtwasseruntersuchung noch einmal genau erklärt hat und Infomaterialien zur Trisomie 21 mitgegeben hat. Im Anschluss an dieses Gespräch war dann auch schon ein sogenanntes Schwangerschafts-Krisen-Gespräch mit Donum Vitae für uns vereinbart, in dem wir dann mit der Beraterin (so nenne ich sie mal schon) über den Abbruch gesprochen haben.

Nach einem weiteren Ultraschall unserer Pränatal Diagnostikerin und einem anschließenden ausführlichen Gespräch ist dann die endgültige Entscheidung getroffen worden. Bei diesem Ultraschall konnte man sehen, dass die Flüssigkeit noch mehr geworden ist und bereits auf Lunge und Herz drückte. Wir haben dann gemeinsam mit unserer Ärztin eine Entscheidung getroffen. Da durch die Flüssigkeit, die auf Lunge und Herz drückte, die Vitalität des Kindes bereits abgenommen hatte und es durch den Druck der Flüssigkeit so wäre, dass dieses Kind zu mehr als 90% nicht lebend zur Welt kommen wird. Es gab zu dem Zeitpunkt 2 Möglichkeiten, die eine war, abwarten, bis die Natur entscheidet, was bedeuten könnte, dass der Körper einen Abstoß-Prozess einleitet, Wehen ausgelöst werden und das Leben unseres gesunden Kindes auf dem Spiel steht, da dieses dann auch von den Wehen betroffen gewesen wäre. Die zweite war, den Abbruch zeitnah vorzunehmen, um zu hoffen, dass genau dieser Abstoßungsprozess nicht startet, sondern sich der Fötus zurückbildet. Wir haben uns schweren Herzens für einen Abbruch entschieden, um am Ende der Schwangerschaft hoffentlich ein gesundes Kind in den Armen zu halten. Mittlerweile ist unsere kleine Hummel 20 Monate alt und ist unser größtes Glück!

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Die Ärztin in unserem Pränatal Diagnostik-Zentrum und ihr Chef waren super! Wir haben uns da sehr gut aufgehoben gefühlt. Zu jeder Zeit wurden wir über alles aufgeklärt. Sie haben uns bei der Entscheidungsfindung unterstützt und sich viel Zeit für uns genommen und alles genau erklärt, jede Frage beantwortet. Auch die Betreuung während des Abbruchs war großartig! Es war ein wahnsinnig trauriger Moment für uns, aber wir wurden sehr liebevoll umsorgt und der Chef hat z.B. nach dem Abbruch sogar sein Büro mit der gemütlichen Liege zur Verfügung gestellt, um die Ruhephase nach dem Abbruch dort zu verbringen und nicht im allgemeinen Ruheraum der Praxis.

Unsere Familie war auch toll, sie haben uns in jedem Moment dieser doch sehr schwierigen Situation wunderbar unterstützt. Mit Freunden haben wir erst nach der Geburt unserer Tochter darüber gesprochen, dass der Zwilling nicht einfach nur aufgehört hat zu atmen, sondern wir einen Abbruch vornehmen ließen. Das lag zum einen daran, dass es uns schon auch schwer gefallen ist darüber zu sprechen, weil anfangs die Angst, die kleine Maus doch noch zu verlieren einfach zu groß war, zum anderen aber auch daran, dass man sowas irgendwie nicht am Telefon erzählt und z.B. meine beste Freundin 200 km von mir entfernt wohnt.

Von Donum Vitae haben wir uns überhaupt nicht gut unterstützt gefühlt. Donum Vitae ist ein Verein, der durch eine katholische Stiftung finanziell unterstützt wird und wir sind da an eine Beraterin geraten, die kurz vor der Rente stand und sehr streng katholische Werte vermitteln wollte. Sie wollte uns nicht beraten, sondern dazu ÜBERREDEN, das Kind auf jeden Fall zu bekommen. Ich sage bewusst überreden, da das genau ihr Wortlaut war. Sie berichtete uns dann, dass sie erst kürzlich ein Paar in der gleichen Situation dazu überredet hat, beide Kinder zu bekommen und wie toll das Leben doch auch mit einem Kind mit Trisomie 21 sein könne. In dem Moment, in dem sie von überreden gesprochen hat, kam sie dann an mich gar nicht mehr ran, da das in meinen Augen nichts mit einer Konfliktberatung zu tun hatte. Mein Mann war etwa im gleichen Moment raus, vor allem, weil in seinem Blickfeld ein Bild von der Beraterin mit ihren 2 gesunden Töchtern war. Als sie mir dann mit Moral und Ethik kam (ich hatte erzählt, dass ich Philosophie studiert habe und im Master ein Schwerpunkt in der Ethik, v.a. Medizinethik lag) war es dann bei mir ganz vorbei. Wir waren nach diesem Gespräch nur noch wütend!

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Uns geht es nach wie vor gut mit unserer Entscheidung, was aber auch daran liegt, dass wir jeden Tag daran erinnert werden, warum wir uns dazu entschieden haben! Unsere Tochter ist ein absoluter Sonnenschein und wenn wir in ihre strahlenden Augen sehen ist alles vorbei. Unser Sternchen ist natürlich nach wie vor in unseren Gedanken und hin und wieder gibt es auch einmal sehr schwere Momente, in denen wir uns fragen, warum unser Kind so krank sein musste und wir vor diese Entscheidung gestellt werden mussten, aber ich glaube auch, dass es vielleicht auch so sein musste und dieses Baby vielleicht auch gar nicht für uns gedacht war.

 

* KATHARINAS Geschichte (33 Jahre, Mama von 1 Kind)*

In welcher Lebenssituation hast du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden und warum?

2012 kam meine erste Tochter zur Welt. Ein Wunschkind und mein ganzes Glück. Leider hielt die Beziehung zum Vater nicht. Dann lernte ich die große Liebe kennen. Meine große Liebe. Wir schmiedeten Pläne, wir schwebten auf Wolken. Und hoben ab. Es war zu viel. Ich konnte mit all der Liebe, dem Glück nicht umgehen. Ich hab Angst bekommen. Umso mehr er mir Sicherheit geben wollte, umso mehr habe ich gezweifelt und angefangen, gegen uns zu arbeiten. Er hatte einen großen Kinderwunsch, ich war bisher ziemlich verhalten, hatte ich doch Angst am Ende irgendwann alleine mit zwei Kindern von zwei Vätern da zustehen. Der Wunsch war aber da… Ich hielt in meiner Verzweiflung daran fest, dass wir alles schaffen werden, obwohl mich unsere Streits psychisch schon ans Ende geschafft hatten. Bis zum Tag des positiven Tests. Ja, wir hatten leichtsinnig nicht wirklich verhütet, es mit dem Schicksal aufgenommen. Vielleicht war der Wunsch doch größer, ging aber in unseren Streitereien und im Alltag unter. Seine Reaktion, ich habe es ihm in der Nachmittagssonne auf einem Feld gesagt, dass er Vater werden wird, war so verhalten, dass es mir das Herz gebrochen hat. Da stand ich nun für mich gefühlt alleine. Meine Ängste sind wahr geworden und ab da konnte ich seine Entschuldigungen nicht mehr aufnehmen. Ich fühlte nur noch mich. Nicht mehr ihn. Zeitgleich zum positiven Test haben wir die Wohnungszusage für unsere Traumwohnung bekommen und sind in unseren ersten Familienurlaub gefahren. Der war trotz allem perfekt. Raus aus dem Alltag, rein in die Sonne, nur Zeit für uns haben. Und ich freute mich. Ich habe schon fleißig mein Bäuchlein gestreichelt. Ich war voller Stolz, ich hätte es am liebsten jedem auf die Nase gebunden, dass ich ein kleines Wunder in mir trage. Es hätte alles gut laufen können. Wir zu viert. In mir brach die Panik aus. Ich habe einen Schrei losgelassen. Viele weitere folgten. Immer im Auto. Und schon ging es los, das Schwanken zwischen dem guten und dem schlechten Gefühl. Ich war so verzweifelt. Allen, denen ich mich anvertraut hatte (und es waren tatsächlich einige, die auch sehr unterschiedliche Einstellungen zu diesem Thema und auch unserer Geschichte hatten) unterstützen mich, standen mir bei und ermutigten mich, das Kind zu bekommen.

Ich machte am letzten Tag des Urlaubs einen Termin bei proFamilia aus, 2 Tage später saßen wir schon dort. Die Liste gegen das Kind war lang. Ich redete, immer gegen das Kind, für meine Angst. Ich war psychisch nicht auf der Höhe, alleinerziehend, kurz vor meinen Prüfungen (ich machte neben der Arbeit noch eine Ausbildung), ich hatte mit dem Abschluss eine Beförderung in Aussicht, ich liebte meine Unabhängigkeit und ich war getrieben von meiner Angst, es nicht nochmal alleine zu schaffen. Die Nächte alleine mit meiner Erstgeborenen, die Verantwortung, der Spagat zwischen Arbeit und Spielplatz, in mir pochte es nur noch. Ich kann mich rückwirkend nicht mehr an meinen Partner erinnern. Er war für mich nicht mehr anwesend. Ich kann nicht mal sagen, ob er noch da war oder wir eigentlich schon getrennte Wege gingen. Ich spürte nur diese unendliche Angst, ich wusste, ich muss mit der Entscheidung leben und nur ich, ich ganz allein kann sie treffen. Ich muss damit leben. Mein Partner hatte Angst. Er sagte beim Termin, er will zu 80%, dass ich dieses Kind, sein Wunschkind, abtreibe. Und wieder brach mein Herz. Ich verurteilte ihn. Ich schlug verbal nur noch um mich. Ich hoffte, dass das Schicksal noch einmal mitspielt und mir meine Entscheidung abnehmen konnte. Aber es passierte nicht. Im Gegenteil. Mein Mädchen kämpfte und war kerngesund. Ich hatte tatsächlich auch schon etwas für sie anfertigen lassen. Eine kleine Hose aus meinem Lieblingsstoff. Das spiegelte die Zerrissenheit in mir wieder. Der erste Ultraschall, wir waren wieder zusammen dort, schauten auf den Monitor und uns an und wussten, wir kriegen das hin. Bis zum nächsten proFamilia Termin, ich war insgesamt 5x dort, fast jede Woche und bis ich keine Möglichkeit mehr hatte für den Abtreibungstermin. Beim letzten sagte mir die Frau, es sprechen alle Punkte der Vernunft gegen dieses Kind, aber ich hatte schon viel zu viel Bindung aufgebaut, die Entscheidung wäre klar. Den Termin in der Abtreibungspraxis hatte ich 4x vereinbart. Immer freitags, nur einmal lagen 2 Wochen zwischen den Terminen. Immer donnerstags habe ich abgesagt. Es war nun Hochsommer, jeden Tag Sonnenschein, aber in mir war es dunkel. In meiner Wohnung war es dunkel. Ich weiß nicht wo alle waren. Ich hatte nur Tränen und viele Telefonate. Ich habe versucht zu spüren, zu kämpfen, aber ich bin an mir gescheitert. Also bin ich donnerstags in die Praxis gefahren, habe mich beraten lassen, die verschiedenen Formulare ausgefüllt, mit der Anästhesistin gesprochen und einen letzten Ultraschall bekommen. Der Bildschirm war riesig und hing an der Wand. Ganz groß sah ich sie. Sie tanzte, war aufgeweckt, glücklich. Ich war es in diesem Moment. Und bin in Tränen ausgebrochen. Ich habe meinen Kopf weggedreht. Wurde immer wieder gefragt, ob ich mir wirklich sicher sei. Ich hätte mir meinen Partner gewünscht der mich da an der Hand rausholt. Ich wusste, ich muss jetzt die Gefühle wegdrücken. Ich war alleine. Keiner mehr der mich begleitet, keiner mehr der es verstehen würde. Ich tue es ja bis heute nicht. Ich fuhr heim, mit den ganzen Tabletten im Gepäck und Unmengen an Taschentüchern. Abends die erste Tablette, nachts weitere, das Zäpfchen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Ein letztes Telefonat um Mitternacht, um wieder zu streiten. Drohungen fielen. Ich dachte, ich bin in einem Alptraum gelandet. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf und wurde durch Wehen geweckt. Ich musste brechen, mein Kreislauf ist zusammengebrochen und ich bin unter die Dusche, um mich frisch zu machen für die OP. Mir lief das Blut an den Oberschenkeln runter. Jetzt war ich wohl eine Mörderin. Aber es war zu spät. Die Schmerzen waren so viel schlimmer, als ich das erwartet hatte. Mein bester Freund hat mich nackt aus der Dusche gezogen, mit einem Eimer ins Auto gelegt und wir sind notfallmäßig 2 Stunden vor Termin zur Praxis gefahren. Da wir angerufen hatten, wartete die Ärztin schon auf mich, ich wurde gleich in den Schlaf gespritzt. Vorher wurde ich fixiert und zitterte am ganzen Körper. Zwei Frauen hielten meine Hände, streichelten mir die Hand und den Oberschenkel. Ich bin weinend eingeschlafen. Aufgewacht bin ich, weil es neben mir schluchzte. Hinter einem Vorhang weinte eine andere Frau um ihr Baby. Mein erster Gedanke war nur, ok, ich lebe. Erleichterung. Es schien alles ok zu sein. Schnell heim ins Bett und schlafen. Nicht mehr fühlen, es ist ja jetzt vorbei. Ich wusste nicht, dass das erst der Anfang war. Mein Partner kam, wir redeten nicht mehr. Wir haben ab da nie wieder geredet. Ich lag dann da. Das Zimmer ist nicht mehr hell geworden. Ich kann mich an einen Sommer voll Dunkelheit erinnern. Ich funktionierte wie ein Roboter, wenn ich musste. Bei meiner Abschlussprüfung, bei meinem Vorstellungsgespräch, beim Beginn des neuen Jobs. Es war plötzlich Winter. Unsere Beziehung hat diesen Emotionen nicht standgehalten. Und ich konnte nur noch liegen. Ich habe eine schwere Depression diagnostiziert bekommen. Tabletten bekommen. Eine Therapie angefangen. Einen Kurantrag gestellt. Und endlich angefangen zu verarbeiten.

Hast du dich von deinen Ärzten umfassend aufgeklärt und von deinen Freunden und Verwandten gut unterstützt gefühlt?

Ja, habe ich mich. Auch wenn ich irgendwann nicht mehr hören wollte, was mir die Leute raten wollten. Ich war so verunsichert und ich hatte so Probleme mich selber zu spüren, dass mir das mit dem Treiben in die eine Richtung (das Kind zu bekommen) ein Stück weit genommen wurde. Viele haben sich gefreut. Vor Freude geweint. Vor denen fühle ich mich heute noch besonders schlecht. Vor der Familie meines Ex Partners, denen ich nie wieder vor die Augen getreten bin, da mir die Scham zu groß ist. Bis heute. Ich fühle mich ihnen gegenüber schuldig. In meinem Umfeld haben wir viel zusammen geredet und auch getrauert. Zusammen geweint. Und es ist schon selbstverständlich, wenn ich sage, ich bin am Grab oben. Ich weiß, dass einige und vor allem eine sehr gläubige Freundin anders und niemals so gehandelt hätten. Aber ich habe trotzdem die volle Unterstützung bekommen, nie ein böses, nicht mal kritisches Wort. Die Wut hat sich eher gegen meinen damaligen Partner gerichtet. Auch von mir. Das war falsch, konnte ich aber damals nicht anders filtern. Ich war gefangen in meiner Angst und wusste einfach nicht mehr weiter. Und er hat eben wie auch ich leider keinen kühlen Kopf bewahren können. Meine Frauenärztin ist bis heute sehr sensibel und verständnisvoll. Auch vor ihr habe ich mich so geschämt. An die Leute aus der Praxis kann ich mich nicht erinnern, ich war zu schwammig in meinem Tränenmeer und den Ängsten. Meine beste Freundin hat sich ihrer Meinung enthalten, nur immer wieder die Tatsachen aufgezählt, die mich das Ganze nüchtern haben anschauen lassen. Das hilft mir bis heute, wenn wie jetzt, beim Aufschreiben, all die Emotionen wieder hochkommen.

Wie geht es dir heute mit deiner Entscheidung?

Schwierig. Ich habe für mich immer noch nicht herausgefunden, ob es das Richtige war. Rein vom Kopf, auch wo ich heute stehe und was ich noch alles lernen musste, um stark zu werden und das auch dauerhaft für mich und meine Tochter zu bleiben, war es richtig so. Emotional gesehen nicht. Mir laufen beim Schreiben hier ununterbrochen die Tränen. Wenn eine Freundin von mir schwanger ist, dann drückt es mir irgendwo aufs Herz. Wenn meine Tochter mich immer wieder fragt, wann ich endlich noch ein Baby bekomme, tut es weh. Der Geburtstermin war mein Geburtstag. Ein Datum, welches sich jetzt ganz frisch zum 2. Mal wiederholt hat. Ich denke manchmal, wie alt sie jetzt wohl ist und was aus uns als Familie hätte werden können. Ich habe mich, meine große Liebe und mein Baby verloren. Und ich schäme mich so sehr für den Schritt, dass ich es noch nie öffentlich zugeben konnte. Selbst in der Frauenarztpraxis zu normalen Kontrollterminen denke ich sehen zu können, dass mich die Sprechstundenhilfen aufgrund meiner Akte verurteilen.

Ich selbst würde hinter jeder Frau stehen, die sich eine solch schwierige Entscheidung (es wird für immer wohl die schwierigste in meinem Leben bleiben) so schwer gemacht hat. Hinter dieser Entscheidung und Geschichte steht in meinem Fall so viel mehr. Die Aufdeckung einer psychischen Krankheit, die ich gut aufgearbeitet habe und ohne dieses Schicksal ich da auch nie rangegangen wäre, der Verlust meiner großen Liebe, über die ich bis heute leider nicht hinweggekommen bin und auch das Positive, ich habe unglaublichen Rückhalt in meinem Umfeld erfahren und habe für mich ganz allein mein kleines persönliches Glück gefunden: Dankbarkeit. Jeden Tag lebe ich diese und bin viel achtsamer geworden. Und mein Mädchen, welches auch einen Namen, eine Sterbeurkunde und ein kleines Grab hat, passt auf mich auf. Ich denke jeden Tag an sie und inzwischen gibt es auch gute Tage, an denen ich einfach hochschauen kann. Ich habe Frieden geschlossen und loslassen gelernt, nachdem ich um Vergebung gebeten habe. Das war ein sehr wichtiger Schritt in der Therapie. So kann ich auch manchmal lächeln, weil ich weiß, da oben ist unser kleiner Engel, der für uns hier sorgt.

 

Vielen Dank an alle Leser und Leserinnen, die sich die Zeit genommen haben, diese so wahnsinnig persönlichen Geschichten zu lesen – offen und unvoreingenommen – und sich so mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch bzw. Abtreibung zu befassen. Wer weiß, wann und auf welche Weise es uns beim nächsten mal begegnen wird … bei einer Freundin, bei uns selbst, bei einer Schwester. Wir werden ein offenes Ohr haben und uns eben dies auch von anderen wünschen. <3

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Artikel teilt! :-*

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3 Kommentare für “Schwangerschaftsabbruch: 15 Frauen erzählen, wann und warum sie sich für eine Abtreibung entschieden.

  1. Puh, da muss ich erstmal durchatmen. Ich bin so glücklich, dass ich bisher nicht vor so einer Entscheidung stand. Ich würde am liebsten alle in den Arm nehmen und ganz feste drücken. Keine Frau macht sich diese Entscheidung leicht und es sollte den Frauen leichter gemacht werden. So sollten die Frauenärzte schreiben dürfen, ob sie Abtreibungen vornehmen. Danke für dieses schwere Thema!!!!

  2. Hatte vor 2 Jahren auch einen Abbruch aufgrund Trisomie 21. Bis heute habe ich keine Frau getroffen, die dasselbe erlebt/durchgemacht hat und mit der ich mich austauschen kann. Deswegen vielen Dank für den Beitrag und die Offenheit der Frauen! Ganz liebe Grüße