Wochenbettdepression
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Eltern-Interview: Wenn eine Wochenbettdepression die Liebe zum eigenen Kind erstickt.

Dass eine Depression eine echte, eine handfeste Erkrankung darstellt, ist glücklicherweise mittlerweile sehr vielen Menschen bewusst, wenn auch leider noch lange nicht allen. Immer noch müssen sich Betroffene Sprüche anhören, die implizieren, dass sie sich nur „anstellen“, dass sie schwach oder jammerlappig sind, dass sie einfach AUFSTEHEN und es ändern sollten, anstatt sich hängenzulassen. Dass ist nicht nur demotivierend und wenig hilfreich, es ist sogar schlicht unmöglich für unter Depressionen leidende Patienten. Einfach aufstehen geht meist nicht. Es bedarf professioneller Unterstützung, viel Mut und noch mehr Kraft diesem Krankheitsbild entgegenzutreten und es zu bekämpfen. Und das ist schwer. Besonders schwer, wenn es sich um eine Wochenbettdepression handelt, die die Liebe zum eigenen Kind erstickt, bevor sie gewachsen ist und die so viel Trauer und auch Scham in der betroffenen Mutter auslöst, dass sie manchmal kaum in der Lage ist, sich zumindest soweit zu öffnen, dass ihr geholfen werden kann. Denn der erste Schritt ist der schwerste. Die Erkenntnis, dass man krank ist und Hilfe benötigt, um gesund zu werden. Und das Herz endlich öffnen zu können, für das kleine Würmchen in den eigenen Armen.

Ina ist 32 Jahre alt und mittlerweile Mama von zwei Kindern, obwohl sie nach der ersten Geburtserfahrung und allem, was danach kam, schon die Vorstellung von einem weiteren Kind absolut ablehnte. Doch es kam. Und heilte die letzten Wunden, die selbst die Therapie nicht heilen konnte. Heute geht es Ina viel besser, auch wenn sie sich selbst wohl noch lange nicht als „gesund“ bezeichnen würde. Dennoch findet sie auch positive Aspekte in ihrer Geschichte, die sie nun im Eltern-Interview erzählt:

Eltern-Interview mit der Mama, deren Wochenbettdepression die Liebe zum eigenen Kind erstickte.

1. Gibt es etwas an dir, dass die Menschen in deinem Umfeld (oder auch die Gesellschaft) als „anders“ oder „besonders“ bezeichnen würden? Wenn ja, was ist es?

Für die meisten Menschen erscheine ich wie eine ganz normale Mami. Nur sehr wenige aus meinem engsten Kreis wissen, dass ich eine Mami bin, die in den letzten 2,5 Jahren mit Depressionen und Bindungsstörungen zu kämpfen hatte.
Ich habe eine traumatische Geburt mit meinem ersten Sohn erlebt und konnte ihn erst 13 Stunden nach seiner Geburt das erste Mal sehen. Mein erster Gedanke damals war: „Aha, dass ist jetzt also dein Kind.“ Wir hatten einen schweren Start zusammen, ich hatte Wochenbettdepressionen und mein Mann, der schon Jahre vorher damit zu kämpfen hatte, hatte auch Probleme mit der neuen Situation klar zu kommen. Von allen (Hebamme, Freunde etc.) bekam ich immer nur zu hören: „Ach, Hauptsache, dem Kleinen geht es gut, der Rest ist doch egal.“ Nur so konnte ich das nicht sehen; für mich war es, als hätte ich den Boden unter den Füßen verloren. Jedes Mal, wenn mich jemand anschaute und fragte, ob es nicht toll wäre, Mama zu sein, wäre ich am liebsten in Tränen ausgebrochen. Ich versuchte, mich zusammenzureißen und weiter zu machen. Als mein Sohn 1 Jahr alt wurde, wurde die Sache entspannter. Ich war zwar emotional tod, aber ich war immerhin nicht unglücklich, also dachte ich, dann ist es jetzt halt so. Ich wusste, es ist mein Sohn, nur hatte ich einfach keine Gefühle in dieser Richtung. Zudem war mein Sohn von Anfang an ein absolutes Papakind und ich habe mir so oft Vorwürfe deswegen gemacht. Er hat mich nie abgelehnt, aber eine besondere Bindung hatten wir auch nicht. Als er 15 Monate alt war, habe ich meinem Mann gesagt, dass ich keine Kinder mehr möchte. Naja und wie das Schicksal manchmal so ist, wurde ich 2 Monate später unerwartet schwanger. Ich fiel in ein sehr tiefes schwarzes Loch. Mir fiel es schwer, morgens noch aufzustehen, aber ich hatte ja noch meinen Sohn, der mich gebraucht hat. Ich hatte regelmäßige Nervenzusammenbrüche, habe sogar Hass dem Baby in meinem Bauch gegenüber empfunden. Ich habe mir einfach nur gewünscht, dass alles wäre nie passiert.

In meinem Umfeld bekam ich kein Verständnis, wieder nur die Aufforderung, mich doch zu freuen. Dann schickte mein Mann mich zu einer Therapeutin, bei der ich bis 1 Woche vor der Geburt auch regelmäßig war. Ich konnte meine 1. Geburt aufarbeiten und eine Bindung zu meinem Sohn aufbauen. Sie nahm mir nicht die Angst vor der 2. Geburt, aber immerhin war meine Last etwas kleiner. Ich hatte unendliche Angst, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich wusste genau, wenn etwas schief geht, komme ich damit nicht nochmal klar. Als mein 2. Sohn spontan und ohne Komplikationen das Licht der Welt erblickt hat, war das für mich der Startschuss, wieder zu mir selbst zu finden. Ich habe zum ersten Mal diese unendliche Liebe zu meinen Kindern fühlen können.

2. Welche Reaktionen erntest du dafür, dass du in einigen Punkten von der „offiziellen“ Norm abweichst?

Leider habe ich dafür sehr, sehr oft kein Verständnis bekommen. Meine Situation wurde immer wieder runtergespielt, unwichtig gemacht. Ich habe Sätze zu hören bekommen wie: „Reiß dich doch mal zusammen“. Dass war auch der Grund, wieso ich so lange nichts unternommen habe, oder mich niemandem anvertraut habe. Lediglich drei Menschen waren in dieser Zeit aktiv für mich da. Nicht ernst genommen zu werden, war für mich eine der schlimmsten Sachen in dieser Zeit.

3. Welchen Einfluss hat das auf dein Leben … als Individuum, aber auch als Frau und Mama?

Diese Sache hat mich ein bisschen stärker gemacht. Und auf jeden Fall höre ich nicht mehr so auf das Gerede anderer. Ich vertraue mehr auf mich selbst.

4. Was für eine Art Mama bist du? Was liebst du besonders an dieser Rolle? Was nicht so? ;)

Ich muss sagen, dass ich für die klassischen Rolle als Mama zu Hause gar nicht so sehr geschaffen bin, wie ich es anfangs dachte. Ich vermisse meine Arbeit und die Art von Frau, die ich ohne meine Kinder bin. Aber ich liebe es, wenn mich meine Kinder umarmen, wenn ich Küsschen bekomme und ganz fest gekuschelt wird. In solchen Momenten lasse ich mich von der Liebe meiner Kinder mitreißen und bin unendlich dankbar, dass ich Sie beide habe.

5. Was wünschst du dir am meisten für deine Zukunft? Und was für die deiner Kinder?

Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie später mal sagen können: „Ich hatte eine schöne Kindheit“. Ich hoffe, dass ich sie auf ihrem Weg begleiten darf und ihnen wieder aufhelfen kann, wenn sie mal stolpern im Leben.
Für mich hoffe ich, dass ich nie wieder in dieses schwarze Loch falle und dass ich mit der Zeit wieder ein Stück von der Frau zurückbekomme, die ich vorher war.

 

Liebe Ina, ich danke dir für dieses sehr persönliche Interview und wünsche dir und deiner Familie für die Zukunft nur das Beste! <3

Nochmal zur Erinnerung, warum ich diese tolle Interview-Reihe gestartet habe: Ob wir gute oder schlechte Eltern sind, hängt nur davon ab, ob wir aufgrund unserer innigen Liebe zu unseren Kindern immer darum bemüht sind, die besten Mamis und Papis zu sein, die wir sein KÖNNEN. Nicht mehr und nicht weniger. Das eint uns! Und genau DAS möchte ich mit dieser Interview-Reihe zeigen – um der Chance willen, mehr übereinander und unterschiedliche Lebensmodelle oder Persönlichkeiten zu erfahren. Weil ich das unheimlich toll und spannend finde und ihr doch sicher auch?! Deshalb freue mich sehr, wenn sich weiterhin viele melden (mit einer Mail an hallo@laecheln-und-winken.com), um mitzumachen und etwas von sich zu erzählen.

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Text teilt! Danke! <3

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Ein Kommentar für “Eltern-Interview: Wenn eine Wochenbettdepression die Liebe zum eigenen Kind erstickt.

  1. Liebe Ina,
    Danke dass du uns einen kleinen Einblick in euer Leben schenkst.
    Ich finde es so unsagbar traurig dass man “problemchen” von Mamis meist so einfach wegspricht und ignoriert.
    Und dann muss ich mir selbst an die Nase fassen, weil ich auch oft denke… ” die stellt sich aber an” 🙈
    Aber ich versuche mich zu bessern.
    Vielleicht schaffen wir es ja Stück für Stück die Welt mit Hilfe unserer Kinder zu verbessern und mehr auf die Gefühle von anderen zu achten.
    Liebe Grüße
    Mel