Familien-Geschichte
Corona Leser*innen-Geschichten

Corona- Familien-Geschichten: Simone erzählt.

Ein bisschen Bedenken habe ich, dass andere meine Geschichte als “Jammern auf hohem Niveau” bezeichnen, weil es da eben nicht um Existenzängste oder ähnliches geht, aber irgendwie wollte ich sie trotzdem gerne erzählen. Ich bin einfach unendlich müde, physisch wie psychisch und ich weiß oft nicht, wie ich alles und alle Gefühle unter einen Hut bekommen soll.
Zu den Rahmenbedingungen: ich bin alleinerziehend, der Vater meines Kindes lebt am anderen Ende der Welt, Kontakt gab es in diesem Jahr keinen (das wäre wieder eine andere lange Geschichte), mit meinen Eltern wohne ich im gleichen Haus, sie sind soweit noch ziemlich fit, außer des Alters keinerlei zusätzliche corona-relevante Vorerkrankungen. Sie helfen mit an wirklich vielen Stellen. Mein Kind ist in diesem Jahr vom Kindergarten in die Grundschule gewechselt, ich habe einen Betreuungsplatz bekommen und einen sicheren Job. Soweit so gut.
Ich arbeite in einem Logistikunternehmen, da im Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz. In diesem Jahr bedeutet Logistik viel Arbeit und Gesundheitsschutz ebenso. Somit dreht sich meine gesamte Arbeitszeit seither nur noch um das Thema Corona. Zu Beginn habe ich in jeder freien Minute dazu gelesen was ich finden konnte, bin auf Instagram Personen gefolgt, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, habe quasi alle verlinkten Artikel gelesen, hab darüber hinaus noch zu bestimmten Themen recherchiert, die für meine Arbeit relevant hätten sein können. Wir haben unfassbar viele Maßnahmen umgesetzt, ich kann mir kaum vorstellen, dass viele Unternehmen ansatzweise ähnlich viel unternommen haben, um die Mitarbeiter zu schützen. Da bin ich wirklich dankbar und fühle mich so sicher wie es aktuell eben möglich ist.
Was für mich persönlich unheimlich anstrengend ist, ist die Geschwindigkeit in der all das passieren muss (insbesondere arbeitsbezogen) und dass es eben dieses ein Thema ist, was so omnipräsent in meinem Leben ist. Wir haben so viel Arbeit, dass ich dann im November meine Teilzeit aufgegeben habe und nun wieder Vollzeit arbeite. Ich habe die Stunden ohnehin gemacht, da wollte ich sie wenigstens bezahlt bekommen. Da waren 14 Stunden Tage dabei und am Ende solcher Tage, wenn ich um 21 Uhr abends noch telefoniert habe um Dinge zu organisieren und mein Kind neben mir um Aufmerksamkeit “gebettelt” hat, habe ich es unter Tränen gebeten, mich noch dieses eine Telefon erledigen zu lassen und mich eine halbe Stunde später völlig fertig von dem Tag und den letzten Wochen dann bei meinem wirklich verstörten Kind entschuldigt, es sei nicht sein Fehler, es habe nichts falsch gemacht und es täte mir so leid und ich sei einfach wirklich sehr sehr müde. Ich weiß nicht mehr wie oft ich das an dem einen Abend tränenüberströmt gesagt habe. Ich wusste einfach nicht mehr was ich zuerst machen sollte. Auch bei der Arbeit sind eben Leute da, die sich auf mich verlassen und die darauf angewiesen sind, dass ich einen gewissen Druck abfange und von ihnen fern halte. Das sind Dinge, die dann anderen, die genauso viel arbeiten, wirklich unschön um die Ohren fliegen, wenn ich sie liegen lasse. Und an diesem besonders schrecklichen Abend hat dann mein 6-jähriges Kind mich getröstet. Das sollte doch so nicht sein.
Es ist ein Einzelkind somit sind in dieser ganzen verkackten Zeit mein Eltern und ich die einzigen wirklichen Kontaktpersonen drum herum. Freunde werden vermisst und oft sitze ich zwischen den Stühlen, ob ich Freunde, die nicht in der Klasse sind, überhaupt frage, ob man sich auf dem Spielplatz treffen kann. Grundsätzlich denke ich, dass ich selbst das Risiko nicht eingehen möchte und auch niemand anderen “in Versuchung” führen möchte, andererseits finde ich es so unendlich traurig, dass mein Kind aktuell so wenig Kontakt zu anderen Kindern hat. Aufgrund des Wechsels in die Schule ist die übliche Blase eine andere geworden und so viele Kinder kennt man aktuell leider auch noch nicht.
Und ich habe Angst. Angst davor mich selbst zu infizieren und eine schweren Verlauf zu haben, ja, da gibt es Faktoren, die das nach derzeitiger Lage begünstigen. Ich habe Angst was das mit meinem Kind machen könnte. Ich habe Angst vor Spätfolgen. Ich habe Angst, wie sich diese ganze Situation, diese Abstinenz von sozialer Interaktion mit Gleichaltrigen, auf mein Kind auswirkt. Ich habe Angst davor, wie sich mein berufliches Engagement auf meine Beziehung zu meinem Kind auswirkt. Nicht jeden Tag ist diese Angst da und sie ist nicht so schlimm, dass ich völlig gelähmt zu Hause sitze, aber sie ist da. Und zudem kommen die Einschläge immer näher. Die Kontakte in der Corona Warn App werden mehr und häufiger. Die freien Intensivbetten in meiner Stadt waren zuletzt im einstelligen Bereich. Immer mehr Kollegen um mich herum infizieren sich und auch solche, denen ich grundsätzlich einen “vernünftigen” und bewussten Umgang mit dem Virus unterstelle. Auch sind sie teilweise selbst überrascht über ihre Infektion und wissen nicht woher sie diese haben. Warum sollte es ausgerechnet mich also verschonen? Am Wochenende sind wir nur zu Hause, schon seit Wochen. Mir macht es nicht ganz so viel aus, aber für ein 6-jähriges Kind ist das überschaubar spannend. 
Ich hoffe sehnsüchtigst, dass wir es schaffen bis eine Impfung auch für die breite Masse verfügbar ist, bis die Entwicklung der Medikamente weiter ist. Und ich hoffe, dass dann die für uns wichtigen Menschen es bis dahin ebenfalls geschafft haben und wir wieder Zeit miteinander verbringe und uns sogar zur Begrüßung wieder in den Arm nehmen können.
Diesen sehr persönlichen Einblick in ihre Geschichte hat Simone geschrieben.
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Ein Kommentar für “Corona- Familien-Geschichten: Simone erzählt.

  1. 😘 vielen Dank fürs teilen deiner Geschichte… hab gerade Tränen in den Augen.
    Auch ohne Existenzangst ist es übel was Corona mit uns und vor allem unseren Kindern macht.
    Ich bin froh über jeden vernünftigen, der trotz der schweren Situation auf sich und seine Mitmenschen achtet.
    Bleibt gesund!