Pande-Heulsusigkeit
Corona Neu

„Pande-Heulsusigkeit“ … mich hat‘s erwischt.

Ich sitze alleine im Auto und weine. Die Kinder sind beim Mann, deshalb bin ich allein. Ich möchte kurz meine Mutter besuchen, um ihr ein paar Einkäufe vorbeizubringen. Eigentlich geht’s mir gar nicht schlecht; alles ist ok. So sehr ok, wie es eben aktuell sein kann. Warum ich gerade jetzt weine, weiß ich deshalb nicht so genau. Ich höre schöne Musik und genieße es im Grunde total, endlich mal wieder ALLEINE Auto zu fahren, ohne dass alle 30 Sekunden jemand MAMA brüllt oder mir von hinten ins Kreuz tritt. Ich habe deshalb ehrlich keinen blassen Schimmer, warum ich weine. Es gibt keinen Grund. Gut, meine Musikauswahl ist jetzt nicht die fröhlichste, aber doch nur deshalb, weil ich mitsingen können wollte und dazu eignen sich am allerbesten 90er Jahre Love Songs. Vielleicht schließen mir darum ständig wie in Schüben die Tränen in die Augen. Vielleicht aber auch einfach nur deshalb, weil ich schlicht einen Moment für mich alleine und damit Zeit für Tränen habe. Ein rares Gut in den letzten Monaten. Ein rares Gut im letzten Jahr!

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Ich überlege: Dass ich einfach so anfange zu weinen oder kurz davorstehe, kommt aktuell öfter vor. Angefangen hat es, als meine Mutter mir eine WhatsApp-Nachricht mit dem Bild ihres Impf-Nachweises schickte. Ich war so wahnsinnig erleichtert, das zu sehen … zu wissen, dass sie ENDLICH ihre erste Impfung-Dosis erhalten hatte. Ich konnte es kaum in Worte fassen. Nur eine Stunde später rief mein Vater an, um mir zu erzählen, dass auch er am Vortag geimpft worden war. Ich glaube, dieser Tag war der Beginn meiner Pandemie-Heulsusigkeit … oder kürzer: Pande-Heulsusigkeit. An diesem Tag riss mein längst überall arg dünn gewordenes Nervenkostüm einfach an einigen Stellen etwas ein … ein Umstand, der nach einem Jahr Pandemie im Grunde null überraschend ist. Trotzdem hatte ich mit diesen plötzlichen Rissen nicht gerechnet. Weil sie nicht durch eine weitere Negativ-Schüppe entstanden, sondern durch etwas positives; durch einen Lichtblick. Ausgelöst dadurch, dass eine große Angst, eine wirklich große Belastung, die seit Monaten auf meinen Schultern und meiner Seele lastete, auf einmal leichter wurde. Offenbar gab genau DAS meinem Unterbewusstsein das Signal, dass ich jetzt mal wackeln dürfte; dass ich nicht mehr nur stark sein müsste, sondern dass sie nun langsam RAUS kommen könnte … all die gestaute Angst um die Menschen, die ich liebe.

Pande-Heulsusigkeit … wenn Tränen kaum mehr Gründe brauchen

Seitdem gibt es fast täglich Momente, fällt mir auf, in denen ich die Tränen kaum noch zurückhalten kann. Klar, als Mutter ist man sowieso näher am Wasser gebaut, etwas emotionaler als man es früher war. Ich zumindest. Aber so sehr wie jetzt? Gefühlt habe ich nicht nur NAH am Wasser gebaut, sondern DARIN!

Meine Gedanken wandern zu den „Momenten für Tränen“ der letzten Tage. Zum Beispiel die, in denen die Mausemaus ihre Arme um meinen Hals legt, mir ein Kuss gibt und sagt, dass sie mich furchtbar lieb hat und mich vermissen wird … obwohl ich nur einkaufen gehe. Sie drückt mich dann immer ganz fest. Und schon spüre ich sie aufsteigen, die Tränen der Rührung … der Liebe zu ihr.

Oder wenn das Krümelchen nachts wach wird, etwas wimmert, weil es schlecht geträumt hat oder den Schnuller und einfach meine Nähe sucht. Und dann augenblicklich wieder ruhig einschläft, wenn ich meine Hand auf seine Wange lege und ihm ins Ohr flüstere, dass ich da bin. Wie immer. Sofort entspannt sich der kleine Körper und gleitet zurück in die Tiefen des Traumlandes. Und mir schnürt es die Kehle zu, weil meine Liebe zu ihm so spürbar ist.

Besonders heftig empfinde ich all jene Momente, die auch normalerweise schon harter Tobak für mein Mama-Herz sind: Wie die, in denen ich mit beiden Kindern draußen bin und die beiden laut lachend mit ihren Rädern um den Block fahren, während ich (vielleicht etwas weniger motiviert lachend ;) ) hinterher laufe. Die Kinder machen das beide sehr gut. Sie wissen, dass sie nah an der Hauswand fahren sollen, an jeder Straße anhalten und ohne mich um keine Ecke fahren dürfen. Sie wissen das alles; sie sind echte Großstadtkinder. Und ich … erlebe neben ihnen viel öfter als sonst diese ekelhaften Eltern-Tag-Albträume … in denen vor meinem inneren Auge schreckliche Unfälle passieren. Was wäre wenn? Was wäre, wenn eins meiner Kinder einen Unfall hätte – von der vorbeifahrenden Bahn erfasst würde? Allein der Gedanke reicht und ich schluchzte viel lauter trocken auf, als ich zulassen will – und kann meine Tränen kaum noch zurückhalten. Vielleicht liegt es echt dran, dass uns die Pandemie gelehrt hat, dass es wirklich wahnsinnig schnell gehen kann … ein Wimpernschlag reicht und alles anders ist.

Es gibt auch Momente, die eigentlich echt schön sind, aber im Endeffekt dennoch die Pande-Heulsusigkeit in mir wecken. Wie, wenn wir auf den Spielplatz gehen und die Kinder in der Ferne ihre Freunde aus der Schule oder der Nachbarschaft erkennen. Wenn sie kichernd auf sie zulaufen, irre winken und die Arme ausbreiten. Auch dann steigen in meinen Augen schon wieder die Tränen auf, weil ich so dankbar dafür bin, dass sie wenigstens draußen diese Kontakte haben, mit ihren Freunden spielen und normale Kinder sein können. Ich sehe ihr Glück. Und ich bin gleichzeitig so dankbar, dass sie einander haben, für all die vielen Zeiten zwischen den Begegnungen mit ihren Freunden. Dass sie nie allein sind, sondern immer einen Spielgefährten haben, den sie lieben wie bekloppt. Und weil sie so wahnsinnig tapfer sind und diese langen Monate der Pandemie bisher so tapfer weggesteckt haben.

Vielleicht habe ich zu lange nur „funktioniert“

Fakt ist: Im Prinzip könnte ich aktuell ständig in Tränen ausbrechen. Ich brauche keinen großen Auslöser mehr; es ist, als wären die „Hähne“ gar nicht mehr richtig zugedreht. Vielleicht habe ich zu lange nur funktioniert. Der Mann hasst es, wenn ich das so sage. Aber genauso fühlten sich die letzten Monate an … als würde ich nur noch funktionieren, nur noch die Tage runterreißen, ohne groß nachzudenken, einfach nur weitermachen, um nicht umzufallen. Für die Kinder, um alles zusammenhalten, ihnen Mut zu machen, ihren Frust aushalten, das Homeschooling zu ertragen.

Letzteres ist übrigens das Einzige, dass mich mittlerweile kalt lässt. Zumindest im Moment. Verrückt eigentlich, wo ich ansonsten in jedem Bereich eine scharfgestellte, emotionale Bombe bin. Nur Homeschooling löst nichts mehr in mir aus. Vor den letzten Ferien war ich wirklich fertig deswegen, hatte keine Kraft mehr und war der Verzweiflung nahe. Nach den Ferien bin ich einfach nicht mehr eingestiegen … emotional betrachtet. Scheiß auf Homeschooling. Wir machen das, was geht und alles andere wird irgendwann aufgeholt. Während eines Krieges würde auch kein Hahn nach Frühlings-Bastelarbeiten fürs heimische Schulfenster krähen. Keine Sau würde sich dafür interessieren, ob das Kind nun weiß, wie die Bude vom Eichhörnchen heißt oder mit sieben Jahren schon im Schlaf 18 – 7 rechnen kann. Wir SIND im Krieg. Wir sind seit über einem Jahr im Krieg gegen den Scheiß-Arschkrempen-Virus, den wir einfach nicht in den Griff bekommen, weil wir uns in Bürokratie verheddern und uns im großen Stil beweisen, dass der Mensch an sich offenbar nicht so krass lernfähig ist, wie er gern wäre. Ich habe keine Lust mehr, mich darüber zu ärgern. Ich will einfach nur, dass auch wir geimpft werden, wir Eltern der Schul- und Kitakinder, wir Normalos, wir Mittel-Alten und Mittel-Jungen … ganz egal, welchen Beruf wir nachgehen. Ich will, dass das erledigt ist. Ich will wieder atmen können. Und ich vermute, wenn es endlich soweit ist, werde ich wieder weinen. Vielleicht sogar etwas mehr und länger und öfter als jetzt eh schon. Wenn endlich alles von mir abfällt und den Raum freigibt für Emotionen, die so lange aufgestaut wurden … ich weiß: auch Erleichterung braucht Tränen.

Ich sitze alleine im Auto und höre auf zu weinen. Ich putze mir die Nase, tupfe die verlaufende Wimperntusche unter meinen Augen weg, schnappe mir die Einkäufe und steige aus. Durch den Regen gehe ich zu meiner Mutter, trage dabei eine FFP2-Maske, obwohl ich eben noch ein Test gemacht habe und dadurch ziemlich sicher weiß, dass ich negativ bin. Trotzdem. Ihr Impfschutz ist noch nicht zu 100 % vollständig, also schütze ich sie soweit es mir möglich ist. Aber ich schließe sie in die Arme, als ich sie sehe. Und schon spüre ich wieder die Tränen aufsteigen. Vielleicht sollte ich mich einfach daran gewöhnen und sie annehmen, diese Pande-Heulsusigkeit … es nervt ein bisschen, aber es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen.

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Beitrag teilt! <3

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7 Kommentare für “„Pande-Heulsusigkeit“ … mich hat‘s erwischt.

  1. Ich schicke dir eine virtuelle Umarmung aus der Quarantäne (mit 4 Kindern auch ein Grund zum Heulen) …! Es kommen wieder bessere Tage voller Freude. Jetzt darf man auch mal heulen.

  2. liebe anke du hast so recht, besonders das mit dem homeschooling,,,, was nicht geht geht einfach nicht mehr. und ja wir sind im krieg und nur die wenigsten verinnerlichen das. im gegenteil es wird oft schön geredet und noch mehr an schularbeiten gearbeitet als vorher, die mamis müssen noch perfekter sein als vor diesem virus. sorry, aber ich sehe hier bei meinen einen riesen rückstand und der wird auch so schnell nicht wieder aufgeholt werden egal wieviel wir lernen und uns kirre machen. danke dir für deine wahren worte und das reale leben. liebe grüsse, erika

  3. Na toll…
    Jetzt heule ich fast. Aber es geht mir ganz, ganz ähnlich. Irgendwie war das letzte Jahr viel und wohl auch zu viel, auch wenn wir Mütter uns das nicht gerne eingestehen.
    Auch, wenn wir denken, das schaffen wir doch gut ist wahrscheinlich da viel mehr Stress und Angst da, als wir uns eingestehen. Es tut richtig gut zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin.

  4. Heulen tut gut und zeigt uns, dass wir überhaupt noch was fühlen!
    In fast jeder Zeile deines Textes hab ich mich vor 3 Wochen wiedererkannt, nur das ich es nicht mehr stoppen konnte.
    Fühl dich mal virtuell ganz doll umarmt!
    Irgendwann wird die Zeit wiederkommen, wo wir diese verkackte DoofPandemie soweit hinter uns haben, dass Umarmung en, Nähe und „alltäglicher Kram“ wieder möglich sind und wir uns wieder über Kassenbons und Pillepalle unterhalten können.
    Das wird dann auch die Zeit sein, wo du jemanden vor Freude quietschen hören wirst, weil ich endlich wieder den Dom besuche 😉.

      1. Ihr habt ja in Köln keine Parkplätze 😉 und Öffis benutz ich momentan nicht.
        Außerdem möchte ich, „wie immer“, mein zartes Alt-Stimmchen erheben und wieder Lieder bei einer Messe mitsingen bis die Tränen kommen. Also meine, nicht die der anderen 😂

        Halt durch! Auch mit Baustelle und auch Montags!