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Leserin-Geschichte: Aktuelle Pandemielage in der Grundschule

Die Autorin dieses Beitrages möchte lieber anonym bleiben, was ich verstehen kann, da das Thema “Welche Eltern machen sich auf welche Art Sorgen und kämpfen auf welcher Ebene gerade gehen die Widrigkeiten der aktuellen Pandemielage” spaltet die Gemüter. Fakt ist aber: Wir alle haben Sorgen und können im Prinzip immer nur zwischen Pest und Cholera wählen. :(
“Zum ersten Mal in dieser Pandemie wünsche ich mir nichts mehr, als mit meiner Tochter in Quarantäne zu dürfen. Dass ich das mal sage, hätte ich nie gedacht. Klar, wer will das schon … 14 Tage mit einer Siebenjährigen nur die heimischen Wände zu betrachten, um sich dann regelmäßig ihr Gemotze und Gemecker anzuhören. Ein Traum.
Dieser merkwürdige Wunsch rührt schlicht und ergreifend daher, das Ämter und Politiker auf ganzer Ebene versagen und ich ebenso zum ersten Mal in dieser Pandemie große Angst um die Gesundheit meines Kindes habe.
 

Meine Tochter besucht wie 22 weitere Kinder die erste Klasse einer Grundschule hier in der Stadt. Am Dienstag erhielten wir die ersten E-Mails darüber, dass es zwei bestätigte positive Fälle in der Klasse gab. Der Elternrat schrieb, dass zum einen die Klassenlehrerin meiner Tochter und zum anderen ein Kind betroffen seien. Ein weiteres Kind, welches mittels Schnelltest positiv getestet wurde, warte nun auf die Ergebnisse des PCR-Tests. Soweit so gut … noch war ich ruhig, da die Kinder zu diesem Zeitpunkt 5 Tage frei hatten, glaubte ich, es würden nicht noch mehr Fälle zum Vorschein kommen. Sie schrieben ebenfalls, dass die Schulleitung ausrichten ließ, dass normale Prozedere sei eine Quarantäne für alle Kinder der Klasse sollte der dritte PCR Test ebenfalls positiv sein. Es wurde uns freigestellt, ob wir die Kinder in die Schule schicken oder nicht. Da mein Partner und ich – so wie viele andere Eltern auch – Vollzeit arbeiten, können wir sie nicht einfach zu Hause lassen. So brachte ich meine Tochter, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl und aufkommender Angst weiterhin zur Schule.

 
Am Folgetag bestätigte sich dann der nächste Verdacht und auch wurden wieder weitere Kinder aufgrund positiver Schnelltests zum PCR-Test geschickt. Von einer Mutter erfuhr ich direkt, dass ihr Kind betroffen sei und sie nun auf Empfehlung des Kinderarztes versuche, das Gesundheitsamt zu erreichen. Dies jedoch gestaltet sich als ein Ding der Unmöglichkeit; zwei Tage dauerte es überhaupt, jemanden zu erreichen, nur wurde dieser frustrierende Telefondienst keinesfalls mit erleuchtenden Antworten für die verunsicherte Mutter belohnt. Statt ihr zu zuhören, wurde sie nur angefahren, das sie, wenn sie doppelt geimpft sei, selbstverständlich zur Arbeit könne. Man bedenke, dass auch wir als Geimpfte ja weiterhin als Überträger fungieren können und besagte Mutter in einer Pflegeeinrichtung arbeitet. Eine zweite Frage wurde nicht beantwortet, hier stellte die völligst überlastete Dame des Gesundheitsamtes nur sehr unfreundlich klar, dass sie für so etwas keine Zeit hätte und die Mutter gefälligst zu warten habe, bis sie angerufen wird.
Und wir? Wir warteten bereits sehnsüchtig auf die Benachrichtigung, dass die Klasse nun offiziell unter Quarantäne stehen würde und ich mein Kind schützen kann, ohne sie “allein” zu lassen. Schließlich gab es nun die besagten drei bestätigten Fälle. Doch nichts der Gleichen passierte.
Nun hatte ich langsam aber sicher wirklich Angst um mein Kind. Ich arbeite zwar im Homeoffice, bin jedoch in den acht Stunden permanent am Telefon erreichbar und führe Kundengespräche. Während des Lockdowns hatte ich das zu diesem Zeitpunkt noch Kindergarten-Kind wie so viele andere neben der Arbeit zu Hause. Sie war die meiste Zeit des Tages auf sich gestellt, da ich nicht immer antworten kann, wenn sie Fragen hatte oder mit spielen konnte, als sie sich langweilte haben wir uns in dieser Zeit sehr viel gestritten.
Alle waren nur noch frustriert und ich fühlte mich überfordert, von dem Druck auf der Arbeit funktionieren zu müssen und gleichzeitig diesem kleinen Menschen gerecht werden zu wollen. Damals schwor ich mir, dies nie wieder zu machen. Blöd nur, dass dieser doofe Arschkrempenvirus das anders sieht und mir nun auch zeigen sollte.
 
Am Freitag bekam ich, nach einer Mail meinerseits an die Schulleitung, einen Rückruf dieser. Man erklärte mir, dass es eine Bekannte der Leiterin im Gesundheitsamt gäbe, welche in einem privaten Telefonat bereits am Dienstag durchblicken lassen hat, dass die Kinder aufgrund mangelnder “Kapazitäten” nicht in die Quarantäne geschickt werden können ….. Ich war nun nicht mehr verängstigt, sondern auch unglaublich wütend. So hatte man mir gerade gesagt, dass die Gesundheit unserer Kinder von einer mangelnden Anzahl an Mitarbeitern abhängt? Die nett gemeinte Empfehlung, die Kinder dringend zu Hause zu lassen, ist nun mal nicht allen Eltern möglich und zwingt uns, uns jeden Tag Gedanken zu machen, wie es weiter geht und uns zwischen der Gesundheit unserer Kinder und unserem Job zu entscheiden. Viele würden hier sagen, dass diese Entscheidung ja selbstverständlich wäre. Nun, so ist es aber nicht. Viele Eltern sind froh, nach den letzten Monaten der Pandemie ihren Job noch zu haben, deckt dieser schließlich die laufenden Kosten und sorgt ebenso dafür, dass der Sprössling gesund ernährt wird und ein Dach über den Kopf hat. Als ich aus dem Elternjahr kam, brauchte ich lange um einen Job zu finden, welcher sich mit der Kinderbetreuung vereinbaren lässt, nun wollte ich diesen nicht wieder verlieren. Schon gar nicht, weil das städtische Gesundheitsamt keine Kapazitäten hätte, um uns ein Stück Papier zuzusenden.
 
In meiner Wut schrieb ich eine E-Mail an unseren Bürgermeister, welcher sich bis dato eigentlich immer mit unserem gut funktionierenden Gesundheitsamt rühmte. Ich wollte ihm einfach erklären, was hier gerade vor sich geht. Das Kinder in Gefahr gebracht werden, nur weil eine Verwaltung nicht richtig funktioniere. Ob ich je auf diese E-Mail eine Antwort erhalten werde, weiß ich nicht. Ich wollte einfach nichts unversucht lassen.
 
Dann eine weitere Nachricht gestern Abend. Man habe mit einer Dame des Landesgesundheitsamtes gesprochen und laut dieser hätten alle Kinder bereits in Quarantäne sein sollen. Dass dies nicht passiert wäre, läge nur daran, wie überlastet die zwei! Mitarbeiter des Amtes seien, die hier für zuständig sind. ZWEI Mitarbeiter? ?? Wir haben rund 209.000 Einwohner! Das kann doch nicht wahr sein! Ach ja und weitere Fälle sind auch hinzugekommen, es wird nun dringend darum gebeten die Kinder, wenn möglich, zu Hause zu lassen und auf den Anruf zu warten, welcher dann wahrscheinlich zwei Tage vor Ende der eigentlichen Quarantäne zeit kommt.

Und so sitze ich hier und warte darauf, dass etwas passiert. Auf einen Anruf, eine Nachricht irgendetwas seitens des Amtes. Ich rätsel, was ich am Montag mit meinem Kind machen soll. Wann wir Homeschooling betreiben? Und ob meine Tochter um 17 Uhr tatsächlich noch dafür zu begeistern ist, denn vorher arbeite ich ja. Ich weiß, es wird sehr schwierig und mit Tränen beiderseits verbunden sein, aber ich kann sie nicht mehr in die Schule bringen, so sehr sich auch alles in mir sträubt.
 
Wieder einmal sind die Kinder die Verlierer der Pandemie. Vielen Dank fürs “zuhören” und Viele Grüße”

PS: Mittlerweile kam der für die Autorin erlösenden Anruf. Das Gesundheitsamt hat sich bei der Schule gemeldet und nun sollten bitte die restlichen Kinder sofort abgeholt werden und in Quarantäne. Am späten Nachmittag erhielt sie dann auch tatsächlich den Anruf seitens des Gesundheitsamtes. Nun dürfen sie wenigstens etwas aufatmen.

 
Der bittere Beigeschmack bleibt nach einer Woche besorgten Wartens und mittlerweile 6 bestätigt infizierten Kindern, zu denen anscheinend noch weitere hinzukommen werden.
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Ein Kommentar für “Leserin-Geschichte: Aktuelle Pandemielage in der Grundschule

  1. Wow! Unfassbar! Ich wünsche dieser Mama und allen anderen Mamas und Papas -in ähnlichen Situationen- viel Kraft. Es zeigt wieder einmal , wo Kinder (und Eltern) und ihre Bedürfnisse in dieser Pandemie in dieser Gesellschaft stehen. Ganz, ganz weit unten. Und jeder von uns hat ja inzwischen seinen eigenen Geschichten”schatz” aus Erlebnissen und Tatsachen.