Papa blind
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Eltern-Interview: Wenn Papa blind, Mama psychisch krank und die Familie dennoch glücklich ist.

Als Jessi sich in ihren zukünftigen Mann verliebt, raten ihr alle von ihm ab. Denn der Mann, der ihr Herz gewonnen hat, ist blind. Freunde und Familie sorgen sich, dass das Leben der jungen Frau durch einen Mann mit dieser Beeinträchtigung ausgebremst würde, dass sie sich von nun an immer nur kümmern müsste. Dabei ist es tatsächlich oft andersherum, denn auch Jessi – mittlerweile Mama eines fast 6-jährigen Söhnchens – hat ihr Päckchen zu tragen und ist bereits seit 2020 deswegen nicht mehr in der Lage zu arbeiten.

Wie wundervoll die beiden als Paar und Eltern harmonieren und einander stützen, zeigt dieses Eltern-Interview, dass meines Erachtens in weiten Teilen einfach eine zauberhafte Liebeserklärung von Jessi an ihren Marc ist. <3 Die Vorbehalte Außenstehender – mit denen die zwei früher, aber auch heute oft noch aufgrund von Unwissenheit konfrontiert werden – revidieren sie, indem sie schlicht vorleben, dass es anders ist. Ihre Geschichte ist wieder einmal ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man Menschen am besten niemals aufgrund eines ersten Eindrucks oder einer Diagnose beurteilt!

Eltern-Interview: Wenn Papa blind, Mama psychisch krank und die Familie dennoch glücklich ist.

1. Gibt es etwas an dir/deinen Kindern/deiner Familie, dass die Menschen in deinem Umfeld (oder auch die Gesellschaft) als „anders“ oder „besonders“ bezeichnen würden? Wenn ja, was ist es?  

Ich habe einen blinden Mann. Alle Menschen in unserem Umfeld sehen das als erstes. Sie sind sehr unsicher und auch betroffen. Für uns es ist einfach Alltag, wenn auch ein bisschen anders als bei anderen Familien. Mein Mann geht arbeiten. Er ist allein mit unserem Sohn unterwegs, auf Spielplätzen, fährt mit ihm S-Bahn. Für Benni ist es ganz normal, dass Papa nichts sieht und er bei ihm immer hören muss. Sonst dürfen sie nicht mehr alleine raus. Für die Menschen, die den beiden begegnen, ist es aber immer schwer.

Ich habe mehrere psychische Krankheiten, unter anderem eine Persönlichkeitsstörung, Dissoziationen, Depressionen und soziale Ängste. Oft ist es so, dass ich eingeschränkter bin in der Gesellschaft als mein Mann und er mir viel Halt und Sicherheit gibt. Ich kann viele Dinge nicht allein: Spielplatzbesuche, Arztbesuche, Benni zu Freunden bringen oder abholen. Hier ist immer mein Mann dabei. Ich denke, die Menschen gehen davon aus, dass ich meinem Mann unterstütze, aber es ist andersherum.

2. Welche Reaktionen erntest du dafür, dass du/ihr in einigen Punkten von der „offiziellen“ Norm abweichst? 

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Am Anfang unserer Beziehung wollten ihn mir alle, wirklich alle, Freunde, Familie und Bekannte ausreden. “Du verbaust Dir Dein Leben”, hörte ich oft. Alle waren sehr unsicher mit Marc. Ich habe aber die Blindheit gar nicht gesehen, sondern nur den Menschen dahinter und der ist einfach toll.

Heute bekomme ich viel Mitleid und die Menschen finden, ich trage mehr Verantwortung als andere. Aber auch hier sieht niemand, wie sehr mich mein Mann unterstützt mit meinen Problemen.

3. Welchen Einfluss hat das auf dein Leben … als Individuum, aber auch als Frau und Mama? 

Ich werde oft übersehen. Alle sind stolz auf meinen Mann, wie gut er das Leben meistert. Aber was das Leben mit mir macht, interessiert nicht …

Wenn die Menschen uns besser kennen lernen, wird es immer besser und es wird auch für sie alltäglicher mit einem blinden Menschen umzugehen. Dann fällt es nicht mehr auf und ist auch nicht mehr oft Gesprächsthema.

4. Was für eine Art Mama bist du? Was liebst du besonders an dieser Rolle? Was nicht so? ;) 

Ich liebe es Mama und Ehefrau zu sein.
Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Herkunftsfamilie. Dafür aber zwei “Männer”, die alles für mich bedeuten.

Besonders mag ich die Liebe zwischen uns, das Kuscheln, das Wissen, dass Benni sich auf mich verlässt. Manchmal hätte ich gern ein bisschen mehr Zeit für mich alleine. Es gibt Tage, da kann ich das Wort “Mama” nicht mehr hören.

5. Was wünschst du dir am meisten für deine Zukunft? Und was für die deiner Kinder?  

Für meine Zukunft wünsche ich mir einen stabilen psychischen Zustand, damit ich wieder arbeiten kann.

Für mein Kind wünsche ich mir, dass er ein glückliches und zufriedenes Leben hat und sich seine Wünsche und Träume erfüllen kann.

***

Liebe Jessi, vielen Dank für den offenen Einblick in dein Leben und deine Geschichte! Ich wünsche dir und deinen Lieben von Herzen nur das Beste für die Zukunft! :-*

Nochmal zur Erinnerung, warum ich diese tolle Interview-Reihe gestartet habe: Ob wir gute oder schlechte Eltern sind, hängt nur davon ab, ob wir aufgrund unserer innigen Liebe zu unseren Kindern immer darum bemüht sind, die besten Mamis und Papis zu sein, die wir sein KÖNNEN. Nicht mehr und nicht weniger. Das eint uns! Und genau DAS möchte ich mit dieser Interview-Reihe zeigen – um der Chance willen, mehr übereinander und unterschiedliche Lebensmodelle oder Persönlichkeiten zu erfahren. Weil ich das unheimlich toll und spannend finde … und ihr doch sicher auch?! Deshalb freue mich sehr, wenn sich weiterhin viele melden (mit einer Mail an hallo@laecheln-und-winken.com), um mitzumachen und etwas von sich zu erzählen. 

 

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Text teilt! Danke! <3

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Ein Kommentar für “Eltern-Interview: Wenn Papa blind, Mama psychisch krank und die Familie dennoch glücklich ist.

  1. Wow, was für ein wundervolles Interview! ❤️
    Ein offener und ehrlicher Einblick, wenn das Leben nicht “nach der Norm” funktioniert! Ich finde dieses Interview macht anderen Menschen Mut und fördert einen Perspektivwechsel durch den ehrlichen Einblick! Das erste, was mir eingefallen ist, ist ein schönes Zitat von Marcus Aurelius (was ich total schön finde und so wertvoll): „Alles, was wir hören, ist eine Meinung, keine Tatsache. Alles, was wir sehen, ist eine Perspektive, nicht die Wahrheit.“
    Alles Gute an die kleine, wundervolle Familie 🍀