WhatsApp-Interviews

WhatsApp-Interview: 6 Fragen an Kinderärztin Janina

Eine der wahrscheinlich größten Veränderungen, die die Elternschaft mit sich bringt, ist jene, plötzlich nicht mehr nur für sein eigenes Leben verantwortlich zu sein, sondern – und das schon ab dem ersten positiven Schwangerschaftstest – auch für ein weiteres. Dieses Gefühl ist der Wahnsinn … vor allem deshalb, weil man sein Kind (in den meisten Fällen zumindest … wenn es also gerade nicht trotzt oder einem sonst irgendwie die Nerven gänzlich zertrampelt ;) ) mehr liebt als man es je für möglich gehalten hätte. Das kann ein Mama- oder Papa-Herz schnell man in Panik versetzen. Und DAS wiederrum führt dazu, dass Eltern mit ihren Kindern deutlich öfter in der Notfall-Ambulanz erscheinen, als sie es für sich selbst tun würden. Gut so, denn grundsätzlich gilt bei Kids (egal welchen Alters) immer: Lieber einmal zu oft, als einmal zu wenig ins Krankenhaus gefahren!!!

Man macht sich halt auch so irre schnell und intensiv Sorgen um den Nachwuchs. Ganz besonders, solange dieser noch nicht in der Lage ist, sich zu artikulieren und klar zu sagen, WO es schmerzt und wie sehr. Ich bin zum Beispiel vor gar nicht langer Zeit mal morgens um 6 Uhr in die Notaufnahme gedüst, weil der Baby-Sohn die ganze Nacht geschrien hat wie am Spieß und ich keinen blassen Schimmer hatte, wieso. Er war zu klein, um mir zu erklären, dass er NUR Zahnschmerzen hatte. Im Endeffekt war es mir dann etwas unangenehm im Krankenhaus aufgeschlagen zu sein, obwohl mein Kind weder vor Fieber glühte, noch wie ein Schwein blutete oder dauerhaft kotzte. Ich HÄTTE durchaus abwarten und gelassener bleiben können, nicht zuletzt, weil der Sohn mein zweites Kind ist und ich daher zumindest über eine gewisse Basis-Erfahrung mit kranken Kindern verfüge. Aber ich KONNTE es nicht. Ich hatte Angst um mein Kind und deshalb wollte ich es einem Arzt „vorführen“! Und so lernte ich Janina, Fachärztin für Pädiatrie und LÄCHELN UND WINKEN-Leserin ( ;) ) kennen, die an diesem frühen Morgen Dienst hatte und sehr nett zu mir und dem Krümelchen war. Na, diese Kinderärztin merke ich mir mal vor für ein WhatsApp-Interview zum Thema „Wie beurteile ich die Dringlichkeit eines Krankenhaus-Besuches“, dachte ich ziemlich sofort und nagelte sie einige Zeit später dafür fest :D . Denn ich hoffte (zu recht), dass sie uns Herzgesteuerten Mamis und Papis ein paar gute Tipps als Richtlinien an die Hand geben könnte, wie wir im Fall der Fälle schnell entscheiden können, ob Abwarten oder zum Notdienst fahren die beste Strategie ist.

Wichtig: Janina gibt hier allgemein gültige Tipps und Hinweise, die null und nichtig sind, sobald der Mama-Instinkt Alarm schlägt! Wie gesagt: Lieber einmal zu viel im Krankenhaus auf der Matte stehen, als einmal zu wenig!

[11:28, 18.1.2018] Anke Neckar:
Liebe Janina, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, meine Fragen zu beantworten … die du alle wahrscheinlich schon 1.000 mal gehört hast :D . Aber darum geht’s ja irgendwie auch. Die meisten Mamis sind eben keine ausgebildeten Kinderärztinnen wie du (deine Tochter hat da echt Glück! ;) ) und haben nur sehr begrenzte Möglichkeiten – gerade zu Anfang – den Gesundheitszustand ihres Kindes zu beurteilen. Dazu kommt dann die allgemeine Unsicherheit, die uns Müttern ja irgendwie vor allem zu Anfang in einer nicht gerade kleinen Dimension innewohnt. UND Murphy, der olle Arsch, der unserem Nachwuchs die besten Krankheiten und Verletzungen immer dann schickt, wenn die normalen Kinderarzt-Praxen im Feierabend oder Wochenende sind. Deshalb freue ich mich sehr, dass du mir und meinen Leserinnen mal ein bisschen Hilfestellung dabei gibst, zu entscheiden, wann Panik angebracht ist … und wann eher noch nicht ;) .

#Frage 1

[11:29, 18.1.2018] Anke Neckar:
Ich steige direkt mal mit einer der beliebtesten Fragen ein: Ab welcher Temperatur gilt Fieber bei Kindern als behandlungsbedürftig bzw. gefährlich. Ich persönlich fühle mich ja schon wie hingeschissen, wenn das Thermometer über 37,8°C klettert :D . Aber ich weiß, Kinder können da echt mehr ab! Gibt’s da eine Richtlinie, an der sich besorgte Mamis grob orientieren können?

[12:01, 18.1.2018] Janina Fischer:
Liebe Anke, vielen Dank für deine Einladung zu diesem Interview. Ich freue mich sehr und hoffe, dass ich ein bisschen Licht ins Dunkel bringen kann.

Zu deiner ersten Frage: Wir Mediziner sprechen erst ab 38,5°C von Fieber. Alles von 37,0°C bis 38,4°C gilt bei uns als erhöhte Temperatur. Beides benötigt der Körper hin und wieder und vor allem bei den typischen Infektionen, um seine Stoffwechselvorgänge zu verschnellern und damit auch die Krankheit besser zu bekämpfen. Daher ist eine erhöhte Temperatur oder Fieber per se erst einmal etwas Gutes und zeigt uns, dass der Körper den „Feind“ erkannt hat und versucht ihn zu bekämpfen. Ich finde, dass das immer schon ganz wichtig ist, sich das bewusst zu machen, damit man erst einmal gar nicht in Panik verfallen muss ;-). Als Anhaltspunkt für eine Behandlungsbedürftigkeit kann man sich natürlich die 39,0°C merken. Ab da kann man das Fieber senken (mit z. B. Paracetamol oder Ibuprofen Zäpfchen oder Saft). Aber noch viel besser ist es, neben der Temperatur den Zustand des Kindes zu beurteilen und sich die Frage nach dem „Woher kommt das Fieber?“ zu stellen und dann eine Entscheidung zu treffen. Wenn ein Kind mit 39,2°C noch fröhlich mit seinen Autos spielt und einen leichten Schnupfen hat, ist diese Temperatur gar nicht schlimm und muss auch nicht gesenkt werden. Dann ist es nur wichtig auf eine ausreichende Trinkmenge zu achten und weiter zu beobachten. Wenn mein Kind mit 39,2°C allerdings nur noch schlapp herumliegt, kaum trinken mag und gar nicht in den Schlaf findet, würde ich eine Fiebersenkung in Betracht ziehen. Wenn ich mir gar nicht erklären kann, woher das Fieber überhaupt kommt (denn manchmal versteckt es sich ja als Ohrenentzündung/ Mandelentzündung/ Blasenentzündung oder auch Hirnhautentzündung), dann ist es wichtig zum Kinderarzt zu gehen oder auch nachts in die Notaufnahme, wenn man große Sorgen hat und einem das Kind nicht so vorkommt, wie es sich sonst verhält. Man darf da wirklich auf seine Intuition als Mutter vertrauen. Aber bei manchen Menschen ist die Intuition eben stark ausgeprägt und bei manchen nur sehr leise.

Das heißt, dass es leider (wie fast immer in der Medizin) kein Patentrezept gibt, aber man sich an einen Kinderarzt oder an eine Notaufnahme wenden sollte, wenn man einen der folgenden Punkte mit ja beantworten würde:

  1. Fieber >39°C über einige Tage trotz Fiebersenkung
  2. Schlappheit des Kindes und reduzierte Trinkmenge, die sich nicht bessert
  3. Kein offensichtlicher Grund für das Fieber auszumachen

Damit ist man fast immer auf der sicheren Seite.

[13:09, 18.1.2018] Anke Neckar:
Ahhh, da kann ich was mit anfangen! Und sich immer erst einmal bewusst zu machen, welche Funktion Fieber eigentlich hat, halte ich für einen mega Tipp. Klar, weiß man das EIGENTLICH … aber wenn sich das Mama-Herz Sorgen macht, gehen solche Infos im Gehirn schnell mal vorübergehend verloren ;) .

#Frage 2

[13:09, 18.1.2018] Anke Neckar:
Vielleicht kannst du auch mal den so gefürchteten (von mir jedenfalls) Fieberkrampf ein bisschen erklären und mir bzw. uns sagen, wie man darauf richtig reagiert … und ob man den vielleicht irgendwie voraussehen oder „abfangen“ kann?

[13:46, 18.1.2018] Janina Fischer:
Ja, das stimmt. Der „Fieberkrampf“ ist von vielen Mamas gefürchtet und ist in seiner Erscheinung meist sehr erschreckend. Ein Fieberkrampf ist ein Krampfanfall, der aussieht wie ein epileptischer Anfall und während eines Infekts oder vor allem im Fieberanstieg auftreten kann. Im Fieber sinkt in unserem Gehirn die Reizschwelle und die elektrische Erregung der Nervenzellen, die eigentlich in normalen Bahnen verläuft, kann dann unkontrolliert springen. Das Kindergehirn ist noch weniger entwickelt als bei Erwachsenen und deswegen anfälliger für Krämpfe. Im Schnitt bekommen 5% aller Kinder in ihrem Leben mal einen Fieberkrampf. Es ist also leider sehr häufig. Dabei kommt es zu Muskelzuckungen der Arme und Beine und das Kind ist nicht ansprechbar, bzw. reagiert nicht. Manchmal sieht man auch, dass die Kinder die Augen nach oben verdrehen oder sich die Haut leicht bläulich färbt, da die Kinder in dem Moment die Luft anhalten und nicht atmen. Daher ist das ganze ziemlich erschreckend, wenn man es noch nie gesehen hat und deshalb sollte man auch keine Scheu davor haben, sofort einen Rettungswagen zu rufen. Man kann den Fieberkrampf leider nicht verhindern und auch durch normale Fiebersenkung nicht aufhalten, da der Anfall meist nach der Fiebersenkung im nächsten Fieberanstieg beginnt. Es kann also leider bei 39,1 Grad genauso wie bei 40,5 Grad passieren.

Aber die gute Nachricht ist: Der Fieberkrampf (medizinisch auch besser ausgedrückt: der infekt-gebundene Krampfanfall) hört meist von selbst nach 5-10 Minuten wieder auf und die Kinder atmen danach wieder ganz normal. Es kommt meist nicht zu Folgeschäden, Lähmungen oder einer wirklichen Epilepsie im Erwachsenenalter und ist damit eigentlich gar nicht so schlimm wie es aussieht. Die meisten Kinder sind auch nach dem 4. Geburtstag „rausgewachsen“ und haben dann keine Krämpfe mehr.

Wenn es also passiert, gilt:

  1. Ruhe bewahren, auch wenn es schwer fällt.
  2. Kind auf dem Arm behalten oder auf den Boden legen (Hauptsache es fällt nicht hin).
  3. 112 rufen.
  4. Wenn man hat, Fieberzäpfchen geben (kein Saft, wegen Verschluckgefahr).
  5. Mit dem Rettungswagen in die Klinik fahren und nachschauen lassen, dass nichts anderes dahintersteckt.

Wenn es ein „normaler Fieberkrampf“ war, bekommt man vom Arzt auch ein Notfallmedikament als Zäpfchen mit, da diese Kinder leider eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, dass beim nächsten Fieber nochmal so ein Krampfanfall auftritt.

[20:38, 18.1.2018] Anke Neckar:
Puhhh, ganz ehrlich: Da würde mir gepflegt der Arsch auf Grundeis gehen! Deshalb bin ich schon mal sehr froh, dass die Mausemaus bereits über vier Jahre alt ist und hoffe, dass es beim Krümel einfach nicht dazu kommt. Wenn aber doch … weiß ich dank dir, was zu tun ist. Das ist schon mal beruhigend. Zumindest jetzt – ohne akuten Fieberkrampf :D

#Frage 3

[20:39, 18.1.2018] Anke Neckar:
Was mich auch oft etwas ratlos dastehen lässt, genauso wie wahrscheinlich sehr viele andere Mamis, sind Magen-Darm-Erkrankungen bei den Kids. Wobei ich mir bei der Tochter nicht mehr ganz so schnell ernsthafte Sorgen mache, da sie mittlerweile groß genug ist, um zu verstehen, wie wichtig es ist, trotz Übelkeit viel zu trinken. Der Krümel hingegen ist dazu auch mit anderthalb noch nicht so richtig in der Lage und winkt dann bei allem, was ich ihm einflößen will, ab, weil ihm zu schlecht ist oder er meine dargebotenen (Elektrolyt-) Getränke schlicht nicht mag. Die Frage ist daher: Wann wird ein Magen-Darm-Virus oder –Infekt gefährlich für ein Kleinkind … oder schlimmer noch: für ein Baby? Wie lange geht es gut, dass sich so ein kleiner Mensch mit Erbrechen und Durchfall plagt, ohne dass er dehydriert?

[22:22, 18.1.2018] Janina Fischer:
Ja, da hast du schon genau die richtigen Strategien angesprochen. Ältere Kinder halten Erbrechen und Durchfall schon viel besser aus als kleine Kinder und Säuglinge. Ich denke, dass sogar dein Krümel mit den typischen anderthalb Jahren am schwierigsten zu überzeugen ist, da er die Übelkeit als störend empfindet und aktiv nein sagen kann. Eine Dehydratation kann hier auch schon nach 1-2 Tagen eintreten, wenn er gar nichts mehr trinkt. Solange er schlückchenweise immer wieder Flüssigkeit aufnimmt (auch in ganz kleinen Mengen), geht es meist noch gut.

Also bei Apathie, Schläfrigkeit, andauerndem Erbrechen oder Trinkverweigerung über mehr als einen Tag ist es besser in dem Alter zum Arzt zu gehen. Erbrechen ist meist besorgniserregender als Durchfall in Bezug auf eine Dehydratation.

Säuglinge oder Babys , die nur ein paar Wochen alt sind, trinken meist noch recht gierig, wenn sie viel Wasser verlieren oder gehen einfach in Dauerstillen über. Meist reicht das auch aus, auch wenn sie zwischenzeitlich viel wieder ausspucken. Das bedeutet, dass gestillte Babys weiter gestillt werden sollten, flaschenernährte Babys können entweder Pre-Milch, Wasser oder Tee trinken (was ihnen am besten schmeckt) und es kann zur Dehydratation kommen, wenn mehr als 3 reguläre Mahlzeiten ausgelassen werden. Oder man kann schauen, ob das Baby mehr als 3% seines Gewichts verloren hat – das wäre auch noch ein Anhaltspunkt. Aber wer hat schon eine Babywaage zuhause und weiß das genaue Ausgangsgewicht?! Ich jedenfalls nicht ;-). Wenn gar nichts in den Magen rein will oder alles wieder rauskommt, hilft nur noch eine Infusion. Dafür sollte man dann einmal die Blutwerte checken.

[11:38, 19.1.2018] Anke Neckar:
Jaaaaa, die ersten Anzeichen der Trotzphase sind bei der Behandlung von “kleineren” Krankheiten nicht besonders hilfreich ;) . Die Mausemaus hat in diesem Alter JEDES Medikament verweigert, das oral eingenommen werden sollte. Was es nicht als Zäpfchen gab, konnte ich nicht verabreichen. Sowas kostet dann irgendwie zusätzlich Nerven … wenn man als Mama eigentlich weiß, was zu tun ist, das Kind aber nicht “mitmacht”. Ich vermute, auch solche Fälle landen durchaus mal bei dir in der Notaufnahme … ist dann sicher extra frustrierend für die Eltern.

[11:39, 19.1.2018] Anke Neckar:
Stimmt, eine Waage, die so genau ist, haben wahrscheinlich die wenigsten. Und wenn doch, kennt man das Ausgangsgewicht nicht. Aber da gab es doch auch noch diesen Hauttest, oder? Ist der wirklich aufschlussreich?

[12:00, 19.1.2018] Janina Fischer:
Man kann eine Hautfalte mit den Fingern hochziehen und schauen, ob diese länger als zwei Sekunden stehen bleibt. Meinst du den? Dieser Test funktioniert zwar, ist aber erst bei schwerer Austrocknung positiv. Aber ich sehe in der Notaufnahme selten Kinder, die erst so spät kommen. Wenn man gerne einen Test machen will, dann empfehle ich eher, sich die Zunge rausstrecken zu lassen. Wenn diese noch feucht glänzt, dann sind die Schleimhäute noch gut mit Flüssigkeit versorgt. Wenn die Zunge trocken und borkig ist, dann beginnt schon eine Dehydratation des Körpers. Das sieht man früher als z.B. stehende Hautfalten am Unterarm.

[12:10, 19.1.2018] Anke Neckar:
DAS ist ein super Tipp … danke! Ich wusste nicht, dass man es an den Schleimhäuten sehen kann, ob der Zwerg schon zu einer Austrocknung tendiert. Toll, diesen einfachen Test werde ich mir merken!!!

#Frage 4

[12:12, 19.1.2018] Anke Neckar:
Was mich ja auch echt fertig macht, ist die Angst, dass der Krümel irgendwas verschluckt, das er nicht verschlucken soll. Und dass das passiert, ist mehr als realistisch, denn obwohl er sich immer noch bei sehr vielen LEBENSMITTELN standhaft weigert, die Schnute zu öffnen, verschwinden die Haarspangen der Schwester, Playmobil-Kleinteile (zweite Kinder kann man ja leider nicht so effektiv vor potenziellen Verschluck-Gefahren bewahren wie die ersten, weil einfach so viel Kram schon da ist) oder Kastanien wirklich überraschend zackig im kleinen Gier-Schlund. Natürlich ist dann meine prominenteste Angst, dass es – falls ich es nicht schnell genug herausbekomme – im Hals stecken bleibt und ihn daran hindert zu atmen. Wie reagiere ich denn dann am besten? Und gleichzeitig stellt sich schon die Frage: „Was mache ich, wenn er die Haarspange komplett runterschluckt?“

[12:49, 19.1.2018] Janina Fischer:
Es gibt zwei verschiedene Arten von verschlucken. Im Deutschen existiert leider nur ein Wort für beides. Ich unterscheide jetzt mal zwischen „verschluckt“ im Sinne von „Runtergeschluckt“ und „verschluckt“ im Sinne von „aspiriert“ (in die Luftröhre geschluckt).

Das erste ist vergleichsweise einfach. So wie du schon beschrieben hast, können die Kleinen einfach eine Haarspange oder ähnliches runtergeschluckt haben. Meist ist das kein Problem, ist es durch die Speiseröhre in den Magen gerutscht, findet es seinen Weg ganz normal auch wieder hinaus. Wenn man aufmerksam ist, findet man es nach Tagen in der Toilette oder Windel wieder ;-). Wenn man es nicht wiederfindet, kann man ein Röntgenbild machen, um zu schauen, wo es sich aufhält, muss man aber nicht immer. Eine große gefährliche Ausnahme sind Batterien oder Magnete. Wenn ein Kind so etwas runtergeschluckt hat, sollte man auch ohne Beschwerden, direkt ein Röntgenbild machen und es wie mit einer Magenspiegelung wieder rausholen, da es die Organwände verätzen kann und sonst eine OP notwendig wird.

Das zweite ist das Aspirieren oder auch verschlucken in die Luftröhre/Lunge. Da kommt es jetzt sehr darauf an, wie schnell man das bemerkt. Wenn das Kind viel hustet, Speichel aus dem Mund läuft und es akut keine Luft bekommt, wird das Stückchen wahrscheinlich noch im oberen Rachenraum oder der Luftröhre stecken. Bei größeren Kindern kann man das Heimlich-Manöver anwenden (hinter dem Kind stehen und mit verschränkten Handballen auf den Brustkorb drücken. Kann man so schlecht beschreiben, am besten YouTube-Video ansehen ;-)). Bei kleinen Kindern sollte man diese mit dem Bauch auf die eigenen Oberschenkel legen und 2-3 mal beherzt auf den Rücken klopfen, dann kommt auch meistens alles wieder raus. Wenn nicht, natürlich 112 anrufen.

Dann gibt es noch den Fall, dass das Kind etwas (vorzugsweise Erdnüsse) so verschluckt hat, dass es schon in der Lunge steckt. Dann können die Kleinen eigentlich schon wieder gut atmen, denn meist landet das Stückchen im rechten Bronchus und der linke Lungenflügel übernimmt dann alles. Dann fällt einem vielleicht ein pfeifendes Geräusch beim Atmen auf oder das Kind bekommt nach Tagen eine Lungenentzündung. Damit muss man natürlich auch zum Arzt, da sich das Stück nicht von selber auflöst und man wahrscheinlich auch Antibiotika, Röntgenbild etc. braucht.

[20:28, 19.1.2018] Anke Neckar:
Ich glaube, zum Thema Batterien würden Noch-Nicht-Eltern oder auch jene, bei denen die Kinder noch ganz klein sind, jetzt sagen: “Wie kann man denn so etwas bloß in der Erreichbarkeit von Kindern liegen lassen!!!” Nicht ganz zu unrecht natürlich … doch was man auch erst MIT den Kids zusammen lernt: Das sind kleine Superhelden, die echt so ziemlich überall rankommen – und zwar oft viel früher, als man denkt! Damit möchte ich unsere Verantwortung natürlich nicht runterspielen, aber es ist eben tatsächlich so, dass wir mit unserem Nachwuchs zusammen lernen und wachsen … und dabei eben auch manchmal schlechte Erfahrungen machen, ohne deshalb gleich schlechte Eltern zu sein.

[20:29, 19.1.2018] Anke Neckar:
Trotzdem hätte ich definitiv direkt ein mega schlechtes Gewissen, wenn uns so etwas passieren würde. Also auch bei einer Haarspange … oder einem Barbie-Schuh. ;)

[20:32, 19.1.2018] Janina Fischer:
Natürlich sollte man so etwas wie Batterien nicht wissentlich in Reichweite liegen lassen. Aber ich glaube, dass auch bei bester Umsicht immer mal was passieren kann und wenn es nur auf der Straße oder auf dem Spielplatz kleine Teile sind, die die Kinder total spannend finden und einfach in den Mund stecken, wenn man mal kurz nicht hinsieht oder weil man einfach zwei Kinder gleichzeitig zu bespielen hat…

[20:33, 19.1.2018] Janina Fischer:
Ich kann nur aus der Krankenhauserfahrung berichten, dass es doch oft passiert und sich alle Eltern große Vorwürfe machen, was ich ihnen auch wirklich glaube und sie daher nicht verurteilen würde.

[20:35, 19.1.2018] Anke Neckar:
Oh Gott, ja! Ich habe so Schiss, dass der Sohnemann mal einen Zigarettenstummel in den Mund steckt!!! Natürlich achte ich genau darauf … aber wie du schon sagst: Spätestens, wenn du zwei Kinder hast, ist es schier unmöglich, ALLES zu sehen. Gut zu wissen, dass das auch die Mediziner wissen, an die wir uns wenden, wenn wir etwas verpasst haben.

[20:36, 19.1.2018] Anke Neckar:
Echt: Diese Gefühl ist richtig übel … zu wissen, man hätte es sehen müssen. Tja, gehört aber halt dazu ;) .

[20:38, 19.1.2018] Anke Neckar:
Den Ratschlag, YouTube-Videos anzusehen, werde ich definitiv beherzigen. Eigentlich will ich auch seit vier Jahren einen Erste-Hilfe-Kurs speziell für Kinder machen … aber ich schaff’s zeitlich nicht. Vermutlich bin ich da auch wieder nicht die einzige Mutter.

#Frage 5

[20:46, 19.1.2018] Anke Neckar:
Was bei Kindern ja auch extrem oft – also wirklich deutlich häufiger, als man sich das vorher so ausmalt – vorkommt, sind Kopfverletzungen. STÄNDIG rumst es böse, weil sie aufgrund ihrer Größe gerade PERFEKT die Ecke am Wickeltisch mit der Stirn erwischen oder wieder einmal viel zu wild auf dem Bett gesprungen und dabei runtergefallen sind oder so in ihr Spiel vertieft sind, dass sie die über ihnen geöffnete Schublade völlig vergessen haben. Ich selbst war als Kleinkind Spezialist darin, Schranktüre so zu öffnen, dass ich sie gegen die Birne bekam … immer :D . Und nicht zu vergessen das Lieblingsspiel aller 1-2 jährigen: Sich drehen, bis einem schwindelig wird (macht der Krümel gerade täglich). Da man seinem Liebling aber ja nicht dauerhaft einen Helm auf die Frisur pflanzen kann, müssen die kleinen Schädel eine Menge ein- und wegstecken. Doch wie erkennt man als Mama oder Papa, ob das schmerzhafte Ergebnis nur eine Beule ist … oder die Gefahr einer Gehirnerschütterung besteht?

[08:03, 20.1.2018] Janina Fischer:
Das Drehen bis man umfällt ist bei meiner Tochter auch gerade total der Renner!

Das Gute ist, dass durch Anstoßen des Kopfes (Tische, Schubladen etc.) fast immer nur eine Beule entsteht und keine Gehirnerschütterung. Die Gefahr einer Gehirnerschütterung ist größer, wenn die Kinder stürzen und vor allem wenn sie aus einer Höhe stürzen, die mehr als die eigene Größe beträgt. Das heißt, dass ein Sturz auf den Hinterkopf aus dem Laufen meist noch ohne Probleme vertragen wird, ein Sturz von Hochbett oder Wickelkommode aber schon ein größeres Risiko hat.

Eine Gehirnerschütterung zeigt sich so, dass die Kinder nach dem Sturz entweder bewusstlos sind (mehr als 10 sec) oder nach einer Zeit anfangen zu erbrechen oder sehr schläfrig und apathisch sind. Das ist manchmal schwierig zu beurteilen, weil fast alle Kinder nach einem Sturz, der mit viel Weinen und Aufregung verbunden ist, erst einmal vor Erschöpfung einschlafen. Ich empfehle daher, die Kinder schlafen zu lassen und sie zu beobachten und nach einer bestimmten Zeit auch wieder zu wecken, um zu schauen, ob sie gut reagieren. Eine Gehirnerschütterung heilt von selbst wieder aus und braucht außer Ruhe gar keine Behandlung. Das Problem nach Stürzen auf den Kopf ist, dass sich eine Blutung im Hirn anfangs nicht von einer Gehirnerschütterung unterscheiden lässt und wir als Ärzte damit in der Verantwortung stehen, eine Blutung auszuschließen, wenn uns die Kids nach den Stürzen zur Beurteilung gebracht werden. Daher werden Kinder mit Erbrechen oder schwerer Schläfrigkeit nach einem Sturz auf die Kinderstation aufgenommen und über Nacht mit einem Monitor und mit ein paar Tests von den Schwestern überwacht. Dann kann man nach 24-48 Std meist ausschließen, dass es im Kopf angefangen hat zu bluten.

Also braucht man bei normalen Verhalten des Kindes nach einem Sturz mit kurzem Erschöpfungsschlaf keine Bedenken zu haben, wenn aber Symptome wie Erbrechen, Bewusstlosigkeit, schwere Schläfrigkeit oder Verhaltensveränderungen auftreten, dann ist es in den allermeisten Fällen eine Gehirnerschütterung, bei der man die Blutung im Hinterkopf behalten und sich sonst im Krankenhaus vorstellen sollte. Es kommt dabei echt auf die Konstitution und Gelassenheit der Eltern an. Es gibt bestimmt viele, die nicht mit Erbrechen nach Sturz ins Krankenhaus kommen und das ist auch in Ordnung, aber wenn man sich nicht sicher ist und lieber eine Überwachung über Nacht hat, dann ist man auf der sicheren Seite, dass schnell genug reagiert würde, wenn es doch eine Blutung ist.

[12:28, 20.1.2018] Anke Neckar:
Echt super, ich lerne hier gerade richtig was! :D

[12:30, 20.1.2018] Anke Neckar:
Was ist mit diesem Rat, den man immer von anderen Müttern auf dem Spielplatz bekommt: Man solle nach einem Sturz die Pupillen des Kindes beobachten. Ist das echt sinnvoll? Und wenn ja, bei welchem Pupillen-Verhalten starte ich den Motor?

[14:27, 20.1.2018] Janina Fischer:
Das stimmt. Die Pupillenreaktion ist einer der Tests, den die Ärzte/Krankenschwestern über Nacht stündlich durchführen. Beide Pupillen sollten zunächst gleich groß und gleich rund sein, dann beleuchtet man kurz die rechte Pupille, die sich daraufhin zusammenziehen muss. Das gleiche macht man links. Sobald man das Licht wieder weg nimmt, geht die Pupille langsam wieder auf. Dann macht man das gleiche nochmal und schaut aber beim Beleuchten auf das andere nicht beleuchtete Auge. Auch das muss sich nämlich zusammenziehen. Also rechts leuchten und links zieht sich zusammen und links leuchten und rechts zieht sich zusammen. Funktioniert sowohl die direkte, als auch die indirekte Pupillenreaktion, weiß man, dass die Sehnerven im Hirn nicht abgedrückt sind und somit wahrscheinlich keine Blutung im Kopf ist. Eltern können diesen Test auch machen, allerdings braucht es etwas Übung und es lohnt sich, diesen Test vorher schon mal am gesunden Kind zu üben ;-). Es ist gerade bei den Kleinen, die immer wegschauen, wahrscheinlich eine Herausforderung, wenn man es noch nie gemacht hat.

Wenn man sieht, dass eine Pupille nicht reagiert oder die beiden schon ohne Licht ganz unterschiedliche Formen haben, ist es höchste Eisenbahn in die Klinik zu fahren.

[14:58, 20.1.2018] Anke Neckar:
Ich glaube, davon merke ich mir vor allem letzteres, denn ich kann mir aktuell kaum vorstellen, wie ich mit dem Krümel einen brauchbaren Licht-Pupillen-Test absolviere. :D Da würde ich persönlich also ganz klar lieber einmal zu oft ins Krankenhaus zum Profi fahren als einmal zu wenig.

[14:58, 20.1.2018] Anke Neckar:
So und dann kommt hier auch schon meine letzte Frage:

#Frage 6

[15:00, 20.1.2018] Anke Neckar:
Glücklicherweise ist es mir noch nie passiert, aber jedes mal, wenn ich Nudelwasser abgieße und der Krümel dabei heulend an meinem Bein steht, habe ich Sorge, dass mir der Topf entgleiten und das kochend heiße Wasser dadurch auf mein Kind schwappen und es verbrühen könnte. Wie verhalte ich mich, wenn es doch mal passieren sollte? Und woran erkenne ich, dass ich mit einer Hautverletzung durch Hitze schnellstens in die Notaufnahme düsen sollte?

[18:08, 20.1.2018] Janina Fischer:
Bei Verbrühungen gilt immer noch das Altbewährte: kühlen, kühlen, kühlen. Das macht man am besten mit fließendem, kühlen Wasser. Es muss nicht eiskalt sein und man braucht auch keine Eiswürfel oder Kühlpacks. 10-15 Minuten unter fließendem Wasser kommt einem schon ganz schön lange vor, hilft aber gut. Wenn die Haut nur gerötet ist, ist das das Beste. Wenn man Brandblasen sieht, ist es schon eine tiefere Verbrennung der Haut. Man sollte diese nicht öffnen, sondern einfach so belassen. Im akuten Stadium sollten keine Cremes oder Seifen verwendet werden. Sauber und trocken ist erstmal richtig. Ab dann muss man wieder entscheiden, Notaufnahme? Kinderarzt oder zuhause bleiben?

Das hängt von Größe, Lokalisation und Tiefe der Verbrennung ab.

Um die Größe zu beurteilen, finde ich die Handflächenregel gut. Wenn die Verbrennungsfläche größer ist als die Handinnenfläche des Kindes, dann sollte man zum Arzt fahren. Zu Öffnungszeiten kann fast immer der Kinderarzt mit Desinfektion, einer guten Brandsalbe und einem Verband weiterhelfen.

Das zweite ist die Lokalisation: Ist nur normale flache Haut betroffen, heilt das meist gut ab. Man sollte aber immer zum Arzt, wenn Gelenke, Hautfalten, Gesicht oder Intimbereich betroffen sind, weil dort eine narbige Abheilung besonders schlecht wäre.

Die Tiefe der Verbrennung zeigt sich oft erst nach ein paar Tagen in ihrer ganzen Ausprägung. Eine Rötung (1. Grades) heilt ohne Narbe ab und muss nur vor Schmutz geschützt und später eingecremt werden. Brandblasen (2. Grades) sollte man gut beobachten, lieber einmal mehr dem Arzt zeigen, als zu wenig, aber man hat gute Chancen, wenn alles abgetrocknet ist und die Haut entfernt werden kann, dass auch dieses Stadium ohne Narbe abheilt. Sieht man allerdings eine Verbrennung 3. Grades mit weißer nicht durchbluteter Haut, gelbem Grund (Fettgewebe) oder brauem Grund (Verkohlung), sollte man direkt in die nächste Notaufnahme fahren. Hier muss man eine Narbenheilung verhindern und da gehen auch dem niedergelassenen Kinderarzt die Therapiemöglichkeiten aus. Man kann im Krankenhaus aber mit Operation, Kunsthaut oder Hauttransplantation wirklich gute Ergebnisse erzielen.

Entscheidet man sich zuhause zu bleiben bei kleinen Verbrühungen ohne Brandblasen und auf flacher Haut, sollte man ein bis zwei Tage auf Trockenheit und Sauberkeit achten. Danach kann man anfangen die Haut einzucremen, z. B. mit Bepanthen. Man kann einen Verband drum machen, sollte aber darauf achten, dass der nicht festklebt. Das tut sonst beim Entfernen den Kids ganz schön weh und reißt die Haut immer wieder auf.

Wenn man es sich zutraut und die oben genannten Punkte beachtet, kann man kleine Verletzung selber behandeln.

Zusammenfassend gilt: bei Verbrennungen (oder auch allen anderen Krankheiten) kann man immer einen Arzt aufsuchen, wenn man sich nicht sicher ist, denn dafür sind wir ja da ;-). Ich würde auch keine unnötige Narbe bei meinem Kind riskieren. Wir wollen ja als Mamas UND auch als Kinderärzte immer nur das Beste für das Kind.

[20:56, 20.1.2018] Anke Neckar:
Da hast du recht. Und ich finde es super, dass du das nochmal so betonst, weil ich durchaus das Gefühl habe, dass manche Mamis sich hier und da einen Arztbesuch verkneifen, OBWOHL sie sich sorgen, weil sie Angst haben, den Stempel “Helikoptermutter” zu bekommen. Aber übler als jeder Mutti-Stempel wäre eben eine bleibende Narbe am Kind … oder schlimmeres.

Weißt du was … ich glaube, ich drucke mir das Interview als Merkzettel aus und packe es in meine Kinder-Medis-Schublade :D . VIELEN DANK, dass du dir die Zeit genommen hast, all meine Fragen so gründlich und umfassend zu beantworten!

[21:01, 20.1.2018] Anke Neckar:
Ich habe wirklich etwas gelernt und werde mich definitiv in Zukunft auf deine Tipps und Infos besinnen! :)

[21:03, 20.1.2018] Janina Fischer:
Ich danke dir für die Einladung! Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich immer, wenn sich die Leser für die kleinen medizinischen Tricks interessieren!

Danke für deinen erfrischenden Blog! Liebe Grüße, Janina

[21:06, 20.1.2018] Anke Neckar:
Na dann … bis zum nächsten Mal in der Notfall-Ambulanz! :D

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3 Kommentare für “WhatsApp-Interview: 6 Fragen an Kinderärztin Janina

  1. Liebe Anke und liebe Janina, Ich bin zwar Kinderkrankenschwetser und (zum Glück ) war das alles jetzt nichts neues für mich, aber ich fand es trotzdem super das ihr das Interview gemacht habt. Ich kenne viele Mamas die unsicher sich und auch nicht zu schnell zum Arzt rennen wollen. Und ich glaube das euer Interview da helfen kann etwas mehr Selbstvertrauen zu bekommen! Super Idee Anke und danke an Janina