Pflegefamilie
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Pflegefamilie: Die wohl schwerste Entscheidung ihres Lebens – Sarah gab ihre Kinder „weg“.

Manchmal erhalte ich Nachrichten oder E-Mails, die mich schlucken lassen. Die von Sarah war so eine. „Ich habe heute freiwillig meine Kinder in die Hände einer Pflegefamilie gegeben“, schrieb sie mir Anfang Dezember und ich weiß noch, dass ich sofort reflexartig die Luft anhielt. „Ich würde dir so gerne erzählen warum und wie es dazu kam, um anderen Mamis in meiner Situation vielleicht etwas Mut zu machen. Ich weiß, es ist ein Tabuthema, aber ich hoffe trotzdem, dass du ihm etwas Raum auf deinem Blog geben kannst“, las ich weiter und es begann sofort in mir zu arbeiten. Oh ja, das IST ein Tabuthema. Schon allein der Gedanke, dass eine MUTTER die eigenen Kinder beim Vater zurücklassen könnte, so wie es unzählige Männer tun, ohne das Hahn danach kräht, löst in den meisten Menschen Schnappatmung aus. Den Nachwuchs in eine Pflegefamilie zu geben ist da sogar noch eine Steigerung. Eine Mutter kann, nein, DARF doch nicht ihre Kinder „weggeben“! Das ist schlicht unvorstellbar … zumindest für die Allgemeinheit. Und genau deshalb handelt es sich beim Thema „Kinder FREIWILLIG in die Obhut einer Pflegefamilie zu geben“ um ein Tabu-Thema, über das kaum gesprochen wird, weil es so viel Unverständnis und Unbehagen auslöst, und sich die Menschen lieber davon abwenden, anstatt bei Interesse (vorsichtig) nachzufragen, wie es dazu kam. Dabei wäre genau DAS der bessere Weg.

Eine solch weitreichende Entscheidung, die ja mehr als nur ein Leben beeinflusst, trifft niemand leichtfertig; keine Mutter gibt ihre Kinder einfach so in die Hände andere Menschen und auch das Jugendamt „holt“ nicht einfach so ein Kind aus seinem Umfeld, weil Mama und/oder Papa gerade keinen Bock mehr auf Elternschaft haben. VOR diesem Schritt stehen lange Prozesse, unzählige Gespräche, literweise Tränen und harte Arbeit, um vielleicht doch noch eine andere Lösung zu finden. Aber wenn nichts hilft, es eben keine andere Lösung gibt, dann gibt es Möglichkeiten, das Leben aller Beteiligten zu verbessern bzw. eine Situation (vielleicht ja auch nur vorübergehend) zu beruhigen. Und darüber sollte gesprochen werden dürfen, sofern die involvierten Eltern den Mut dazu haben … um Wunden heilen zu lassen und vielleicht sogar, um etwas Aufklärungsarbeit zu leisten – so, wie es Sarahs Wunsch war, als sie sich mit ihrer Geschichte an mich wandte.

Um aber nicht nur Sarahs sehr persönliche und sehr emotionale Perspektive zu zeigen, sondern genauso die Hintergründe auf Jugendamt-Seite zu beleuchten, habe ich mir wieder Christin und Uta mit ins Boot geholt, die bereits im Artikel „Oh man, gleich kommt das Jugendamt!“ als Fachleute für spannende Einblicke in die (Handlungs-)Abläufe deutscher Jugendämter sorgten.

Direkt zu ihrem Interview weiter unten in diesem Artikel gehts hier:
Wie kann das Jugendamt helfen, wenn eine Familie nicht mehr kann?

Vorab: 5 Fakten zum Thema Jugendamt und Pflegefamilien.

  1. Das Jugendamt ist dazu da, Familien zu unterstützen und allen Beteiligten zu HELFEN – den Kindern genauso wie den Eltern.
  2. In allererster Linie ist das Jugendamt immer EINE WIRKLICH GUTE Anlaufstelle für Eltern, die sich überfordert fühlen in ihrer aktuellen Situation oder Fragen in Sachen Elternschaft haben, die sie sich alleine nicht mehr beantworten können.
  3. Das Jugendamt holt nicht einfach und plötzlich Kinder aus einer Familie heraus (von Rettungsaktionen abgesehen, weil akut ein Leben in Gefahr ist). Auch dann nicht, wenn die Eltern es sich wünschen. Diesem großen Schritt, eine Familie zu trennen, geht immer ein langer Prozess voraus, indem mit ambulanten Hilfen versucht wird, das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt möglich zu machen.
  4. Ein Platz in einer Pflegefamilie kostet Geld, viel Geld sogar. Steuergelder. Natürlich. Und auch das ist ein Faktor, den das Jugendamt im Blick behalten muss, ob es will oder nicht, wenn er auch weit hinter denen steht, die sich um das Wohl aller Beteiligten drehen.
  5. Es gibt in Deutschland leider viel zu wenig Pflegestellen und Pflegefamilien, was natürlich ebenfalls in (die möglichen) Entscheidungen hineinfließt.

Sarahs Geschichte und warum ihre Kinder aktuell nicht bei ihr leben:

Sarah ist noch jung, erst 22 Jahre alt, was natürlich nichts über sie als liebende Mutter aussagt, aber für sie definitiv einen wichtigen Teil ihrer Geschichte darstellt. Sarah ist die Mama von zwei kleinen Jungs, der Große ist 3 Jahre alt, der Kleine ist 10 Monate. Sie wohnt allein in einer kleinen Stadt in NRW und träumt von einem Job im sozialen Bereich. Reingeschnuppert hat sie schon; eine Ausbildung konnte sie bisher allerdings nicht machen.

Anfang Dezember 2020 hat Sarah eine sehr schwere Entscheidung getroffen: Sie gab ihre beiden Kinder freiwillig in Bereitschafts-Pflegefamilien. Leider, so erzählte sie mir, sogar erstmal in zwei unterschiedliche Familien, da die individuellen Bedürfnisse des Großen sehr viel Aufmerksamkeit und Förderung notwendig machten. Mittlerweile jedoch ist der kleine Junge zu seinem leiblichen Vater gezogen, wenn auch ohne seinen Baby-Bruder.

Aber wie genau kam es eigentlich dazu, dass Sarah diesen Schritt wählte? Was sind die Gründe, die sie dazu veranlassten … und wie lief alles mit dem Jugendamt ab? Das möchte ich sie selbst erzählen lassen, denn es ist eine sehr persönliche Geschichte, die ihre eigene Stimme verdient. Also …

Sarah erzählt:

„Ich bin sehr jung Mama geworden und hatte meinen Weg durchs Leben noch nicht gefunden. Ich habe mein Fachabitur abgebrochen und bin mit 17 Hals über Kopf zu meinem Vater gezogen. Eine Ausbildung fiel durch die erste Schwangerschaft ins Wasser und auch danach gab es nicht viel Aussicht darauf. Mein Leben war unstrukturiert und planlos; ich konnte nicht sagen, wie es weiter gehen sollte, hatte null Perspektiven. Auch die Beziehung lief ab der Geburt des Großen nicht mehr gut; der Kleine entstand am Ende eher aus der Hoffnung heraus, dass es besser werden würde. Vergeblich. Ich habe mich irgendwann vom Vater der Kinder getrennt.
Und dann war ich plötzlich das erste Mal für alles alleine verantwortlich (Ämter-Gänge, Überweisungen, Finanzen allgemein, etc.) und war damit absolut überfordert. Das merkte man auch immer mehr dem Verhalten meiner Kinder an.

Zwei Jahre zuvor waren wir bereits einmal mit unserem Sohn in einer Elternkind-Einrichtung, um sowohl an unserem unstrukturierten Alltag als auch an der Bindung zum Vater zu arbeiten. Damals war es so, dass ein anonymer Hinweis einging und das Jugendamt daraufhin unangekündigt vor unserer Tür stand. Beim ersten Mal war die Angst natürlich groß, aber letzten Endes unbegründet. Wir haben eine Familienhilfe bekommen und uns selbst dazu entschieden, in die Einrichtung zu gehen.

Als das Jugendamt Ende 2020 wieder für mich unangekündigt vor meiner Tür stand, war es etwas anders … der Vater der Kinder hatte es einige Tage zuvor schon angedeutet. Ich war natürlich erst einmal wieder voller Angst vor dem Verlust meiner Kinder. Ich stand da zwischen Chaos und schreienden Kindern. Das Jugendamt gab mir 2 Stunden, um die Wohnung aufzuräumen und kam dann noch einmal wieder.

Ich schaffte es knapp, sah aber auch endlich den Punkt, dass ich Hilfe gebrauchen könnte. Ich bekam erst mal eine Betreuerin zur Seite gestellt, aber innerlich kam in mir von Tag zu Tag mehr der Gedanke auf: Ok, ich sehe das ganze hier gerade irgendwie nur als MUSS und nicht als Herzensaufgabe.

Meine Kinder waren versorgt, ja, aber ich habe nur funktioniert, weil ich absolut keine Kraft mehr hatte. Mir gingen ständig die Gedanken durch den Kopf, dass ich mir für meine Kinder ein anderes Leben als mein eigenes in jungen Jahren wünsche; ich bin selbst ein Trennungskind einer sehr jungen Mama und erinnere mich so gut daran, wie schwer wir es oft hatten.

Ich habe es versucht. Mit meiner Betreuerin habe ich versucht, meinen Alltag zu strukturieren. Sie kam jeden Tag, auch am Wochenende und hat wirklich versucht hat mich zu unterstützen. Irgendwann hat mich mein neuer Freund, der mir nie vorgeschrieben hat, was ich tun soll, sondern einfach offen für das war, was ich dachte, gefragt, ob ich glücklich sei. Das war dann der Auslöser.
Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht und habe gemerkt, dass ich für das Leben als alleinerziehende Mutter noch nicht bereit war/bin. Ich hatte es zwar akzeptiert, aber glücklich war nicht.

Als morgens dann meine Kinder aufgewacht sind, ist alles zusammengebrochen … ich hatte schon so viel versucht, so gekämpft, aber ich habe es nicht geschafft, mein chaotisches Leben in den Griff zu bekommen. Ich habe meine Betreuerin angerufen. Sie war die ganze Zeit eine große Hilfe für mich, weil sie so unglaublich verständnisvoll und offen war. Sie stand mir auch an diesem Tag erst mal persönlich zur Seite, bis ich gesagt habe, dass ich mir wirklich sicher bin. Sie hat dann alles in die Wege geleitet und die Kinder abgeholt.“

Wo steht Sarah heute? Was plant Sarah für ihre (nahe) Zukunft? Und was wünscht sie sich für ihre Kinder?

Sarah weiß, dass nun ein langer Weg vor ihr liegt. Sie wünscht sich einen kompletten Neustart, hat sich von vielen Menschen getrennt, die rückwirkend nicht gut für sie waren. Ihre Mutter und ihr Zieh-Papa sind für sie da, auch wenn sie erst einmal sehr perplex waren. Sie hätten ihr gerne geholfen, konnten es aber nicht. Ihren Kleinen kann die junge Mama so oft sehen wie ich möchte. Und wenn sie es möchte und soweit ist, kann er auch zu ihr zurück … mit der Hilfe vom Jugendamt. Beim Großen gelten für sie die normalen Besuchs-Rechte, da er zu seinem Vater gezogen ist.

Sarah muss herausfinden, wo sie nun steht und was sie aus ihrem Leben machen will. Ihr größtes Ziel ist es, endlich eine Ausbildung zu machen und das wird sie angehen, sobald die Corona-Pandemie es zulässt. Bis dahin versucht sie zur Ruhe zu kommen, zu heilen, und Pläne zu schmieden für die Zukunft. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder. Ihr Glück liegt ihr, wie jeder Mutter, am meisten am Herzen. Nur weiß sie aktuell nicht, ob sie zu diesem Glück Teil ihres Lebens sein sollte oder kann. Dafür ist die Entscheidung noch zu frisch, die aktuelle Situation noch zu neu und der Weg vor ihren Augen noch zu verschwommen. Ich persönlich wünsche mir für Sarah aber schon jetzt, dass sich das gemeinsam-getrennte Leben dieser jungen Familie schon bald so entwickelt und positiv verändert, dass alle Familienmitglieder ihren Frieden finden werden und die Chancen erhalten, die sie brauchen … ganz egal, wie das dann aussehen mag. Und auch egal, was andere darüber denken.

Das große Tabu: Wenn Mama geht.

Eine Mama, die sich von ihren Kleinen bewusst zurückzieht oder gar trennt, zugibt, dass sie (gerade) einfach keine Mutter sein kann, muss mit sehr viel negativerem Feedback rechnen, als ein Vater, der dasselbe tut oder sich wünscht. Und genau deshalb war es Sarah so wichtig, ihre Geschichte zu erzählen – auch wenn ihre Geschichte schmerzt. Sie, ihre Kinder, ihr Umfeld und ehrlich gesagt auch mich, wenn ich sie lese und darüber nachdenke. Sie hat sich (vorerst) für ein Leben ohne ihre Kinder entschieden. Das ist ein Schritt, den sich wohl die meisten Mütter nicht einmal vorstellen können. Einige aber eben schon und sie trauen sich dennoch nicht, den Gedanken weiterzudenken und sich Hilfe zu holen, die Unterstützung, die sie dringend bräuchten. Aber Fakt ist: Sich einzugestehen, dass man nicht mehr weiterkann, dass die eigenen Grenzen längst überschritten wurden, kostet unsagbar viel Kraft und Mut; ganz besonders in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren, die auch Elternschaft miteinschließt. Und nochmal sehr viel mehr Mut bedarf es, wenn diese Erkenntnis nicht nur das eigene Leben stark beeinflussen könnte, sondern auch das Leben von Kindern.

Wie kann das Jugendamt helfen, wenn eine Familie nicht mehr kann?

Christin und Uta arbeiten beide schon seit vielen Jahren „für Familien“ – Christin ist seit 2010 im Kinder- und Jugendhilfe Sozialdienst, dem Jugendamt in Frankfurt am Main tätig, Uta setzt sich seit 2014 im Jugendamt einer Kleinstadt für das Wohl von Eltern und Kindern ein. Nun haben sie sich (wieder einmal ;) ) die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten, die mir nach Sarahs Geschichte unter den Nägeln brannten … um unser System und die Möglichkeiten für Familien, die vielleicht das Gefühl haben, keine Familie mehr sein zu können – zumindest nicht gemeinsam in einem Haushalt – besser zu verstehen.

1. Wenn es zu so einem Hilferuf (wie in Sarahs Fall) aus oder auch für eine Familie kommt, was passiert dann?

Uta antwortet: Es gibt da vor allen Dingen Unterschiede, je nach Alter der Kinder. Einen direkten Leitfaden gibt es nicht, aber wir haben festgelegte Vorgehensweisen, die wir dann zu Rate ziehen können. Es ist natürlich wichtig, erst einmal herauszufinden, welche Probleme es innerhalb der Familie gibt, wo diese herkommen und was bis zu dieser Entscheidung bereits geschehen ist, um an diesen Problemen zu arbeiten.

Wenn es sich um sehr kleine Kinder handelt, versuchen wir vor allen Dingen Hilfen innerhalb der Familie zu installieren, wie z.B.  Sozialpädagogische Familienhilfen, die dann die Familien Zuhause aufsuchen und gemeinsam mit allen Familienmitgliedern versuchen, eine innerfamiliäre Lösung zu finden. Manchmal sind Eltern ja auch einfach überfordert mit sehr willensstarken Kindern oder haben nicht die geeigneten pädagogischen Mittel in ihrem Repertoire, um möglichen Schwierigkeiten entgegen zu treten. Es stellt sich außerdem immer die Frage, ob die Eltern vielleicht auch selber therapeutische Hilfestellungen benötigen, die ebenfalls über diese Sozialpädagogischen Familienhilfen (wenn diese dazu ausgebildet sind) mit abgedeckt werden.

Handelt es ich aber zum Beispiel um Jugendliche oder junge Heranwachsense mit Suchtproblematiken, die das familiäre Leben mächtig durchrütteln und die Eltern auch ein Stückweit hilflos zurücklassen, dann ist es manchmal ein guter Break, wenn die Jugendlichen, zumindest für eine Zeit, aus diesem belastenden Setting herausgenommen werden. Es muss ja nie auf Dauer sein. Auch nicht, wenn Eltern an den Punkt kommen, dass ein Kind aus der Familie genommen und fremduntergebracht werden muss (hier ist es ja egal, ob es eine Pflegefamilie oder eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung ist). ´

Wir sagen aber immer (solange keine akute oder bedrohlich latente Kindeswohlgefährdung besteht), dass wir, wenn es gewollt ist, zunächst eine innerfamiliäre Hilfe installieren, um dem allen auf den Grund zu gehen. Wenn dies natürlich aus welchen Gründen auch immer, nicht der Fall ist, dann begleiten wir die gesamte Familie in diesem Prozess und bringen Kinder dann fremd unter.

2. Wenn es, wie im Falle meiner Interviewpartnerin, keine Alternative gibt und die Eltern ihre Verantwortung für die Kinder wirklich abgeben möchten, wie geht es dann weiter?

Christin schreibt dazu: So wie ich das herausgelesen habe ging der Fall deiner Interviewpartnerin sehr friedlich ab. Sie erscheint mir sehr reflektiert und vernünftig. Solch eine Entscheidung kann man auch gar nicht leichtfertig treffen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele schlaflose Nächte sie hatte, wie groß ihre Angst vor den Reaktionen der anderen war. All dies schwingt ja immer mit hinein in eine solch tiefgreifende Entscheidung! Aber wenn es dann dazu kommt, sollte man gemeinsam auf die Suche nach einer geeigneten Familie/Einrichtung gehen. So etwas dauert aber. Es gibt relativ wenig Pflegekinderfamilien und Einrichtungen entsprechen manchmal nicht den Erwartungen der Eltern. Im besten Fall schaut man gemeinsam die Familien an.

Ganz wichtig: Man muss hier aber gerade bedenken, dies ist alles aus Sicht der Erwachsenen! Es ist eine emotionale Gradwanderung, den Kindern beizubringen, dass sie nicht mehr bei ihrer Mutter/ihren -Eltern leben können. Hier muss man auf das Alter, die Entwicklung und den seelischen Zustand geachtet und behutsam eingegangen werden. Die Kinder müssen die Entscheidung ihrer Mutter schließlich mittragen – sie haben keine eigene Entscheidungsmacht.

Uta führt weiter aus: Die Suche nach der passenden Pflegestelle oder Heimeinrichtung bedarf tatsächlich – sofern vorhanden – Zeit und Ruhe. Viele Fragen müssen geklärt werden wie z.B. zur Entfernung zwischen Einrichtung und Herkunftsfamilie: Mit welcher Entfernung könnte das Kind am besten umgehen? Zu nah könnte bedeuten, dass sich das Kind auf den Weg zurück zu den Eltern macht. Könnte das eine Gefahr darstellen? Ist das von den Eltern nicht gewünscht?

Die Einrichtung oder Pflegestelle wird in der Regel vorab sowohl von den Eltern, als auch vom Kind besichtigt und es finden Vorstellungsgespräche statt. Die Krux ist leider oft, dass sich die Kinder natürlich auch darauf einlassen müssen; darauf, dass sie von Zuhause weggehen und darauf, dass sie in ein völlig neues Setting kommen, in das sie sich völlig neu eingewöhnen müssen – mit für sie fremden Menschen! Das ist eine sehr beachtliche Aufgabe für diese jungen Menschen und es muss immer damit gerechnet werden, dass es zu Rückschlägen kommen kann.

Wenn eine Einrichtung/Pflegestelle gefunden wurde, werden Vollmachten ausgestellt, aber die elterliche Sorge bleibt bei den Eltern, so lange die Kinder nicht zur Adoption freigegeben werden oder eine gerichtliche Entscheidung den Eltern das Sorgerecht „wegnimmt“.

Ich finde es sehr wichtig, dass Eltern in solchen Situationen auch genau darauf hingewiesen werden. Sowohl in Bezug auf alle Rechte, die Ihnen zustehen, als auch in Bezug auf alle Pflichten. Es sollte vorab auch geklärt werden, und das ist auch eine Sicherheit für die Kinder, dass Besuchskontakte stattfinden und zwar regelmäßig. Selbst wenn Eltern entscheiden, ihr Kind abzugeben, heißt das nicht, dass dies auch eine Entscheidung des Kindes ist. Insofern erachte ich es aus fachlicher Sicht als überaus notwendig, dass der Kontakt zur Herkunftsfamilie auf gar keinen Fall gänzlich abgebrochen werden darf. Und dies verstehe ich auch als Pflicht der Eltern, dies einzuhalten.

3. Was ist, wenn die Mama und/oder der Papa irgendwann sagen: „Ich möchte meine Kinder doch wieder zurück“? Geht das „so einfach“? Wenn ja, wie?

Christin ist da ganz ehrlich: Auch hier gilt wieder: Jede Familie, jedes Kind, jede Situation ist individuell. Vorrangig muss man schauen, was das mit der Psyche des Kindes machen würde.

Wie auch die Entscheidung über eine Fremdbetreuung, sollte daher auch die zu einer Rückführung in die ursprüngliche Familie nicht leichtfertig getroffen werden.

Wenn es zu einer Rückführung kommt, sollte diese behutsam geschehen. Das Kind hat ein anderes Familiensystem mitbekommen, die Eltern haben ohne tägliche Verantwortung für ein Kind gelebt. Ich für meinen Teil sehe Rückführungen aus dem Grund: „Weil es jetzt den Eltern wieder passt“ eher negativ. Aber … hier gilt das Individualprinzip.

Uta bestätigt: „So einfach“ ist das sicherlich nie. Man muss sich das aus der Sicht der Kinder vorstellen: Egal, ob die Kinder ebenfalls den Entschluss mitgetragen haben, dass sie ihre Herkunftsfamilie verlassen, oder nicht … am Ende hat sich ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. Was macht das mit einem Kind? Da gibt es so viele verschiedene Wege und Möglichkeiten, wie sich Kindern in solchen Situationen entwickeln, aber eines werden wohl alle irgendwie gemein haben: Sie versuchen, sich mit der ihnen vorgegebenen Situation zu arrangieren. Und vorgegeben ist diese Situationen immer, selbst wenn sie anfänglich diese Entscheidung mitgetragen haben; denn inwieweit kann ein Kind oder Jugendlicher eine solche Entscheidung wirklich „tragen“ und vorab alle Konsequenzen abwägen und hinterfragen. Diese Kinder werden sich also in eine neue Umgebung eingewöhnen und im besten Fall einen guten und standhaften Fuß an den Boden bekommen. Es werden hoffentlich regelmäßig Besuchskontakte durchgeführt, sodass sich die Familie nicht aus den Augen verliert. Aber, was bedeutet es dann, wenn die Eltern das Kind nun auf einmal doch wieder bei sich haben möchten? Das Kind soll dann aus seiner aktuellen Lebenswelt gerissen werden, in dass es sich mit (vielleicht) Mühe und Not hineingefunden hat. Warum wollen die Eltern das? Weil das Kind jetzt wieder „funktioniert“? Weil sich die Lebensumstände der Eltern nun doch deutlich verbessert haben und diese nun wieder stabil genug sind, ein gemeinsames Leben mit dem Kind zu führen? Egal warum, es wird für das Kind erneut bedeuten, aus einem (hoffentlich) funktionierenden Setting herausgerissen, um in ein neues, altes gebracht zu werden, in dass es sich WIEDER neu einleben muss.

Diese Thematik ist unter extrem individuellen Gesichtspunkten zu betrachten, aber wenn der Entschluss gefasst wird, dass ein Kind nach einiger Zeit wieder in den Haushalt der Herkunftsfamilie wechseln soll, dann bedeutet dies eine Menge Arbeit für alle Beteiligten. Wir würden nie einfach ein Kind in eine Familie zurückgeben, ohne diese nicht mit einer ambulanten Hilfe zu begleiten und zu unterstützen, denn es entstehen gerade in diesen Konstellationen die größten Herausforderungen, um wieder zueinander zu finden. Denn das ist es am Ende: Das Zueinanderfinden. Die Entscheidung, dass ein Kind nicht länger in einer Familie bleiben kann, und da ist der Grund völlig egal, das entzweit eine Familie; auf beiden Seiten.

Am Ende soll die Familie gestärkt und bestärkt werden, einen Neuanfang zu machen und der sollte dann mit der richtigen Hilfe vorbereitet werden.

4. Wie gut sind die Chancen deiner Erfahrung nach, dass die Ursprungsfamilie wieder zusammenfindet, wenn die Trennung selbstgewählt war?

Christin antwortet vorsichtig: Diese Frage kann ich leider gar nicht pauschal beantworten. Wenn alle Faktoren beachtet worden sind, wenn das Kind gut im Blick steht, dann kann es durchaus sein, dass die Kinder wieder in der Herkunftsfamilie leben können.

Uta ist derselben Meinung: Das ist schwierig zu beantworten, weil wir noch nicht so viele Fälle gehabt haben. Aber ich denke, wenn die Fremdunterbringung nicht zu lange gewesen ist und die richtigen Hilfen eingesetzt werden, um eine Rückführung in die Wege zu leiten, dann kann das klappen. Eine Rückführung beginnt ja nicht an dem Tag, an dem das Kind wieder zur Herkunftsfamilie zieht, sondern schon viel früher. Dem Voraus gehen konstante und regelmäßige Besuchskontakte, sowie ein guter Austausch zwischen den Eltern, der Einrichtung/Pflegestelle und dem Jugendamt. Auch hier kommt es auf das Alter der Kinder an. Wobei man nicht sagen kann, dass je jünger die Kinder sind, es einfacher ist. Denn da wirken sich solche Trennungen natürlich anders aus und bringen möglicherweise andere Auffälligkeiten hervor, als bei älteren Kindern.

5. Werden Kinder und Eltern in solchen Lebenssituationen eigentlich psychologisch betreut? Wird dazu geraten? Es sind ja für beide Seiten immer sehr einschneidende Ereignisse. Wie sind da die Empfehlungen oder Regeln des Jugendamtes?

Christin findet sehr klare Worte: Wie schon gesagt, haben die Eltern die Entscheidungsmacht. Die Kinder müssen sich fügen. Und das macht etwas mit einem Kind. Hier ist es auch an der Einrichtung / Pflegefamilie das Kind gut aufzufangen und zu begleiten. Die Mitarbeiter im Jugendamt haben sehr oft gar nicht die zeitlichen Kapazitäten, sich um die Belange der Kinder zu kümmern. Das muss man leider so sagen. Da geht es um den „rein formalen“ Akt. Hier hofft man auf die Einrichtungen/Pflegefamilien, dass diese die Kinder auffangen. Die Pflegefamilien sind eventuell sogar pädagogisch/psychologisch geschult, die Mitarbeiter in den Einrichtungen haben entsprechende Ausbildungen.

Solch ein einschneidendes Erlebnis „rüttelt“ an dem Urvertrauen des Kindes und kann dadurch nachhaltig gestört werden. Man muss immer abwägen, was „schlimmer“ für das Kind ist. Und ganz ehrlich: Hier entscheidet man sich oft zwischen der Pest und Cholera!

Uta bezieht sich auf ihre Erfahrungen: Eine psychologische Anbindung der Kinder wird im Rahmen der Fremdunterbringung organisiert und ist unumgänglich! Den Eltern rate ich ebenfalls dazu, sich psychologisch anzubinden und würde ich feststellen, dass die psychische Verfassung der Eltern nicht stabil genug wäre, dann wäre dies auch eine Bedingung, die ich an eine geplante Rückführung stellen würde. Die Familie würde durch das Jugendamt sehr eng begleitet werden und es würde auch vorab sehr viel mit den Kindern gearbeitet werden. Je nach Alter der Kinder wird auch der Wille dieser mit in die Entscheidung einbezogen, ob eine Rückführung vollzogen wird, oder nicht.

Im Großen und Ganzen muss das Jugendamt die Entscheidung von Eltern, ein Kind in eine Pflegefamilie/Einrichtung zu geben, sehr, sehr ernst genommen werden. Am Ende ist diese Entscheidung durchaus besser, falls sich ansonsten eine Gefährdung für das Kind ergäbe, wenn es weiter in der Herkunftsfamilie bleiben würde. Dennoch gilt, dass zunächst die ambulanten Hilfen, die wirklich passen, ausgeschöpft werden müssen, bevor ein solcher Schritt gewagt wird. Denn dieser Schritt verändert alles und ist eben nie ohne Nachwirkungen reversibel; vor allem für die betroffenen Kinder.

Es gibt so viele Institutionen, die wirklich gute Hilfsangebote haben und auch in allen Lebensbereichen unterstützen und helfen. Leider treten Betroffene oft nicht zeitig genug an das Jugendamt heran, was ich persönlich sehr schade finde, da wir absolut nicht darauf aus sind, ein Kind sofort aus einer Familie zu nehmen. Ganz im Gegenteil: Wir unterstützen, beraten, helfen und zeigen Lösungsmöglichkeiten gerne zunächst innerfamiliär auf, bevor wir uns für Fremdunterbringungen entscheiden.

Christin gibt abschließend noch zu bedenken: Dies sind alles die NonPlusUltra-Vorgehensweisen. Um die für Familien umsetzen zu können, brauch es ein stabiles Team im Jugendamt, eine gute personelle Ausstattung, Zeit und einen stabilen und gut arbeitenden Sozialarbeiter. Aufgrund des Mangels an Mitarbeitern, Überlastung und Überarbeitung kann dies alles aber leider auch negativer ablaufen.

 

Fazit: Das Jugendamt ist für Familien – Mütter, Väter und auch Kinder – die Adresse, wenn Hilfe von Nöten ist. Wie diese Hilfe, diese Unterstützung dann aussieht, hängt ganz und gar von der individuellen Situation ab – Angst, dass eine Familie „einfach zerrissen“ wir oder Scham, weil man nicht mehr kann, muss niemand mitbringen. Der Wunsch, nicht länger unterzugehen und nach Lösungen zu suchen, reicht. <3

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Beitrag teilt. :-*

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