(Leser-)Geburtsberichte

Uta S. erzählt

Ich habe 4 Kinder geboren, eines davon trage ich im Herzen und die anderen sind gesund und fröhlich und bereichern unser Leben.
Am 20.04.2012 brachte ich unseren ersten Sohn in der 38. Schwangerschaftswoche still zur Welt. Einen Tag zuvor waren mein Mann und ich bei der routinemäßigen Untersuchung gewesen. Beim CTG fand die Arzthelferin keine Herztöne. Beunruhigt, aber mit dem Gedanken “Was soll schon sein? Jetzt, so kurz vor Schluss geht doch nichts mehr schief. Vielleicht liegt er gerade nur ungünstig.” gingen wir zur Ärztin rein. Sie machte einen Ultraschall und wurde plötzlich ganz schweigsam. Dann sagte sie, dass das Herz nicht mehr schlage. Mich erfasste eine seltsame Lähmung. Ich weinte nicht. Ich sagte nichts. Ich begriff gar nicht richtig, was da gerade zu mir gesagt wurde. Die Frauenärztin stellte eine Überweisung in die Klinik aus und wir verließen die Praxis. Mein Mann weinte draußen vor der Tür. Ich sagte immer noch nichts. Auf dem Weg ins Krankenhaus legte ich meine Hände auf den Bauch und horchte in mich hinein. Sprach in Gedanken zu ihm, wollte nicht glauben, dass er nicht mehr lebte, flehte ihn an sich zu bewegen und hatte tatsächlich immer noch die irrwitzige Hoffnung, dass die Ärztin sich geirrt habe und im Krankenhaus doch noch alles gut werden würde.
Im Krankenhaus machte man zuerst einen Ultraschall. Dort wurde uns bestätigt, dass unser Kind nicht mehr lebte. Als der Arzt das sagte, brach mein Mann richtig in Tränen aus und ich merkte, dass auch er noch diese seltsame Hoffnung gehabt hatte wie ich. Ich selbst fühlte mich nach wie vor betäubt und zu keinen Emotionen in der Lage. Wir wurden auf Station geschickt und eine sehr freundliche Hebamme nahm sich unser an. Sie erklärte mir, dass man nun die Geburt einleiten würde. Ich war schockiert und es überrollte mich Angst. Ich war bis zu diesem Augenblick davon ausgegangen, dass man einen Kaiserschnitt machen würde. Ich wollte keine natürliche Geburt erleben, ich konnte mir nicht vorstellen, die Kraft dafür aufzubringen. Doch es führte kein Weg daran vorbei. Ich bekam die erste Tablette gegen Mittag und es setzten sogleich leichte Wehen ein. Ich rief meine Schwester an. Sie wohnt 300 km weit weg und machte sich sogleich mit ihrem Mann auf den Weg zu uns.
Die Wehen kamen und gingen. Nachdem es am Abend noch nicht viel anders war, entschied man, erst am nächsten Morgen mit der Tablettengabe weiter zu machen. Doch meine Gedanken kreisten so sehr und meine Angst schraubte sich in die Höhe, dass ich überhaupt nicht schlafen konnte. Man gab mir schließlich eine Valium und so bekam ich doch noch ein paar Stunden Schlaf.
Am nächsten Morgen ging es weiter. Am Nachmittag wurden die Wehen immer stärker und unangenehmer. Man sagte mir mehrfach, dass ich ruhig alles an Schmerzmitteln nutzen solle, was man so zu bieten habe. In so einem Fall wie meinen würde es das ganze erträglicher machen. Um 20 Uhr rief ich dann doch nach der Hebamme und fragte nach einer PDA. Sie stellte fest, dass mein Muttermund 4 cm geöffnet war und entschied, mich nun in den Kreissaal in ein Wehenzimmer zu verlegen. Der Anästhesist wurde verständigt und legte die PDA. Währenddessen veränderte sich der Schmerz dramatisch und ein Druck nach unten entstand. Ich konnte es kaum aushalten, ruhig zu sitzen bis der Anästhesist fertig war. Als ich mich hinlegte und die Hebamme mich noch einmal untersuchen wollte, sah sie, dass bereits ein Stück der noch intakten Fruchtblase herausschaute. Sie öffnete die Fruchtblase und nach zwei Presswehen war unser Sohn geboren. Ich weiß noch, dass mich im ersten Moment Erleichterung durchflutete, dass dieser furchtbare Druck und Schmerz plötzlich vorbei waren. Dann hörte ich diese Stille. Kein Babyschreien. Nur das Weinen meines Mannes und meiner Schwester und mein Weinen. Endlich konnte auch ich weinen. Die Hebamme nahm unseren Sohn kurz mit um ihn sauber zu machen und in ein Handtuch zu wickeln. Dann kam sie wieder, um ihn uns zu zeigen. Er sah ganz normal aus. Wie ein kleines, schlafendes Baby mit kirschroten Lippen. Was mein Mann und ich bis heute bereuen, ist, dass wir ihn nicht selbst gehalten haben. Wir haben uns einfach nicht getraut, waren überfordert mit der Situation. Dafür hielt ihn meine Schwester und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Mein Mann und ich machten eine Familientherapie mit Trauerbegleitung und 2 Monate später war ich erneut schwanger. 11 Monate nach unserem Sternenkind wurde unser Großer geboren, wieder nach Einleitung, doch dieses Mal auf meinen eigenen Wunsch, in der 38. Schwangerschaftswoche. Zu groß war die Angst ab diesem Zeitpunkt, dass ich es einfach nicht mehr aushielt. Auf eine PDA verzichtete ich dieses Mal, die letzte hatte ohnehin erst gewirkt als das Kind schon da war. Mein Mann, meine Schwester und mein Schwager waren dabei und es war für uns vier, die wir schon diese traurige erste Geburt zusammen durchgemacht hatten, heilsam und sehr emotional. Wieder weinten wir, doch dieses Mal vor Glück. Ich weiß noch wie ich dieses süße, duftende, vor sich hin knuckernde Menschlein auf der Brust liegen hatte und mein Glück gar nicht begreifen konnte. 18 Monate später wurde unser Mittlerer geboren, ganz ohne Einleitung, denn ich hatte wieder Vertrauen in meinen Körper gewonnen und wollte dieses Mal die Geburt auf mich zukommen lassen, wollte spüren wie sich normale Wehen anfühlen. Es war eine tolle Geburt an einem warmen, sonnigen Nachmittag im September. Ich war ganz eins mit mir und konnte die Geburt ganz ohne Ängste genießen. Ich blieb nur eine Nacht im Krankenhaus und ging am nächsten Morgen nach Hause. Drei Jahre später wurde dann unser jüngster Sohn geboren. Es war die schnellste Geburt, aber mit den schmerzhaftesten Wehen. Da es aber insgesamt recht schnell ging, verzichtete ich auf Schmerzmittel und fuhr 4 Stunden nach der Geburt wieder nach Hause, wo schon die beiden großen Brüder gespannt warteten. Ein Bild unseres ersten Sohnes steht bei uns auf dem Schrank und unsere beiden Großen wissen, dass das ihr ältester Bruder ist, der auf sie aufpasst.

Diesen besonderen Geburtsbericht hat Uta geschrieben <3

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