Kinderwunschbehandlung
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Interview zur Kinderwunschbehandlung: Wenn der Traum vom Baby Hilfe braucht

Ich kann mich noch irre gut daran erinnern, wie enttäuscht ich war, als unser erster Versuch schwanger zu werden, nicht fruchtete. Und wie viel stärker dieses Gefühl direkt wurde, als auch der zweite Übungs-Zyklus ohne Erfolg verstrich. Vielleicht klappt es ja nie, zuckte es ständig durch mein Hirn, denn sehr frühe Wechseljahre sind bei den Frauen in meiner Familie keine Seltenheit und ich war zu dem Zeitpunkt schon 36 Jahre alt.

Aber wir hatten Glück. Im dritten Zyklus seit dem Absetzen der Pille wurde ich zum ersten Mal schwanger und sogar als wir es drei Jahre später wieder versuchten, weil wir uns ein Geschwisterchen für die Tochter wünschten, klappte es jedes mal recht schnell … wenn wir auch zwei Fehlgeburten zu betrauern hatten. Dennoch: Ich konnte Kinder empfangen. Ich war noch nicht in den Wechseljahren. Und auch beim Mann gab es keinerlei Hürden, die unserer Familienplanung im Weg gestanden hätten. Wir hatten Glück. Doch das haben bei weitem nicht alle Paare.

Manchmal hilft eine Kinderwunschbehandlung dem Glück auf die Sprünge

Melanie und ihr Mann zum Beispiel sind erst mithilfe einer Kinderwunschbehandlung Eltern geworden. Genaugenommen mit einer ICSI. Ich bin ja bekanntermaßen keine Medizinerin, deshalb erkläre ich es jetzt mal so vereinfacht, dass ICH es kapiere: Dem Mann werden Spermien entnommen. Die flottesten Schwimmer gewinnen den Job und dürfen unter dem Mikroskop via mega-feiner Spritze in Eizellen eindringen, die vorher der hoffentlich bald werdenden Mutter entnommen wurden. Beginnt anschließend die Zellteilung, entstehen als Embryonen, darf das neue Dreamteam dort einziehen, wo es hingehört: in der Ursprungs-Gebärmutter.

Klingt so formuliert natürlich eigentlich recht unkompliziert und super einfach, ABER ganz so easy ist das Ganze dann doch nicht. Ist es ja nie, selbst wenn es auf „natürlichem“ Wege klappt, wenn man die Fehlgeburtsrate in Frühschwangerschaften bedenkt. Eine Garantie, dass man 10 Monate später ein Baby im Arm hält, gibt es daher auch nicht bei künstlichen Befruchtungen. Noch dazu ist der Start gerade für die Mütter oftmals ein echter Höllenritt … aufgrund der nervlichen und auch körperlichen Belastungen, die unter anderem die Hormon-Behandlungen und die ständige Unsicherheit mit sich bringen.

„Weißt du, wie unglaublich nervenaufreibend das Warten auf Post sein kann“, schrieb mir Melanie letztens und erzählte mir dann sehr aufgeregt, dass sie sich ein zweites Kind wünschen und dafür noch einmal eine ICSI auf sich nehmen wollten. Zuerst aber bräuchten sie das OK der Krankenkasse, dass zumindest ein Teil der bis zu 5000 € hohen Kosten übernommen würden. Ich hatte keine Ahnung. ;) Und da ich vermutete, dass ich mit meiner Unwissenheit (mal wieder) nicht alleine dastehe, nutzte ich die Gelegenheit, um Melanie zu bitten, mir ein Interview zu geben. Damit auch wir anderen Mütter uns mal ein Bild davon machen können, wie Familien AUCH zu Kindern kommen können, wie SIE dann hibbeln und wann SIE vor Angst um die Zukunft kaum mehr atmen können. Denn klar ist natürlich: Der Weg in die Elternschaft ist für die meisten irgendwie ein bisschen holprig, schon allein, weil niemand so genau weiß, was da eigentlich auf einen zukommt. Aber nicht nur zu zweit über den Beginn und die einzelnen Schritte dieses Abenteuers bestimmen zu können, ist definitiv noch einmal eine andere Nummer. Daher freue ich mich sehr, mit Melanie darüber gesprochen zu haben:

Interview zur Kinderwunschbehandlung ICSI

Liebe Melanie, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, meine Fragen zu diesem doch sehr persönlichen Thema zu beantworten: der Kinderwunschbehandlung via ICSI. Magst du dich vielleicht erst einmal kurz vorstellen? Wir kennen uns ja bisher nur von Instagram. ;)

Hallo liebe Anke, natürlich stelle ich mich gerne vor. Ich heiße Melanie, bin 30 Jahre jung und nun seit mehr als 3 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Wir wohnen in einer süßen Doppelhaushälfte inmitten einer Kleinstadt mit unserem kleinen Wunder Emelie ( 2 ) und meiner Nichte Georgina ( 17 ) sowie den Hasen Norma und Norman und dem Kater Knut.

Du hast also eine kleine Tochter, wie schön! <3 Und nun … um direkt ins Thema einzusteigen … stelle ich dir eine Frage, die ich WIRKLICH noch niemals jemandem gestellt habe: Hast du deine Tochter auf natürlichem Wege empfangen?

Nein, Emelie ist in einer Kinderwunschklinik durch eine ICSI bei mir eingezogen.

Wie lange haben dein Mann und du auf „normalem Wege“, also via Sex versucht, schwanger zu werden, bevor ihr zum ersten Mal einen Fuß in eine Kinderwunschklinik gesetzt habt.

Wir haben sehr früh gewusst, dass wir gemeinsam Kinder möchten, es bei mir aber nicht so einfach werden würde, da ich Endometriose habe. 
Nach einem halben Jahr Beziehung, haben wir bewusst nicht mehr verhütet und das gut 3.5 Jahre, bis mir klipp und klar in einem Krankenhaus gesagt wurde: “ Jetzt oder eventuell nie “.

Wie war es für euch, diese Entscheidung zu treffen? Und wurdet ihr von eurem Umfeld dabei unterstützt und positiv bestärkt?

Die Entscheidung an sich war für mich ganz leicht zu treffen, mein Mann musste sich jedoch vorerst mehr mit dem Thema beschäftigen, um zu realisieren, dass es leider auf natürlichen Wege nicht klappen würde. Das hoffte er nämlich bis zum Schluss.

Wir haben von der Behandlung eigentlich niemandem so richtig erzählt, muss ich sagen, eventuell weil wir eben dachten: „Was denken die anderen?!” und um uns nicht noch mehr Druck zu machen. Es gab nur eine Person, die es wirklich wusste, und das war Seda – eine meiner besten Freundinnen. Sie hat mich von Anfang bis Ende unterstützt und aufgebaut, wenn es mir schlecht ging oder ich ein Alibi brauchte.

Wie viele ICSI-Versuche habt ihr gebraucht, bis sich euer Kind endlich auf den Weg machte? Und welcher Part der Behandlung hat dich am meisten Nerven gekostet?

Wir hatten wirklich Glück, da es gleich beim ersten Mal geklappt hat. Da sich nur eine Eizelle von 14 soweit hat kultivieren lassen, wie wir es wollten, konnte nur eine eingesetzt werden und das war dann eine echte Kämpferin. :)

Es ist schwer zu sagen, was am meisten Kraft und Nerven gekostet hat. Ich würde an erster Stelle auf jeden Fall sagen: das Warten. Die Zeiträume zwischen den Besuchen in der Kiwu-Klinik. Für mich kamen dann auch noch die Medikamente dazu. Dadurch, dass wir im Februar das erste Mal in der Klinik waren, aber die Hochzeit erst im Juni stattfinden sollte, hat man mich bis nach der Hochzeit in die Chemischen Wechseljahren geschickt und mir danach dann gleich die ganzen Hormone für die Eireifung ect. verabreicht. Das war wirklich Horror, aber man weiß für was man es macht.

Was ist mit eurer Partnerschaft, eurer Ehe? Hat sie unter den Belastungen der Kinderwunschbehandlung gelitten? Ich muss ja gestehen, dass ich meinen Mann schon so in Grund und Boden „gehibbelt“ habe ;) … nicht auszudenken, wie sehr es mich gestresst hätte, wenn es ernstzunehmende Hürden gegeben hätte.

Für meinen Mann war das Nervenkostenste wohl ich. ;) Er war in der Zeit wirklich mein Fels in der Brandung. Wenn ich durch die Hormone (oder warum auch immer) heulte oder anfing mit ihm zu streiten, war er einfach da und beruhigte mich. Also nein, unsere Beziehung hat dadurch nicht gelitten, sondern es hat sie noch mehr gestärkt.

Wie war eure Reaktion, als ihr endlich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielten?

Dazu gibt es eine süße Story: Ich hatte den Transfer an einem Dienstag und es hieß, man könnte nach 10 Tagen mal einen Pipi-Test machen. Ich hatte natürlich keine Geduld und musste ihn schon nach 8 Tagen machen. Ergebnis: NEGATIV. Ich war so unendlich traurig, dass ich es Manu nicht sagen wollte. Er merkte es aber recht schnell, dass mich was bedrückte und fragte gleich: „Na, du hast getestet, oder ?” Ich nickte und weinte und wir machten aus, dass wir sonntags noch einen Test GEMEINSAM machen würden. Sonntagmorgen konnte ich vor Aufregung nicht mehr schlafen und ging ins Bad, nachdem ich meinem Mann geweckt hatte. Ich kam mit dem Test wieder raus und es war nur so halb hell im Raum, weil wir kein Licht angemacht hatten, sondern nur das Sonnenlicht vom Nebenzimmer reinschien. Nach ca. einer Minute schaute ich auf den Strichtest und es war nur ein Stich da. Mir stiegen die Tränen in die Augen und Manu nahm mich in den Arm. Ich sagte: „Na, zum Glück hab ich nicht diesen Mega teuren Test mit Wochenbestimmung gemacht!“ und Manu sagte: „Komm, mach den auch noch!” Ich also wieder ins Bad und als ich wieder rauskam, machte ich das Licht an. Ich nahm den Strichtest nochmal in die Hand und da war er, der zweite Strich. Ich fragte Manu, ob er es auch sähe und er sagte: “Nun warten wir mal, was der zweite Test sagt, aber den lese ich ab … du kannst das ja offensichtlich nicht richtig. ;) ” Diese 2-3 Minuten vergingen nicht … es kam mir vor wie Stunden und dann stand es da: SCHWANGER 3+ . Wir haben geweint vor Glück! Bzw. bestimmt hab nur ich geweint, weil Männer weinen ja nicht ;) .

Du hast mir mal geschrieben, dass Paare, die mit medizinischer Unterstützung Eltern wurden, manchmal wie „Ausgestoßene“ behandelt werden. In welchen Situationen fällt dir auf, dass es Menschen gibt, die einen Unterschied machen? Thematisiert du selbst, wie ihr schwanger geworden seid? Wie sind in solchen Fällen die Reaktionen?

Heute gehe ich offen und ehrlich mit dem Thema um und möchte Paaren bzw. Frauen auch Mut machen, dass es wirklich nichts Schlimmes ist. Leider gibt es wirklich viele Mamas, die eine künstliche Befruchtung als keine richtige Schwangerschaft sehen. Gerade hier im katholischen Bayern wird es oft verpönt, dass es unchristlich sei.

Ein gutes Beispiel für abstoßende Reaktion gab es z.B. in meiner Krabbelgruppe: Wir stellten uns vor und irgendwann kam es zum Thema, dass Emelie ein ICSI-Kind ist und da hieß es dann gleich, sie sei ein Reagenzglas-Baby. Mir wurde an anderer Stelle aber auch schon gesagt, sie sei nur so süß, weil wir uns das sicher so ausgesucht haben.
Wenn ich so etwas höre, versuche ich bis zu einem gewissen Grad, die Personen aufzuklären. Wenn ich jedoch merke, dass sie zu ignorant sind, dann lasse ich es auch gerne im Raum stehen.

Leider wird man einfach auch oft als Ausgestoßene behandelt, da viele Leute denken, es gäbe sicher einen guten Grund, warum man keine Kinder hätte bekommen sollen. Man wird belehrt, dass es sicher wegen dem Gewicht sei oder man mal geraucht hat oder mal Alkohol getrunken hat. Oder – und das finde ich die beste These – weil der liebe Gott findet, dass ich eine schlechte Mama wäre.

Ich unterdrücke an dieser Stelle einfach mal meine empörte Schnappatmung ob solch dreister und absolut unverschämter Kommentare und mache erst einmal einfach weiter mit der nächsten Frage: Gerade versucht ihr, eurer Tochter ein Geschwisterchen zu schenken. An welchem Punkt der ICSI steht ihr gerade und wie geht es dir damit?

Das ist eine sehr gute Frage! Heute bin ich erst in der Kinderwunschklinik gewesen und habe mir ein Rezept abgeholt, damit meine Periode einsetzt. Diese kommt bei mir sehr unregelmäßig.
Nun heißt es wieder mal warten und in ca. 10 Tagen in der Klinik anrufen, wenn die Periode eingetreten ist und wir mit den Hormonspritzen anfangen können. In den nächsten 6 Wochen wird es also spannend und ich bin froh, dass ich auch diesmal – neben meinem Mann – Unterstützung an meiner Seite habe: meine Tante Ela. Es ist so wichtig, so jemanden zu haben!

Was würdest du dir von deinem Umfeld … oder sagen wir lieber ganz allgemein: von anderen Eltern wünschen, damit es Familien wie eure zukünftig leichter haben?

Grade von meiner Mutter, mit der ich absolut kein gutes Verhältnis habe, würde ich mir mehr Verständnis und Akzeptanz wünschen. Ich kann sagen, die Familie meines Mannes hat absolut kein Problem damit, wie Emelie entstanden ist und sie wissen, dass wir es jederzeit wieder machen würden. Sie wissen nur nicht, dass wir bereits dabei sind. ;)

Im Allgemeinen würde ich mir wünschen, dass die Menschen, die es “leichter” haben, eine Familie zu gründen, nicht so abwertend auf diejenigen runterschauen, für die es wirklich ein Herzensprojekt ist. Dass man sich einfach mal in uns rein versetzt und mit uns fühlt, wie es uns geht, wenn man versucht, seit Jahren schwanger zu werden, es aber nicht klappt und man dann Sätze hört wie: „Ich bin schwanger und wir haben nur 1 x nicht aufgepasst.”

Gibt es vielleicht noch etwas, dass du anderen Paaren mit auf den Weg geben möchtest, die durch Sex allein leider nicht schwanger werden?

Schämt euch nicht dafür und bittet um Hilfe bei denen, die euch helfen können. Sei es beim Gynäkologen oder beim Hausarzt … jeder kann euch in die Kinderwunschklinik überweisen. Habt keine Sorge vor den Kosten; viele Krankenkassen übernehmen 100%, wenn beide Partner dort versichert sind. Lasst euch ordentlich untersuchen – oft reicht eine einfache Hormontherapie, weil z.B. der Zyklus nicht passt.

Lasst den Kopf nicht hängen, denn ich sag euch was: Es braucht nur einen Kämpfer, um schwanger zu werden und wenn ihr nach einem harten Kampf voller Tränen und Freude ein Baby im Arm halten dürft, dann werdet ihr all den Kummer vergessen haben.

Vielen Dank für diese wundervoll ermutigenden Worte am Schluss, Melanie, und dass du so offen und ehrlich alle meine Fragen beantwortet hast.

Liebe Anke, danke, dass ich bei diesem tollen Interview mitmachen durfte.

Abschließend möchte ich noch sagen … und da versuche ich jetzt ganz arg höflich zu bleiben, obwohl es mir ein bisschen schwer fällt: Es ist echt irre, was da draußen für emotionale Arschkrempen rumlaufen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es SOLCHE Reaktionen von Müttern auf ein Kind geben könnte. Denn jetzt mal im Ernst: Drauf geschissen, wie ein Kind entstanden ist oder wie es auf die Welt kam, ob es gestillt wird oder die Flasche bekommt, ob es in einem Kinderwagen liegt oder in einem Tuch getragen wird … wichtig ist nur, dass da ein Baby ist, das seine Eltern zu den glücklichsten Menschen der Welt gemacht hat und das nun über alle Maßen geliebt wird. Ende.
Also ehrlich … für solche Leute sollte man immer ein Erinnerungskärtchen in der Tasche haben: „Schweigen ist Gold … hast du wohl gerade kurz vergessen.“ ;)

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