Kinderlosigkeit
Interviews

Die Entscheidung zur Kinderlosigkeit trotz Kinderwunsch – und die Nebenwirkungen.

Es ist das natürlichste der Welt, irgendwann im Leben Kinder zu bekommen, heißt es immer und überall und nimmt im Prinzip – zumindest gefühlt – allen die Entscheidung vorweg ab, ob er oder sie überhaupt Kinder haben möchte. Die Voraussetzung, dass der Wunsch nach Nachwuchs tief im Herzen verankert ist, wird Frauen noch mal mehr zugesprochen als Männern – Mutter Natur hat das schließlich so geplant und angelegt UND auch emotional ist dieser Instinkt, uns fortzupflanzen, doch förmlich in unser tiefstes Innerstes einbetoniert … auch heute noch, im Jahr 2021 … ganz unabhängig davon, wie das individuelle Leben so spielt und wie die persönlichen Wünsche ausfallen. Fakt ist: Es liegt in unserer Natur, Kinder zu wollen und sie auch zu bekommen. Und dafür im Notfall sogar hohe Risiken und/oder große Kosten in Kauf zu nehmen. Richtig? Nein. Das Ding ist nämlich: Man kann nicht alle Menschen über einen Kamm scheren; nicht alle haben dieselben Wünsche, mögen sie noch so tief in unserer Geschichte oder sogar Biologie verwurzelt sein. Und am Wichtigsten: Nicht alle haben die freie Wahl … können ihre Entscheidung in diesem Punkt so frei treffen, wie es sich ihr Herz wünscht und wie unzählige andere es EINFACH können. Manche Menschen entscheiden sich zur Kinderlosigkeit, um sich selbst und auch ihr ungeborenes Kind zu beschützen, weil sie keine andere Wahl haben, obwohl sie sich nicht auf der Welt mehr wünschen würden … eine FREIE Wahl.

Sophie gehört zu diesen Menschen, die ihre Wahl nicht frei treffen durfte. Sie ist krank. So krank, dass sie die Entscheidung treffen musste, KEINE Kinder zu bekommen … obwohl sie sich von Herzen wünscht, eines Tages Mutter zu werden. Sie hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht und viel dadurch verloren. Nicht nur eine Zukunft als Mama, sondern gleichzeitig ihren Partner. Dennoch musste sie diese Wahl treffen, um weitermachen zu können. Und nun wird sie so gut wie jeden Tag damit konfrontiert, was es bedeutet, sich als Frau für die Kinderlosigkeit zu entscheiden. Denn kaum ein anderes Thema wird gegenüber (jungen) Frauen, die KEIN Kind an der Hand haben, ständig und von jedem lapidar angesprochen, wie die Familienplanung. Und bei kaum einem anderen Thema, wird besagter Frau dann so oft die Fähigkeit abgesprochen, die Entscheidung tatsächlich ernst zu meinen.

Genau deshalb hat mich Sophie irgendwann angeschrieben und gefragt, ob wir nicht zusammen etwas dazu machen können. Ob sie mir ein Interview geben darf, um ihre Geschichte erzählen zu können und einmal klar zu äußern, was es für Frauen bedeutet, immer und überall über etwas sprechen zu müssen, dass doch eigentlich sehr privat … und leider manchmal eben NICHT das normalste der Welt ist. Und ich bin Sophie sehr dankbar, für diesen Schritt auf mich zu, denn dieses Interview ist ein sehr spannendes und sehr erhellendes geworden:

Die Entscheidung zur Kinderlosigkeit trotz Kinderwunsch – und die Nebenwirkungen.

1. Liebe Sophie, ich weiß, dass du dir eigentlich Kinder wünschst. Du hast dich aber bewusst schon vor ein paar Jahren dafür entschieden, trotz dieses Wunsches niemals Mutter zu werden. Obwohl es dir unsagbar schwerfiel. Warum?

Ich habe im Sommer 2018, kurz vor meinem 25. Geburtstag, die Diagnose Lymphangioleiomyomatose (LAM) erhalten. LAM ist eine chronische Erkrankung der Lungen, die nur Frauen betrifft. In ca. 50 % der Fälle kommen noch gutartige Tumore im Bauchraum dazu. Derzeit geht man von ca. 300-400 Betroffenen in Deutschland aus.

Ein hoher Östrogenspiegel führt zu einem schnelleren Voranschreiten der LAM. In der Schwangerschaft, und auch während des Stillens, wird ja deutlich mehr Östrogen ausgeschüttet, weshalb eine Schwangerschaft gefährlich werden kann. Ich kann also noch Kinder bekommen, habe mich aufgrund der LAM aber dagegen entschieden. Nicht nur, weil ich Angst vor der Schwangerschaft habe, sondern auch, weil man die LAM nicht aufhalten kann. Ich nehme zwar Medikamente, die den Prozess verlangsamen, und mir geht es derzeit gut, aber das kann sich auch relativ schnell ändern. Zudem müsste ich die Medikamente absetzen – während der Schwangerschaft, aber auch schon davor.
Außerdem habe ich immer wieder mit depressiven Episoden zu kämpfen, die es mir schon zum Teil schwer machen, mich um mich selbst zu kümmern.
Unter diesen Umständen habe ich mich dazu entschieden, keine Kinder zu bekommen, obwohl ich gerne welche haben möchte.

2. Da du ja eigentlich von Herzen gern Mama werden würdest, käme da nicht vielleicht eine Adoption in Frage?

Ich habe mich, schon bevor meine Entscheidung feststand, über Adoptionen informiert, da ich innerlich eigentlich schon wusste, dass eigene Kinder nicht mehr in Frage kommen, ich aber natürlich immer noch den Wunsch hatte bzw. ja auch immer noch habe. Menschen, die gerne adoptieren wollen, werden in Deutschland ganz genau geprüft – was seine Richtigkeit hat. Diese Regelungen machen es mir aufgrund der LAM und der Depression aber unmöglich zu adoptieren, weil davon ausgegangen wird, dass ich dem Kind keine stabile Umgebung bieten kann. Ich darf also leider auch keine Kinder adoptieren.

3. Wie hat dein direktes Umfeld, deine Freunde und deine Familie, auf die Entscheidung reagiert, wirklich auf keinem Weg Mutter zu werden … eine Entscheidung, die du ja absolut nicht leichtfertig getroffen hast, aber für dich und dein weiteres Leben brauchtest?

Meine Mutter, die dabei war, als ich die Diagnose bekommen habe und sich auch außerhalb von Terminen bei Ärzt:innen über die LAM informiert, konnte meine Entscheidung sofort nachvollziehen. Besonders die Menschen, die in meinen Entscheidungsprozess irgendwie mit eingebunden waren, haben die Entscheidung nicht hinterfragt und wissen zugleich, wie schwer mir das alles gefallen ist. Meine Beziehung ist jedoch daran zerbrochen.

Menschen, die hingegen um meine Krankheit wissen, aber nicht ganz so nah dran sind, tendieren dazu, mir zu sagen, dass ich zu jung bin, um diese Entscheidung wirklich treffen zu können. Mir wurde diese Fähigkeit regelrecht abgesprochen. Ich musste mich zum Teil rechtfertigen bzw. habe mich dahin gedrängt gefühlt, Rechtfertigungen zu äußern. Ich sage dann immer, dass ich diese Entscheidung für mich brauche, um mit dem Thema halbwegs abschließen zu können und mit meinem Leben weiter zu machen. Ich sage nicht, dass sich meine Meinung dazu vielleicht nicht irgendwann mal doch ändert – wir haben alle das Recht unsere Meinung zu ändern – aber ich möchte, dass meine Entscheidung einfach respektiert und nicht anhand meines Alters oder der Tatsache, dass ich eine Frau bin, in Frage gestellt wird.

4. Wie ist es mit Menschen, die dir eigentlich nicht so Nahestehen, denen du aber in deinem Alltag begegnest … wie oft wird von denen unaufgefordert deine Familienplanung thematisiert und wie?

Ich denke, in meinem Alter ist es üblich gefragt zu werden, wie es denn so mit einer Beziehung oder der Kinderplanung aussieht – es ist augenscheinlich ein Thema, über das man ganz einfach etwas plaudern kann, besonders mit Frauen. Es wird häufig davon ausgegangen, dass die Frau auf jeden Fall Kinder kriegen möchte. In den meisten Fällen führen ganz ungezwungene Gespräche zu dieser Thematik.

Ich bekomme von Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich nicht befreundet bin, ähnliche Reaktionen wie oben schon beschrieben. Eine entfernte Bekannte fragte mich mal konkret nach meinem Kinderwunsch und ich antwortete ihr frei heraus, dass ich keine Kinder haben möchte. Sie fragte daraufhin, wieso denn nicht und ich antwortete ehrlich, dass es durch eine Erkrankung nicht geht – ich wollte in dem Moment nicht näher auf die Thematik eingehen, da es ja auch nicht ganz einfach zu erklären ist und der Aspekt, dass ich immer noch Kinder kriegen kann, sicher nicht zu einer für mich positiven Wendung geführt hätte. Ich hoffte, sie durch meine Antwort abwimmeln zu können. Sie ließ aber tatsächlich nicht locker und wollte wissen, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit gäbe. Ich sagte einfach Nein. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie das Gespräch dann weiterging.

Eine andere Frau, die von meiner Erkrankung wusste, zählte mir gefühlt unzählige Frauen auf, die trotz diverser Behinderungen Kinder bekommen haben und wollte mich quasi dazu überreden, meine Entscheidung zu ändern – sie wollte es nicht akzeptieren, dass ich diese Entscheidung getroffen habe und wieder fiel der Satz „Aber Sie sind doch noch so jung!“

Ein Facharzt, der mich auch indirekt wegen der LAM behandelt, aber nicht mein Pneumologe ist, fragte mich bei der letzten Untersuchung ebenfalls danach. Wir haben einfach ein sehr lockeres Arzt-Patientinnen-Verhältnis, was bei so vielen Terminen mit verschiedenen Ärzt:innen einfach auch mal angenehm ist – er  behandelt mich von allen auch schon am längsten und ist insgesamt sehr interessiert an meinem Wohlbefinden, auch psychisch. Er fragte mich nach meinem Freund, der bei früheren Terminen mal dabei war, und ich musste ihm mitteilen, dass er schon seit einiger Zeit mein Ex-Freund sei. Er fragte nach dem Warum, ich antwortete: „Weil ich mich entschieden habe, keine Kinder zu bekommen.“

Und wieder kam die Reaktion, dass ich doch noch so jung sei und ob ich mir das nicht nochmal überlegen möchte. Immerhin war er dann doch etwas verlegen, als ich die LAM als Begründung anbrachte. LAM ist eine sehr seltene Krankheit und ich finde mich fast immer in der Situation wieder, meinen Ärzt:innen erklären zu müssen, was ich da eigentlich habe. Ich kann es ihm also nicht übelnehmen, dass er es nicht besser wusste, jedoch ist es ermüdend, diese Gespräche über meine Entscheidung immer wieder führen zu müssen.

5. Wie fühlt es sich für dich an, immer wieder von anderen mit der Frage, wann du denn Kinder bekommen wirst, unter Druck gesetzt und gleichzeitig dadurch GEZWUNGEN zu werden, mehr von dir – SEHR persönliche Aspekte – zu erzählen, nur um das Gespräch zu beenden?

Ich wünsche mir so sehr, dass es irgendwann ausreicht den Satz „Ich möchte keine Kinder bekommen“ auszusprechen, um das Thema abzuschließen. Oder, dass solche Gespräche nur noch mit Personen stattfinden, denen ich diese Dinge anvertrauen möchte. Ich möchte nicht allen erzählen, weshalb ich keine Kinder bekommen möchte – nicht jede:r soll von der LAM wissen. Es tut auch jedes Mal einfach verdammt weh, weil mich meine Entscheidung traurig macht, obwohl ich ganz genau weiß, wie richtig und wichtig sie für mich persönlich ist. Häufig sind die Menschen, die mich dann fragen auch beschämt und wissen nicht so recht, wie sie reagieren sollen, auf die Info über meine Krankheit sowie die Entscheidung gegen Kinder. Dann muss ich auch immer noch auf Mitleid reagieren, das ich in dem Moment aber gar nicht haben möchte, weil es doch eigentlich um etwas ganz anderes als die LAM oder meine Entscheidung ging.

Es erinnert mich auch jedes Mal wieder an den schmerzhaften Entscheidungsprozess, an Gespräche mit Ärzt:innen aus denen ich weinend herausgegangen bin. Gleichzeitig zeigt es mir, dass es in der Gesellschaft ja auch irgendwie nicht als normal angesehen wird, keine Kinder zu wollen. So wenigen kommt es in den Sinn, dass Kinder kriegen unter Umständen nicht das normalste der Welt ist.

Außerdem möchte ich nicht jeden Tag an die LAM, an das Keine-Kinder-kriegen, denken müssen. Ich bin jedes Mal so erleichtert, wenn ich abends merke, okay, heute war ein guter Tag; heute hat es einfach keine Rolle gespielt – es kommt dann halt vor, dass diese guten Tage durch diese Fragen unterbrochen werden. Es ist anstrengend und schmerzt jedes Mal so sehr!

6. Ich bin so froh und dankbar, dass du dir ein Herz gefasst und mir eine Nachricht geschrieben hast; dass du die Idee zu diesem Interview hattest. Denn so haben wir jetzt gemeinsam die Möglichkeit, etwas zu verändern. Vielleicht nur bei ein paar wenigen Menschen, vielleicht aber auch bei ein paar mehr. Also lauter meine letzte Frage: Was würdest du dir von anderen wünschen? Was würdest du dir für dich und all die anderen Frauen wünschen, die kein Kind an der Hand haben und niemals haben werden … aus welchem PERSÖNLICHEN Grund auch immer?

Es betrifft ja wirklich nicht nur mich. Wie viele Frauen erleiden Fehlgeburten, sind unfruchtbar, können oder wollen aus anderen Gründen keine Kinder bekommen? Wie schmerzhaft, re-traumatisierend und anstrengend ist es, jedes Mal diese Fragen beantworten zu müssen?

Ich wünsche mir mehr Sensibilität für diese Themen. Es geht so viele Menschen einfach nichts an, ob ich Kinder haben möchte oder nicht. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn es einfach von der Liste möglicher Smalltalk-Themen gestrichen wird. Und wenn es doch aufkommt, dann muss die Antwort, so wie sie ist, ob kurz oder mit ausführlicher Erklärung, einfach akzeptiert werden. Ich habe, und ich denke es geht vielen Menschen ähnlich, einfach keine Lust mehr, meine Entscheidung von anderen Personen hinterfragt zu bekommen. Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen müssen!

Ich sage nicht, dass man über diese Themen nicht mehr sprechen darf. Ganz im Gegenteil, denn sie gehören zur Gleichberechtigung, zum Feminismus und zur Selbstbestimmung von Frauen dazu. Wir müssen mehr darüber sprechen, denn es muss ein Umdenken in der Gesellschaft und eine Enttabuisierung dieser Themen stattfinden. Um sie einfach zu normalisieren. Es muss normal werden, dass Frauen keine Kinder bekommen wollen. Es muss normal werden, dass man über die Themen Schwangerschaft und Kinder kriegen nicht sprechen möchte – der Grund dafür ist ganz egal. Aber dafür braucht es geschützte Räume und Vertrauen. Ich denke, deshalb ist es wichtig, solche Geschichten öffentlich zu machen. Um zu sensibilisieren. Um wirklich etwas zu verändern.

Darum danke ich dir, liebe Anke! Für die Möglichkeit, meine Geschichte und meine Sicht auf die Dinge erzählen zu können und für den geschützten Raum, in dem ich entscheiden konnte, was ich preisgeben möchte.

 

Vielen Dank, liebe Sophie, für dieses wahnsinnig ehrliche und unheimlich emotionale Interview! Fühl dich gedrückt!!! :-*

PS: Ich freue mich wie immer, wenn ihr diesen Beitrag teilt! <3

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2 Kommentare für “Die Entscheidung zur Kinderlosigkeit trotz Kinderwunsch – und die Nebenwirkungen.

  1. Danke für dieses Interview! Ich fühle mich auf allen Ebenen angesprochen und verstanden. Auch ich habe mich aufgrund meiner psychischen und einer Schmerz-Erkrankung gegen Kinder entschieden, obwohl ich immer Mutter werden wollte. Dass ich neben meiner vollen Erwerbsminderungsrente Kinder im Privathaushalt betreue, gibt mir viel Kraft. Letztes Jahr habe ich dann mit 32 Jahren die Entscheidung für immer festgelegt, ich habe mich sterilisieren lassen. Diesen Schritt brauchte ich für mich, auch wenn es manchmal sehr weh tut. Ich gehe damit offen um und doch wünsche ich mir mehr Verständnis, manche wollen es nicht verstehen und das schmerzt dann zusätzlich. Auch Frauen ohne Kinder sind vollwertige Frauen!

  2. Liebe Sophie, danke fürs Augenöffnen und teilen deiner Geschichte 🧡
    Seit ich Mama bin und selbst weiß wie doof/nervig solche Fragen sind, versuche ich sie bewusst zu vermeiden. Aber manchmal rutschen sie mir doch noch raus.
    Aber ich finde es ist wirklich ein sehr persönliches Thema und man sollte hier achtsam und emphatisch reagieren… gerade wenn der andere nicht alles offen legen möchte, oder ich auch mal anderer Meinung bin. Einfach mal „klappe halten“ und nicht allen anderen reinreden wie „es laufen muss“…
    Fühl dich gedrückt!

    Und danke Anke, dass du auf deinem Blog Platz für solche Themen bereit stellst 🧡