Stille Geburt
Fehlgeburt

Stille Geburt: Leserin Silja erzählt die Geschichte ihrer Tochter

Hier erzählt und schreibt von Herzen Mama Silja: “Mein Name ist Silja und als ich zum ersten Mal schwanger wurde, war ich 39. Viel später als gewünscht, aber manchmal geht das Leben sehr merkwürdige Wege. Die Schwangerschaft war unerwartet und ungeplant, aber dafür umso mehr das größte Geschenk und wir haben uns mächtig gefreut. Schon früh war klar, dass wir ein Mädchen bekommen würden und sie hieß anfangs Mirinda Maccaroni, bis wir 2 Monate vor ET einen Namen gefunden hatten: Miina Aliisa. Meine finnischen Wurzeln sollten auch in ihr verankert sein. Voller Vorfreude und voller Liebe haben wir alles vorbereitet, was werdende Eltern halt so tun. Und natürlich sind mein jetziger Mann und ich noch vorher in eine gemeinsame Wohnung gezogen und haben alles für unseren kleinen Schatz vorbereitet. Da ich schon so „alt“ war, galt ich als potentielle Risikoschwangerschaft und war regelmäßig zu allen empfohlenen Kontrollen. Die komplette Schwangerschaft verlief unkompliziert und ich hatte keinerlei Beschwerden. Dann saß ich sonntags abends auf der Couch und habe mich gewundert, dass ich die kleine Miina Aliisa nicht richtig spüre. Also bin ich am nächsten morgen zu meinem Gynäkologen gefahren, ohne Termin und nach 3 Wochen Urlaub war die Praxis voll und ich sollte nachmittags wiederkommen. Aber ich bestand darauf, wenigstens ans CTG zu kommen, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.
Als ich ans CTG kam, fand die MTA nicht sofort den Herzschlag. Sie versuchte es wieder und wieder und ging dann zum Doktor. Mein Hals schnürte sich zu und ich bekam Angst. Der Doktor bat mich ins Behandlungszimmer und machte einen Ultraschall…er hatte vorher den Monitor zur Seite gedreht. Ich berichtete ihm von der Kontrolluntersuchung 2 Wochen zuvor beim Vertretungsarzt und sagte, da sei alles gut gewesen. Mein Arzt sah mich an und die folgenden Worte werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen: „Nichts ist gut, ihr Kind ist tot.“
Stille, Leere, Entsetzen –  ich kann nicht beschreiben, was ich gefühlt habe. Tot? Wie konnte das sein? Ich hatte damit gerechnet, dass vielleicht irgend etwas nicht stimmen könnte und nun alles ganz schnell gehen müsse – Krankenhaus, Notsectio, was auch immer?! Aber das? Tot? Unsere Tochter??? Es war der 4. August 2014 und ich war in der 38. Schwangerschaftswoche. 20 Tage später sollte der ET sein.
Mein Arzt versuchte mir etwas zu erklären, was ich nun tun solle und wie der weitere Weg sein würde. Ich war wie ein Roboter und habe nur funktioniert, habe meinen Mann auf der Arbeit angerufen und ihn gebeten, mich abzuholen, weil unser Kind gestorben sei. Ich sehe mich noch auf dem Marktplatz stehen, die Hände schützend auf meinen Bauch gelegt. Aber es gab nichts mehr zu schützen.
Mein Mann und ich fuhren nach Hause und ich erinnere mich daran, dass ich sehr pragmatisch erstmal die Kliniktasche umpackte. Die stand ja schon zu Hause parat, denn schließlich hätte es ja jeden Moment losgehen können. Dass es aber so losgehen würde, hätten wir nicht für möglich gehalten. Was braucht man aber im Krankenhaus, wenn man sein totes Kind zur Welt bringt?
Als Nächstes habe ich meine Eltern informiert, sie wohnen nur 2 Minuten entfernt. Es tat mir in der Seele weh, ihnen zu erklären, dass ihr erstes Enkelkind tot sei.
Dann habe ich im Krankenhaus angerufen und uns angemeldet. Kurz darauf habe ich noch dem Chef meines Mannes am Telefon die Meinung gesagt, weil mein Mann sicher nicht am nächsten Tag wieder zur Arbeit erscheinen würde, da wir nun erstmal unser totes Kind zur Welt bringen müssten. Ich war in allem sehr klar und sehr strukturiert. Heute weiß ich, dass ich unter Schock stand.
Im Krankenhaus hat sich die Oberärztin um uns gekümmert. Zunächst hat sie einen weiteren Ultraschall gemacht, um den Befund zu bestätigen. Ja, tot bleibt tot. Kein Herzschlag mehr. Mein erster Gedanke war: „Bitte versetzt mich in Vollnarkose und holt unser totes Kind aus mir heraus“. Die Ärztin erklärte uns sehr genau, dass eine natürliche Geburt unter diesen Umständen der bessere Weg sei, um die Trauer anders bewältigen zu können. Wir könnten auch nochmal ein paar Stunden oder Tage nach Hause gehen, es bestünden keine gesundheitlichen Risiken, solange die Fruchtblase intakt sei. Wir entschieden uns zu bleiben und ich bekam nachmittags das erste Medikament, um die Wehen einzuleiten. Dann begann das große Warten.
Die erste Nacht verbrachte ich alleine im Krankenhaus, auf der Wöchnerinnenstation mit lauter glücklichen Mamas um mich herum. Zum Glück bekam ich ein Einzelzimmer.
Am 2. Tag kam eine Pfarrerin, die selbst vollkommen geschockt war, als sie sah, dass unser Baby noch nicht zur Welt gekommen war. Ich konnte mit ihr nichts anfangen und sie offensichtlich auch nicht mit mir und so war ich froh, dass meine Eltern ins Zimmer kamen und sie gegangen ist. Ich habe sie nicht wieder gesehen.
Die zweite und dritte Dosis Medikamente half nicht, ich war nicht bereit, unser Kind gehen zu lassen. Wir haben bis zuletzt gehofft, es müsse ein Irrtum vorliegen. Gleichzeitig mussten wir entscheiden, ob wir eine Obduktion wünschen und ob und wie unsere Tochter beigesetzt werden solle. Leider hatte auf der Station niemand einen Plan, wie man in so einem Moment mit den betroffenen Eltern umgehen sollte und wie die gesetzliche Grundlage ist für Beisetzungen von tot geborenen Kindern. Uns wurde eine Sammelbestattung angeboten und es hieß, das Krankenhaus kümmere sich um alles. In diesem Schock haben wir dem zugestimmt. Bis ein paar Stunden später ein Pfarrer zu uns kam. Ein kleiner, deutlich älterer Herr mit Brille, der uns in den kommenden Tagen begleitet hat und für uns da war. Von ihm erfuhr ich, dass eine Sammelbestattung bei einem Geburtstgewicht über 500 Gramm nicht zulässig sei. Also musste ich selbst mich mit dem Bestatter in Verbindung setzen und alles klären. Ich war wie in Trance und habe einfach funktioniert.
Als alle Fragen für mich geklärt waren, platzte am 3. Tag morgens meine Fruchtblase. Ich war bereit, unsere Miina Aliisa gehen zu lassen. Die Wehen setzten erst am späten Abend ein und um 0.30h kamen mein Mann und ich in den Kreißsaal. Um 3:30 Uhr kamen die Ärzte und sagten, wir müssten nun allmählich aktiv werden. Ich bekam alle möglichen Schmerzmittel und eine PDA, denn schließlich müsse man nun bei der Dosierung keine Rücksicht mehr nehmen auf das Baby. Die Geburt ging nicht voran, es war alles sehr schwierig und es wurde alles versucht. Natürlich konnte unsere Tochter nicht mehr mithelfen und zusätzlich hatten sich ihre Schultern verkeilt. Kristallen-Handgriff, Saugglocke, nichts half. Der Oberarzt rief nach seiner Kollegin und ich hörte nur immer wieder, dass es jetzt voran gehen müsse, um mein Leben nicht zu gefährden. Letztendlich sagte die Oberärztin, dass es nun der letzte Versuch sei, ansonsten müsse ich eine Vollnarkose bekommen. Sie holte unser Kind mit ihren Händen auf die Welt und ich spüre noch immer genau diesem Moment, als Miina auf die Welt kam. Die Geburtsphase dauerte 5 Stunden. Mein Mann war die ganze Zeit bei mir und hat mich unterstützt. Ich hatte ihm gesagt, er könne auch gehen, denn eine Geburt ist sicher generell nicht einfach für einen Mann, aber eine stille Geburt? Er blieb und ich bin ihm so dankbar. Er war so tapfer! Am 7.8.2014 um 8:32 Uhr kam unsere Tochter zur Welt, stolze 4200 Gramm. Wir waren zugleich stolz und tieftraurig. Der erlösende Schrei fehlte und es blieb still. Dennoch hat sie mich zur Mama gemacht und ich werde immer dankbar dafür sein, dass ich sie auf diesem Wege auf die Welt begleiten durfte.
Noch im Kreißsaal mussten wir die Papiere für die Obduktion unterschreiben.
Miina lag in einem Körbchen und einige Zeit später kam eine Hebamme und fragte, ob wir sie sehen und halten möchten. Ich war durch die Medikamente so beeinträchtigt, dass ich nur gezittert habe und Angst hatte, sie fallen zu lassen. Die Hebamme setzte sich mit dem Körbchen auf dem Schoß neben mein Bett und begann, unsere Tochter zu beschreiben. Stück für Stück, sehr behutsam und sensibel. Natürlich sah sie nicht mehr aus wie ein „normales“ Neugeborenes, die Haut hatte bereits begonnen sich abzulösen. Aber für uns war sie das schönste und perfekteste Baby der Welt. Unglaublich viele Haare, meine Nase, das Kinn meines Mannes … alles war perfekt. Und doch so unwirklich. Erst als ich sie sah, war mir klar, dass sie nicht mehr lebt.
Als ich aufs Zimmer kam, wurde mir nochmal gesagt, ich könne jederzeit in den Kreißsaal, um sie zu sehen. Erst abends fühlte ich mich dazu in der Lage und fragte nach. Ich wurde abgewimmelt mit der Begründung, es seien gerade mehrere Frauen unter der Geburt und es könne sich niemand um uns kümmern. Ich ging. Warum, frage ich mich heute noch. Warum war ich nicht energischer? Uns wurde die wenige kostbare Zeit mit unserem Kind genommen.
Heute weiß ich, dass sie auch zu uns aufs Zimmer gebracht hätte werden können, dass wir sie hätten baden und anziehen dürfen. All dies wurde uns nicht gesagt und woher sollten wir es wissen?
Ich war am Tag meiner Aufnahme ins KH auf der Suche nach Rat. Auf Facebook stieß ich auf die Gruppe „Sternenkinder“. Dort fragte ich, ob es gut sei, Fotos zu machen … ich war einfach völlig verunsichert. Von „Dein Sternenkind“, dieser großartigen Organisation ehrenamtlicher Fotografen, die in die Krankenhäuser kommen, um würdevolle Abschiedsbilder zu machen, wusste ich noch nichts. Diese Organisation war gerade im Aufbau und unser Versuch, einen Fotografen zu kontaktieren, blieb leider erfolglos. Heute, nach 6,5 Jahren sieht die Lage glücklicherweise etwas besser aus und „Dein Sternenkind“ hat eine größere Reichweite.
Als ich in die Facebook Gruppe eintrat, wurde die 4.000er-Marke so gerade erreicht, heute sind 23.300 Mitglieder in dieser Gruppe.
Die erste Nacht nach Miinas Geburt war wie in Trance. Ich hörte Neugeborene weinen, spürte vermeintliche Tritte in meinem Bauch und fiel irgendwann in einen tiefen Erschöpfungsschlaf.
Ich weiß nicht, ob du diesen Moment des Aufwachens morgens kennst, wenn man noch nicht so ganz klar im Hier und Jetzt ist und für einen Bruchteil einer Sekunde seine Gedanken sammeln muss, um anzukommen? Ich erinnere mich sehr genau an diesen kurzen Moment am nächsten Morgen, wo ich noch nicht genau wusste, wo ich bin und warum. Dieser kurze Augenblick Frieden, bevor die Realität wie eine Welle über mich rollt und mir den Atem nimmt.
Für diesen Morgen war eine Segnung vorgesehen. Der Pfarrer hatte alles in die Wege geleitet. Ich bin dann sehr wackelig nach unten in den Kreißsaal gegangen, um unter Tränen den rosa Strampler und das passende Jäckchen abzugeben, den wir extra für Miina ausgesucht hatten, damit sie „chic“ mit uns nach Hause fahren kann. Wer hätte gedacht, dass es das einzige Kleidungsstück sein würde, welches sie jemals benötigt? Auch die kleine Patchworkdecke, die ich in den Wochen zuvor für sie genäht hatte, gab ich ab. Damit unsere Tochter weich liegen würde.
Auch da konnte ich noch nicht zu ihr, ich sollte mich bitte noch gedulden bis zur Segnung … wieder gestohlene Zeit, kostbare Zeit, die uns niemals wiedergegeben werden könnte.
2,5 Stunden später gingen mein Mann und ich wieder in den Kreißsaal. Die Hebamme, die am Tag zuvor so einfühlsam unsere Tochter zu uns gebracht hatte, begleitete uns. Sie hatte vorgeschlagen, die Segnung in dem Kreißsaal zu halten, in welchem Miina Aliisa zur Welt gekommen war, sozusagen damit Begrüßung und Verabschiedung an einem Ort passieren sollten. Für uns fühlte sich das richtig an. Der Raum war abgedunkelt, Kerzen waren aufgestellt und auf dem Geburtsbett lag unsere Tochter in einem kleinen Moseskörbchen. Bekleidet mit dem rosa Strampelanzug und liebevoll zugedeckt mit meiner Patchworkdecke. Die Hebamme fragte, ob sie und die Oberärztin dabei sein dürften, denn auch sie waren von unserem Schicksal sichtlich ergriffen. Ja, durften sie. Vorher durften wir aber alleine mit Miina sein, die Hebamme legte sie vorsichtig in meine Arme. Wie fremd es sich anfühlte und wie vertraut. Wie stolz und glücklich ich war und dennoch so tottraurig. Es war kaum auszuhalten, zu wissen, dass dies unsere einzige Gelegenheit sein sollte, unsere Tochter im Arm zu halten. Und rückblickend bereue ich, dass ich nicht energischer war und mehr Zeit eingefordert habe. Mein Mann bereut es noch heute, dass er sie nicht im Arm halten wollte. Aber zu diesem Zeitpunkt entschied er sich dagegen.
Die Segnungszeremonie war wunderschön, der Pfarrer hielt sie ab und wir standen alle im Kreis um Miina Aliisa und hielten uns an den Händen.
Wie in Trance gingen wir wieder zurück ins Zimmer. Die Ärzte sagten, ich könne auch nach Hause, aber meine Entzündungswerte waren undenkbar schlecht und ich glaube auch, ich hatte Angst, ohne Miina Aliisa nach Hause zu fahren.
So blieb ich insgesamt 8 Tage im KH, mein Mann und ich wurden gut versorgt und der Pfarrer spendete uns täglich Trost – versuchte es zumindest. Am 9. Tag wurde unsere Tochter abgeholt, um nach Marburg zur Obduktion gebracht zu werden. Wir hatten uns dazu entschlossen, weil wir wissen wollten, warum sie gehen musste und ob ggf. die Gefahr bestehen könnte, dass sich so etwas wiederholt.
Als ich erfuhr, dass sie nicht mehr da war, überfiel mich eine innere Unruhe und ich musste weg. Die Abschlussuntersuchung war entsetzlich! Und die junge, ambitionierte Assistenzärztin sagte mir, dass „so etwas“ nur ganz selten passiere und in Deutschland eigentlich gar nicht mehr vorkäme. Bäm, wie ein Schlag vor den Kopf! Was war ich bloß für eine Mutter, die ihr eigenes Kind nicht schützen konnte? Warum passierte es nur mir? Mit diesem Gefühl wurde ich entlassen. Auf dem Weg zum Parkplatz sahen wir glückliche Eltern, die ihr Neugeborenes nach Hause bringen durften … ich vergesse nie, wie sehr mein Mann darunter gelitten hat.
Vor unserem Haus brach ich weinend zusammen, ich schaffte es einfach nicht, in unsere Wohnung zu gehen. In dieses liebevolle Zuhause, wo wirklich alles bereit war für unsere kleine Familie.
Drei Wochen hat es gedauert, bis ich zum ersten Mal die Türe zum Kinderzimmer öffnen konnte.
Am 21.08.2014 war die Beisetzung, 3 Tage vor dem ET. Wie krank ist es eigentlich, sein eigenes Kind 3 Tage vor ET beerdigen zu müssen?!
Meine Eltern waren dabei, meine Schwiegermutter und meine Schwägerin und meine beste Freundin, die auch Taufpatin hätte werden sollen. Und der Pfarrer, der uns im KH so hingebungsvoll unterstützt hat. Am Abend zuvor hatte ich unserer Tochter einen Brief geschrieben, welchen sie mit ins Grab bekam. Den kleinen, weißen Sarg zu sehen mit den großen Sonnenblumen darauf, war unbegreiflich.
Am liebsten wäre ich hinterher gesprungen, als ihr Sarg in die Erde herabgelassen wurde – denn ohnehin fühlte es sich so an, als hätte mein Herz zusammen mit ihrem aufgehört zu schlagen.
Wir hatten noch einen Termin im Rathaus, um die Geburts- bzw. Sterbeurkunde zu erhalten, damit sie Teil unseres Stammbuches werden würde. Viele andere Dinge waren noch zu regeln und erst, als alles erledigt war, schwand mein Pragmatismus und die Schockstarre löste sich. Die Trauer überrollte mich wie eine Woge und ich habe gedacht, ich könne niemals wieder glücklich werden.
Mein Mann trauerte auf seine Art, zog sich zurück und versuchte dennoch, für mich stark zu sein und sich nicht viel anmerken zu lassen.
Ohne psychologische Unterstützung hätte ich es niemals geschafft. Zum Glück musste ich nicht lange auf einen Termin warten, bereits in der Woche nach der Beisetzung ging es los.
Zwei Monate nach Miinas Tod machte mein Mann mir einen Heiratsantrag.
Wir besuchten gemeinsam eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern. Insgesamt war ich 5 Monate zu Hause und hatte so genug Zeit, mich meiner Trauer zu stellen.
Als ich mit Beginn des Jahres 2015 wieder arbeiten ging, wusste ich noch nicht, dass ich wieder schwanger war. Ich arbeite als Erzieherin und fürchtete mich sehr davor, wieder mit Kindern zu arbeiten. Aber Kinder geben so viel ehrliche Rückmeldung, trösten, fragen in ihrer kindlichen Neugier und haben mir so sehr geholfen, mich in meinem Beruf trotz allem wohl zu fühlen. Ende Januar 2015 wussten wir, dass ich wieder schwanger bin. Mein Gynäkologe hatte uns empfohlen, bis Ende 2014 zu warten, damit auch die Seele ein wenig Zeit der Heilung bekäme … okay, bis Ende des Jahres gewartet und dann gleich beim ersten Versuch erneut schwanger. Es war ein Schock! Ich wollte keine Bindung zu unserem Bauchzwerg aufbauen und habe immer nur gedacht: “Wenn es wieder schief geht, bitte, bitte an Anfang“. Selbstschutz in Perfektion sozusagen. Je größer der Bauch wurde, desto weniger konnte ich es ignorieren. Wir haben einen Praenatest machen lassen, bei welchem mittels Blutanalyse festgestellt werden kann, ob das Baby Anomalien haben würde. Gar nicht, um uns ggf. gegen das Kind zu entscheiden, viel mehr, um irgendwie darauf vorbereitet zu sein, falls uns das Schicksal ein zweites Mal vor eine solche Prüfung stellen sollte.
Als der Anruf kam, dass alles gut sei, erfuhren wir auch, dass wir einen Jungen erwarten. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich enttäuscht, ich hatte mir so sehr ein Mädchen gewünscht. Aber bald waren wir beide dankbar, denn vermutlich hätten wir in einem Mädchen immer auch unsere verstorbene Tochter gesehen.
Erst kurz nachdem wir von der erneuten Schwangerschaft erfahren haben, kam der Anruf aus dem KH, dass endlich der Obduktionsbericht da sei. Sage und schreibe fast 6 Monate nach der stillen Geburt. Hätten wir gewusst, dass es so lange dauern würde, hätten wir uns vermutlich dagegen entschieden. Denn letztlich machte es keinen Unterschied mehr, ob wir den Grund erfahren würden oder nicht. Viel mehr setzte in mir die Angst ein, ich könne vielleicht doch Schuld an ihrem Tod sein.
Ich vereinbarte einen Termin mit der Oberärztin, die unsere Tochter auf die Welt geholt hatte, sie wollte mir alles erklären. Das Gespräch tat gut, auch wenn es keine tatsächliche Ursache für den Tod gegeben hat. Die Ärzte sprechen von plötzlichem Kindstod im Mutterleib. Ich erzählte ihr alles, was uns im KH passiert war. Von dem Chaos bei den Formalitäten der Beisetzung, von der organisatorischen Unwissenheit aller und nicht zuletzt von dieser furchtbaren Assistenzärztin bei der Abschlussuntersuchung. Wir haben gemeinsam besprochen, was in Zukunft anders laufen sollte, damit sich werdende Eltern in einer solchen Notlage besser aufgehoben fühlen. Ich berichtete ihr über die ehrenamtlichen Fotografen von „Dein Sternenkind“, von möglichen Selbsthilfegruppen und vielen anderen Dingen. Wir waren noch lange Monate im Austausch und ich weiß, dass viele meiner Hinweise heute umgesetzt werden, wofür ich sehr dankbar bin.
Die Ärztin betonte, sie könne verstehen, wenn ich bei einer erneuten Schwangerschaft nicht wieder in dieses KH wolle, aber bat mich eindringlich, in einem anderen KH unsere Vorgeschichte zu erzählen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs wusste ich noch nichts von meiner 2. Schwangerschaft.
Die 2. Schwangerschaft war eine psychische Zerreißprobe. Alles lag so nah beeinander. Wir „feierten“ Miinas 1. Geburtstag und ich stand hochschwanger an ihrem Grab.
Als wir am 19.06.2015 heirateten, war Miina Aliisa bei uns, so wie an jedem Tag zuvor auch … in unseren Herzen. Sie bekam meinen Brautstrauß.
Ich machte alle möglichen Kontrolluntersuchungen und ging zuletzt 2 x pro Woche zur Kontrolle. 3 Mal überfiel mich die Angst so sehr, dass etwas nicht stimmen könnte, sodass wir nachts ins KH fuhren. Alle kannten uns noch und wir wurden jedes Mal vorgezogen und sehr einfühlsam begleitet.
Zum Ende der Schwangerschaft war klar, dass ich der Angst nicht standhalten würde und ich ließ mich 3 Wochen vor ET ins KH aufnehmen, in das selbe KH, in welchem auch unsere Tochter zur Welt gekommen war. Und die Oberärztin sollte recht behalten: Alle kannten uns und alle kümmerten sich sehr einfühlsam um mich. Mir wurde eine geplante Sectio empfohlen, weil nicht absehbar war, ob die Entbindung für mich das Trauma der stillen Geburt wieder ans Licht holen würde. Und weil ein gewisses Restrisiko bestand, dass auch dieses Mal die Schultern des Babys sich verkeilen könnten. Restrisiko? Wir wollten kein Risiko eingehen und so erblickte am 11.09.2015 unser Sohn Mika Toivo gesund und munter das Licht der Welt. Toivo ist das finnische Wort für „Hoffnung“, einen besseren Namen hätte es nicht geben können für ihn.
Heute ist er 5 1/2 und kommt im Sommer in die Schule. Er ist unser größtes Geschenk und unser größtes Glück und hat unsere kleine Familie komplett gemacht. Miina Aliisa wird immer Teil unserer Familie sein und sie begleitet uns auf all unseren Wegen. Ich bin davon überzeugt, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden und der Schmerz aufhört. Die Trauer ist weniger geworden, aber sie bricht an machen Tagen noch immer durch. Besondere Tage wie die Einschuklung 2014, als ich in der Schule neben meiner Kita die ganzen stolzen I-Dötzchen sah, mit ihren großen Schultüten und den stolzen Eltern. Wohl wissend, dass unsere Tochter eigentlich auch dort hätte stehen sollen mit uns. Wir fragen uns so oft, wie sie wohl nun aussehen würde und ob sie auch so ein Feger sein würde, wie ihr kleiner Bruder.
Aber wir sind inzwischen mit unserem Schicksal im Reinen und ich glaube, dass alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn er sich uns nicht immer sofort erschließt. Miina Aliisa hat mich zur Mama gemacht und zu einem anderen Menschen. Prioritäten haben sich verändert, Freunde sind gegangen, aber die Liebe zu ihr bleibt. Dieses unsichtbare Band zwischen Mama und Kind ist ungebrochen und auch, wenn sie nicht bei uns sein kann, ist sie es doch!
Das ist in der Tat das erste Mal, dass ich unsere Geschichte so ausführlich schreibe und ich habe letztlich mehrere Tage für diese Mail gebraucht. Aber es ist mir wichtig und ich wünsche mir sehr, dass dieses Tabu gebrochen wird.
Je mehr ich in der Vergangenheit mit anderen über unsere Geschichte gesprochen habe, desto mehr ähnliche Schicksale habe ich kennengelernt.
Noch heute melden sich Frauen bei mir, die Ähnliches erleben mussten – ich hatte im KH angeboten, dass meine Kontaktdaten an Betroffene weitergegeben werden dürfen, falls jemand Austausch mit anderen verwaisten Eltern suchen sollte. Es ist erschreckend, wie viele Familien dieses Schicksal erleiden und wie oft das Schicksal solche Wege geht.
Ich weiß, es war bis hierhin viel zu lesen. Aber ich danke dir von Herzen für deine Zeit und dafür, dass ich unsere Geschichte erzählen durfte. Miina Aliisa wird nie vergessen sein…”
Mit Tränen in den Augen danke ich dir, Silja, für deine Geschichte von Miina. Ich weiß, wie schwer es war, sie aufzuschreiben.

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4 Kommentare für “Stille Geburt: Leserin Silja erzählt die Geschichte ihrer Tochter

  1. Liebe Silja, danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst, jeder, der das schon mal erleben musste, weiß wie schwer es ist, wieder in das Leben und den Alltag zurück zu kehren. Gerade als Eltern eines stillgeborenen Kindes wird man oft nicht verstanden, bzw. aus Hilflosigkeit nicht so angesprochen wie man es vielleicht bräuchte. Auch nach vielen Jahren fehlt einem dieses eine Kind, man fragt sich, wie es wohl aussehen würde, wie es sich verhalten würde.. Ich wünsche dir, dass du weiterhin so viel Zuversicht und Liebe in dir trägst und deine kleine Tochter immer in deinem Herzen bleibt.
    Liebe Grüße von Steffi mit drei wunderbaren Kindern an der Seite und meiner kleinen Jule seit 17 Jahren im Herzen
    Liebe Anke, danke, dass du auch diesem Thema Platz einräumst und für alle ein offenes Ohr hast! Du machst das toll….

  2. Liebe Anke,
    bitte richte Silja von mir ein herzliches Danke für ihre Geschichte aus. Sie hat so eindrücklich und berührend beschrieben, was passiert ist.
    Es erfordert viel Mut, diese traurigen Erlebnisse öffentlich zu machen und sie zeigt soviel Stärke, weil sie anderen durch deren Traumata hilft und nachhaltig dazu beigetragen hat, dass trauernde Eltern in der Klinik besser betreut werden.
    Danke für diese Plattform.
    Herzlichst,
    Nadja

  3. Vielen Dank für diesen wundervollen Text! Mir sind so die Tränen gelaufen. Meine Schwägerin hatte auch eine stille Geburt, ich 3 Fehlgeburten. Mein drittes Kind ist gerade 6 Wochen alt und ich auch 39. Obwohl der Text mich auf vielen Ebenen triggert, ist er wunderschön ehrlich geschrieben und mit viel Positivität. Es ist so wichtig, dass darüber gesprochen wird. Keine Mama hat Schuld, wenn so etwas schlimmes passiert. Und es darf nicht bewertet oder kleingeredet werden. Ich finde es toll, dass du deine Erfahrung nutzt um anderen Eltern zu helfen. Hut ab für all dein Engagement und Danke für so viel Offenheit! ♥️

  4. Liebe Silja,

    Nicht nur Dein Mann war tapfer – Du auch! Unfassbar was Euch da alles passiert ist. Toll, dass Du dazu beitragen konntest, dass es in diesem Krankenhaus anders läuft und super, dass Du zeitnah Hilfe in Anspruch nehmen könntest. Ich wünsche Dir für Deine Lieben alles Gute