Geburtsbericht
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Geburtsbericht: Leserin Janine A. erzählt

Ich möchte vorweg sagen, dass ich die gesamte Schwangerschaft über eine sehr entspannte werdende Mutter war. Es gab für mich keine ideale Schwangerschaft und auch bei der Geburt machte ich mir keine Vorstellungen über den Ablauf. Ich schloss nix aus, für mich kam alles, was uns helfen würde, infrage.

Dezember 2016
Ich hatte freitags von meiner Frauenärztin eine Überweisung fürs Krankenhaus bekommen. ET wäre am 14.12.16 gewesen und niemand hatte damit gerechnet, dass ich immer noch mit sehr dickem Bauch herum lief. Ab der 34. SSW hieß es, dass unser kleiner Mann mit Sicherheit früher kommen würde. Alle Anzeichen waren da – verkürzter Muttermund, leichte Wehentätigkeit, Kind lag richtig. Aber es tat sich nix. Und wir warteten.

Ich sollte am 17.12. morgens im Krankenhaus anrufen und einen Termin vereinbaren für eine mögliche Einleitung.
Am Telefon sagte man mir, dass ich Sonntags morgens um 10 Uhr nochmal anrufen sollte, dann würde man mir einen genauen Termin geben – „…falls sich das Kind nicht bis dahin doch auf den Weg gemacht hat.“

So verbrachte ich den Samstag in Ruhe mit Vorbereitungen. Ich ging nochmal baden. Packte letzte Dinge in die Kliniktasche, verpackte letzte Weihnachtsgeschenke, hielt einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Mein Mann und ich waren beide die Ruhe selbst und genossen einen ganz normalen Samstag mit dem Wissen, dass dies wohl nun endgültig der letzte Samstag alleine war. Von der Überweisung und der Absprache mit dem Krankenhaus wusste außer uns niemand etwas. Sonst hätte meine Familie ihren Samstag definitiv schon anders verbracht als auf einer Weihnachtsfeier im Phantasialand oder bei einer Geburtstagsfeier auf der Bowlingbahn. Aber wir hatten schon vorab gesagt, dass wir uns erst melden, wenn der kleine Mann geboren war. Ich wollte nicht mit dem Wissen im Kreißsaal liegen, dass zu Hause alle auf Nachrichten warteten.

Abends machte ich gerade Pfannkuchen, als ich plötzlich wirklich dringend zur Toilette musste. Mein Mann bekam den Pfannenwender in Hand gedrückt und ich schaffte es gerade so aufs Klo, bevor es schwallartig heraus lief. Kein Urin… Fruchtwasser?!!.. War mir gerade die Fruchtblase geplatz oder gerissen? Wieso hörte das nicht mehr auf? Ich saß eine gefühlte Ewigkeit auf der Kloschüssel. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Mein Mann klopfte an der Tür und fragte, ob alles ok sei, weil ich schon länger im Bad war. Und ich saß da, verharrte und wartete, dass es wieder aufhörte. Aber es lief weiter.

Also Binden in den Slip – lieber ein paar übereinander geklebt, damit nichts daneben geht.
Ich setzte mich vorsichtig auf die Couch und berichtete meinem Mann von einer vermutlich geplatzten Fruchtblase.
„Und nun? Fahren wir jetzt ins Krankenhaus? Willst Du noch warten? Deine Hebamme anrufen? Hast Du Wehen?“ Er stellte viele Fragen, aber wirkte sehr ruhig.
Nein, Wehen hatte ich keine. Meine Hebamme war nicht für die Geburt im Krankenhaus eingeplant und irgendwie wollte ich jetzt lieber ins Krankenhaus, als da zu sitzen und zu warten.
Also nahmen wir unsere gepackten Sachen. Ich etwas panisch, mein Mann ganz die Ruhe selbst. Auf dem Weg setzten die Wehen dann im Auto ein. Erträgliche, aber spürbare Wehen, die sich gut veratmen ließen. Ich weiß noch, dass wir kaum redeten.
Wir kamen um etwa 19:30 Uhr im Krankenhaus an. Den Weg kannten wir gut, da ich in meiner Schwangerschaft schon 2x wegen kleiner Komplikationen ein paar Nächte aufgenommen wurde.
Ich wurde von der Gynäkologin untersucht. Sie fragte, ob ich schon Wehen habe und ob meine Frauenärztin gesagt hätte „dass das passt“. Ich war von der Frage irritiert und sagte ihr: „Sie hat zumindest nichts anders gesagt. Aber wenn Sie anderer Meinung sind – ich lehne keinen Kaiserschnitt ab. Hauptsache, es geht alles gut.“
Doch die Ärztin meinte: „Nein, wir probieren es erst einmal so.“ dieses Gespräch blieb mir an dem Abend nicht sonderlich im Gedächtnis, aber ich denke bis heute daran zurück. Hätte sie sich hier anders entschieden- wäre vieles danach anders verlaufen.

Die junge Hebamme stellte sich uns vor und zeigte uns unser kleines Reich für die nächsten Stunden. Sie versorgte mich fürs erste mit den wichtigsten Dingen und ließ uns dann alleine.

Ich wollte laufen. Nicht dort am Bett oder am Fenster stehen bleiben. Erst einmal wollte ich mich bewegen. Den Flur hoch und runter, Bilder und Karten durchlesen, mich ablenken. Gemeinsam liefen wir also planlos herum.
Recht schnell musste ich bei jeder Wehe Pausen machen. Die Abstände wurden kürzer. Der Flur wurde mir zu öffentlich, obwohl niemand da war. Also gingen wir zurück in den Kreißsaal und mit jeder Wehe nahmen die Schmerzen zu. Mein Mann streichelte mir zur Unterstützung den Rücken, was mir irgendwann aber nicht mehr angenehm war. Es war bis dahin für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, mir beim Schmerz zu helfen. Ich weiß noch heute, dass er mir leid tat, weil er mir nicht aktiv irgendwie helfen konnte.
Die Schmerzen nahmen weiter zu und ich lag wimmernd im Bett. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Es war Spätabends, draußen war es dunkel und neben mir wurde eine weiter Frau aufgenommen. Sie sowie noch eine weitere Frau sollten noch vor mir ihr Baby im Arm halten.

Abwechselnd schauten die Hebamme und Ärztin nach uns und untersuchten mich immer wieder.
Der Muttermund war gut geöffnet, doch der kleine Mann rutschte nicht weiter ins Becken. Ich hielt die Wehen irgendwann nicht mehr aus und fragte die Hebamme um Rat.
Für ein Zäpfchen oder die Badewanne waren die Wehen bereits zu stark. Also probierten wir es mit Lachgas.

Die Hebamme legte mir das CT an und ab dem Moment durfte ich nicht mehr aufstehen – wollte aber auch gar nicht mehr auf die Beine.
Ich bekam eine Atemmaske und sollte während den Wehen das Gas durch die Maske tief einatmen – zwischen den Wehen pausieren und die Maske vom Gesicht weg nehmen.
Schon nach der ersten Wehe fühlte ich mich wie betrunken. Alles schwankte etwas und ich fing an zu lallen. Das Gas zeigte Wirkung – leider nur nicht schmerzlindernd. Lallend wimmernd war das Ganze zwar etwas lustiger, aber auf keinen Fall angenehmer. Wehe für Wehe wurde das Gefühl unangenehmer, der Wehenschmerz blieb. Dennoch hatten mein Mann und ich doch etwas Grund zu machen.
Mein Mann hat mir immer wieder leid. Er konnte nicht viel machen, außer meine Hand halten bei jeder Wehe. Das Rückenstreicheln hatte ich ihm irgendwann verboten, da es zunehmend unangenehmer wurde für mich. Allein seine Anwesenheit reichte mir als Hilfe vollkommen aus, sowie seine Hand.

Die letzte Alternative nach dem Lachgas war eine PDA. Ich überlegte nur kurz und schon die nächste Wehe nahm mir die Entscheidung ab – ja! Ich wollte eine PDA! Grundsätzlich hatte ich schon vorher immer gesagt, dass ich nix ablehnen werde, was helfen kann. Für mich gab es keine Wunschgeburt, sondern nur ein Wunschergebnis: Alle gesund und wohlauf!

Das Anästhesie-Team wurde gerufen. Diese waren gerade mit einer OP fertig und überreichten uns erst einmal ein paar Unterlagen. Das Ausfüllen übernahm mein Mann und ich unterschieb blind – egal, was da stand – ich wollte Hilfe gegen diese Schmerzen.
Das sehr gut gelaunte Team mit einigen sehr amüsanten Sprüchen musste kurz schlucken, als sie feststellten, dass meine Wehen bereits im Abstand von 4 Minuten kamen. Sie erkannten, dass ich nicht großartig wissen wollte, was nun passiert und wie es mit Risiken und Nebenwirkungen aussah. Es war irgendwas um Mitternacht herum und ich hatte wirklich starke Schmerzen. „Die PDA müssen wir jetzt verdammt schnell legen. Wir passen diese Wehe gut ab und Sie halten bitte still – auch wenn die nächste Wehe kommt.“
So was sagen auch nur Männer, die keine Ahnung haben, dachte ich in dem Moment.
Ich hielt still. Trotz neu heranrollender Wehe. Es wurde kühl im Rücken und danach ließen die Schmerzen Stück für Stück nach. Die tosende Welle wurde ein sachtes Schwappen und ich konnte endlich einen Moment entspannen. Die beiden Männer verabschiedeten sich mit der Bitte, bei einem möglichen Kaiserschnitt bis zur nächsten Schicht zu warten. Mit einem Augenzwinkern bemerken Sie, sie hätten um 6 Uhr Feierabend. Bis dahin wollte ich mein Kind ja gerne bereits haben.

Die PDA wirkte genau zwei Stunden. Das sie wieder nachlassen würde, hatte ich vollkommen überhört und schickte panisch meinen Mann los, die Ärztin holen. Diese erklärte mir, dass sie nun erst mich und das Kind untersuchen müsste und dann entscheiden könne, ob die PDA nachgespritzt wird. Sie nahm über den geöffneten Muttermund dem kleinen Mann Blut am Kopf ab. Mein Kind war den gesamten Abend bis zu diesem Augenblick ganz still gewesen im Bauch. Ich hatte keine großartigen Tritte mehr gespürt, kein Schluckauf oder sonst irgendwas. Bis zu diesem Augenblick. Plötzlich randalierte es in mir und ich wusste – das tat ihm weh! Mein armes Baby war noch nicht auf der Welt und musste jetzt schon leiden. Ich war etwas entsetzt über diese Art der Untersuchung aufgrund dieser Gegenwehr in meinem Bauch, aber viel anders hätte man es ja auch nicht anstellen können.

Man untersuchte den Sauerstoffgehalt in seinem Blut. Und danach bekam ich eine neue Dosis PDA. Ich versuchte in den zwei Stunden zu entspannen, die Augen zu zu machen. Auch meinen Mann schickte ich mal raus ins Wartezimmer. Dort stand ein Sofa, auf dem er sich ausruhen sollte anstatt die ganze Zeit auf dem unbequemen Stuhl neben mir.
Doch so richtig kamen wir beide nicht zur Ruhe.
Immer wieder sahen die Hebamme und Ärztin nach mir. Schauten kritisch auf die Herztöne und gingen kommentarlos wieder raus.
Die PDA lies wieder nach und wieder nahm man dem kleinen Mann Blut ab. Wieder wehrte er sich in meinem Bauch. Die Ärztin sagte, er müsse sich eigentlich weiter bewegen, er müsste weiter ins Becken rutschen. Doch er bewegte sich nur kurz – und bleib an Ort und Stelle. Erneut bekam ich eine PDA-Verlängerung. Die Abstände zwischen Ärztin und Hebamme wurden kürzer und irgendwann drehte ich den Spieß um und fragte die Ärztin, ob alles in Ordnung sei. „Die Herztöne sind nah bei einander. Das Herz schlägt schnell. Aber alles gut, das ist nicht schlimm.“ Die Hebamme brachte mir eine dickere Decke, da ich anfing zu frieren. Ich war müde, schlapp und machte mir mehr und mehr Sorgen.

Es kam der Schichtwechsel der Hebammen und mit der neuen Dame zog ein anderer Wind ein. Sie war um einige Jahre älter, hatte einen osteuropäischen Akzent und fegte nach der Übergabe in den Kreißsaal: „So, jetzt wecken wir Ihr Kind mal!“
Ich war definitiv wach!

Ich bekam eine Sauerstoffmaske auf die Nase. Gleichzeitig hielt die Hebamme mir Zitrusöle unter die Nase – das alles sollte den kleinen Mann wecken und dazu animieren, sich endlich auf den Weg zu machen. Parallel dazu wurde aber auch schon der Kaiserschnitt vorbereitet. Das Anästhesie-Team stand wieder im Raum und bemerkte, dass ich wohl nun für Überstunden sorgen würde. Mein Mann füllte Unterlagen aus, ich überschrieb blind. Ich wollte nur ein gesunden Kind und war froh, dass es nun endlich irgendwie voran ging. Die Stimmung wurde lebhafter, die Herren scherzten und versuchten mir die Nervosität zu nehmen.
Man brach die Öl-Duft-Sauerstoff-Idee ab und ich wurde in Richtung OP geschoben. Ich fühlte mich erleichtert und freute mich, dass ich nun innerhalb der nächsten Stunde endlich mein Baby kennen lernen durfte.

Mein Mann wurde von mir getrennt und musste sich umziehen. Auch er war froh, dass nun Bewegung in die Sache kam und er sich gut mit den beiden Männern unterhalten konnte.

Zur Vorbereitung legte man mir einen zweiten Zugang in die linke Hand und erklärte mir, wie es nun ablaufen würde. Ich bekam die PDA weiter aufgespritzt, bis beide Beine komplett taub sein sollten.
Doch im linken Bein spürte ich noch Berührungen und Bewegungen, während das rechte quasi nicht mehr zu mir zu gehören schien. Ich bekam Panik, sagte immer wieder, dass die PDA nicht wirke. Ich hatte plötzlich Panik, dass ich „unbetäubt“ operiert werden würde.
Erst, als sie mir mit einer Nadel mehrmals ins Bein stachen und ich keinen Schmerz spürte, beruhigte ich mich wieder. Es stellte sich am Tag später heraus, dass die PDA minimal schief lag und sich die Betäubung daher nicht gleichmäßig verteilt hatte. Schmerzen spürte ich keine!

Im OP ging alles ganz schnell. Mein Mann saß links neben mir und ich lauschte nur den  Geräuschen hinter dem klassischen grünen OP-Tuch. Ich merkte ganz dumpf, dass sich hinter dem Tuch an meinem Unterbauch etwas tat. Gemeinsam warteten wir auf den Moment, in dem unser Kind das erste Mal schreien würde. Noch vor dem Schrei hörte ich das Team sahen: „Oh ist der groß!“

Dann endlich hörten wir unseren Sohn. Er schrie! Am 4. Advent um 7:32 Uhr war unser Sohn endlich auf der Welt. Er war da!

Doch dann verstummte der Schrei und ich bekam Panik. „Wieso schreit er nicht mehr? Was ist mit ihm?“ Alles war einen Augenblick lang ruhig.
Mein Mann beruhigte mich sofort und erklärte mir, dass der kleine Mann im Nebenraum sei und ich ihn deshalb nicht hörten konnte. Er wurde untersucht und versorgt.

Dann endlich durften wir ihn sehen.
Den ersten Satz meines Mannes werde ich nie vergessen: „Hallo Du. Du siehst ja aus wie ich!“
Er war wunderschön. So klein, dunkle Haare und ein zerknautschtes Gesicht.
Dass er gar nicht so klein war, bemerkte ich erst später im direkten Vergleich mit den anderen Neugeborenen.
Stolze 4430g verteilten sich auf unförmige 53cm Baby. Doch für uns war er winzig.

Ich zitterte. Vor Erleichterung, Erschöpfung und absoluter Kraftlosigkeit.
Der kleine Mann musste schon einige Zeit im Becken fest gesteckt haben, was seine Kopfform die ersten Tage erklärte. Meine Frauenärztin hatte ihn über ein Kilo leichter geschätzt und man hatte 9h lang im Krankenhaus die Hoffnung, dass er es doch alleine auf die Welt schafft.

Ich habe die Geburt in keinerlei Hinsicht aus traumatisierten erlebt. Sie war spannend und definitiv eine Erfahrung. Rückblickend hätte ich etwas anderes erhofft von meinen Ärzten und der Hebamme.
Denn neben einem kleinen verknautschten Kopf erlitt der kleine Mann eine Geburtsverletzung: Er kam mit einem Leistenbruch zur Welt.

Noch am 23.12. waren wir zum ersten Mal mit ihm in der Kinderklinik. Von einer Notoperation mit 5 Tagen bis hin zu überhaupt keiner notwendigen OP haben wir die darauf folgenden 2,5 Jahre viele Diagnosen durch – am Ende wurde nach viel Drama ein doppelseitiger Leistenbruch operiert. Seitdem sind die Geburtsverletzungen und die Geburt ansich nur noch eine spannende Geschichte ohne Spätfolgen mehr.

Diesen spannenden Geburtsbericht hat Janine geschrieben :)

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