Depression
Interviews

Eltern-Interview: Wenn Mama nur noch weint …

Eigentlich wurde Mia* immer von ihrem Umfeld bewundert. Für ihre scheinbar endlose Power und die Leichtigkeit, mit der sie ihr Leben als Alleinerziehende von 8-jährigen Zwillingsjungs zu stemmen schien und in dem sie sogar noch Raum für eine zweite Ausbildung in Vollzeit fand. Dann brach sie zusammen. Und niemand bewunderte sie mehr. Denn plötzlich war klar: Mia war nicht die Superheldin, die sie so lange für alle gegeben hatte, sie war, sie IST nur ein Mensch, dessen Reserven irgendwann aufgebraucht und radikal leergefegt waren. Eine Depression schlich sich in ihr Leben, schnürte der 32-jährigen regelrecht die Luft zum Atmen ab und ließ sie – oftmals im wahrsten Sinne des Wortes – reglos zurück. Gefangen in Traurig- und Bewegungslosigkeit. Und das als Mutter. Als Mama von zwei fidelen Jungen, die gar nicht verstanden, was plötzlich los war.

Erst seit einem halben Jahr weiß Mia, was mit ihr los ist. Sie konnte sich in Behandlung begeben und versucht aktuell, den Weg zurückzufinden in ein normaleres, gesünderes Leben. Ich finde, sie ist eine echte Kämpferin, genau wie ihre Kinder, denn diesen Weg gehen die drei ja zusammen. Wie genau das aussieht und welche Resonanz die junge Mutter erntet, erzählt sie uns im Eltern-Interview:

*auf Wunsch der Mama wurde der Name von mir geändert.

Eltern-Interview mit einer Mama, die plötzlich nur noch weinte …

1. Gibt es etwas an dir, dass die Menschen in deinem Umfeld (oder auch die Gesellschaft) als „anders“ oder „besonders“ bezeichnen würden? Wenn ja, was ist es?

Viele fanden es immer Besonders, dass ich eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern bin, die eine Vollzeit Ausbildung absolviert und das mit großem Erfolg. „Wie schaffst du das nur?“ war eine viel gestellte Frage. Seit letztem Jahr, werde ich das nicht mehr gefragt. Denn ich schaffe es nicht mehr. Ich schaffe gar nichts mehr! Haare waschen, Müll rausbringen, Freunden auf WhatsApp zurückschreiben, ganz banale Sachen, die ich einfach nebenbei gemacht habe, bringe ich nicht mehr fertig.

Seit Februar 2020 habe ich die Diagnose „mittelgradige depressive Episode“. Diese Depression hat sich angeschlichen und mir eine schwarze, schwere Decke übergelegt die mich handlungsunfähig machen kann. Vorher war ich eine liebevolle Mama, eine sehr gute Schülerin, eine zuverlässige und fleißige Praktikantin und eine gute Freundin. Heute bin ich nicht mal mehr der Schatten meiner Selbst. Was ich noch gut kann ist schlafen, wie gelähmt sein und mich selbst verurteilen. Dass etwas nicht stimmt, habe ich mir erst nach einem Nervenzusammenbruch eingestanden, mit dem ich realisiert habe, dass meine Kinder anfangen unter mir zu leiden. Ich, als ihre Mama, die immer stark war und alles geschafft hat, konnte sie nicht mehr in die Schule bringen und später war ich nicht mal mehr in der Lage, ihnen ein Frühstück zu machen. Stattdessen lag ich rum, habe mir die Hand mit einem Messer aufgeschnitten und hatte nur einen Wunsch: Einschlafen und einfach nicht mehr aufwachen.

2. Welche Reaktionen erntest du dafür, dass du in einigen Punkten von der „offiziellen“ Norm abweichst?

Mein großer Vorteil ist, dass ich einen sozialen Beruf erlerne. So bekomme ich überwiegend Verständnis und habe viele Menschen um mich, die mir ihre Hilfe anbieten, auch aus dem Freundeskreis. Bisher gibt es nur eine einzige Person, die mir besonders wichtig ist, die mir mit komplettem Unverständnis begegnet. So bekomme ich bspw. gesagt, dass ich alles mit Absicht mache, um Mitleid zu erregen und wenn ich nur genug wollen würde, würde es schon gehen. Ich weiß, dass viele nicht sehen, dass Depression eine Volkskrankheit ist, die durchaus tödlich verlaufen kann. Ich selbst habe ja nicht mal das Gefühl, krank zu sein. Zwar merke ich, dass etwas nicht stimmt, aber ich bin eher überzeugt, dass das nur an mir liegt. Dabei ist Depression keine Charakterschwäche! Und ich mag mir gar nicht vorstellen wie das ist, wenn der Arbeitgeber nicht hinter einem steht, wenn es keine Freunde gibt, die versuchen zu verstehen, wenn man Niemanden hat dem man sein Herz ausschütten kann. Denn die Worte dieser einen Person, hauen mich so dermaßen raus, dass ich SOFORT lebensüberdrüssig werde.

3. Welchen Einfluss hat das auf dein Leben als Individuum, aber auch als Frau und Mama?

Lebensqualität ist quasi nicht mehr vorhanden. Diese Woche habe ich meinen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben. Ein Grund zum Feiern. Ich habe aber einfach nur Angst. Die Angst ist mein ständiger Begleiter. Sie hat nicht zugelassen, dass ich mich freuen konnte. Generell freue ich mich nicht mehr.

Sicher werden ganz viele Leser*innen mind. schon einmal eine depressive Verstimmung durchgemacht haben.  Daher sollte man zumindest erahnen können, wie schlimm es sich anfühlt, ständig zu denken, zu versagen. Besonders schlimm, wenn Kinder mit im Spiel sind. Der Comedian Torsten Sträter hat den Unterschied, meiner Meinung nach, gut erklärt: „Scheiße drauf sein ist wie ein Tatort mit den Muppets. Nicht das Gelbe vom Ei, geht aber vorbei. Depressionen hingegen sind wie alle drei Teile Herr der Ringe. In Zeitlupe. Mit Jean-Claude van Damme als Gandalf und Musik von Andrea Berg.“

Gott sei Dank bin ich Mama. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zum Arzt gegangen wäre, wenn meine Jungs nicht wären. Dank ihnen kann ich noch vernünftig sein und werde gezwungen aufzustehen. Vor allem ihnen zu Liebe möchte ich wieder gesund werden.

Ich als Individuum würde eher liegen bleiben, mich unter der Decke verkriechen und nicht mehr unter ihr hervorkommen. Alles verlieren, dass man nichts mehr befürchten muss und sowieso hat man Gutes im Leben gar nicht verdient. Man denkt ja, dass man nichts wert ist.
Jeder Tag ist ein Kampf. Das beginnt beim Augen aufmachen und hört nicht mal auf, wenn man abends ins Bett geht. Hört die Ablenkung auf, kommen die dunklen Gedanken und überwältigen mich.

Andererseits lernt man auch viel. So hat mich das Leiden unter der Depression dazu bewegt dir, liebe Anke, zu schreiben. Ich weiß, dass man darüber reden MUSS. Ich weiß, dass es viele Menschen da draußen gibt, die sich nicht trauen, es zu tun. Daher hoffe ich, mit meiner Geschichte andere zu ermutigen zu sprechen. Es hilft und ihr seid nicht allein!

4. Was für eine Art Mama bist du? Was liebst du besonders an deiner Rolle? Was nicht so? ;)

Manchmal habe ich das Gefühl, durch das alleinerziehend sein, habe ich zwei Rollen übernommen. Ich bin Mama UND Papa. Wir machen viel Blödsinn, lassen Fünfe gerade sein und trotzdem kennen wir unsere Werte und Pflichten. Wir haben unser Leben genießen können. Das Mamasein liebe ich so sehr, dass ich beschlossen habe, eine zweite Ausbildung zur Erzieherin zu machen. Ich wollte nicht nur Kinder zu Hause haben, ich wollte auch mit diesen arbeiten. So liebe ich es nicht nur Mama zu sein, sondern auch meinen Beruf. Natürlich muss ich Niemandem erzählen, dass Kinder anstrengend sein können. Und ich könnte mir genauso die Haare raufen wie jede andere Mutter oder Vater auch. Gerade geputzt und gesaugt und dann essen die lieben Kleinen Krümelkekse auf dem Sofa und die Rakete ist zum Abschuss bereit ;)

Jetzt tut es mir leid Mama zu sein. Es tut mir leid, dass ich nicht mehr die Mama bin, die ich war und die meine Kinder verdient haben. Ich glaube, meine Kinder haben oft gedacht, dass sie Schuld sind und ich habe auch oft gelesen, dass unaufgeklärte Kinder die Depression oft persönlich nehmen, weil sie nicht begreifen können was mit Mama oder Papa, Onkel, Tante, Oma, Opa, usw. los ist. Oft haben sie mich gefragt „Mama, bist du schon wieder traurig?“ oder haben mich regelrecht angefleht endlich aufzustehen. Und auch nachdem ich ihnen erklärt habe, was nicht stimmt, hatte einer meiner Söhne sehr große Angst um mich, weil er ein kleines Sensibelchen ist und vielleicht auch weil Kinder ein viel besseres Gespür für so etwas haben wie so mancher Erwachsener.  Also … was mag ich gerade an der Mamarolle nicht so? MICH!

5. Was wünscht du dir am meisten für deine Zukunft? Und was für die deiner Kinder?

Im Augenblick befinde ich mich in einer besonders schlimmen Episode. Mein Lebensüberdruss war noch nie so groß, wie in den letzten Tagen. Daher habe ich konkret nur einen Wunsch für uns: Das meine Depression nie so viel Macht über mich und meine Gedanken haben wird, dass ich irgendwann überzeugt bin, meine Kinder wären ohne mich besser dran.

Natürlich ist es damit auch mein Ziel gesund zu werden und dafür tue ich viel. Ich habe nicht nur Hilfe aus meinem direkten Umfeld, sondern auch ärztliche Hilfe und nehme Antidepressiva. Tief in mir will ich die Depression besiegen und auch, wenn es sich manchmal anfühlt, als wäre es unmöglich, hebe ich meinen Arm, mache eine Faust und zeige dieser Krankheit den Mittelfinger. Nicht jetzt. Nicht mit mir. Lass` mich und meine Kinder in Ruhe!

Zum Schluss möchte ich dieses Format noch nutzen anderen Mut zu machen. So unangenehm es sich auch anfühlt: Redet darüber! Geht zum (Haus)Arzt! Kämpft! Und wenn ihr niemanden habt, dem ihr euch anvertrauen wollt, probiert es mit einem Fremden bzw. jemandem oder einer Gruppe auf einem Social Media Kanal.

 

Liebe Mia, vielen Dank für dieses sehr ehrliche Interview, dass dich sicher viel Kraft gekostet hat! Ich wünsche dir und deinen zwei Rackern von Herzen nur das Beste für die Zukunft! :-*

Nochmal zur Erinnerung, warum ich diese tolle Interview-Reihe gestartet habe: Ob wir gute oder schlechte Eltern sind, hängt nur davon ab, ob wir aufgrund unserer innigen Liebe zu unseren Kindern immer darum bemüht sind, die besten Mamis und Papis zu sein, die wir sein KÖNNEN. Nicht mehr und nicht weniger. Das eint uns! Und genau DAS möchte ich mit dieser Interview-Reihe zeigen – um der Chance willen, mehr übereinander und unterschiedliche Lebensmodelle oder Persönlichkeiten zu erfahren. Weil ich das unheimlich toll und spannend finde  und ihr doch sicher auch?! Deshalb freue mich sehr, wenn sich weiterhin viele melden (mit einer Mail an hallo@laecheln-und-winken.com), um mitzumachen und etwas von sich zu erzählen. 

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Text teilt! Danke! <3

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3 Kommentare für “Eltern-Interview: Wenn Mama nur noch weint …

  1. Liebe Mia*
    ich verstehe dich sehr gut. Meinen ersten „offiziellen Zusammenbruch“ hatte auch ich als Alleinerziehende Vollzeit arbeitende Mama, mein Sohn war damals 3 Jahre alt. Für mich war es wichtig ihm dennoch von Anfang an kindgerecht zu erklären was los ist. Genau so wichtig ist es, wie du ja auch sagst, darüber zu reden. Deshalb finde ich es schade das ich dich nicht mit deinem echten Namen ansprechen kann. Ich schreibe auf Instagram (vesa_bri) oft über mein Leben als dreifache Mama mit Depressionen und genau wie du hier, privat kannst du ja anscheinend glücklicherweise darüber reden, gibt es unglaublich viele Mütter die ihre Depressionen in sich hinein schweigen, denken sie seien damit alleine oder nicht in Ordnung, aber so ist es nicht. Es geht vielen so und das ist vollkommen in Ordnung! 😘

  2. Du bist nicht allein damit. Ich kann das so stark nachempfinden. Ich warte auf einen Platz in der Tagesklinik. Durch die Kinder bin ich gezwungen aufzustehen. Das würde mir sonst an den meisten Tagen nicht gelingen. Ich wünsche dir alles Gute!