betreutes Wohnen
(WhatsApp-)Interviews

Eltern-Interview: Die Mama, die ihren geistig beeinträchtigten Sohn schweren Herzens in ein betreutes Wohnen gab – zu seinem Besten.

Jeden Tag treffen wir Mamas und Papas Entscheidungen für unsere Kinder. Das gehört zur Elternschaft einfach dazu … wie das Windeln wechseln und Milchzähnchen putzen. Manchmal fällt es uns gar nicht auf, weil es so kleine Entscheidungen sind, dass wir es kaum mitbekommen, wie wir sie treffen. Manchmal nervt es aber auch ein bisschen, weil es einfach nie aufzuhören scheint und schlicht nicht immer gut ankommt, WAS wir entscheiden. Und manchmal … da tut es weh. So richtig. Weil wir gezwungen sind oder uns gezwungen fühlen, eine Entscheidung für und mit unserem Kind zu treffen, die uns (vor allem im ersten Moment) Leid bereitet und Angst macht … vielleicht, weil wir nie damit gerechnet hätten, eine solche Entscheidung je treffen zu müssen, vielleicht, weil wir nie damit gerechnet hätten, es dann tatsächlich zu können. Solche Situationen, die uns vor große Entscheidungen stellen und die möglicherweise alles verändern – für jedes einzelne Familienmitglied – SIND beängstigend. Schließlich können wir Eltern genauso wenig wie alle anderen in die Zukunft sehen – so gern wir das auch würden, um IMMER die bestmögliche Entscheidung für unsere Kinder zu treffen.

Eva* hat vor Kurzem solch eine schwere Entscheidung getroffen, nach bestem Wissen und Gewissen, nach endlosen Überlegungen und unzähligen Gesprächen mit Menschen, die sie zu Rate zog. Sie hat sich dazu entschieden, ihren 13-jährigen, geistig beeinträchtigten Sohn in ein betreutes Wohnen ziehen zu lassen. Um ihn zu schützen, ihm mehr Möglichkeiten zu eröffnen, aber auch, um den Rest der Familie zu entlasten. Eine Entscheidung, die die 37-jährige Zweifach-Mama nicht leichtfertig getroffen hat, und von der sie uns in diesem Eltern-Interview sehr offen und ehrlich erzählt.

*Um die Privatsphäre der Familie zu schützen, haben wir uns dafür entschieden, den echten Namen nicht zu veröffentlichen; sie wurden durch Pseudonyme ersetzt.

Eltern-Interview: Die Mama, die ihren geistig beeinträchtigten Sohn schweren Herzens in ein betreutes Wohnen gab – zu seinem Besten.

1. Gibt es etwas an dir, dass die Menschen in deinem Umfeld (oder auch die Gesellschaft) als „anders“ oder „besonders“ bezeichnen würden? Wenn ja, was ist es?

Ich denke, dass viele Menschen unserer Gesellschaft mich als anders bezeichnen, weil ich meinen großen, geistig beeinträchtigten Sohn in ein betreutes Wohnen gegeben habe. Ich habe letztes Jahr entschieden, dass er dort ein besseres Leben hat, als ich es ihm bieten kann. Der Auslöser war, als mich jemand aus unserem Dorf, wo wir leben, ansprach und sagte, das Benjamin regelmäßig an Haustüren klingelt und fragt ob da Kinder sind, die mit ihm spielen wollen. Benjamin ist geistig auf einem Stand von einem Erstklässler (derzeit geht er in die sechste Klasse). Aber dennoch lässt die Pubertät grüßen und er will ein normales Leben führen. Alleine auf Achse gehen. Mit anderen Kindern spielen. Aber „normale“ Kinder können mit ihm nichts anfangen. Sie wollen nichts von ihm wissen, obwohl er ein lieber Kerl ist und gerne und gut Fußball spielt. Ich sprach mit ihm darüber, er versprach mir, dass er nicht mehr „hausieren“ geht. Aber er hielt sich nicht daran. Ich machte mir große Sorgen! Er muss ja nur einmal an den Falschen geraten!!! Dann träumte ich eines Nachts von diesem Haus, einem Haus für betreutes Wohnen. Und wurde morgens wach und hatte so eine massive Eingebung wie noch nie in meinem Leben und dachte: DAS ist die Lösung!  Ein beeinträchtigtes Kind zu haben, ist ja auch eine psychische Belastung für die Eltern (jedenfalls für mich). Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ihn „wegzugeben“ bzw. mir bei der Versorgung und Betreuung helfen zu lassen, aber ich dachte immer, ich kann doch mein Kind nicht abschieben! Heute weiß ich, dass es kein Abschieben ist! Ich will ihn ja nicht aus meinem Leben streichen oder so, sondern ihm ein schönes Leben bieten! Und so entschieden wir uns, dass er unter der Woche in dieses Haus gehen darf, wo er sich wohlfühlt, Gleichgesinnte hat und wo er genau das bekommt, was er braucht. Und am Wochenende kommt er nach Hause. <3

2. Welche Reaktionen erntest du dafür, dass du in einigen Punkten von der „offiziellen“ Norm abweichst?

Bisher bekomme ich nur positives Feedback. Ich habe aber ja auch nicht einfach so und ganz kurzfristig etwas entschieden, sondern mir sehr lange Gedanken gemacht und über die Idee dieses Vorhabens gesprochen – mit Lehrern, Erziehern, Freunden und natürlich der Familie. Und sie alle bestärken mich zu 100% darin.

3. Welchen Einfluss hat das auf dein Leben … als Individuum, aber auch als Frau und Mama?

Ich muss zugeben, dass es ja nun recht frisch ist, dass er dort ist und ich hätte nicht gedacht, dass er mir gar nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich denke bei allem was ich tue, einfach stetig an ihn. Aber dennoch habe ich ein sehr gutes Gefühl. Ich kenne dieses Haus gut, er war schon mehrmals da. Ich kenne dort alle und weiß, wie dort gearbeitet und auf was alles geachtet wird. Aber dennoch ist es für mich noch eine große Umstellung. Das Gute ist aber: Ich kann mich nun endlich mal auf meinen kleinen, gesunden Jungen konzentrieren, der mich auch ordentlich fordert (ganz anders als der Große).

4. Was für eine Art Mama bist du? Was liebst du besonders an dieser Rolle? Was nicht so? ;)

Was bin ich für eine Mama … gute Frage! Ich möchte, dass meine Kinder glücklich sind, dass es ihnen gut geht und dass sie Freude am Leben haben. Alles weitere ergibt sich. Ich liebe besonders an dieser Rolle, dass ich sie aufwachsen sehe, die Fortschritte miterlebe (wenn es auch bei dem Großen nicht viele gibt).

Was ich nicht mag an dieser Rolle? Wenn immer verglichen wird. Jedes Kind ist anders. Jedes Kind hat sein Tempo. Ich mag es nicht, wenn manche denken, dass Kind muss das können oder das können. Jedes Kind ist ein absolutes Wunder! Es ist nicht selbstverständlich, dass es sie gibt! Siehe mein Kleiner; man hatt mir gesagt, dass ich durch eine Gebärmutterfehlbildung nicht schwanger werden könne und ich hätte mit dem Großen nur Glück gehabt. Mein nächstes Kind würde 100%ig schwerstbehindert. Ein paar Monate später war ich schwanger. Oh Gott! Und der Arzt lag falsch. Ich habe zwar eine Anomalie, aber nicht diese und diese Schwangerschaft war suuuuuper (im Gegensatz zu der mit Benjamin). Der Kleine kam in der 39.SSW zur Welt und ist kerngesund (Benjamin kam in der 34.SSW).

5. Was wünschst du dir am meisten für deine Zukunft? Und was für die deiner Kinder?

Ich wünsche mir für meine eigene Zukunft, dass wir alle glücklich und gesund bleiben. Das ist die Hauptsache. Für die Zukunft meines Großen wünsche ich mir neben dem Glücklichsein, dass er in der Gesellschaft akzeptiert und nicht abgestempelt wird. Ich denke, es ist für die Gesellschaft schwierig, da man ihm seine Behinderung fast gar nicht ansieht. Für meinen Kleinen wünsche ich mir, dass er ein normales Leben führen kann und gut im Leben zurecht kommt irgendwann. Und vor allem Gesundheit, Gesundheit, Gesundheit.

 

Liebe Eva, vielen Dank für den offenen Einblick in dein Leben und deine Geschichte! Ich wünsche dir und deinen Lieben von Herzen nur das Beste für die Zukunft! :-*

Nochmal zur Erinnerung, warum ich diese tolle Interview-Reihe gestartet habe: Ob wir gute oder schlechte Eltern sind, hängt nur davon ab, ob wir aufgrund unserer innigen Liebe zu unseren Kindern immer darum bemüht sind, die besten Mamis und Papis zu sein, die wir sein KÖNNEN. Nicht mehr und nicht weniger. Das eint uns! Und genau DAS möchte ich mit dieser Interview-Reihe zeigen – um der Chance willen, mehr übereinander und unterschiedliche Lebensmodelle oder Persönlichkeiten zu erfahren. Weil ich das unheimlich toll und spannend finde … und ihr doch sicher auch?! Deshalb freue mich sehr, wenn sich weiterhin viele melden (mit einer Mail an hallo@laecheln-und-winken.com), um mitzumachen und etwas von sich zu erzählen. 

PS: Wie immer freue ich mich, wenn ihr diesen Text teilt! Danke! <3

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